Edition Zukunft

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Edition Zukunft episodes

  • Wie werden wir die Korruption los?
    Experte Martin Kreutner über das österreichische Verhältnis zur Korruption – und was wir in Zukunft anders machen sollten

    Österreich wird derzeit von einer Korruptionsaffäre erschüttert – schon wieder. "So sind wir nicht", sagte Bundespräsident Alexander Van der Bellen, nachdem das Ibiza-Video 2019 ans Tageslicht gekommen war. Aber sind wir wirklich nicht so? Und was könnten wir unternehmen, um Korruption – in Österreich und weltweit – einzudämmen?

    Dazu ist der Korruptionsexperte Martin Kreutner zu Gast im Podcast Edition Zukunft. Er war Generalsekretär der Internationalen Antikorruptionsakademie in Wien, leitet das Bundesamt für Interne Angelegenheiten und ist Mitinitiator des Antikorruptions-Volksbegehrens.

    "Korruption steht sicher nicht in der DNA der Österreicherinnen und Österreicher", gibt Kreutner Van der Bellen recht. Was die Kleinkorruption angeht, habe sich hierzulande in den letzten Jahrzehnten sehr viel zum Positiven verändert. Früher sei es durchaus üblich gewesen, bei der Beantragung eines Reisepasses oder einer Gewerbeberechtigung eine Schillingnote dazuzulegen. Auf diese Idee würde heute niemand mehr kommen – und das sei auch gut so, sagt Kreutner. Schließlich freut sich jeder über faire Behandlung.

    Nur wo maßgebliche Entscheidungsträger aus Politik, Wirtschaft und Medien zusammenkommen und sich Dinge "in fast schon kuscheliger Klüngelei ausschnapsen", scheint Österreich noch ein Problem zu haben, sagt Kreutner. Die Ibiza-Affäre habe das aufgezeigt, die öffentliche Wahrnehmung sich aber vor allem auf zwei Politiker beschränkt. Dabei habe sich nun herausgestellt, "dass die beiden Herren dort offenbar von Dingen gesprochen haben, die sie von anderen aus dem politischen Alltag kennen", sagt der Korruptionsexperte.

    Was also tun, um Korruption einzudämmen? Die Forschung ist sich einig, dass die Bekämpfung auf vier Säulen fußt: Prävention, Bildung, Sanktionen und internationale Kooperation. Aus anderen Staaten könne man sich durchaus einiges abschauen, "das eine Land, das man als Blaupause nehmen kann", gibt es laut Kreutner allerdings nicht. Die nordischen Länder, Singapur oder Neuseeland stünden aber sehr gut da. "Dort werden Sie es sehr schwer haben, jemanden zur Korruption zu bewegen", sagt Kreutner. Die perfekte Welt werde es zwar nie geben. Die Akzeptanz für Korruption sinkt jedoch. Ge¬rade jetzt öffne sich deshalb ein "Window of Opportunity", im Rahmen dessen man mit einigen wenigen Veränderungen viel erreichen könne.

    36 min
  • Warum Killerroboter verboten werden sollten, ehe sie eingesetzt werden
    Marit Seyer, Obfrau der Kampagne für ein Stopp von autonomen Waffensystemen und Thomas Hajnoczi, Ex-Botschafter für Abrüstungsfragen, erklären warum das so dringend ist

    Es gibt eine Gruppe von Menschen, die versucht uns vor Killerrobotern zu schützen. Ihr Problem? Fehlende Aufmerksamkeit und oftmals ein fehlendes Bewusstsein für die Tragweite des Problems. Menschen lassen sich tendenziell nämlich leichter für eine Sache gewinnen, die aktuell schon ein greifbares Problem darstellt, als für solche, die sich noch zu veritablen Problemen entwickeln werden. Deshalb wurde es zu lange verabsäumt der Klimakrise entschieden entgegenzutreten oder Soziale Medien rechtzeitig zu regulieren. Freilich ist es aber auch schwieriger Dinge einmal zu reglementieren, wenn diese schon im Einsatz sind. Ein gutes Beispiel sind Atomwaffen. Spätestens seit der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki weiß die Menschheit um ihre extreme Gefahr. Einmal im Einsatz lassen sie sich Staaten aber auch nur mehr sehr schwer wegnehmen, wie die in vielen Punkten vergleichbare Kampagne für ein Verbot von Atomwaffen immer wieder schmerzhaft lernen muss.

    Ein möglicher Ausweg aus diesem scheinbaren Dilemma ist die Ächtung. Die Ächtung einer ganzen Waffengattung nämlich. Und im Grunde ist es das, was die Kampagne für ein Verbot von Killerrobotern erreichen möchte. Die autonom agierenden Waffensysteme – die mit dem vereinfachenden Terminus Killerroboter beschrieben werden – seien nämlich gar kein Problem künftiger Generationen mehr, sondern ein reales und riesiges Problem der Gegenwart. Davor warnt Marit Seyer, die Obfrau der Österreichischen Kampagne für ein Killerroboter-Verbot, im Edition-Zukunft-Podcast. Wir müssen sie verbieten, bevor sie vielfach Unschuldige töten, so der Auftrag. Und sie müssten sozial geächtet werden.

    Sieht man sich die zahlreichen internationalen Beispiele bestehender und bereits in Einsatz befindlicher halbautonomer Waffensysteme an, so lässt sich dieser Eindruck tatsächlich bestätigen. Die Technik wäre wohl bereits ausgereift, um Drohnen oder andere Waffen ganz autonom handeln und töten zu lassen. Vermutlich ist die Präzision aber noch nicht ausgereift genug, sodass man einen enormen Backlash im Falle eines Unfalls zu befürchten hätte. Noch zieren sich die Staaten also, Killerroboter einzusetzen, was noch ein kurzes Zeitfenster für eine etwaige Regulierung oder ein Verbot eröffnet. Dieses zu nützen, dazu will die globale Kampagne aus fast 200 Organisationen ihre jeweiligen Regierungschefs drängen.

    Seyer fasst die Kernbotschaft der Kampagne so zusammen: "Es geht darum, wer die Entscheidung trifft, ob ein Leben genommen wird. Das ist entweder der Mensch, der Mitgefühl hat und versteht welchen Wert menschliches Leben hat, oder es ist die Maschine, die von einem Algorithmus programmiert wurde und davon überhaupt keine Ahnung hat." Es ist der immer wieder angesprochene "human in the loop", der nach Ansicht der Aktivistinnen und Aktivisten eben keinesfalls aus der Tötungsschleife genommen werden dürfe. Ohne das dem Menschen inhärente schlechte Gewissen beim Töten, würde die Zahl solcher Angriffe drastisch steigen, glaubt auch Thomas Hajnoczi, ehemals Österreichs Botschafter bei der Uno in Genf und später Leiter des Referats für Abrüstungsfragen im Österreichischen Außenministerium.

    Dass gewisse Grade an Autonomie und KI bei Waffen heutzutage nun einmal dazugehören, wollen weder Seyer noch Hajnoczi bestreiten, es gehe aber um die berühmte rote Linie. Der Mensch bilde diese. Und das Argument von Befürwortern autonomer Waffen, wonach sie keine Fehler machen würden, wie das bei Menschen immer wieder der Fall ist, und dass dadurch menschliches Leid verhindert werden könnte, will Seyer nicht gelten lassen. Das genaue Gegenteil sei der Fall, die Fehleranfälligkeit zu hoch, die Gefahr dass Kinder mit Spritzpistolen oder jeder mit einem Turban angegriffen werde, oder auch dass es zu schlichten Verwechslungen sich ähnlich sehender Menschen komme, schlicht und ergreifend zu hoch, so die Obfrau.

    Außerdem sei es eine beinahe unklärbare Frage, wer im Ernstfall für einen völkerrechtswidrigen Angriff verantwortlich gemacht werde. Der General, der den Einsatz der Waffe prinzipiell erlaubte? Der Techniker, der den Algorithmus programmierte? Es brauche einfach die menschliche Natur als natürliches Schutzschild, so grausam diese auch in der Vergangenheit schon gewesen sei, ist Botschafter Hajnoczi überzeugt.

    Die Menschheit hat aber ohnehin schon beweisen, dass man durchaus bereit ist gänzliche Waffengattungen zu verbieten. Im Rahmen der UN-Konvention über bestimmte konventionelle Waffen wurde beispielsweise ein Blendlaserverbot erreicht. Als man ein generelles Antipersonenminenverbot nicht durchsetzen konnte, einigten sich willige Staaten multilateral auf die Ottawa-Konvention. Und auch wenn große Staaten wie die USA, Russland, Indien oder China ihr bis heute nicht beigetreten sind, konnte irgendwann die Macht des Faktischen und internationale Ächtung greifen. Antipersonen-Minen werden heute quasi von niemandem mehr eingesetzt. Einen ähnlichen Weg könnte man auch gehen, um autonomen Waffensysteme zu verbieten, sagt Hajnoczi.

    Seit 2014 wird im UN-Rahmen diskutiert, im Dezember steht nun die Überprüfungskonferenz an. Die Zeit zu handeln drängt, sagt auch Seyer. Sollten sich einige Staaten gegen Jahresende immer noch unwillig zeigen, werde man den Weg über eine Koalition der Willigen gehen. Ein Signal dafür könne auch ein nationales Gesetz sein, das etwa im österreichischen Nationalrat sehr wahrscheinlich eine breite Mehrheit fände, vermutlich sogar einstimmig.

    Einen entsprechenden Draft für eine globale Garantie, wonach "stets ausreichend menschliche Kontrolle bei der Selektion und Durchführung von Angriffen" beibehalten werden müsse, hat Österreich jedenfalls schon vorgelegt. Österreich, das international hierbei vor allem den Schutz der Zivilbevölkerung in den Mittelpunkt rückt, gehört hier tatsächlich zu den Vorreitern. Klar gehe es am Ende immer auch um Details des Vertrages, sagt Botschafter Hajnoczi. "Es kann aber nicht sein, dass alles was technisch möglich wird, auch erlaubt wird. Das wäre eine schlimme Welt."

    35 min
  • Wie Literatur Krisen und Kriege vorhersagen soll
    Romane sind die "Eingeweideschau in die inneren Strukturen eines Landes", sagt der deutsche Literaturwissenschafter Jürgen Wertheimer. Wer genau liest, könne in die Zukunft schauen

    Kassandra ist eine tragische Figur in der Mythologie. Die Tochter des trojanischen Königs Priamos und Schwester von Hektor und Paris war von überwältigender Schönheit gesegnet, weshalb ihr der Gott Apollon die Gabe der Weissagung schenkte. Auch Apollon selbst verliebte sich in Kassandra. Als diese jedoch seine Liebe nicht erwidert, verfluchte er sie: Fortan sollte niemand ihren Weissagungen Glauben schenken. Kassandra sah das Unheil durch das trojanische Pferd voraus, blieb jedoch unerhört. Bis heute werden solche Warnungen als Kassandrarufe bezeichnet.

    Für den deutschen Literaturwissenschafter Jürgen Wertheimer ist Kassandra Warnung und Inspiration zugleich. Warnung deshalb, weil wir auch heute nicht viel besser darin geworden seien, auf die Kassandras unserer Zeit zu hören – also auf Menschen, die laut Wertheimer in der Lage sind, gesellschaftliche und politische Entwicklungen sehr gut zu beobachten und zu analysieren – und frühzeitig auf die Warnungen zu reagieren. Inspiration, weil Kassandra Namensgeberin und Ausgangspunkt für ein Projekt war, das nicht nur für Wertheimer selbst, sondern wohl auch für viele Beobachter anfangs wie eines der gewagtesten und verrücktesten Unterfangen innerhalb der Zukunftsforschung erschien.
    Das Ziel: Krisen und Konflikte mithilfe von Literatur frühzeitig zu erkennen. Knapp vier Jahre lang untersuchten Wertheimer und sein Team in Zusammenarbeit mit dem deutschen Verteidigungsministerium Romane. "Wir schauen uns die Eingeweide einer Kultur an, lesen Subtexte, schauen, welche Emotionen die Texte in der Bevölkerung auslösen. Literatur ist ein großes Teleskop, das uns ermöglicht, ins Innere von Menschen zu schauen", sagt Wertheimer im STANDARD-Podcast "Edition Zukunft".
    Diese Literatur-Analyse soll – ähnlich wie Seismographen – Strukturen herauslesen, die Krisen, Konflikte oder Kriege in unterschiedlichen Regionen der Welt wahrscheinlich machen: Welche Feindbilder und Mythen werden in einer Gesellschaft konstruiert? Welche Rolle spielen Religionen? Wie wird der Sinn der Worte verfälscht, welche Begriffe werden annektiert? Daraus entstehen Prognosen, die in der Lage sind, Konflikte ein bis drei Jahre im Voraus vorherzusehen, sagt Wertheimer.
    Und was tun mit diesen Informationen? "Damit können wir die sich aufbauenden verlogenen Mythen bereits im Anfang kommunikativ zerstören", sagt Wertheimer. Was er damit meint: Mithilfe von Sprache lässt sich medial eine Gegenbotschaft erzeugen, die deeskalierend wirkt, noch bevor es zu einem Konflikt oder Krieg kommt.
    Im Podcast spricht Wertheimer außerdem darüber, was seine Forschung zu den aktuellen Entwicklungen in Afghanistan zu sagen hat, wer seiner Meinung nach die Kassandras von heute sind und wie sich die Erkenntnisse künftig auch für Europa nutzen lassen.

    41 min
  • Macht der digitale Euro unser Bargeld obsolet?
    Krypto-Experte und Wirtschaftswissenschafter Philipp Sandner erklärt die Chancen und Risiken des E-Euros

    Dass der E-Euro bald kommt, wird konkreter: Im Juli hat die Europäische Zentralbank eine zweijährige Untersuchungsphase für den digitalen Euro eingeläutet. Die meisten von uns zahlen jedoch bereits mit Karte und überweisen per Banking-App, haben im Alltag also nur mit Online-Transaktionen zu tun und in der Pandemie vermutlich kaum mit Bargeld hantiert. Was wäre denn überhaupt das Neue an einem digitalen Euro, an welchem die EZB basteln möchte?

    „Mit dem digitalen Euro erlangt Europa eine gewisse Souveränität zurück“, sagt Philipp Sandner, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management und Leiter des Frankfurt School Blockchain Center. Damit könnte die Europäische Union eine eigene, digitale Zahlungsinfrastruktur herstellen, ohne auf Kreditkartenunternehmen angewiesen zu sein, sagt der Wirtschaftswissenschafter im STANDARD-Podcast Edition Zukunft.

    Früh dran ist die EZB mit dem Wunsch einer europaweit einheitlichen digitalen Währung nicht, denn auch die chinesische, US-amerikanische und schwedische Zentralbanken planen bereits jeweils eigene digitale Währungen. Zudem werden Kryptowährungen immer mehr akzeptiert und in El Salvador vielleicht sogar bald staatliches Zahlungsmittel. Läuft die EZB damit einem Zug hinterher, der schon abgefahren ist?

    Zumindest zu spät „auf’s Radar gepackt“ hätte sie das Thema, sagt Sander. Und welche Risiken birgt der digitale Euro zudem? Haben wir Hackerangriffe oder die technische Überwachung unserer Finanzen durch die Notenbank zu fürchten, wie das kritische Stimmen etwa dem E-Yuan, Chinas digitaler Währung, vorwerfen?

    Darüber spricht der Wirtschaftswissenschafter im Podcast und erklärt außerdem, wie lange es dauern wird, bis der digitale Euro tatsächlich einsatzbereit ist und man damit im Supermarkt oder einer Bar bezahlen kann, wie die Wallet, also die digitale Geldbörse funktioniert, was ihn von Kryptowährungen wie Bitcoin unterscheidet und ob wir vielleicht bald kein Bargeld mehr nutzen werden.

    30 min
  • Warum tun wir uns so schwer über die Klimakrise zu sprechen?
    Sven Egenter von Klimafakten.de erklärt, wie wir besser über das Klima sprechen können

    Als das "perfekte Problem" beschreiben Psychologen die Klimakrise, der Wissenschafter Anthony Leiserowitz soll die Eindämmung des Klimawandels sogar als "policy problem from hell" beschrieben haben. Denn die Lage ist verzwickt: Obwohl die Treibhausgase in der Atmosphäre die Welt, in der wir leben, auf den Kopf stellt, geht die Entwicklung langsam und zeitlich verzögert voran. Und überhaupt: Jeder Mensch, jeder Schlot, jede Nation trägt nur einen kleiner Teil zur Erderhitzung bei, weshalb niemand die Schuld bei sich sehen will.

    Sven Egenter von Klimafakten.de erklärt im Podcast, warum wir die Klimakrise gedanklich so schlecht fassen können, wie man am besten mit Falschinformationen und Scheinargumenten umgeht und warum Katastrophismus eher nicht angebracht ist.

    43 min
  • Wie smart soll die Stadt von morgen sein?
    Smart Cities müssen keine dystopischen Tech-Moloche sein – das gute Leben lässt sich oft auch analog erreichen, sagt Expertin Nathalie Klauser

    Es hätte die erste Stadt sein sollen, "die aus dem Internet heraus" gebaut wird – so hatte Dan Doctoroff, Chef von Sidewalk Labs, das Stadtentwicklungsprojekt Quayside in Toronto beschrieben. Die Google-Tochter wollte dort einen ganzen Stadtteil nach den eigenen Vorstellungen einer smarten Stadt errichten lassen – inklusive tausender Sensoren und Kameras, die ihre Einwohner auf Schritt und Tritt überwachen. Vergangenes Jahr zog sich Sidewalk Labs wegen der Corona-Krise aus dem Projekt zurück – und Datenschützerinnen atmeten auf.

    Das Konzept der Smart City sorgt immer wieder für Aufregung. Für die einen ist sie der nächste logische Schritt der urbanen Evolution, die das Leben effizienter machen soll, für andere eine Überwachungsdystopie.

    Nathalie Klauser Stübi kennt diese Diskussion – und sieht sie gelassen. Sie ist Co-Präsidentin der Smart City Alliance mit Sitz in Basel und diskutiert beim diesjährigen Forum Alpbach über die Vorzüge smarter Städte für den Klimaschutz. Die Smart-City-Bewegung sei anfangs sehr technologiezentriert gewesen und habe sich vor allem rund um Silicon-Valley-Giganten entwickelt. "Da wurde zuerst nicht sehr menschenzentriert gedacht", sagt Klauser. Von dieser Vorstellung, aber auch von den Tech-Konzernen selbst, habe man sich inzwischen gelöst.

    Die Ziele einer Smart City, wie sie Klauser beschreibt, klingen wie die Utopie einer lebenswerten Stadt: In ihr sollen Bewohner sowohl mit Öffis als auch zu Fuß, mit dem Rad oder – bedingt – mit dem Auto ef fizient unterwegs sein. Sauber soll sie sein, nicht zu laut und nicht zu hell. Wirtschaftlich attraktiv ist sie ebenso, wie sie verschiedenen Lebensentwürfen Raum gibt. Obendrauf sollen auch noch alle Be wohner mitreden und -bestimmen können.

    Der Weg zu dieser Utopie führt natürlich oft über die Technologie-Schiene. "Aber es gibt ganz viele nichtdigitale smarte Ideen", sagt Klauser. Da wäre zum Beispiel das partizipative Budget, das die brasilianische Stadt Porto Alegre schon 1988 eingeführt hat – lange bevor jemand über Sensoren in Gehsteigen sprach. Die Grundidee, alle Einwohnerinnen und Einwohner über das Budget der damals finanziell stark angeschlagenen Stadt mitentscheiden zu lassen, machte Schule: Heute gibt es weltweit tausende Gemeinden, in denen Bürger mitentscheiden dürfen, wohin ihr Geld fließt. "Es gibt gerade ein Riesen-Revival", sagt Klauser. "Es ist eine alte, aber smarte Idee, die jetzt digitalisiert wird."

    Auch in der Corona-Krise hätten smarte Städte Stärke zeigen können: Weil Singapur schon früh viele Daten erhoben und verknüpft hat, konnte der Stadtstaat schnell Cluster identifizieren und die Fallzahlen niedrig halten. Auch Städte mit Smart-City-Strategie wie Wien hätten die Krise besser überwunden als andere – zwar nicht, was Infektionszahlen angeht, aber weil sie Anstiege frühzeitig berechnen und Konsequenzen besser abfedern konnten.

    Die Idealvorstellung einer Smart City sei allerdings auch kulturell bedingt. "Vieles, was in Asien oder den USA als smart gilt, würde unseren Wertvorstellungen – Stichwort Datenschutz – widersprechen", sagt Klauser. In Europa setzen Städte stärker auf digitale Selbstbestimmung und Hybridlösungen. So müsse es zusätzlich zu digitalen Amtswegen stets parallel eine analoge Lösung geben, um niemanden auszuschließen.

    Auch zu mehr Klimaschutz könne die Smart City beitragen, im merhin sind Städte inzwischen die Hauptquelle von Treibhausgasen und verbrauchen rund 70 Prozent der weltweit erzeugten Energie. Dabei bieten sie insbesondere die Möglichkeit – neben laut Klauser ebenso notwendigen negativen Anreizen wie Umweltsteuern –, auch positive Anreize zu setzen. Sie sollen den Menschen das umweltfreundliche Leben möglichst leicht machen. Dass Kopenhagen weltweit die Fahrradstadt Nummer eins wurde, hängt etwa auch damit zusammen, dass die Ampelanlagen so smart gemacht wurden, dass der emissionsarme Verkehr dort Vorrang hat. Eine Strategie, die sich inzwischen auch

    29 min
  • Wie die Pandemie unsere Sprache verändert
    Corona hat nicht nur unser aller Leben verändert, sondern auch unsere Sprache infiziert. Neue Wörter und Bedeutungen kamen hinzu. Was macht das mit uns?

    Der Inhalt des Duden ist auch eine Geschichte unserer Gesellschaft. 2004 nahm das Wörterbuch etwa das Wort "Googeln" auf, 2017 kamen "Filterblase" und "Selfie" hinzu, 2020 dann unter anderem "Flugscham", "Gendersternchen", "Hatespeech", "Insektensterben", "Klimakrise" oder "Brexiteer".

    Unter Sprachwissenschafterinnen, Politikern, aber auch in der öffentlichen Debatte lösen die Begriffe regelmäßig heftige Debatten aus. Es ist gewissermaßen ein Kampf zwischen Sprachbewahrern und Spracherneuerern, Konservativen, Liberalen, Progressiven und Aktivistinnen und Aktivisten um nichts weniger als die Deutungshoheit in der deutschen Sprache.
    Das hat auch die Corona-Pandemie gezeigt, die nach nur wenigen Monaten ihre Spuren in den Wörterbüchern hinterlassen hat. Lockdown, Social Distancing, Ansteckungskette und Herdenimmunität sind bereits fixer Bestandteil des Duden und werden es wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren bleiben. Gleichzeitig spricht die Politik schon vom Brückenlockdown oder möglicherweise bald von der Winterruhe.
    "Krisen verändern unsere Sprache", sagt Oksana Havryliv, Sprachenwissenschafterin an der Universität Wien, im STANDARD-Podcast. Denn durch Krisen entstehe die Notwendigkeit, eine neue Realität zu benennen.

    26 min
  • Hilft uns die Gentechnik aus der Klima-Patsche?
    Molekularbiologin Mittelsten Scheid über die Crispr-Genschere

    Der Ertrag von Nutzpflanzen steigern, gesunde Inhaltsstoffe erhöhen und die toxische oder allergenen reduzieren, Weizen resistent gegen Schädlinge machen – Ortrun Mittelsten Scheid fallen viele Dinge ein, die man mit Gentechnik anstellen kann. Die Molekularbiologin leitet eine Forschungsgruppe zu epigenetischen Veränderungen in Pflanzen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist davon überzeugt, dass die Crispr-Genschere die Welt besser machen könnte – wenn man es nur zulassen würde.

    Denn viele Menschen und auch die Politik stehen der Gentechnik kritisch gegenüber, in der EU gelten strenge Regeln für gentechnisch veränderte Organismen. Für Mittelsten Scheid ist diese Entscheidung aus wissenschaftlicher Sicht unverständlich. Gentechnik gebe es bereits seit Jahrtausenden – denn auch die gezielte Kreuzung von Kulturpflanzen greife in die DNA von Pflanzen ein. "Ohne Gentechnik wären wir schon längst verhungert", sagt sie im Podcast. Genetisch veränderte Produkte fände man heute in jedem Bioladen.

    Dabei, so die Biologin, könne mit der Crispr-Genschere viel genauer und schneller gearbeitet werden als mit klassischer Gentechnik, wo man aufwändig mithilfe von Chemikalien oder radioaktiver Strahlung per Zufall tausende unkontrollierte Mutationen entstehen lässt.

    Die Technologie könne auch dabei helfen, die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen. Mit der Genschere könnten Pflanzen etwa widerstandsfähiger gegen Trockenheit oder invasive Arten gemacht werden. Weil sie einfacher zu handhaben ist als klassische Gentechnik könnten so lokal angepasste Rassen geschaffen werden, an denen Saatgut-Konzerne, welche die Gentechnik derzeit dominieren, kein finanzielles Interesse haben.

    Im Podcast spricht die Molekularbiologin außerdem darüber, warum "Superbäume", die enorme Mengen CO2 aus der Luft saugen noch in weiter Ferne sind und warum sie optimistisch gestimmt ist, dass sich die Vorbehalte der Gesellschaft gegenüber Gentechnik bald auflösen werden.

    30 min
  • Röcke tragen, Emotionen und Schwäche zeigen: Was Männer beschäftigt
    Zwei Therapeuten gründeten die Gruppe Mannsbuilder als Austauschort für Männer

    Im Edition-Zukunft-Podcast sprechen wir mit Matthias Tschannett (46) und Benjamin Wagner (31), zwei systemischen Einzel-, Paar- und Familientherapeuten in Ausbildung unter Supervision, über das Thema Männlichkeit. Sie haben im Oktober 2020 die Gruppe der Mannsbuilder gegründet, die sich weniger als Selbsthilfegruppe versteht denn als Treffpunkt für interessierte Männer, die sich laufend mit "Männerthemen" beschäftigen. Dabei sei es bewusst weit definiert, was denn ein solches Thema ist – von Vorbildfunktionen in der Vater- oder Onkelrolle über die femininen Seiten des eigenen Körpers und Wesens bis hin zum Zeigen von Schwäche.

    Wagner definiert toxische Männlichkeit als ein Gefühl, "sich immer als Mann beweisen zu müssen, vor allem auch gegenüber anderen Männern", gepaart mit einer Ablehnung aller Dinge, die weiblich konnotiert sind. Es gebe aber ohnehin nicht eine Männlichkeit, sondern eine Vielzahl an verschiedenen Männlichkeiten, und Männer sollten auch mehr Gefühle zulassen als "Hunger, Wut und Aggression".

    Sind Frauen vielleicht sogar ein Stück weiter darin, bestimmte Themen, die ihnen nicht guttun, oder Verhaltensweisen, unter denen sie leiden, zumindest anzusprechen? Für Tschannett haben Frauen diesbezüglich einfach schon einen härteren Weg hinter sich gebracht, mussten sich öfter verteidigen und bestimmte Dinge erkämpfen. Prinzipiell müsse aber natürlich nicht der erste Weg sofort zum Psychotherapeuten führen. Sehr oft reiche es schon, wenn manche Männer es öfter einmal schaffen würden, mit guten Freunden – und nicht nur Frauen – tatsächlich einmal über ihre Gefühle zu reden.

    Überrascht habe die beiden vor allem, in welcher Häufigkeit der Wunsch von Männern nach weiblich konnotierter Kleidung, Schmuck und Kosmetik wie Röcken oder Nagellack kam, wobei sie uneins sind, ob Männerputzutensilien denn nun etwas Gutes sind oder nicht. Dringenden Aufholbedarf gibt es laut den Mannsbuildern auch noch bei einem sehr heiklen Thema. Nämlich: Wie nähere ich mich als Bursche, junger oder erwachsener Mann Frauen, aber auch generell anderen Menschen, höflich, interessiert und wertschätzend an, ohne dass es übergriffig ist.

    27 min
  • Erholungszonen, leistbare Mieten, Durchmischung: Wie kann eine Stadt für alle funktionieren?
    Soziologin Cornelia Dlabaja spricht darüber, wie Städte sozial inklusiv sein können – und über das Vorzeigebeispiel Wiener Yppenplatz

    Der Yppenplatz in Wien ist nicht nur das Forschungsobjekt von Cornelia Dlabaja, sondern auch ihr Lieblingsort in Wien: "Auf diesem Platz gibt es alles, was eine Stadt ausmacht", sagt die Soziologin und Kulturwissenschafterin. Seit über 15 Jahren beobachtet sie das Gebiet in Wien-Ottakring und forscht zu sozialer Ungleichheit in Städten.

    Vor allem Menschen, die auf engem Wohnraum leben, muss eine Stadt genügend Zugang zu öffentlichen Erholungsflächen ermöglichen, sagt Dlabaja. Im Podcast spricht sie über die Ungleichverteilung von Grünflächen in der Stadt, warum wir mehr zu Fuß gehen sollten und was menschenfreundliche Städte ausmachen. Und: Die Soziologin erklärt, warum das Reisen nicht nur dem Klima zuliebe neu gedacht werden muss, sondern warum Massentourismus auch Stadtbewohnern schaden kann.

    38 min

About Edition Zukunft

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Edition Zukunft ist der STANDARD-Podcast über das Leben und die Welt von morgen. Die Redaktion spricht mit Experten über Entwicklungen, die unseren Alltag verändern - von künstlicher Intelligenz und Robotern bis hin zu Migration und Klimawandel. Neue Folgen erscheinen jeden Freitag - jeweils abwechselnd mit "Edition Zukunft Klimafragen", dem Podcast zu Umwelt- und Klimathemen.

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