
Sign up to save your podcasts
Or


Ein stürmischer, nasskalter Tag im Herbst. Im Unterhemd stürmt ein Mann herein. Er schwitzt, der Kopf hochrot. Schwer atmend legt der Herr eine Uhr auf den Tresen. „Alles in Ordnung bei ihnen?“, erkundigt sich Nadja. Der Mann genervt: „Mach mal schnell hier. Ich bin gerade bei der Susi gegenüber. Die ist so geil. Für 50 Euro mehr macht die alles.“ Nadja lacht.
Nadja berichtet von ihrem zweiten Arbeitstag, der sie schlagartig in die Welt des Kiezes katapultierte. Von Kunden, die täglich kommen, manche sogar mehrfach am Tag. Von höchst speziellem Pfand und dem wertvollsten „atemberaubenden“ Stück, das sie mal annahm. Sie erzählt von der Not ihrer Kunden und den Schicksalen, die sie ganz besonders berührt haben. Und auch von Beschimpfungen und dem einen Mal, als es brenzlig für sie wurde. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen die Pfandleiherin in der Filiale von „Grüne’s Leihhäuser“ an der Reeperbahn.
Carolin mag Wurst. Dass sie sie irgendwann über haben könnte – für sie unvorstellbar. Jeden zweiten Tag isst sie eine. Mindestens. „Ich muss ja auch probieren, ob sie noch schmecken.“ Klar, Qualitätskontrolle. Aber nach so vielen Jahren? Da hat man ja vielleicht das Bedürfnis zum Vegetarier zu werden. Carolin reißt die Augen auf. „Ich? Vegetarier?“ Sie lacht eine donnernde, tiefe Lache. „Noch nicht mal vielleicht.“ Carolin Schultze ist die Wurst-Königin vom Kiez. Seit 30 Jahren betreibt sie gemeinsam mit ihrem Bruder den Kult-Imbiss „Lucullus“ an der Reeperbahn/ Ecke Davidstraße.
Die Wurst-Chefin berichtet von ihrer Kindheit im Wohnwagen, von Krokodil-Ringkämpfen auf Volksfesten, dem Aufwachsen zwischen Ankommen und Aufbrechen. Von 35 Schulen im Jahr und dem Moment, als sie sesshaft wurde. Sie erzählt von prügelnden Gästen, den Schattenseiten des Jobs und einem Promi, den sie mal retten musste. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen Carolin Schultze in ihrem kleinen Büro zwischen Wurst-Bude und öffentlicher Toilette.
Der Kiez ist seit jeher ein Amüsierviertel. Für Sarah ein funktionierendes Ökosystem von leben und leben lassen. Doch die Zeiten haben sich geändert. Bars, Clubs und Konzerthäuser verschwinden. Stattdessen Dönerbuden, Kioske und Hotels.
Sie erzählen von den schönsten Momenten im Musikbusiness, von absurden Wünschen der Künstler und von der „Schwurbel-Affäre“, die sie bis heute verfolgt. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen die Club-Kenner in der „Prinzenbar“ auf dem Kiez.
Fiona mag es im Mittelpunkt zu stehen. Sie präsentiert gerne ihren schlanken, tätowierten Körper. Macht Spagat auf den Tischen, räkelt sich kopfüber an der Stange und lässt langsam die Hüllen fallen. Die Frau mit den langen, rot gefärbten Haaren ist Stripperin und Managerin im „Pearls“ auf der Reeperbahn. „Ich liebe meine Arbeit“, sagt die 29-Jährige. Doch es ist auch ein harter Job.
Im Takt seines Ganges schwingt der weiße, fast bodenlange Fellmantel die Davidstraße
Götz berichtet von Drogenarien, Sexorgien bei Bhagwan in Indien und revolutionären Bühnenauftritten. Von der Zeit als er noch „Bruder Barner“ war und eine Ausbildung zum Diakon machte. Von den Jahren, in denen er mit Corny Littmann und der schwulen Theatergruppe „Brühwarm“ durch die Lande tourte, das Jugendamt die Ausweise vor der Tür kontrollierte und sie schrill waren „bis zum geht nicht mehr“.
Er berichtet von seiner Zeit mit Rio Reiser und seinem Haschischbeet hinter dem „Ton-Steine-Scherben“-Haus in Fresenhagen. Von den Jahren, als er Schmuck für große Unternehmen fertigte. Und vom Kiez, „der Leiche, die man pflegt und künstlich beatmet.“ Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen den „White Dandy“ im „Erotic Art Museum“ auf St. Pauli.
Heinz-Diego, Domenica, Horst. Alle sind gegangen. Herbert schüttelt traurig den Kopf. Kein einziger seiner alten Weggefährten sei noch am Leben. „Das schmerzt mich sehr", sagt der Mann im gestreiften Hemd und Lederweste. Auf dem Kopf einen Hamburger Elbsegler. Vorbei die Zeiten, in denen ein entblößter Schwertschlucker die Gäste zum Toben brachte und Deutschlands bekannteste Hure ihm ihre Sorgen über den Tresen hinweg anvertraute. Herbert Wisnewski (83) ist seit 48 Jahren Wirt des „Piccadilly" an der Silbersacktwiete und verrät, wie es mit Hamburgs ältester Schwulenkneipe weitergeht.
Herbert berichtet von seiner Kindheit in Erfurt. Mit der dominanten Großmutter, die ihn häufig schlug. Wie er fürs Theater entdeckt wurde und später als „Blätterteig-König“ nach Hamburg kam. Von den schweren Anfangszeiten des „Piccadilly“. Als Paragraf 175 „Unzucht zwischen Männern“ unter Strafe stellte. Zivilbeamte der Fahndungskommission „Homo“ das Treiben in Schwulenkneipen beobachteten. Selbst das Tanzen von Homosexuellen hart bestraft wurde. Von seinem Streit mit der einzigen Frau, die damals den Laden betreten durfte. Von prominenten Gästen, ausufernden Festen und dem schönsten Moment seines Lebens.
Eigentlich sollte Hendrik Kupfernagel (41) bloß einen Käufer für das „Pulverfass“ an der Reeperbahn finden. Er führte etliche Gespräche. Die Angebote: Wenig seriös. Der zurückhaltende Mann mit dem Schnauzer und der ruhigen Stimme lächelt. „Tja, und dann habe ich mich in den Laden verliebt.“ Eine Liebe, gegen die auch sein Verlobter Maximilian Protsch (36) wenig ausrichten konnte. Heute sind der Steuerberater und der Psychologe Inhaber des legendären Travestie-Cabarets, das jetzt seinen 50. Geburtstag feiert. Sie haben einiges umgekrempelt. Einen „Zirkus mit Transsexuellen“, die am Ende der Show blankziehen – das gibt es nicht mehr.
Die neuen Pulverfass-Chefs berichten von dem Gezerre um das Travestie-Cabaret, wie Max reagierte, als sein „Schatz“ ihm vorschlug, das Pulverfass zu übernehmen und von der Kaufpreisvorstellung des Gründers. Von kleinen und großen Katastrophen beim Umbau und der Eröffnung während der Bauarbeiten. Vom Heiratsantrag vor Publikum, zügellosen Gästen und einer Dame, die im Klo feststeckte. Sie berichten, was sie alles geändert haben und warum die Künstler ihre Männlichkeit nicht mehr preisgeben. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen die neuen Chefs im Pulverfass.
Fanny liebt Klamotten. Ständig findet sie etwas, das sie dringend haben muss. Christian hasst shoppen. Männerklamotten kauft er nur, wenn er unbedingt etwas braucht. Absolut klassisch – würde man meinen. Allerdings handelt es sich bei den Beiden um ein und dieselbe Person. Christian Feder (34) – der Mann mit dem Ankleidezimmer voller Tussifummel. Unter der Woche Mitarbeiter eines Palliativ-Pflegedienstes. Am Wochenende Fanny Funtastic – die schrille Dragqueen mit den derben Sprüchen aus der Olivia Jones-Familie.
Christian berichtet von seinem Job in der Pflege und Menschen, die am Ende ihres Lebens stehen. Von Momenten, die ihn schwer bewegten. Vom Spagat zwischen Büro unter der Woche und prallem Nachtleben am Wochenende. Wie aus Christian Fanny wurde und welchen Unterschied es zwischen ihnen gibt. Von Problemen beim Schminken, skurrilen Gästen, blankziehenden Herren und unverschämten Taxifahrern. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen die schrille Dragqueen ganz ohne Fummel und Schminke auf dem Kiez.
Jeden Morgen bleibt er einen Moment in der Haustür stehen und schaut auf seine „fantastische Straße“ mit dem Kopfsteinpflaster, den Bäumen und den besonderen Menschen, von denen er viele kennt. Und die ihn kennen. Als Seemann „Halbe Lunge“. Der Typ mit dem Irokesen-Haarschnitt, der früher als Kapitän in der Welt unterwegs war. Der seine beiden Autos auch mal für einen Urlaub an andere Kiezianer verleiht, Obdachlosen hilft und als Aktivist Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gerettet hat. Jürgen Prey (56) ist der Kapitän vom Kiez mit dem großen Herz.
„Halbe Lunge“ berichtet von „Nutten, Schnaps und Zigaretten“. Von der Einsamkeit auf großer Fahrt und den Häfen voller Mädchen. Davon wie anders es mit Prostituierten in Südamerika abläuft. Von seinem Wunsch zu helfen – als Anwohner auf dem Kiez und als Kapitän auf dem Mittelmeer. Er spricht über seine Missionen für „Sea-Watch“. Von den Geretteten, den Toten, dem Geruch der Leichen und diesem einen Moment, den er niemals vergessen wird. Die MOPO-Reporter Wiebke Bromberg und Marius Röer trafen den Seemann in seiner Wohnung auf St. Pauli.
From the publisher's feed

183 Listeners

96 Listeners

232 Listeners

156 Listeners

15 Listeners

15 Listeners

77 Listeners

23 Listeners

28 Listeners

22 Listeners

12 Listeners

47 Listeners

26 Listeners

4 Listeners

2 Listeners