ERF Plus - Bibel heute

Von der Ehe


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Von Paulus sind zwei Briefe erhalten, die er an die christliche Gemeinde in Korinth geschrieben hat. Verloren gegangen ist ein weiterer Brief von ihm und ebenso einer, den die Gemeinde an ihn geschickt hat, um ihm einige Fragen zu stellen. Aus den Themen, die Paulus im soeben gelesenen Abschnitt anspricht, lässt sich schließen, welche Fragen das waren:

- Soll man lieber heiraten oder ledig bleiben?

- Wenn man heiratet, wie soll dann das Eheleben gestaltet werden?

- Ist die Scheidung der Ehe erlaubt?

- Ist eine Wiederheirat nach einer Scheidung möglich?

Christsein im Alltag

Alle Achtung vor einer Gemeinde, die solche Fragen stellt! Aus anderen Abschnitten der Briefe ist zu entnehmen, dass in der Gemeinde gravierende Missstände herrschten: Benachteiligung der Armen, sexuelles Fehlverhalten und vieles andere mehr. Hier aber zeigt sich, dass die Menschen in Korinth ihren Glauben sehr ernst nahmen und danach fragten, welche Auswirkungen er auf ihren Alltag hatte. Wie beeinflusst der Glaube an Jesus Christus private Beziehungen? Das sind Fragen, die die Ernsthaftigkeit ihres Glaubens beweisen und auch für Menschen des 21. Jahrhunderts bedeutsam sind: Wie lebe ich im Alltag als Christ, als Christin? Wie sehen meine Ehe und meine übrigen privaten Beziehungen aus, wenn ich sie bewusst vor dem Hintergrund meines Glaubens an Jesus Christus gestalte?

In vielen anderen Punkten äußert sich Paulus sehr eindeutig: So sollt ihr euch verhalten, dieses und jenes sollt ihr vermeiden. Hier aber bleibt er eher offen und unbestimmt: Er findet es besser, ehelos zu bleiben, aber kann es auch gutheißen, wenn jemand heiratet. Grundsätzlich sollen sich Mann und Frau nicht einander entziehen, es sei denn, sie wollen Zeit zum Beten für sich alleine haben. Eigentlich sollten sich Verheiratete nicht scheiden lassen, aber wenn sie es doch tun, dann sind bestimmte Aspekte zu beachten. Paulus stellt keine Liste von Geboten und Verboten auf, sondern er gibt Empfehlungen; er unterscheidet, was er von Gott gehört hat und was seine persönliche Meinung ist. Diese Offenheit rührt nicht etwa daher, dass er selbst unsicher ist, sondern er stellt fest: „Jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.“ (Vers 7b). Jede Situation muss einzeln beurteilt werden, und das kann zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Ehelosigkeit oder Heirat

Das führt aber nicht zu unverbindlicher Beliebigkeit, sondern Paulus benennt aus meiner Sicht klare Kriterien. Zur Frage der Ehelosigkeit oder Heirat sagt er: „Ich wollte lieber, alle Menschen wären, wie ich bin.“ (Vers 7a) Paulus selbst war, soweit bekannt ist, nicht verheiratet. Wie hätte er sich bei seinen ausgedehnten Missionsreisen angemessen einer Familie widmen können? Zu seinem speziellen Auftrag der Heidenmission passte kein Eheleben, aber das kann für Menschen in einer anderen Situation völlig anders aussehen. Daraus und aus seinem Hinweis, Eheleute dürften sich einander entziehen, wenn sie Zeit zum Beten haben wollen, lässt sich meines Erachtens eine Grundregel ableiten: Gestalte deine Beziehungen so, dass sie im Einklang mit deinem Dienst für Gott stehen! Dabei sind der Stand der Ehe und der der Ehelosigkeit gleichwertig.

Beim Anfang von Vers 4 muss ich als heutige Leserin erst einmal schlucken: „Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann.“ Aber Paulus fährt fort: „Ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.“ Zusammen klingt das schon anders, ebenso Vers 3: „Der Mann gebe der Frau, was er ihr schuldig ist, desgleichen die Frau dem Mann.“ Das gilt gleichberechtigt für Mann und Frau – bemerkenswert, da von Paulus auch Aussagen bekannt sind, die auf den ersten Blick eher frauenfeindlich klingen. Dabei erkennt er körperliche Bedürfnisse sehr wohl an. Sexualität ist eine Gabe Gottes, die einer gelungenen Partnerschaft dient; sie soll nicht verleugnet werden. Das ist in meinen Augen eine weitere Richtlinie der Ausführungen des Paulus: Lebe so, eingebettet in Gottes Vorstellungen, wie es für deinen Partner / deine Partnerin und für dich selbst in Gottes Augen gut ist und wie es der gegenseitige Respekt erfordert!

Ehe und Ehescheidung

Das betrifft sowohl die Gestaltung einer bestehenden Ehe als auch die Scheidung, wenn sie nicht zu vermeiden ist. Dabei berücksichtige ich, dass Ehe und Familie zur Zeit Jesu einen anderen Stellenwert hatten als heute. Es gab kein Sozialsystem, keine Altersversorgung und keine Arbeitslosenversicherung. In der Familie kümmerte man sich um die Kinder und die alten Familienmitglieder, und auch die Ehe war eher eine Wirtschaftsgemeinschaft als eine Liebesbeziehung. Mit einer Scheidung verlor die Frau ihre wirtschaftliche Absicherung. Das machte eine Scheidung besonders problematisch. In der frühen Christenheit gab es noch die Sondersituation, dass von einem Ehepaar nur einer bzw. eine den neuen Glauben an Jesus Christus angenommen hatte. War das ein Grund, sich scheiden zu lassen? Auch hier antwortet Paulus nicht mit einem klaren Ja oder Nein, sondern das sollte von Fall zu Fall entschieden werden.

Richtlinie für alle zwischenmenschlichen Beziehungen

Aus allem, was Paulus schreibt, klingt durch, was schon im Alten Testament als höchstes Gebot galt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft und deinem ganzen Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ (Lukas 10, 27). Dieser Dreiklang stellt die Richtschnur für alle menschlichen Beziehungen dar:

1. Du sollst Gott lieben und deine privaten Beziehungen so gestalten, dass sie zu deinem Dienst für Gott passen.

2. Du sollst deinen Nächsten lieben und dich in deiner Partnerschaft und sogar im Falle einer Scheidung so verhalten, wie es das Verantwortungsbewusstsein füreinander erfordert.

3. Du sollst dich selbst lieben und so verhalten, wie es für dich selbst gut ist.

Wer diese Grundregeln einhält, hat eine gute Richtschnur. Die Zusammenfassung der Botschaft des Paulus an die Gemeinde in Korinth ist zur Losung des Jahres 2024 gewählt worden: „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe" (1. Korinther 16, 14). Sie stellt ein Fazit aus dem besprochenen Abschnitt dar, das heute nicht weniger gilt als damals in Korinth.

Autor: Karin Weishaupt

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