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Breitbeinig, die Arme vor der Brust verschränkt, sitzt er auf dem roten Ledersofa. Schwere Goldkette, Tätowierungen an Hals und Händen. Der Blick gespielt finster. Ein ganz schön harter Kerl, mag man meinen. Besonders, wenn seine laute raue Stimme erklingt. Doch hinter dem harten Kerl steckt Inkasso-Ingo. Ein Comedian und Influencer, der Millionen mit seinen Videos erreicht, in denen er die verstorbene Kiez-Größe „Inkasso-Henry“ imitiert.
Der 34-Jährige berichtet von seinen Anfängen auf dem Kiez, als er gerade mal 16 war, von seiner Drogensucht wenige Jahre später, als er manchmal vier Tage am Stück arbeitete. Er erzählt von dem Moment, den er als seinen Durchbruch bezeichnen würde, von Menschen,
Mit dem Frieda B. ist das so eine Sache. Der Club am Hans-Albers-Platz ist stets rappelvoll, jeder kennt ihn. Doch dort gewesen sein will niemand. „Wir sind halt ein Baggerschuppen“, sagt Betriebsleiterin Maren Dickers (54), die gerne mal als die „Löwenmutter“ des Ladens bezeichnet wird.
Wenn es hart auf hart kommt, steht er um drei Uhr nachts auf oder macht drei Nächte am Stück durch. Anstrengend, aber kein Problem. Schließlich ist „Viva con Agua“ wie ein Kind für Micha, und zwar eines, „dass man ein Leben lang an der Backe hat“.
Verführerisch rekelten sich die Damen auf einer Drehscheibe. Die Männer drumherum in Kabinen, sie starrten durch kleine Fenster auf nackte Haut. 30 Sekunden für eine Mark. Dann ging die Jalousie wieder runter. Wieder eine Mark. Wieder 30 Sekunden freier Blick. Was für eine Sensation, nackte Frauen außerhalb der eigenen vier Wände. Vor mehr als 30 Jahren standen die Männer für die Peepshows Schlange. Und mittendrin Ivonne Knappe. Eine junge Frau aus Westfalen, die nur durch Zufall auf dem Kiez gelandet war und sich nun als Chefin behaupten musste. Eine Welt, damals fest in Männerhand, der die 57-Jährige bis heute treu geblieben ist.
Ivonne berichtet von den Anfängen in der Peepshow „Sexy Land“, als es noch keine anderen Chefinnen im Rotlicht-Milieu gab. Sie erzählt von ihrem Leben in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen und ihrer ganz persönlichen Freiheit, die sie in Hamburg fand. Die Kiezianerin berichtet von dem Tag, als sie in ein Hinterhofbüro zitiert und eingeschüchtert wurde. Von ihrem Rodeo-Bullen, den besonders gerne entblößte Engländer ritten und von ihrem Club „The White Rabbit“ und den aktuellen Problemen auf dem Kiez, der nichts mehr für junge Frauen sei.
Alles, bloß nicht Mutti. „Bei Mutti krieg ich Pickel. Das wissen die Gäste“, sagt Inge mit tiefer, donnernder Lache. Dabei wäre der Kosename durchaus passend gewesen. 30 Jahre lang kümmerte sich Inge Malewitsch (69) um die Gäste im „Gretel & Alfons“ an der Großen Freiheit. Sie schenkte aus, hörte zu und teilte auch mal aus, wenn es nötig war.
Die gerade mal 1,54 Meter große Frau hatte den legendären Laden im Griff. Einst war er Wohnzimmer der Star-Club-Musiker. Die Stammkneipe der Beatles, in der sie zwischen ihren Auftritten schnell mal ein Bier kippten und in der die Pilzköpfe 20 Jahre lang Schulden hatten.
Inge berichtet von den alten Zeiten, als Gretel noch stets Eintopf und Mettbrötchen für die Star-Club-Musiker bereithielt. Die Beatles über der Kneipe wohnten und einmal ihren „Deckel“ nicht bezahlten. Die Schulden beglich erst Jahrzehnte später einer der Pilzköpfe. Die Wirtin erzählt von der Zeit, als ihr Mann verstarb, sie mit drei Kindern alleine da stand und zufällig vom Gast zur Kellnerin im „Gretel & Alfons“ wurde. Sie berichtet von ihrer „automatischen Aufstehhilfe“ und dem ein oder anderen Backs. Von übergriffigen Gästen, wilden Partynächten und der Veränderung auf dem Kiez. Und sie spricht über ihren Ruhestand und ihren großen Wunsch für die Zukunft.
„Kiezmenschen“ wird von KultKieztouren.de unterstützt – dem wahrscheinlich bekanntesten Anbieter von Reeperbahn-Führungen. Zusammen erzählen wir die Geschichten der Menschen, die St. Pauli ausmachen, aber in der Öffentlichkeit oft zu kurz kommen. Viele der KultKieztouren-Guides waren als „Kiezmenschen“ selber schon im Podcast zu Gast (u. a. Veuve Noire, Fabian Zahrt, Olli Zeriadtke uvm.). Die ganze Liste unter: www.kult-kieztouren.de/kiezmenschen
Hätte er doch mal eine Vorstrafe kassiert. Ein Dämpfer wäre gut gewesen, da ist sich Dennis Schmidt (50) sicher. „Verdient hätte ich es auf jeden Fall.“ Drogen, Inkasso-Aufträge, „Hamburger Zuwendungen“ – der 50-Jährige hat so einiges hinter sich.
Seit fast 30 Jahren ist er auf dem Kiez als Türsteher, Bordell-Wirtschafter und heute Security-Chef der Olivia Jones-Familie und Kult Kieztouren-Guide. Ein richtig harter Kerl, mag man meinen. Aber da sind ja auch noch die Kirchenfreizeiten, die Arbeit als ehrenamtlicher Richter und sein Job als Betriebsratsvorsitzender der Hamburger Wasserwerke.
Dennis berichtet von Spaß an der Tür, aber auch von penetranten und aggressiven Gästen. Er spricht von „Hamburger Zuwendungen“, die er früher häufiger mal verteilt hat, von brenzligen Situationen und dem einen Mal, als er sich nicht unter Kontrolle hatte. Der Security-Chef erzählt von Attacken, Drogeneskapaden, höchst fragwürdigen Inkasso-Aufträgen mit Zuhälter Thomas „Karate-Tommy“ Born und seinem Job im Bordell. Aber er berichtet auch von seinem sozialen Engagement, was die Wende in seinem Leben brachte und seinem Job als Betriebsratsvorsitzender.
Morgens um zehn in der „Ritze“. Am Stammtisch hinten links sitzt eine kleine Frau mit langen blondierten Haaren unter einem stylischen Strick-Beanie. Rote Lederhose, schwarze Lederjacke, Stiefel in Leopardenoptik. „Geilo-scheilo Bootis, oder? Ich bin nicht so der Faltenrocktyp“, sagt Carmen schmunzelnd. Müde ist sie. Die Nacht war kurz. Mal wieder. Den Abend zuvor war die Frau bei einer Geburtstagsparty. Einen draufmachen – das kann sie noch immer gut mit ihren, wie sie selber sagt, „knackigen 75“. Seit mehr als 60 Jahren ist Carmen Doose auf dem Kiez unterwegs. Schon im zarten Alter von 14 Jahren ging sie im legendären „Star-Club“ auf „Männerjagd“ und verdrehte so manch bekanntem Musiker den Kopf.
Ronny liebt das „puffige“. Ein Hauch Rotlicht-Flair, ein bisschen Glitzer, schwere Möbel, goldene Rahmen, die ein oder andere Skulptur. Und dazu ein aufwendiges Lichtkonzept. „Alles, was man sieht, was mich umgibt, reflektiert mein Inneres“, sagt der Mann, der sich selber als Paradiesvogel bezeichnet.
Vor 36 Jahren über die Prager Botschaft in den Westen geflüchtet, machte er sich auf die Suche nach der Freiheit. An der Seite eines Millionärs. In einer Schwulenbar. Und als „singender Kellner“. Seine Freiheit fand er schließlich auf dem Kiez. Anfangs als Betreiber eines Männer-Puffs, betreibt Ronny Petzet (58) heute die Pension „Chez Ronny“ an der Reeperbahn und die Cocktailbar „Chez Ronnys Lounge“ an der Silbersackstraße.
Von der Volksarmee zum Betreiber eines Männer-Puffs
Der Paradiesvogel berichtet von seiner Arbeit bei der Nationalen Volksarmee, dem Moment, als er spontan entschied, in den Westen abzuhauen. Wie er die historische Balkonrede von Genscher und seine Einreise mit Bananen und Haribo im Westen erlebte. Er erzählt von seinem Job in einer Schwulenbar, dem Leben an der Seite eines alternden Millionärs und seinem Weg auf den Kiez als Inhaber eines Männer-Puffs. Und Ronny berichtet, was man so alles erlebt, als Betreiber einer Bar und einer Pension mitten an der Reeperbahn.
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