ERF Plus - Bibel heute

Maria und Marta


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Die Sache scheint sonnenklar zu sein. Wenn Jesus sagt, dass „eines nötig ist“ – nämlich das, was Maria tut, „seinem Wort zuzuhören“ –, und wenn Jesus dies „das gute Teil“ nennt, das Maria erwählt hat – dann hat Martha offenbar kein „gutes Teil erwählt“ und nicht das getan, was „nötig“ war.

Das Gegenteil von gut ist schlecht, und das von nötig: unnötig, überflüssig. Man muss (bzw. sollte) ja nicht immer im Schema von schwarz und weiß denken – es gibt ja auch Mitteltöne, und man muss differenzieren. Aber Martha hat nach den Worten Jesu offenbar wirklich „schlechte Karten“.

Was hat sie denn Nicht-Gutes und Unnötiges getan? So müssen wir doch zumindest fragen. Doch die Antwort ist gar nicht so sonnenklar, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Im Gegenteil.

Das Erste, was wir über sie hören/lesen, ist, dass sie Jesus bei sich „aufnahm“. Er kam auf seiner Wanderung in das Dorf, in dem Martha mit ihrer Schwester Maria wohnte, beide offenbar unverheiratet, ein Frauenhaushalt. Und da hat Martha, nicht Maria, Jesus zu sich nach Hause eingeladen, um ihn zu bewirten. Martha war offenbar die ältere der beiden und so etwas wie die Chefin.

Ihr Handeln war in der Tat nicht gut und unnötig – aber nicht aus der Sicht Jesu, sondern ihrer jüdischen Mitmenschen. Denn es galt damals als sehr anstößig, wenn eine Frau, noch dazu unverheiratet, einen Mann bei sich aufnimmt – noch dazu einen so hohen Gast.

Aber Jesus? Er lässt sich das offenbar sehr gerne gefallen. Jedenfalls kehrt er ohne Bedenken und ohne Widerspruch bei ihr (und ihrer Schwester) ein. Martha hat damit das getan, worum Jesus andere Menschen sogar ausdrücklich gebeten hat – ihn bei sich aufnehmen – wie etwa Zachäus, von dem es heißt: Er „nahm Jesus mit Freuden auf“ (Lukas 19,6).

Martha wird ihre Gastfreundschaft gewiss nicht verdrießlich ausgeübt haben, sondern ebenso mit Freude – etwa über die große Ehre, die der Lehrer Jesus ihr mit seiner Einkehr bei ihr erwies. Jedenfalls macht sie sich sofort an die Arbeit. Sie will dem hohen Gast ja etwas Gutes vorsetzen. Wir dürfen davon ausgehen: das Beste, was sie zu bieten hat.

Sie bezeichnet das als „dienen“ – zu Recht. Denn das biblische Wort für Dienen stammt ursprünglich vom Tisch-Dienst ab – also genau davon, was Martha hier tut. Und Jesus dienen – das wissen wir aus anderen Zusammenhängen –, ist genau das, was wir für Jesus tun sollen.

Nach Paulus soll unser ganzes Leben ein Gottes-Dienst sein (Römer 12,1). Und zwei Kapitel vorher berichtet Lukas von (offenbar wohlhabenden) Frauen, die Jesus nachfolgten und „ihm mit ihrem Besitz dienten“ (Lukas 8,3). Sie ließen ihm (und seinen Jüngern) materielle Dinge zukommen. Dazu wird gewiss auch Versorgung mit Nahrung gehört haben, und vielleicht auch gastliche Beherbergung. Jesus ließ sich das gefallen, jedenfalls lesen wir nichts von Bedenken oder Widerspruch seinerseits.

Aber hier, bei Martha, wird die Sache plötzlich problematisch – warum das denn? Nun: weil Maria, ihre Schwester, offenbar begriffen hat, was die Stunde geschlagen hat, worauf es jetzt, in dieser Situation, ankommt, und womit sie zum leuchtenden Hintergrund wird, vor dem sich das scheinbar ebenso leuchtende Handeln Marthas als „unterbelichtet“ erweist.

Was hat Maria denn so Großes oder Gutes getan? Getan im engeren Sinne hat sie – nichts! Im Gegenteil: Sie hat Martha schaffen lassen und sich selbst dem Nichts-Tun hingegeben. Deshalb beschwert sich Martha bei Jesus ja auch darüber und bittet ihn, ihre Schwester ebenso zum Tun, zum „Dienen“, zu bewegen.

In dieser Situation ergeht die (bereits erwähnte) Antwort Jesu, die von dem „einen, was nötig ist“, spricht – und davon, dass Maria „das gute Teil erwählt“ hat. Was hat sie denn so Gutes getan – mit ihrem Nichts-Tun? Sie hat Jesus zugehört – das ist alles. Sie hat seinem Wort gelauscht.

Natürlich ist das auch ein Tun – wenn auch nicht mit den Händen, so doch mit dem Geist.

Das darf man nicht generalisieren. Wer „nur“ Gottes (bzw. Jesu) Wort hört und nichts tut, hat nicht verstanden, was Nachfolge Jesu bedeutet. Jakobus, der Bruder Jesu, hat es auf den Punkt gebracht: „Seid Täter des Wortes und nicht allein Hörer, die sich selbst betrügen!“ (Jakobus 1,22)

Genau das tut Maria aber hier: Sie hört das Wort und tut weiter nichts – und wird von Jesus dafür indirekt mit höchstem Lob bedacht! Warum? Weil sie verstanden (und praktiziert) hat, worauf es jetzt, in dieser Stunde, ankommt. Und da ist nur eines von Bedeutung: das „Hören“ auf das „Wort Jesu“.

Wie sie das tut, ist höchst anstößig: Sie „setzt sich zu den Füßen Jesu nieder“. Das taten damals nur die Schüler der Schriftgelehrten. Und es wäre keinem Schriftgelehrten je eingefallen, eine Frau zu seinen Füßen sitzen zu lassen.

Jesus jedoch würdigt dieses Verhalten als das Beste, was in dieser Situation zu tun war – als „Erwählen des guten Teils“. Und er verbindet damit die Zusage: Dieses gute Teil „soll nicht von Maria genommen werden“.

Warum? Weil es in der Begegnung mit Jesus zuallererst darauf ankommt, ihm, dem Sohn Gottes, und seinem göttlichen Wort zuzuhören. Denn davon, so sagt Jesus an anderer Stelle, lebt der Mensch: „von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht“ (Matthäus 4,4).

Vor allem Tun in der Nachfolge Jesu kommt das Hören! Sonst droht die Gefahr des eigenmächtigen Aktionismus – der sich verselbständigt und trotzdem meint, Jesus zu gefallen bzw. ihm zu dienen.

Jesus verurteilt Martha nicht – er sagt ihr nur, dass sie mit ihrem Aktionismus das verfehlt, was jetzt entscheidend ist: das Hören auf sein Wort. Denn nur daraus kann das rechte Tun in seiner Nachfolge erwachsen.

Das ist es, was immer wieder „nötig ist“, was wir immer wieder „erwählen sollen“ und was „nicht von uns genommen werden wird“ – weil wir allein davon wahrhaft leben können und es unser Tun im Sinne Jesu prägt.

 

Autor: Dr. Roland Gebauer

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