KOPENHAGEN. Das Kopenhagener Spitzenrestaurant Noma, über Jahre hinweg eines der einflussreichsten Restaurants der Welt, steht seit wenigen Tagen erneut im Zentrum massiver Kritik. Mehrere ehemalige Mitarbeitende haben in sozialen Netzwerken schwere Vorwürfe gegen den Betrieb und dessen Mitgründer sowie Küchenchef René Redzepi erhoben. Auslöser der aktuellen Debatte ist eine öffentliche Kampagne unter dem Hashtag #NomaAbuse. Die Vorwürfe beruhen bislang auf anonymen Erfahrungsberichten, deren Wahrheitsgehalt ohne Informationen über weitere Details nicht ohne Weiteres von außen überprüft werden kann. Behördliche Ermittlungen oder gerichtliche Feststellungen sind nach derzeitigem Stand nicht bekannt. Es gilt die Unschuldvermutung. Eine Entgegnung des Nomas liegt bislang nicht vor.
Die jüngsten Anschuldigungen gingen von Jason Ignacio White aus, der zwischen 2017 und 2022 das Fermentationslabor des Restaurants leitete. White veröffentlichte auf Instagram eigene Schilderungen sowie anonyme Aussagen weiterer früherer Teammitglieder und verwies auf die Website noma‑abuse.com, auf der es heißt, es seien gegenwärtig 38 anonyme Erfahrungsberichte gesammelt worden.
Die Bandbreite der erhobenen Vorwürfe ist groß. Ehemalige Mitarbeitende sprechen den auf der Website veröffentlichten Texten zufolge von einer „Kultur der Angst“, massivem psychischem Druck und Demütigungen im Arbeitsalltag. Darüber hinaus wird über angebliche körperliche Übergriffe, mangelhafte Reaktionen auf Arbeitsunfälle, medizinische Vernachlässigung sowie sexuelle Übergriffe geschrieben. Mehrere anonyme Berichte richten sich dabei ausdrücklich gegen René Redzepi persönlich.
Ein wiederkehrendes Motiv in den Schilderungen ist der Vorwurf, dass Beschwerden intern folgenlos geblieben seien und Kritiker angeblich mit beruflichen Konsequenzen hätten rechnen müssen. Auch eine angebliche „Blacklist“ für missliebige Praktikanten wird erwähnt. Eine Person sei „während des Dienstes ins Gesicht geschlagen worden“, heißt es in den Vorwürfen. Andere Aussagen schildern körperliche Übergriffe durch Vorgesetzte sowie ein Klima, in dem solche Vorfälle nicht geahndet worden seien. Auch der Umgang mit Arbeitsunfällen und Verletzungen wird in den Berichten scharf kritisiert. Auf noma‑abuse.com wird laut zitierter Aussage eines ehemaligen Mitarbeiters beschrieben, dass eine junge Praktikantin nach einer schweren Verbrennung zunächst keine angemessene Hilfe erhalten habe und erst auf Drängen eines Kollegen medizinisch versorgt worden sei.
Darüber hinaus enthalten einzelne anonyme Berichte auf der Website Schilderungen von sexuellen Übergriffen und unangemessenem Verhalten durch Vorgesetzte. Betroffene werfen dem Management vor, Beschwerden intern ignoriert oder relativiert zu haben. In mehreren Aussagen wird zudem behauptet, wer Kritik äußere, müsse mit beruflichen Nachteilen rechnen, etwa durch informelle Warnungen innerhalb der Branche. Eine offizielle Stellungnahme des Restaurants Noma zu den neuesten Vorwürfen liegt bislang nicht vor. Ebenso gibt es derzeit keine bestätigten juristischen Schritte oder Untersuchungen seitens der dänischen Behörden.
Das Noma steht wegen harter Hierarchien und Arbeitsbedingungen seit längerem in der Kritik. Bekannt ist insbesondere die frühere Praxis unbezahlter Praktika, die international eine Debatte über Ausbeutung in der Spitzengastronomie auslöste. Das Noma führte erst ab 2022 eine Bezahlung für sogenannte Stagiaires ein. Zudem hatte das Noma angekündigt, seinen regulären Betrieb einzustellen. Statt dessen soll die Entwicklungsarbeit verstärkt werden. Außerdem will das Noma temporär zeitweise in Kopenhagen und an deren Orten öffnen. In Kürze gastiert das Nomal - wie gemeldet - in Kalifornien. René Redzepi selbst hatte zudem bereits 2015 öffentlich eingeräumt, sich gegenüber Mitarbeitenden unangemessen verhalten zu haben, und von Mobbing sowie aggressivem Umgangston gesprochen.
In sozialen Netzwerken und Fachmedien sorgt der Fall derzeit für intensive Diskussionen über die Strukturen der Haute Cuisine insgesamt. Viele Stimmen sehen den Noma‑Fall als Symptom eines Systems, das extreme Leistungsbereitschaft mit persönlicher Selbstaufgabe verwechsle. Gleichzeitig gibt es auch ehemalige Mitarbeitende, die dem Restaurant positive Erfahrungen bescheinigen und die pauschale Verurteilung kritisieren .