Von der Integration zur Inklusion
Mitte der 90er Jahre: Integration ohne Plan
Als ich meine erste Lehrerinnenstelle antrat, sollten plötzlich Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelschulen unterrichtet werden. In meiner Klasse waren es vier – wir nannten sie „I-Kinder", eine sprachlich ungeschickte und herabwürdigende Bezeichnung, die später durch „Förderkinder" ersetzt wurde.
Das Problem: Niemand zeigte uns, wie es gehen sollte.
26 Kinder insgesamt, vier mit Förderbedarf (Lernen, sozial-emotional)
Ein Förderkollege als Doppelbesetzung – ständig unterwegs von Ecke zu Ecke
Frontalunterricht als Standard – die Förderkinder saßen still, verstanden oft nicht
Dieselben Schulbücher für alle – obwohl die Lernstände extrem unterschiedlich waren
Wir wollten, dass sie „mitten drin" sind – aber in der Praxis funktionierte das nicht. Also nahmen wir sie phasenweise raus, arbeiteten im Integrationsraum mit dem Kutzer-Konzept (farbige Klötzchen zur Veranschaulichung). Das half ihnen – aber es widersprach dem Integrationsgedanken.
Der Wendepunkt: Sabrina
Dann kam ein Stationenlauf zur Französischen Revolution. Ich probierte es einfach aus – ohne zu ahnen, was passieren würde.
Alle Kinder arbeiteten selbstständig, im eigenen Tempo, halfen sich gegenseitig. Und Sabrina, ein scheinbar schüchternes, ängstliches Mädchen, blühte auf. Sie arbeitete konzentriert, selbstbewusst – und half sogar einem sonst starken Mitschüler.
Das war der Moment, in dem ich verstand:
Frontalunterricht kann Inklusion nicht leisten. Was wir brauchen, sind offene Lernformen – Wochenpläne, Stationenlernen, Differenzierung für alle, nicht nur für Förderkinder.
Wochenpläne mit gestaffelten Aufgaben (Stern-System: einfach, mittel, schwer)
Helfertafel: Kinder konnten sich eintragen, wenn sie Hilfe brauchten oder helfen wollten
Materialien für verschiedene Niveaus – niemand hatte einen Sonderstatus
Struktur und Transparenz: Alle wussten, was erwartet wird
Das Entscheidende: Alle Kinder arbeiteten damit – nicht nur die mit Förderbedarf. Niemand war ausgesondert. Jeder durfte sich fordern, niemand wurde überfordert.
Von Integration zu Inklusion (2009/2010)
Um 2009/2010 wurde Integration offiziell zu Inklusion. Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde ratifiziert, Hessen verankerte Inklusion 2011 im Schulgesetz.
Aber die Realität?
Die Förderlehrkräfte wurden in Förder- und Beratungszentren (FBZ) abgezogen – sie waren nicht mehr fest im Team, sondern nur noch punktuell da. Wir waren auf uns allein gestellt.
Die Botschaft war klar: Wenn keine Sonderpädagogin mehr dauerhaft da ist, müssen sich Fachlehrkräfte selbst mit Differenzierung beschäftigen. Aber niemand zeigte uns, wie.
Was Inklusion wirklich braucht:
Inklusion funktioniert – aber nur mit offenen Unterrichtsformen.Zeit für VorbereitungStrukturen, die Orientierung gebenMaterialien, die wirklich differenzierenEine Haltung, die Vielfalt als Ausgangspunkt versteht – nicht als ZusatzInklusion ist kein Sonderthema – sie ist Unterrichtsalltag.
Und sie funktioniert – wenn wir endlich aufhören, Frontalunterricht als Standard zu betrachten.
Besonderer Moment:
Die Geschichte „Josef sieht mehr“ – gelesen von Daniela Susewind.
Inklusion ist gelebte Demokratie –
und beginnt in der Schule.
WeiterfĂĽhrende Links:
UN-Behindertenrechtskonvention: www.un.org