ERF Plus - Bibel heute

Jeremias fünfte Klage


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Mein Herz ist dankbar für die Ehrlichkeit der Bibel. Hier wird nichts zensiert, beschönigt oder ausgelassen. Ich begegne einem Mann, der am Ende seiner geistigen Kräfte ist. Er schreit sein Leid Gott entgegen und das fesselt mich vom ersten Satz an. Mein Herz identifiziert sich mit seinen Klagen. Seine Worte führen mich direkt zu Zeiten in meinem Leben, in denen ich ähnlich zu Gott geschrien habe.

Jeremia redet sich den Schmerz und die Frustration von der Seele. Dies lässt ihn tiefer in sein Herz vorstoßen. Unter der hoffnungslosen Asche verbirgt sich der glühende Kern seiner Identität. Hier pulsiert das Leben. Dieser Mann weiß, dass sein Gott siegen wird. Er ist gewiss, dass ihn nichts von Gott trennen kann. Gott wird ihn voller Treue und Liebe tragen.

Diese Gedanken sind wunderschöne Hinweise auf die Worte von Paulus, der hunderte Jahre später im Brief an die Römer sagt: „Nichts kann uns von seiner Liebe trennen. Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder unsere Ängste in der Gegenwart noch unsere Sorgen um die Zukunft, ja nicht einmal die Mächte der Hölle können uns von der Liebe Gottes trennen.“ (NLB Römer 8,38-39)

Mit diesen Worten im Herzen entspinnt sich vor meinem inneren Auge ein Film. Ich sehe mich auf einem hohen Berg neben Jeremia stehen. Er ist ein wenig gebückt von seiner ganzen Last und stützt sich auf einen Stock. In seinen Augen ist die Verzweiflung, doch tief darunter lodert die Glut der Liebe Gottes. An dieser Stelle lege ich ihm meine Hand auf die Schulter und spreche ihm Worte zu wie: „Du bist auf dem richtigen Weg. Du hast die Wahrheit erkannt. Bleibe an Gott dran und du wirst das schaffen!“ In meinem Film setzt nun im Hintergrund erst leise, dann immer mächtiger, eine triumphale Melodie ein. Die Kamera dreht sich in einem langsamen Panorama-Schwenk um uns herum und am Horizont geht die Sonne unter. Jeremia schaut mich an, richtet sich auf und wir schreiten gemeinsam ermutigt zurück ins Tal.

So geradlinig und klar sollte das Leben doch eigentlich sein. Natürlich läuft nicht immer alles perfekt. An Jeremias innerem Kampf sehe ich das ganz deutlich. Er klagt zuerst sein Leid Gott. Dabei findet er neues Vertrauen in der Kraft und Liebe seines Vaters. Gestärkt durch diesen Zuspruch tritt er dann furchtlos seinen Aufgaben entgegen.

So oder so ähnlich verlaufen doch die meisten Heldengeschichten. Der Protagonist muss sich einer Aufgabe stellen. Diese kann kaum zu schmerzhaft oder zu grausam sein. Der Held muss wirklich leiden. In seiner Verzweiflung findet er dann aber durch gute Berater die übermenschliche Kraft, seinen Feinden entgegenzutreten und diese zu besiegen. Seine Läuterung gibt ihm das Vermögen, Dinge zu tun, von denen er vorher nur zu träumen wagte. Als Zuschauer liebe ich es, diesem Verwandlungsprozess zuzuschauen. Ich fiebere mit dem Helden mit. Ich identifiziere mich mit seinen Herausforderungen und bewundere ihn für das, was er daraus macht.

Was würde nun aber passieren, wenn der Protagonist auf halber Strecke aufgibt? Was, wenn er wieder in seine alten Muster zurückrutscht und einfach so bleibt? Ich kenne kaum eine Geschichte auf der Leinwand, die so verläuft. Solch ein Ausgang ist einfach nicht attraktiv. Ich will, dass mein Held gewinnt. Ich will, dass er stark und unbesiegbar wird. Sein Triumph sollte am besten in 120 Minuten Laufzeit kommen. Zu lange möchte ich mit ihm nämlich auch nicht mitleiden. Zu viel Leid und Zweifel sind für mich ja dann doch eher belastend und abstoßend.

Mir selbst ist in einer leidvollen Zeit diese Erwartung begegnet. Zuerst waren Bekannte und Begleiter ehrlich berührt von meinem Leid. Sie nahmen Anteil und das tat mir gut. Nach einer gewissen Zeit änderte sich die Atmosphäre aber spürbar. Ich kämpfte mich mühsam Schritt für Schritt aus meinem Tal heraus. Vielen war ich eindeutig zu langsam dabei. Sie konnten es nicht aushalten, dass meine Geschichte nicht nach 120 Minuten zum Happy End kam. Diese Erfahrung tat echt weh. Ich fühlte mich oft einsam und nicht verstanden.

Mein Herz ist dankbar für die Ehrlichkeit der Bibel. Hier wird nichts zensiert, beschönigt oder ausgelassen. Ich begegne einem Mann, der am Ende seiner geistigen Kräfte ist. Er schreit sein Leid Gott entgegen und das fesselt mich vom ersten Satz an. Nach dem anfänglichen Blick auf die Asche schauen wir auf die lodernde Glut seines Herzens. Hier ist der Text aber nicht zu Ende. Die Kamera fährt nun wieder in die Totale. Diese zeigt den Blick auf die Asche seines Lebens.

An der Oberfläche ist Jeremia weiterhin ein geächteter Mann. In seinen Gedanken wäre er am liebsten noch nicht einmal geboren. Er hadert weiterhin mit seiner Aufgabe und die Welt bleibt grau.

Ich möchte so glauben, wie Jeremia. Die Kehrtwende vom Ausgestoßenen zum Helden in 120 Minuten ist Stoff für die Leinwand. Seine Heldenreise ist lebenstauglich. Jeremia gibt mir die Sicherheit, dass ich vor Gott so sein darf wie ich bin. Ich lebe in einer Zwischenzeit. Ich bin jetzt schon sein Kind. Ich habe das ewige Leben und nichts kann mich mehr von seiner Liebe trennen. Gleichzeitig bin ich noch nicht da. Das Grau des Lebens ist noch real. Ich stehe an Jeremias Seite und teile seine Herausforderungen.

Gottes Liebe lässt die Glut meines Herzens immer mehr aufflammen. Ich schaue darauf und bin getrost. Er ist meine Identität. Er macht alles gut. Ich lade Sie ein, diese Heldenreise mit Gott mutig zu beschreiten. Wir dürfen Gott mit allen Gedanken und Gefühlen begegnen. Er ist geduldig und sanftmütig. Er versteht unsere Last und trägt sie mit. Mit diesem Gott können wir durch das dunkle Tal wandeln und über Mauern springen. Er reicht uns mit Jesus, dem Sohn Gottes, seine durchbohrte Hand. Halten wir uns daran fest.

Autor: Christian Bangert

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