ERF Plus - Bibel heute

Klage und Trost eines Leidenden (1)


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Eine meiner Bekannten sagt: „An uns Christen geht doch nichts vorbei.“ Sie meint damit die Drogenabhängigkeit des eigenen Sohnes, die gescheiterte Ehe der Freundin, die todbringende Krankheit eines Kollegen. Gründe für diese Schicksale wird es geben. Manche Fragen finden aber keine Antworten. Manche Frage bleibt ungelöst, rätselhaft. Es gibt noch offene Fragen an Gott.

Äußerst selten verläuft ein Menschenleben geradlinig, so dass unsere Wege immer ganz klar erscheinen. Nach Erlebnissen und Erfahrungen von Gottes Nähe kommen Zeiten, in denen Gott ganz weit weg erlebt wird.

Ein Leben mit Gott ist keineswegs immer leicht. Es gibt so manche Hürde zu überspringen. Mal gelingt das. Mit Gottes Hilfe, so kann man es sagen. Ein anderes Mal gelingt es nicht. Da gibt es keinen göttlichen Beistand, keine Lösung der so quälenden Probleme.

Auch dem Schreiber unseres Bibelabschnitts ergeht es so. Um genau zu sein, muss erwähnt werden: Es ist gar nicht klar, wer diese Zeilen schrieb. War es ein einzelner oder eine Gruppe? Haben es wenige für ein ganzes Volk geschrieben?  Wie auch immer – die Ausgangslage, in der diese Zeilen entstanden, war entsetzlich. Es ist von schlimmen Zeiten die Rede. Alles Gute, alles Wertvolle ist weg. Nichts ist mehr da, was das Leben lebenswert macht. Von der heute oft zitierten Lebensqualität kann keine Rede sein. 

Hab und Gut, Ehre und Ansehen, Jugend und Gesundheit – nichts davon ist mehr da. Der Schreiber fühlt sich verlassen von Gott. Unser Bibeltext ist ein wahrer Aufschrei. Ein Schreien, ein Wettern, ein Zetern gegen Gott. Gott scheint den Schreiber der Zeilen nicht nur verlassen zu haben. Er scheint ihn fertig zu machen, kaputt zu machen, er scheint ihn zerstören zu wollen. Schlimmer geht’s eigentlich nicht. Not und Elend sind die Begleiter des Schreibers dieser Zeilen. Er ist bitter geworden und einsam. Er leidet und schreibt sich seine Klage vom Hals.

Klagen – das bedeutet weinen und trauern. Zweifeln, verzweifeln an einem Leben ohne Aussicht auf Besserung, ohne Zuversicht, ohne Hoffnung. Es ist eine dunkle, eine rabenschwarze Zeit ohne Frieden und ohne Hoffnung.

Dann mischt sich plötzlich ein anderer Farbton in seine Lebensgeschichte. In das tief dunkle Tal kommt Licht hinein. Trotz all des Elends keimt Hoffnung auf. Der Schreiber erinnert sich an alte, längst vergessen geglaubte Erfahrungen mit Gott. Trotz all seiner aktuellen Nöte erinnert er sich an Gottes Wesen. DER HERR ist doch ein Gott der Güte und Barmherzigkeit, so sagt er sich selber. Auch wenn er davon überhaupt nichts spürt, so gehen seine Gedanken nun doch zu Gottes eigentlichem Wesen. Und dieses Wesen heißt Güte, Barmherzigkeit, Liebe.

Zwar verbirgt sich Gott in gewissen Zeiten unseres Lebens in dunklen, schweren Phasen. Wir ahnen, dass Gott uns verlassen hat. Wir meinen dann, weil Gott uns vergessen hat, müssen wir all das Schwere erleiden. Sieht ER mich gar nicht? Hört ER mein Schreien und Flehen nicht? Sind IHM meine Klagen egal? Bin ich IHM egal? Was klagte nicht alles der Schreiber unseres Bibeltextes. Und gerade, als er so voller Fragen war, geschah eine Wende in ihm. Als er seine Not formulierte, als seine Verzweiflung aus ihm herausbrach und er sie Gott hinhielt, geschah eine Veränderung in ihm: Hoffnung keimt auf. So gesellt sich zur Klage die Hoffnung.

Mancher fragt auch heute in den schmerzhaften Zeiten seines Lebens: „Wo bist Du denn, Gott? Ich sehe Dich nicht. Ich spüre Dich nicht. Wo bist Du denn?“ In diesen Zeiten wird nicht nur der Glaube an Gott infrage gestellt. Gott selbst kann in diesen Zeiten infrage gestellt werden.

Ich erinnere mich an die Grenzerfahrungen des Lebens, von denen meine Bekannte sprach.

In diesen Situationen ist es so wichtig, Gottes eigentliches Wesen nicht zu vergessen.  Konkret heißt das, sich an Gottes Güte und seine Barmherzigkeit zu erinnern. Niemals sind Strafe und Leiden das Letzte, was er für uns will. Er ist uns in seinem Handeln und seinen Entscheidungen keine Erklärung schuldig. Er muss sich uns gegenüber nicht rechtfertigen. Denn er ist Gott und als solcher souverän. Gleichzeitig gilt ebenso, dass er sich an uns gebunden hat. Das war, als er seinen einzigen und geliebten Sohn zu uns auf die Welt sandte. Da bekam Gottes eigenes Wesen Hand und Fuß. Gott wurde Mensch. Einziger Beweggrund dafür ist Gottes unendliche Liebe zu uns. Diese Liebe zeigt ihn als gütigen und barmherzigen HERRN.

Wohl ist diese Liebe nicht immer sichtbar. Sie kann verborgen sein. Dann gilt es für uns dranzubleiben, geduldig zu sein, wieder und weiter zu hoffen. Denn sein letztes Wort an uns ist Gnade und Barmherzigkeit.

Wie geht das mit der Geduld, wenn es mir wirklich ganz schlecht geht? Kennen Sie das Sprichwort: „Jedes Haus hat sein Kreuz“? Mit dem Kreuz sind hier die dunklen Zeiten gemeint, in denen wir nichts von Gott sehen.

Ich ändere mal das Sprichwort und sage: „Mit meinem Haus hin zum Kreuz“. Dort am Kreuz beim leidenden Jesus werde ich gestärkt mit Geduld und neuer Hoffnung auf die Liebe Gottes zu mir. Ich mache die Erfahrung von Gottes Nähe. Trotz allem Schweren im Leben. Am Kreuz verwandeln sich Schmerzen in die Kraft zum Tragen und in Hoffnung auf neue, gesegnete Zeiten.

„An uns Christen geht auch nichts vorbei.“ Das stimmt, und trotzdem gilt es zu glauben und zu hoffen. Das alles in der Gewissheit, dass am Ende auch der dunkelsten Zeiten Gott selbst unser Leben wieder hell macht. Sein letztes Wort ist Güte und Barmherzigkeit. Und darauf ist Verlass.

Autor: Gundula Opitz

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