ERF Plus - Bibel heute

Nächtliches Loblied im Tempel


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Was für ein kurzer konzentrierter Psalm! Ein nächtlicher Lobgesang im Tempel, ein Aufruf für die Festpilger Zions und ein Zuspruch von Segen.

Zuerst will ich mir die Menschen vorstellen, die hinauf nach Jerusalem ziehen. Sie wollen ihren Gott feiern und anbeten. Wann geschah so etwas? Drei große Feste stehen im jüdischen Kalender: Das Pessach, das Schawuot – das Wochenfest und das Sukkot-Fest, das Laubhüttenfest (2.Mose 23/ 5. Mose 16). Das erste ist das Wichtigste. Das Fest der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten dauert sieben Tage. Mose hatte die Hebräer durch das Schilfmeer geführt. 40 Jahre waren sie als Nomaden unterwegs gewesen, bis sie endlich das Land ihrer Väter erreichten. In Gilgal haben sie Pessach gefeiert (Josua 5,10). Es war eine frohe Ankunft, ein neuer Anfang, ein Adventus nach dem Exodus, dem Auszug. Und vielleicht haben sie auch das Lied des Mose gesungen.

Auch Jesus zog mit seinen Jüngern viele Jahrhunderte später zum Pessachfest hinauf nach Jerusalem. Auf dem Wege sagte er seinen Jüngern: „Wir gehen jetzt hinauf nach Jerusalem. Dort wird der Menschensohn den obersten Priestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert werden. Man wird ihn zum Tode verurteilen (Matth. 20,17+18).“ Das war das Ziel von Jesu´ Erdenreise – seine Passion. Und der Apostel Paulus bestätigt es, indem er schreibt: „Denn Christus, unser Passahlamm, ist für uns geopfert worden (1.Kor. 5,7).“

50 Tage nach dem Pessach-Fest ziehen die Israeliten wieder hinauf nach Jerusalem. Sie feiern das Fest Schawuot. Der Anlass ist die Offenbarung Gottes mit den zehn Geboten am Berge Sinai. An diesem Festtag danken die Juden Gott, dass Er ihnen seinen Willen offenbart hat. Und sie feiern den Beginn der Erntezeit. Wir feiern heute sieben Wochen nach Ostern das Pfingstfest. Gott hat nach der Aufnahme Jesu in seine himmlische Welt die in Jerusalem zum Fest versammelten Menschen mit seinem Heiligen Geist erfüllt. Das war ein erstaunliches Ereignis und die Geburtsstunde der Kirche.

Schließlich wird zum Ende der Erntezeit Sukkot, das Laubhüttenfest, gefeiert. Es ist ein sehr fröhliches Fest – ein Erntedankfest. An sieben Tagen leben und schlafen viele Familien in einer selbst gebauten Laubhütte. Damit erinnern sie daran, dass Gott das Volk Israel auf seiner Wüstenwanderung versorgt hat.

Das Buch der Psalmen enthält 15 Lieder für das Pilgern nach Jerusalem.

„Wohlan, ihr Kinder Gottes, lobt den HERRN!“

So beginnt dieser Psalm 134. Gott loben heißt z. B., sich zu seinen Füßen niederlassen und Ihm immer wieder sagen, dass Er unendlich vollkommen, unendlich liebenswert ist. Ich bewundere seine Schönheit, seine Treue und seine grenzenlose Liebe zu uns.

Es erscheint zunächst ungewöhnlich, dass dies in der Nacht geschieht. Jeder Tag, auch der Sabbat und die Feste der Juden beginnen nach Sonnenuntergang. Die Nacht ist eine gute Zeit, um Gott anzubeten. Manche Christen versammeln sich zu Gebetsnächten. Bevor Jesus seine zwölf Jünger erwählte „zog er sich auf einen Berg zurück, um zu beten. Die ganze Nacht über verbrachte er im Gebet zu Gott.“ So berichtet es der Evangelist Lukas (6,12). Von Paulus und Silas wissen wir, dass sie gegen Mitternacht im Gefängnis „beteten und Gott mit Lobliedern priesen“ (Apg. 16,25).

Auch das war eine besondere, außergewöhnliche Situation. Nicht nur „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang“ auch in der Stille der Nacht soll Gott gelobt werden.

Im zweiten Vers von Psalm 134 wird uns die Gebetshaltung genannt: die erhobenen Hände. Die Beter strecken sich aus nach dem Empfänger ihres Lobgesanges. Sie sind schon dort, wo Gottes Ehre wohnt. Sie stehen im Tempel im Bewusstsein, dass Gott gegenwärtig ist. Wenn ich Gott anbete, stehe ich mit leeren Händen vor Ihm. Mit Herz und Mund will ich Gott, den Schöpfer dieser Welt und Vater der Ewigkeit loben. ER wohnt in den Lobgesängen seines Volkes (Ps. 22,4). Ich habe von meinen Eltern die traditionelle Gebetshaltung der gefalteten Hände übernommen, aber es geht auch anders. Mit erhobenen Händen in Ehrfurcht vor Gott stehen, das ist eine gute Haltung – und auch in Demut vor Ihm knien. Von Salomo lese ich, dass er bei der Einweihung des Tempels mit ausgebreiteten Händen vor dem Altar kniete (1. Kön. 8,54). Das ist eine sehr ehrfurchtsvolle Haltung.

David hatte den Lobpreis im Gottesdienst eingeführt und drei Gesangsleiter aus dem Stamm Levi benannt: Heman, Asaf und Etan. Von Asaf stammt auch der Psalm 77 mit dem Vers: „In meiner Not suche ich den Herrn; nachts strecke ich im Gebet meine Hände zu ihm aus und lasse sie nicht sinken.“ Da wird die Aussage aus Psalm 134 eindrucksvoll wiederholt: „Hebt eure Hände auf.“

Der Vers drei lautet in der Hoffnung für alle Bibel: „Dort auf dem Berg Zion wohnt der HERR, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Was bedeutet das Wort Zion? Zunächst war Zion eine Bergfestung, die als uneinnehmbar galt. König David gelang es, sie zu erobern und sie wurde zu seiner Festung. So wurde auch die Stadt Jerusalem Zion genannt. Nachdem Salomo den Tempel errichtet hatte, wurde Zion immer mehr zum Begriff für das Haus Gottes und die Gemeinde Israel. Jesaja prophezeit: „Stadt des HERRN werden sie dich nennen; Zion, wo der heilige Gott Israels wohnt (Jes. 60,14).“

Nathan Birnbaum erklärte 1890: „Zion bezeichnet auf poetische Weise seit alten Zeiten Jerusalem, darüber hinaus das Land Israel und die mit ihm verwachsene jüdische Nation. Der Name ist seit dem Verlust dieses Landes in der Römerzeit zum Ausdruck einer sehnsüchtigen Hoffnung auf ‚jüdische Wiedergeburt‘ geworden. Dieses Ideal hat das zerstreute jüdische Volk 2000 Jahre lang begleitet.“

58 Jahre nach dieser Erklärung wurde die Gründung des Staates Israel Wirklichkeit. Das ist für mich ein Wunder Gottes und Grund zur Freude und zum Gotteslob. Im Advent singen viele Christen „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem“.

Der Gott Israels ist ein segnender Gott, er will uns mit seiner Liebe beschenken. Wir haben Anteil an dem Segen Gottes für sein Volk, wenn wir Jesus Christus nachfolgen und Ihm dienen. So nehme ich seinen Segen für mich in Anspruch und will ihn weitergeben: „Der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, segne Sie!“

Autor: Ludwig Geisler

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