ERF Plus - Bibel heute

Die Gefangenschaft des Paulus und die Verkündigung des Evangeliums (1)


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Kann ich mit einer schlechten Einstellung etwas Gutes tun? Um es gleich vorwegzunehmen: Laut Paulus geht das!

Es ist wie oft das scheinbar Widersprüchliche am Evangelium, dass das, was wir augenscheinlich für negativ und hinderlich halten, in den Augen Jesu noch „brauchbar“ ist.

Mir fällt die Erzählung eines unserer Dozenten im Theologiestudium ein. Er saß nach dem zweiten Weltkrieg in russischer Gefangenschaft. Jegliche Art der Praktizierung des christlichen Glaubens war untersagt. Sie trafen sich trotzdem heimlich im hintersten Teil ihrer Baracke zum gemeinsamen Bibellesen und Gebet. In einem dieser Gebete dankte ein Mithäftling Gott auch für das Ungeziefer, dass sich in diesem Raum befand. In besagten späteren Dozenten bäumte sich innerlich alles gegen dieses Gebet auf: „Wie kann der nur auch noch für das Ungeziefer danken! Es ist doch schon schwer genug, hier das Dasein zu fristen. Nein, unmöglich so zu beten!“ 

Aber eins fiel ihm auf: Niemals gelangte je das Wachpersonal bis in diesen Raum.  Nach einiger Zeit dämmerte es ihm. Die Wachmannschaft hatte höchsten Respekt vor dem Ungeziefer, deshalb betraten sie diesen Teil der Baracke nicht - wegen des Ungeziefers!!!  Nun begriff er auch das Gebet seines Kameraden, der Gott für alles dankte, sogar für das Ungeziefer! 

Es war der verlauste Raum, der ihnen Schutz bot, um sich völlig ungestört zur Andacht zu treffen. Aus dem Gedächtnis schrieben sie Lieder auf das Papier von Zementtüten, das sie ins Lager geschmuggelt hatten, so dass sie sogar leise singen konnten.

Das prägte den späteren Dozenten bis in die Tage unseres Studiums. Wir profitierten alle von seiner Güte und seinem Verständnis für uns Studierende. Seine tiefe Dankbarkeit hat uns alle beeindruckt und geprägt!

Paulus sitzt in Rom in Untersuchungshaft. Die Philipper sorgen sich um ihn und die Verkündigung des Evangeliums, das jetzt doch vollkommen zum Erliegen kommen muss – so ihre Vorstellung. Paulus aber schreibt (Phil 1,12 Hfa): „Meine lieben Brüder und Schwestern! Ihr sollt wissen, dass meine Gefangenschaft die Ausbreitung der rettenden Botschaft nicht gehindert hat. Im Gegenteil!“

Es ist wieder dieses soeben beschriebene Widersprüchliche: Das von außen betrachtete Übel, um dessen Beendigung wir beten, arbeiten und manchmal auch verbissen kämpfen, kann im Kern verborgen etwas derart Gutes haben, dass wir erst mit den langjährigen Erfahrungen des Glaubens sehen können - oder, dass uns Gott regelrecht offenbaren muss!

Paulus ist offensichtlich in eine missliche Lage gekommen, denn wie kann er seine Gefangenschaft „schön“ reden? Aber, er wurde nicht inhaftiert, weil er jemanden beraubt oder gar ermordet hat, sondern allein, weil er das Evangelium von Jesus Christus verkündete. Diese Tatsache spricht sich herum, sowohl unter den Häftlingen wie auch unter den Bewachern. Das Zeugnis erreicht Menschen in einem Umfeld, dass selbst durch die beste Missionsstrategie kaum „beackert“ werden konnte. 

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an meine Einberufung zum Reservistendienst bei der NVA (Nationale Volksarmee) in der damaligen DDR. Zwischen meinem aktiven Wehrdienst und dem der Reserve kam ich zum Glauben an Jesus Christus. 

Nun besprach ich mit meinem Seelsorger, wie ich den Dienst mit der Waffe verweigern könnte. In seiner ruhigen Art stellte er die Frage in den Raum: „Könnte es nicht sein, dass Dich Jesus gerade dort bei dem Reservistendienst haben möchte?“

„Ertappt“, dachte ich! Denn eigentlich ging es mir nicht um die Verweigerung des Dienstes mit der Waffe. Ich wollte überhaupt nicht zur Reserve, denn ich war inzwischen nicht mehr der Jüngste und hatte schon eine Reservistenzeit hinter mir.  Diese unangenehme Zeit wollte ich unbedingt vermeiden. Dazu kam mir das Argument des Glaubens gerade recht. Doch welche Fügungen ich erlebte und welche Erfahrungen ich in dieser Zeit machte, wäre ein eigenes Thema wert.

Das ist die eine Problematik unseres Bibelabschnittes: Unangenehme Lebenslagen, die wir uns und anderen nicht wünschen, kann Jesus zum Besten für Menschen nutzen, die sonst wohl nie vom Evangelium erfahren hätten.

Die andere ist: Wenn der eine regelrecht aus dem „Verkehr“ gezogen wird, kann das andere ermutigen in die entstandene Lücke zu treten. Ähnlich wie bei einer Fußballmannschaft, wenn ein Ersatzspieler durch die Verletzung eines Stammspielers zum Einsatz kommt und er diese Stelle mit Bravour ausfüllt. 

In unserem Abschnitt kommt noch eine dritte Problematik hinzu, die ich am Anfang angesprochen habe: Kann ich mit einer schlechten Einstellung etwas Gutes tun?

Kann das Evangelium von Jesus Christus trotz Eigennutz verkündet werden? Laut Paulus geht das! Selbst wenn er zur Seite gestellt ist und sich andere in der Gemeinde vielleicht in den Vordergrund spielen wollen. „Was tut es?“ fragt Paulus. 

Ist das nicht auch ein Evangelium für uns als Verkündiger? Ertappe ich mich nicht auch bei manch unreinen Gedanken in Vorbereitung einer Andacht? Wenn jeder von uns warten müsste, bis er so „rein“ ist, dass er verkündigen dürfte, käme es hier auf Erden gar nicht zur Verbreitung des Evangeliums! 

Die Frage der Heiligung war jahrzehntelang ein großes Thema in pietistischen Kreisen mit all seinen Auswüchsen und Verwerfungen. Das Thema gewann manchmal die Oberhand über die Beziehung zu Jesus Christus. Denn die Beziehung zu dem, der uns heiligt, ist wichtiger als die Heiligung selbst!

Freuen wir uns mit Paulus, wenn das Evangelium, die Person Jesu Christi verkündet wird, selbst wenn dies mit nicht ganz reinen Motiven geschieht. Paulus will sich darüber freuen. Wir sollten ihm darin nicht nachstehen!

Autor: Reinhard Kronberg

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