ERF Plus - Bibel heute

Die Heilung eines Blinden


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„Siehst Du etwas?“

In den Evangelien finden wir viele Heilungsgeschichten von Jesus. Sein Alltag war regelrecht gefüllt mit Krankenheilungen. Schließlich war das auch Teil seines Auftrages und dazu ein deutliches Zeichen auf ihn als Messias. Als nämlich Johannes der Täufer im Gefängnis sitzt und sich fragt, ob er sich in Jesus als Messias vielleicht doch getäuscht hätte, schickt er seine Leute zu Jesus. Und diese erhalten von Jesus folgende Antwort: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden geheilt, Taube hören, Tote werden auferweckt und den Armen wird Gottes gute Botschaft verkündet.“ (Lukas 7, 22, NGÜ) Ganz klar, Heilungen sind sein Metier.

Manche Heilungsbegegnungen werden in den Evangelien sehr detailliert beschrieben, andere wiederum nur zusammengefasst. Diese Heilung eines Blinden, so wie wir sie hier im achten Kapitel des Markusevangeliums finden, fällt ziemlich aus dem Rahmen, finde ich.

„Was ist denn hier los?,“ frage ich mich. „Jesus, warum klappt das Heilen denn nicht beim ersten Mal, so wie sonst immer? Warum musst Du dem Blinden ein zweites Mal die Hände auflegen?“

Oh ja, und wie schnell stellen sich Überlegungen ein, warum das bei dem ersten Versuch nicht funktioniert haben könnte. Hatte der Blinde vielleicht nicht genug Vertrauen? Oder lag es an der chemischen Zusammensetzung des Speichels von Jesus? War die Verbindung zum Vater kurzzeitig unterbrochen? Die Kraft verbraucht?

Irgendwie ist das schon typisch für uns Menschen, dass wir von außen, aus der Zuschauerperspektive, vor allem darauf schauen, was nicht funktioniert, zumindest nicht im ersten Anlauf, und dann nach Lösungen suchen, woran es denn liegen könnte.

Diese Spur will ich jetzt bewusst verlassen. Vielmehr will ich Jesus beobachten und unvoreingenommen darauf achten, wie er hier vorgeht.

Die Heilung des Blinden – Zum 1.

Ich lese, dass Leute, die nicht näher beschrieben werden, einen Blinden zu Jesus bringen, mit der Bitte ihn anzurühren, also zu heilen. Der Mann selbst wirkt hier auffallend passiv. Alle Blicke scheinen jetzt auf Jesus gerichtet zu sein - und auf den Blinden. Jesus nimmt ihn dann an die Hand und führt ihn aus dem Blickfeld der anderen. Die beiden gehen aus dem Dorf, weg von der Aufmerksamkeit der Leute. Und Jesus schenkt dem Mann bewusst Begegnung mit ihm selbst, allein.

Was dann geschieht, ist für meine Ohren und meine Vorstellungskraft zutiefst ungewöhnlich: Jesus spuckt ihm in die Augen. Danach legt er ihm seine Hände auf. Warum er dies tut? Wir erfahren es nicht. Es ist auch nicht wichtig. Wichtig ist, dass Jesus sein Gegenüber dann bewusst in das Geschehen, in den Prozess, mit hineinnimmt. Durch die Frage: „Siehst du etwas?“, wird er aktiviert. Jesus holt ihn bewusst aus der Passivität, aus dem „Alles mit sich geschehen lassen“ in die Aktion. Der Mann ist jetzt gefragt, er soll und darf mitwirken. „Siehst Du etwas?“ „Öffne Deine Augen und nimm bewusst wahr. Erzähle mir, was Du siehst. Du bist gefragt, Deine ehrliche, ungeschönte Meinung.“

Der Mann hätte hier auch, um es Jesus rechtmachen zu wollen, sagen können: „Oh ja, wie schön, ich kann wieder sehen, ich bin geheilt. Halleluja! Dankeschön, Jesus.“

Aber in diesem wunderschönen Moment der geschützten Begegnung wagt der Mann Offenheit und Ehrlichkeit: „Ja, ich kann schon was sehen. Aber irgendwie ist es noch ziemlich unscharf. Kannst Du da nochmal ran, Jesus?“

Die Heilung des Blinden – Zum 2.

Und Jesus kann. Er legt ihm nochmals die Hände auf die Augen. Und jetzt kann der vormals Blinde alles klar und deutlich erkennen. Er hat den Durchblick.

Die Begegnung ist hier aber noch nicht zu Ende. Jesus gibt ihm noch einen ganz wichtigen Ratschlag mit auf den Weg. „Geh nicht zurück zu den Leuten, geh zu Dir nach Hause.“ Ob Jesus wohl ahnt, dass der Mann Zeit für sich alleine braucht, um das Geschehene zu verarbeiten? Vielleicht will Jesus ihn auch davor schützen, erneut zum Objekt zu werden bei den anderen, diesmal als Heilungswunder, Attraktion. Stattdessen darf und soll er lernen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu gestalten.

Doch letztlich wissen wir nicht, was Jesus dazu bewogen hat, ihn nach Hause zu schicken. Wir können nur lesen, hinsehen, beobachten, wahrnehmen. Und dabei erkennen, dass Jesus so individuell handelt. Mit keinem anderen geht Jesus so um.

Von Anfang an nimmt Jesus den Mann in das Geschehen mit hinein. Er wird von Jesus aus der Passivität, ja, aus der Opferrolle, herausgeführt. Dadurch, dass Jesus ihn in das eigene Heilungsgeschehen mit hineinnimmt, lernt er, aktiv zu werden, bewusst mitzugestalten und auch ehrlich Verantwortung für sich zu übernehmen.

Jesu Heilungsgeschichte mit mir

Was können Sie aus dieser Heilungsbegegnung für sich und Ihre Beziehung mit Jesus mitnehmen? Zum einen sicherlich das Wahrnehmen, dass Jesus mit jedem einzelnen individuell umgeht, und das gilt auch für Sie und mich. Bei Jesus gibt es kein sogenanntes Schema F. Mich fasziniert aber noch ein anderer Gedanke bzw. eine Frage: wann und wo könnte Jesus mich denn fragen: „Siehst du etwas?“

Vielleicht könnten sich ja so meine Gebetszeiten mit Jesus verändern. Dass ich Jesus nicht ständig mehr in den Ohren liege, was er alles tun, heilen, regeln soll, während ich passiv bleibe. Sondern dass ich gemeinsam mit Jesus meine Welt, Menschen oder spezielle Anliegen anschaue. Und dabei dann die Frage aus dem Mund von Jesus höre: „Siehst Du etwas? Was fällt Dir auf? Beschreibe es mir. Ganz offen und ehrlich. Was ist da vielleicht nicht in Ordnung?“

Ganz konkret will ich dann meine Wahrnehmungen Jesus schildern. Mich in den Dialog, in den Prozess aktiv einbringen. Und Jesus bitten, mir Durchblick zu verschaffen. Vielleicht lädt mich Jesus an der einen oder anderen Stelle ein, einfach zuzuschauen, wie und wo und wann er handelt. Vielleicht hat er aber auch die ein oder andere Aufgabe für mich, um mich aktiv in sein Handlungsgeschehen miteinzubeziehen.

Ja, ich bin mit Jesus unterwegs, aktiv, in Bewegung, mit offenen Augen, um Jesus eine Antwort geben zu können auf die Frage: Was siehst Du?

Und was sehen Sie?

Autor: Christiane Walz

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