ERF Plus - Bibel heute

Seesturm und Schiffbruch (1)


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Ein sanfter Südwind. Die See ist ruhig. Die Gelegenheit scheint günstig. Also lichtet die Mannschaft vom Schiff in Kreta die Anker – in der Hoffnung, bald das nächste Etappenziel zu erreichen. So beginnt die dramatische Reise, von der in Apostelgeschichte 27 erzählt wird. Es ist eine scheinbar normale Entscheidung, wie sie Seeleute tausendfach treffen. Die Umstände wirken günstig, die Einschätzung der Experten ist eindeutig, der Kurs klar. 

Doch nur wenige Verse später wird klar: der sanfte Südwind war trügerisch. Plötzlich bricht ein Sturm los. Lukas, der diesen Bericht verfasst, schreibt: „Nicht lange danach erhob sich ein Wirbelwind, der Eurakylon genannt wird.“ Das ist ein gefürchtetes Unwetter auf dem Mittelmeer, ein starker Sturm aus Nordost. Gewaltig. Unerwartet. Und vor allem: nicht kontrollierbar. Das Schiff wird davon erfasst, man kann es nicht mehr steuern. Die Seeleute müssen sich treiben lassen. Die Situation eskaliert. Sie versuchen, mit Seilen das Schiff zusammenzuhalten. Sie werfen die Ladung über Bord. Schließlich auch das Schiffszubehör. Alles, was nicht lebensnotwendig ist, fliegt ins Meer. Und dann – fast beiläufig, aber ungeheuer ehrlich – heißt es: „Da nun viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Unwetter uns bedrängte, war all unsere Hoffnung auf Rettung dahin.“ (Apostelgeschichte 27,20)

Was für ein Satz! All unsere Hoffnung auf Rettung war dahin. Keine Orientierung mehr, keine Perspektive, keine Lösung. Nur noch Wind, Wellen und Erschöpfung.

Diese Szene ist mehr als ein Reisebericht. Sie ist ein Bild für Situationen im Leben, die völlig aus dem Ruder laufen. Auch wir erleben manchmal, wie sich vermeintlich günstige Bedingungen ins Gegenteil verkehren. Wir starten mit Hoffnung, mit Plänen, mit Rückenwind. Aber dann kommt etwas dazwischen: eine Diagnose, ein Konflikt, ein Verlust. Und plötzlich spüren wir: Wir haben die Kontrolle verloren. Wir können nichts mehr steuern. Nur noch reagieren. Und irgendwann: nur noch treiben.

Und mitten in dieses Treiben hinein – erhebt sich einer.

Nicht der Kapitän. Nicht der Schiffseigentümer. Auch nicht der erfahrene Steuermann. Sondern Paulus – ein Gefangener. Er hatte keine Verantwortung für den Kurs, keine Stimme beim Aufbruch, keine Befehlsgewalt an Bord. Und doch: Jetzt ist er es, der das Wort ergreift.

Er beginnt mit einem Rückblick: „Ihr Männer, man hätte auf mich hören sollen und nicht von Kreta aufbrechen, dann wäre uns dieses Ungemach erspart geblieben.“

Das klingt im ersten Moment wie ein Vorwurf, vielleicht sogar ein bisschen besserwisserisch. Aber das ist es nicht. Paulus spricht nicht, um recht zu behalten. Sondern um Vertrauen zu gewinnen. Denn jetzt hat er etwas zu sagen, was über alle menschliche Einschätzung hinausgeht.

Er fährt fort: „Aber nun ermahne ich euch, getrost zu sein. Denn keiner von euch wird das Leben verlieren – nur das Schiff.“ Und dann erklärt er, warum er so reden kann: „In dieser Nacht trat zu mir ein Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene. Der sprach: Fürchte dich nicht, Paulus! Du musst vor den Kaiser treten. Und siehe, Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren.“

Was für eine Szene. Alle Hoffnung ist dahin – und einer steht auf, redet von Trost, von Leben, von Rettung. Warum? Weil er eine Zusage hat. Weil er sich nicht auf den Wind verlässt – sondern auf das Wort Gottes. Und er sagt: „Darum, liebe Männer, seid getrost. Denn ich glaube Gott, dass es so geschehen wird, wie er mir gesagt hat.“

Das ist der Wendepunkt. Noch ist der Sturm nicht vorbei. Noch kracht es. Noch dringt Wasser ein. Aber ein Mensch übernimmt Verantwortung. Nicht, weil er alle Lösungen hätte. Sondern, weil er Gottes Stimme gehört hat. Und weil er diesem Wort mehr vertraut als dem, was er sieht, fühlt, erlebt.

Das ist die zentrale Botschaft dieser Szene. Verantwortung zu übernehmen heißt nicht: Ich hab’s im Griff. Verantwortung übernehmen heißt: Ich höre auf Gott – und ich stehe auf, wenn andere in sich zusammensinken. Ich spreche, wo andere schweigen. Ich glaube, wo andere aufgeben.

Paulus ist nicht plötzlich Kapitän geworden. Aber er wird zum geistlichen Leiter dieses Schiffes. Und das ist nicht weniger bedeutsam. In einer Welt, die keinen Kurs mehr sieht, brauchen wir Menschen, die sagen: Ich glaube Gott, dass es so kommen wird, wie er gesagt hat. Und ich bleibe dabei – auch wenn der Sturm weiter tobt.

Es ist kein Glaube aus Leichtsinn. Kein Schönreden. Paulus verschweigt nicht, dass das Schiff untergehen wird. Er verspricht keinen schnellen Ausweg. Aber er sagt: Gott wird uns durchbringen. Das Ziel bleibt bestehen. Und du bist nicht vergessen. Keiner von euch.

Vielleicht erleben Sie gerade selbst eine Art Sturm.

Die Orientierung ist verloren. Die Kräfte schwinden. Und Sie fragen sich: Was jetzt? Wie weiter? Dann hören Sie diese Worte: „Fürchte dich nicht.“ Und: „Ich glaube Gott.“ Das ist nicht einfach ein Aufruf zum Durchhalten. Es ist ein Ruf zur Umkehr: weg von bloßen Wetterbeobachtungen und Stimmungslagen – hin zum Vertrauen auf das, was Gott sagt.

Vielleicht hat Gott auch Ihnen schon etwas zugesprochen. Einen Impuls gegeben. Ein Wort der Ermutigung. Eine Berufung. Und jetzt – wo es schwierig wird – ist es an der Zeit, aufzustehen. Vielleicht nicht laut. Vielleicht nicht öffentlich. Aber innerlich. Um zu sagen: Ich halte mich fest. Nicht am Schiff. Nicht an meiner Einschätzung. Sondern an Gott.

Denn das Entscheidende ist nicht, ob das Schiff hält – sondern ob Gottes Wort hält. Und das tut es. Paulus wird in Rom ankommen. Nicht wie geplant. Nicht auf demselben Schiff. Aber mit unerschütterlicher Hoffnung. Weil er weiß, wem er gehört. Und weil er weiß, dass Gott ihn nicht loslässt.

Verantwortung übernehmen – auch in stürmischen Zeiten.

Das ist nicht nur etwas für damals. Es ist ein Ruf für heute. Für uns. Für Sie. Für mich. Nicht aus eigener Kraft. Sondern im Vertrauen auf den, der uns sieht – selbst wenn weder Sonne noch Sterne scheinen.

„Seid getrost. Ich glaube Gott, dass es so kommen wird, wie er gesagt hat.“

Autor: Andreas Klement

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