ERF Plus - Bibel heute

Gott will seinem Volk Heil geben


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Der jüdische Prophet Jesaja spricht von Gott und den Menschen, von der Beziehung Gottes zu den Menschen. Das ganze Buch des Propheten Jesaja ist eigentlich die Geschichte eines Beziehungsdramas zwischen Jahwe – der hebräische Name für Gott – und seinem auserwählten Volk, den Israeliten. Das Jesaja-Buch erzählt von Zuwendung und Liebe, von Enttäuschung und Abwendung, von Zorn und Vergebung und Verheißung.

„Und er spricht“ – so beginnt der Abschnitt aus Jesaja 57, die Verse 14-21. Wer spricht da? Was ist das für ein Gott, von dem der Prophet Jesaja berichtet? Vorgestellt wird er uns als „der Hohe und Erhabene“, als der Ewige, der „in der Höhe und im Heiligtum“ wohnt. Das mag einigen der Zuhörerinnen und Zuhörer vertraut sein.

Aber jetzt kommt die Überraschung. Schon im zweiten Vers des Abschnittes heißt es: „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei den Zerschlagenen und Bedrückten, um den Geist der Bedrückten wieder aufleben zu lassen und das Herz der Zerschlagenen zu erfreuen.“ Das ist die wichtige, die unerhörte Botschaft: Gott ist nicht fern, nicht entrückt, nicht „da oben“ – sondern er ist zugleich nah, bei uns Menschen, hier „unten“. Gott, der Heilige, er wohnt bei den Geringen, den Bedrückten, den Armen. Er will trösten und heilen.

Unser lieber Gott also? In meinen Kindergebeten habe ich damals gerne dieses Synonym benutzt in der Anrede: „Lieber Gott ... danke ... mach dies und das“. Und auch heute wird noch oft in kindgerechten kirchlichen Veranstaltungen vom „lieben Gott“ gesprochen. Aber da ist doch auch die Rede vom Zorn Gottes. An eine schwere Beziehungskrise wird erinnert: Gott ist enttäuscht über „die Sünde ihrer Habgier“. „Sie gingen treulos die Wege ihres Herzens“ – so heißt es vorwurfsvoll. Und geradezu drohend am Schluss des Abschnittes: Die Gottlosen, die Ruchlosen, die Verächter des Gotteswillens – sie werden keinen Frieden finden!

Gott mag lieb sein, aber Gott ist nicht immer nett, im Gegenteil: er fordert auch, er stellt Ansprüche!

Judentum und Christentum sind nicht einfach Wohlfühl-Religionen, sind keine Gemütlichkeits-Veranstaltungen.

Gott, wie er sich im Alten Testament oft offenbart und äußert, aber auch immer wieder im Neuen Testament, erwartet Treue zu seiner Botschaft und seinen Geboten; er erhofft sich von uns gottgefälliges Verhalten; er lädt ein zur Umkehr, immer wieder neu. Und er gibt zugleich Hoffnung, indem er den Gedemütigten und Zerschlagenen seine Nähe verheißt und seinen Frieden.

Shalom – Gottes Frieden – aber ist eigentlich unvereinbar mit einem Verhalten, das Gottes Gebot, das Gottes Liebe widerspricht: Habgier und Treulosigkeit und Verrat und Abwendung von Gottes Wegen.

Was bedeutet das im Hier und Heute? Beziehungsweise was kann es bedeuten? Den Menschen, die diesem Gott heute nachfolgen, ist z. B. nicht verheißen, dass sie immer und überall in der Mehrheit sind, dass sie nicht irren und nicht dem Zeitgeist hinterherlaufen oder ihm einfach verfallen. So wie damals das kleine Volk der Israeliten fremde Götter – Götzen, wie es im Alten Testament heißt – anbetete, was Gottes Zorn erregte. Es ist Christenmenschen auch nicht verheißen, dass sie geschützt sind vor Enttäuschungen, vor Niederlagen, vor Demütigungen. Im Gegenteil, sie sind aufgefordert zum Anderssein, zum Widerspruch, zum Konflikt – um Gottes willen.

Sie sind aufgefordert zu widerstehen und zu widersprechen, also ihr Wort zu erheben

·         wenn Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Raffgier – nicht nur bei Börsenspekulanten – zum wichtigsten, ja selbstverständlichen Antrieb menschlichen Handelns gemacht werden und so ganze Wirtschaften und Gesellschaften gefährden

·         wenn zum eigentlichen Maßstab und Ziel des Handelns das Geld gemacht wird und so menschliche Beziehungen, menschliches Miteinander zerstört werden

·         wenn Menschen allein oder vor allem an ihrem Erfolg, an der Schnelligkeit ihrer Karriere, an der Cleverness und Eleganz ihres Ellenbogeneinsatzes zur Durchsetzung ihrer Ziele gemessen und so uneigennützige Liebe und Solidarität und Diakonie geringgeschätzt werden

·         wenn Menschen nach ihrem Äußeren, ihrer Schönheit, ihrem Erfolg beim anderen Geschlecht beurteilt und so Menschen mit Behinderungen, die Benachteiligten, die Gescheiterten, die Looser verachtet werden

·         wenn Spaß, das schnelle Vergnügen, der flotte Sieg zum Inhalt und Ziel des Lebens gemacht werden und verdrängt wird, dass Niederlagen und Schmerzen, Leiden und Tod zu unserem Leben, zu einem guten Leben dazugehören

Menschen, die Gott nachfolgen, sich von ihm inspirieren lassen, haben viel zu widersprechen, zu widerstehen. Die Mehrheit muss nicht recht haben. Das habe ich in den vielen Jahren meines Lebens als Christ immer wieder realisiert.

Und nein, Egoismus und Habgier sind nicht geil. Auch Geiz ist nicht geil, wie uns die Werbung eines großen Technikkaufhauses vor einigen Jahren einzureden versuchte. Sie sind bloß die einem brutalen Kapitalismus angemessenen Verhaltensweisen: ständig an sich selbst denken müssen, rechnen und kleinkariert sein. Öde und traurig, finde ich.

Wie befreiend kann es dagegen sein, Zeit und Aufmerksamkeit und, ja, auch Geld für andere Menschen zu verschwenden, aus dem Gefängnis der Ich-Sucht und der berechnenden Kalkulation ausbrechen zu können und den wirklichen Reichtum der Welt, die Schönheiten des Lebens, die Vielfalt der Menschen und das Geschenk des Verschenkens zu erleben! Großzügig leben, das heißt nicht immerfort und nur an die eigene Sicherheit, den eigenen Wohlstand, das eigene Image denken. Am Schluss aber wird man genau dadurch reicher: bei Gott sein, um endlich bei sich selbst ankommen zu können.

Seien wir gemeinsam in diesem Sinne auf fröhliche und selbstbewusste Weise eigensinnig. Verhalten wir uns gemeinsam solidarisch; arbeiten wir gemeinsam an einer gerechteren Welt, solange sie noch existiert; verachten wir gemeinsam nicht die Schwachen; seien wir gemeinsam treu zu denen, die wir lieben oder die unsere Freunde sind.

Dazu lädt der liebe und auch immer wieder mal zornige Gott uns ein. Dabei will er uns stützen und tragen – gerade auch dann, wenn solches Handeln im Widerspruch zur Mehrheit steht und zu Leid und Enttäuschung und Demütigung führt bzw. führen kann. Wir sind nicht allein. „Ich wohne … bei denen, die zerschlagenen und demütigen Geistes sind, auf dass ich erquicke den Geist der Gedemütigten und das Herz der Zerschlagenen.“ So spricht der Herr, so bezeugt es sein Prophet Jesaja.

Autor: Pastor Thomas Klappstein

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