ERF Plus - Bibel heute

Jesus vor Pilatus und Herodes Antipas


Listen Later

Um den Ablauf des Gerichtsprozesses von Jesus von Nazareth besser nachvollziehen zu können, finde ich es ratsam, die entsprechenden Berichte in allen vier Evangelien nachzulesen. Mit dieser Vorgehensweise erschließen sich mir zwei Phasen des Prozesses: eine jüdische und eine römische. Den jüdischen Teil mit den Anhörungen vor den Hohenpriestern Hannas und dessen Schwiegersohn Kajaphas, sowie der Vorhörung vor dem Hohen Rat hat Jesus bereits durchlaufen. Der Hohe Rat entspricht dem obersten jüdischen Gerichtshof. Dieses Gremium ist zu dem Entschluss gekommen, dass Jesus die Todesstrafe verdient hat. Doch den Juden ist es untersagt, ein Todesurteil zu fällen. Hierfür bedarf es der Autorität der römischen Besatzungsmacht. Und so wird Jesus gezwungenermaßen zu Pontius Pilatus geführt. Und genau an dieser Stelle steigt die heutige Bibellese im Lukas-Evangelium in den römischen Teil des Prozesses ein.

Jesus wird angeklagt

Pilatus ist vom römischen Kaiser Tiberias als Statthalter über Judäa und Samaria eingesetzt worden. Somit gehört auch Jerusalem zu seinem Kompetenzbereich. Der Hohe Rat beschuldigt Jesus sowohl eines jüdischen Vergehens als auch eines politischen Verbrechens. Gotteslästerung, Rebellion gegen die vom Kaiser verhängten Steuern und die Behauptung, ein König zu sein, das sind die Anklagen.

Die religiösen Anschuldigungen interessieren Pilatus als Nichtjude reichlich wenig. Aber der Hoheitstitel „König“ lässt Pilatus aufhorchen. So fragt er Jesus selbst: „Bist Du der König der Juden?“ „Du sagst es!“, antwortet ihm Jesus. Im Johannes-Evangelium wird die entsprechende Szene etwas ausführlicher beschrieben. Hier erwähnt Jesus z.B., dass sein Königreich nicht von dieser Welt ist. Ach so, ein König von einer anderen Welt! Darin erkennt Pilatus nun wahrhaftig keine Gefahr für Rom. Wegen vermeintlichen Wunschdenkens und reger Phantasie dieses Wanderpredigers sieht Pilatus keine Veranlassung, die Todesstrafe zu verhängen.

Aber die Ankläger geben keine Ruhe. Jesus habe von Galiläa aus seine Lehre im ganzen jüdischen Land verbreitet. Hoppla! Jesus, ein Galiläer! Dadurch eröffnet sich für Pilatus eine Möglichkeit, sich geschickt und ohne Gesichtsverlust dieser aufgebrachten Meute, samt Jesus, zu entledigen. Für einen Galiläer ist Herodes Antipas zuständig, so seine Argumentation. Dieser ist Tetrach, also Viertels Fürst des Reiches seines bereits verstorbenen Vaters Herodes des Großen. Sein Zuständigkeitsbereich umfasst die Gebiete Galiläa und Peräa. Wegen der anstehenden hohen Festtage der Juden weilt dieser, ebenso wie Pilatus, gerade auch in Jerusalem. Denn, bei den Massen von Pilgern, besteht eine reale Gefahr von Aufständen der Juden gegen die römische Besatzungsmacht.

Die Zuständigkeit wechselt

Somit gibt Pilatus den weiteren Verlauf des Prozesses in die Hände von Herodes Antipas. Dieser freut sich sogar, Jesus endlich einmal persönlich zu begegnen, denn er hat schon viel von ihm gehört. Herodes erhofft sich, Zeuge eines Wunders zu werden. Doch darauf lässt Jesus sich nicht ein. Herodes ist aber noch aus einem anderen Grunde an Jesus interessiert. Er hält ihn nämlich für den wiedererweckten Täufer Johannes, den er hat enthaupten lassen. (Markus 6,16) Mit diesem Hintergrundwissen lässt sich vielleicht auch folgende Bibelstelle erklären, in der berichtet wird, dass Pharisäer Jesus vor Herodes warnen, weil dieser ihn töten wolle. ( Lukas 13,31-32) Jesus sieht diese Warnung aber ganz gelassen und bezeichnet Herodes in diesem Zusammenhang nur anerkennend als „Fuchs“, also als sehr gewieft.

Welche interessante Persönlichkeit muss dieser Galiläer für Herodes gewesen sein! Doch Jesus enttäuscht den römischen Regierungsbeamten. Eine Wundershow bleibt aus und Jesus beantwortet auch keine Fragen. So kann ich mir gut vorstellen, dass die Enttäuschung von Herodes in Wut und Verachtung umgeschlagen ist. Verhöhnt und verspottet wird der sich selbst ernannte König mit einem Prunkgewand bekleidet und samt seiner Ankläger wieder zu Pilatus zurückbeordert. Der heutige Bibeltext endet mit der Aussage, dass Herodes und Pilatus an diesem Tage ihre Feindschaft beenden und zu Freunden werden.

Wie ist das möglich?

Ich habe mich schon oft gefragt: Was kann der Grund für die Feindschaft und spätere Versöhnung dieser beiden Männer gewesen sein? Ein Blick auf die heutige politische Bühne zeigt mir, dass sich Streitigkeiten um Machtverhältnisse und Kompetenzen durchaus schnell steigern und in Feindschaft und Schuldzuweisung enden können. Hat sich Pilatus an so eine Situation erinnert?! So berichtet Lukas tatsächlich von einer Begebenheit, in der Pilatus galiläische Pilger ermorden ließ und dafür sorgte, dass sich ihr Blut mit dem der Opfertiere vermischte. (Lukas 13,1) Durchaus denkbar, dass Herodes sich geschmeichelt fühlte, dass Pilatus nun ihm den Galiläer Jesus überließ, um über dessen Leben zu entscheiden.

Abschließend stellt sich mir auch noch eine weitere Frage: Warum haben bis zu dem Zeitpunkt, an dem die heutige Bibellese endet, zwei römische Machthaber Jesus bisher nicht verurteilt, obwohl der Druck der Ankläger doch sehr hoch ist? Ich glaube tatsächlich, dass Pilatus und auch Herodes davon überzeugt sind, dass Jesus unschuldig ist. Und sie wollen sich von einem aufgebrachten Mob zu keinem Urteil zwingen lassen. Ja, mehr Rückgrat, das ist aus meiner Sicht auch bei so manchem aktuellen Irr- und Wahnsinn dringend vonnöten. Ebenso bin ich der Meinung, dass Pilatus und Herodes etwas von der Heiligkeit Jesu gespürt haben, welche sie von einem leichtfertig gesprochenen Todesurteil abhält. 

Eine weitere Möglichkeit sehe ich darin, dass Satan seine Hände mit im Spiel hat. Das Erlösungswerk Gottes, welches die Trennung zwischen Gott und Mensch ein für alle Male zunichtemachen soll, steht unmittelbar bevor. Die freiwillige Entscheidung von Jesus, sein Leben als Sühne für die Sünden der Menschheit hinzugeben, ist in greifbare Nähe gerückt. Der Widersacher Gottes weiß, wenn Jesus seine Mission erfolgreich abschließen kann, so bedeutet das nicht nur den Sieg über den Tod, sondern auch über seine eigene Person. Diese These mit Satan begründe ich mit einer Begebenheit, die in den Evangelien von Matthäus und Markus festgehalten ist. Jesus hat seinen Jüngern die Notwendigkeit seines Todes und der späteren Auferstehung erklärt. Doch der Apostel Petrus will das nicht akzeptieren. Daraufhin wird Petrus von Jesus mit folgenden Worten scharf angegangen: „Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“ (Matthäus 16,21-23 und Markus 8,33)

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine von Gott geschenkte Gewissheit über den Sinn des Leidensweges Jesu, seines Todes am Kreuz und die Tragweite des leeren Grabes am Ostermorgen.

Autor: Angelika Woidich

Gerne stellen wir Ihnen unsere Inhalte zur Verfügung. Und würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende fördern. Herzlichen Dank! Jetzt spenden

...more
View all episodesView all episodes
Download on the App Store

ERF Plus - Bibel heuteBy ERF - Der Sinnsender

  • 5
  • 5
  • 5
  • 5
  • 5

5

1 ratings


More shows like ERF Plus - Bibel heute

View all
ICF München | Podcast by ICF München e.V.

ICF München | Podcast

7 Listeners

Johannes Hartl über die Philosophie des wahren Lebens by Dr. Johannes Hartl

Johannes Hartl über die Philosophie des wahren Lebens

10 Listeners

Das Wissen | SWR by SWR

Das Wissen | SWR

109 Listeners

Worthaus Podcast by Worthaus

Worthaus Podcast

6 Listeners

ERF Plus - Wort zum Tag by ERF - Der Sinnsender

ERF Plus - Wort zum Tag

0 Listeners

ERF Plus - Anstoß by ERF - Der Sinnsender

ERF Plus - Anstoß

1 Listeners

Psychologie to go! by Dipl. Psych. Franca Cerutti

Psychologie to go!

48 Listeners

Spektrum-Podcast by detektor.fm – Das Podcast-Radio

Spektrum-Podcast

17 Listeners

Unter Pfarrerstöchtern by DIE ZEIT

Unter Pfarrerstöchtern

61 Listeners

11KM Stories by Tagesschau

11KM Stories

299 Listeners

Quarks Daily by Quarks

Quarks Daily

39 Listeners

Das Wort und das Fleisch by Worthaus

Das Wort und das Fleisch

3 Listeners

Die Ernährungs-Docs - Essen als Medizin by NDR

Die Ernährungs-Docs - Essen als Medizin

21 Listeners

Kalenderblatt by Deutschlandfunk

Kalenderblatt

2 Listeners

Gedanken zur Tageslosung by Christus Zentrum Arche Elmshorn

Gedanken zur Tageslosung

1 Listeners