ERF Plus - Bibel heute

Klage und Trost eines Leidenden (2)


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„Vergangene Nacht wurden wieder sechzehn Drohnen und drei Raketen auf ukrainisches Gebiet abgefeuert.“ – so lese ich im Internet. Ähnlich wie gestern und vorgestern. Seit 2 ½ Jahren geht das jetzt schon so. „Wenn es nur endlich vorbei wäre“, denke ich. Für mich ist es nur eine Meldung am Bildschirm. Für die Menschen in der Ukraine ist es bitterer Ernst. Viele haben ihre Wohnung verloren. Dörfer und Städte sind dem Erdboden gleich gemacht. Menschen sind verwundet an Leib und Seele. Gezeichnet für ihr ganzes Leben. Viele sind tot. Das Elend ist kaum zu ermessen.

Wir sind „zu Kehricht und Unrat gemacht unter den Völkern. Alle unsere Feinde reißen ihr Maul auf über uns. Wir werden gedrückt und geplagt mit Schrecken und Angst. Wasserbäche rinnen aus meinen Augen über den Jammer ... meines Volks. Meine Augen fließen und können’s nicht lassen.“[1] Das könnte ein Ukrainer gesagt haben, der sich sein Leid aus der Seele weint.

Die Worte sind allerdings viel älter. Über 2500 Jahre. Die stolze Stadt Jerusalem ist zerstört. Das Leid ist riesengroß. Ein Israelit weint sich die Augen aus dem Leib. Vermutlich der Prophet Jeremia. Seine Klage ist heftig. Und ich finde sie ungewöhnlich tief, weil sie durch und durch mit Gott rechnet. Jeremia – ich nenne den Autor jetzt einfach mal so –, Jeremia behauptet: Gott sieht all das Leid. Es entgeht ihm nicht. Ja, es geschieht sogar auf des HERRN Befehl. Denn Gott ist zornig über unsere Sünde. Die eigentliche Ursache des Leids ist menschlicher Ungehorsam gegen Gott und seine Gebote. Die eigentliche Ursache des Leids ist die Sünde.

Das sind steile Aussagen. Wie geht es Ihnen damit? Möchten Sie protestieren und sagen: „Das ist nicht der Gott, an den ich glaube! Ich glaube an einen Gott, der vergibt und nicht vergilt! Ich glaube an einen Gott, der liebt und nicht zürnt! Ich glaube an einen Gott, der aufbaut und nicht zerstört!“

Jeremia würde Ihnen zustimmen. Ich auch.

Aber welche Rolle spielt dann Gott im Leid überhaupt noch? Wenn Blutvergießen geschieht, muss ich da Gott komplett herauskürzen? Hat er mit den Kriegen dieser Welt überhaupt nichts zu tun? Ist er quasi blind und lahm und ahnungslos, was das Leid der Welt betrifft?

Wenn ich so denken würde, hätte ich ein sehr flaches Gottesbild. Ich müsste dann die Katastrophen dieser Welt ganz ohne Gott erklären. Ebenso persönliches Leid und Schicksalsschläge. Gott wäre im Leid erst einmal weg. Er wäre im wahrsten Sinne des Wortes welt-fremd. Und wenn ich Glück hätte, käme er schließlich wie ein Notarzt herbeigeeilt, um zu helfen und zu retten.

Jeremia sieht das anders. Schauen wir genauer hin. Ist Gott ahnungslos, wenn Kriegsgefangene gefoltert werden? Ist Gott ahnungslos, wenn ein friedlicher Mensch durch ein Willkürregime zu zehn Jahren Straflager verurteilt wird? Jeremia sagt: Gott sieht solches Unrecht. Jeremia schreibt: Wenn man alle Gefangenen auf Erden unter die Füße tritt und eines Mannes Recht vor dem Allerhöchsten beugt und eines Menschen Sache verdreht – sollte das der Herr nicht sehen? Ja noch mehr: Gott sieht das Unrecht nicht nur, er macht es sogar. Wir lesen: Wer darf denn sagen, dass solches geschieht ohne des Herrn Befehl und dass nicht Böses und Gutes kommt aus dem Munde des Allerhöchsten? Gott lässt das Leid also nicht nur zu, sondern er verursacht es. Dabei erscheint Gott als unser Feind, was Jeremia ihm im Gebet auch entgegenschreit: Du hast dich in Zorn gehüllt und uns verfolgt und ohne Erbarmen getötet. Du hast dich mit einer Wolke verdeckt, dass kein Gebet hindurchkonnte. Du hast uns zu Kehricht und Unrat gemacht unter den Völkern.

Aber warum tut Gott so etwas? Ist es Willkür? Macht es ihm Spaß, uns zu quälen?

Ganz im Gegenteil. Gott will, dass wir umkehren. Er nötigt uns gerade dazu, dass wir, dass die Menschheit den Weg der Selbstzerstörung, der Gier, des Hasses, des Tötens nicht weitergeht. Als Gedemütigte, als an Seele und Leib Verletzte sollen wir uns Gott neu zuwenden. Jeremia sagt: Lasst uns erforschen und prüfen unsern Wandel und uns zum HERRN bekehren!

Verstehen kann ich diese Botschaft nur, wenn ich Gott nicht aus dem Leid herauskürze, sondern wenn ich erkenne, dass Gott mitten im Leid da ist und mich zu etwas bewegen will, nämlich zur Umkehr: zum Neuanfang mit Gott.

Das gilt für den Einzelnen genauso wie für ein ganzes Volk. Es war ja nicht nur Jeremia durch die Not des Krieges am Boden zerstört, sondern ganz Judäa und Jerusalem. Auch bei uns gibt es bis heute den Buß- und Bettag, der genau diesen Sinn hat: Umkehr unseres Volkes zu Gott.

Solche Umkehr ist der Schlüssel zu einem Leben in Frieden und Glück. Denn beides hat nur Bestand, wenn Gott es schenkt.

Zurück zu Jeremia. Im Leid drehte er sich nicht um die eigene Achse. Sondern seine Klage hatte eine Richtung: er klagte sein Leid Gott und suchte Halt beim Allerhöchsten. Und er fand Hilfe.

So kann er sagen: Ich rief deinen Namen an, HERR, unten aus der Grube, und du erhörtest meine Stimme: »Verbirg deine Ohren nicht vor meinem Seufzen und Schreien!« Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht! Du führst, Herr, meine Sache und erlöst mein Leben.

Ich denke noch einmal an die vielen vom Krieg gezeichneten Menschen in der Ukraine und übrigens auch in Russland. Ich denke an das unsägliche Leid im Gaza-Streifen und in Israel. Ich denke an Menschen in Lebenskrisen und mit der Diagnose Krebs.

Was für ein Segen könnte es für sie sein, wenn sie mitten im Leid Gott entdecken. Wenn sie sich Gott zuwenden und bei ihm Hilfe suchen. Wenn sie in Jesus Christus Gottes Heiland entdecken und in ihm Trost, Frieden und Leben finden.

[1]Klagelieder 3, 45 b-49 a

Autor: Robert Augustin

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