ERF Plus - Bibel heute

Jeremias erste Klage


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Der Prophet Jeremia steht unter Druck. Die Aufgabe, die Gott ihm gegeben hat, übersteigt seine Kraft, seine Geduld und sein Verstehen. Jeremia muss nämlich seinem eigenen Volk Gottes Entscheidung mitteilen, dass Gott seine Zusagen zurücknehmen und die Menschen von Jerusalem und Juda aus ihrem Land vertreiben wird. Weil sie sich in ihrem Verhalten und Denken von Gott abgewendet haben.

Jeremia wird selbst auch davon betroffen sein. Es ist keine Prophetie aus sicherem Abstand, die er da von sich gibt, denn er ist Teil dieses Volkes. Jeremia erlebt auch, dass er abgelehnt und angefeindet wird. In seiner Heimatstadt plant man, ihn zu ermorden, und selbst aus seiner eigenen Familie kann er niemandem mehr vertrauen.

Und er wird die angekündigte Katastrophe der Vertreibung hautnah und am eigenen Leib miterleben. Die Verwüstung Jerusalems, die Zerstörung des Tempels, die Angst, den Hunger und den Verlust der Heimat. Nur der gewaltsame Tod bleibt ihm erspart. Seine Spur verliert sich in Ägypten, wohin er auch nicht freiwillig geraten ist.

Jeremia hat sich um das Amt des Propheten nicht beworben, und er wäre es sicher lieber heute als morgen los. Er bleibt aber fast sein ganzes Leben unter diesem Auftrag. Unter diesem Druck platzt dem Propheten schließlich der Kragen. Er bringt seine Not wie einen Rechtsfall vor Gott. Dabei erkennt er Gottes umfassende Autorität an, indem er sagt: „HERR, wenn ich auch mit Dir rechten wollte, so behältst Du doch recht ...“, aber Jeremia sagt auch: „… dennoch muss ich vom Recht mit Dir reden.“

Jeremia bringt eine Frage vor Gott, die ich auch gut kenne, nämlich: „Warum geht es den Gottlosen so gut?“ Und das Urteil hat der Prophet auch schon zur Hand: „Reiß sie weg wie Schafe zum Schlachten, und sondere sie aus, dass sie getötet werden.“

Das sind harte und schwer erträgliche Worte. Ich bin bisher noch nicht in einer Lage gewesen, wo ich mir hätte vorstellen können, Gott um den Tod von anderen Menschen zu bitten. Das mag auch daran liegen, dass mein Leben bislang in Frieden und Sicherheit verlaufen ist.

Trotzdem frage ich mich: Prophet hin oder her – darf Jeremia als Mann Gottes so reden? Und darf ich selbst Gott auch so gegenübertreten? Oder wird Gott dann so etwas antworten wie: „Nicht in diesem Ton. Reiß dich mal zusammen!“?

Was soll ich denn tun mit meinen Fragen, die auch irgendwann zu Klagen werden können? Gibt es so etwas wie eine Anstandsregel gegenüber Gott?

Dazu habe ich zwei Gedanken gefunden.

Erstens: Die Bibel ist Gottes Wort an uns Menschen. Sie ist vollständig wahr und gültig. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass mir manche Aussagen auch nach Jahren des Lesens und Betens immer noch nicht klar sind. Und das sage ich dann auch genauso. Ein wichtiger Satz für mich als Christ ist deshalb: „Ich weiß es nicht.“

Die Bibel ist wahr und ehrlich zu mir, deshalb finde ich dort eben auch Berichte darüber, wie Menschen Gott regelrecht anklagen. Das Buch der Klagelieder, das übrigens auch Jeremia zugeschrieben wird, ist ein gutes Beispiel dafür. Das sind fünf lange Kapitel der Klage.

Klage wird in der Bibel nicht versteckt. Und das macht sie für mich noch glaubwürdiger und liebenswerter.

Zweitens: Jesus sagt mir im Matthäusevangelium, Kapitel 11 Vers 28:

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 

Ich höre hier keine Einschränkung. Wenn ich schwer zu tragen habe an meinen unbeantworteten Fragen und ich Grund zur Klage in meinem Leben habe, kann ich das vor Jesus ablegen. Ohne Ausnahmen und ohne besonders fromm formulierte Sätze. Jesus möchte, dass ich ihm alles offenlege. Meine Momente der Freude, meine Zeiten des Leidens, meine Hoffnungen und Träume, meine Zweifel und auch meine Abgründe und die dunklen Ecken meines Herzens, die ich mit sonst niemandem teile. Jesus will mich als vollständigen Menschen. Mit Haut und Haaren, wie man so sagt.

Aber ... was nutzt das Klagen eigentlich? Es geht im ersten Schritt um das Aussprechen. Das ist wörtlich zu verstehen. Wenn ich Gedanken des Zorns, Bitterkeit und Enttäuschung in mir selbst verschließe, werden sie mich über kurz oder lang von innen vergiften. Deshalb ist es wichtig, dass ich sie aus mir heraus-spreche. Das löst meine Probleme zwar nicht zwangsläufig, öffnet aber den Weg zu Frieden und Trost.

Wenn ich meine Klage vor Gott ausbreite, erzähle ich ihm nichts Neues. Gott braucht diese Informationen nicht, weil er sowieso Bescheid weiß. In Psalm 139 Vers 4 sagt David zu Gott: „Das Wort ist noch nicht auf meiner Zunge – siehe HERR, du weißt es genau.“

Es geht im Gespräch mit Gott, sei es Klage oder Lob, also gar nicht um Information, sondern um Beziehung.

Jeremia bringt seine Not und seinen Zorn vor Gott und tut das innerhalb seiner Beziehung zu Gott. Er wendet sich nicht ab. Und Gott wendet sich auch nicht ab. Er sucht sich keinen neuen Propheten, der vielleicht belastbarer oder folgsamer wäre.

Und schließlich schaue ich auf denjenigen, der die Grundlage, der Anfänger und Vollender meines Glaubens ist. Jesus selbst ist in großer Not gewesen und hat Angst gehabt. Im Markus-Evangelium Kapitel 14 ist davon zu lesen. Bevor er gefangengenommen und schließlich gekreuzigt wird, sagt Jesus von sich selbst: „Meine Seele ist tief betrübt bis zum Tod.“

Wenn also Propheten, Psalmdichter, Könige und Jesus selbst ihre Not vor Gott bringen können, dann kann ich das auch tun. Ich will nicht versäumen, dass ich die Momente der Freude und der Dankbarkeit in meinem Leben vor Gott feiere. Ich will aber auch daran denken, dass ich meine Klagen vor Gott nicht zurückhalten muss. Gott hält das aus, und Gott ist treu.

Autor: Andreas Achenbach

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