ERF Plus - Bibel heute

Von der Heiligung des Lebens (1)


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Haben Sie schonmal einen echten Heiligen gesehen? Nein? Dann schlage ich vor, Sie gehen gleich mal in Ihr Badezimmer und schauen in einen Spiegel. Die Chancen sind hoch, dass Sie dort einen echten Heiligen erblicken. Oder eine echte Heilige.

Denn die Heiligen, das sind in der Bibel nicht nur einige wenige ganz berühmte oder besonders geistliche Menschen. Sondern es sind alle, die zu Gott gehören. Weil sie an ihn glauben und seinen Worten folgen. Heilig bedeutet: zu Gott gehörig.

Der heutige Bibeltext beginnt mit einem Satz, den ich sowohl als Zusage als auch als Aufgabe lesen kann. Denn das Hebräische Original lässt sich auf zwei Arten und Weisen übersetzen. Entweder als Zusage: „Ihr seid heilig, denn ich bin heilig“. Oder als Aufgabe: „Seid heilig, denn ich bin heilig!“

Heilig zu sein ist also eine Eigenschaft, die Gott seinem Volk zuspricht, aber gleichzeitig auch von ihm erwartet. Aber was genau ist eigentlich damit gemeint?

Es ist gar nicht so leicht, die Bedeutung dieses Wortes „heilig“ zu beschreiben. In der Bibel ist es zuallererst einmal eine Beschreibung für Gott: Gott ist heilig. Und das bedeutet: Er ist ganz anders. Er ist etwas Besonderes. Es gibt eine deutliche Trennlinie, einen Unterschied zwischen ihm und uns. Im Tempel von Jerusalem durfte man den inneren Bereich, den heiligen Bereich nicht einfach so betreten. Sondern es bedurfte einer besonderen, inneren und äußeren Vorbereitung. Heilig, das ist der besondere Charakter Gottes, der ihn von allem anderen unterscheidet.

Aber genau das macht ja nun den Satz noch erstaunlicher. Ihr seid heilig, denn ich bin heilig. Oder: Seid heilig, denn ich bin heilig. Denn Gott sagt hier zu seinem Volk: Weil ihr zu mir gehört, färbt meine Heiligkeit auf euch ab. Das, was uns eigentlich von Gott unterscheidet, soll uns jetzt ihm ähnlicher machen.

Zu Gott zu gehören, bedeutet, so wie er, anders zu sein als diese Welt. Anders als normal. Anders als gewöhnlich. Eben un-gewöhnlich. Heilig.

Und davon handelt dann auch der Rest des heutigen Textes. Er beschreibt, wie so ein Leben aussieht, das ganz anders ist.

Ein Leben, auf das Gottes Charakter abfärbt. Und das Gottes Wesen widerspiegelt.

Gott erinnert hier sein Volk noch einmal an die Zehn Gebote, die Mose auf zwei Steintafeln vom Berg Sinai mitgebracht hatte. Nur drei davon werden genannt, aber sie stehen sicher stellvertretend für alle zehn: die Eltern respektieren, die Feiertage einhalten und keine anderen Götter anbeten als nur den einen Gott Israels.

Aber dann geht es noch weiter. Es folgt eine ganze Liste von weiteren Vorschlägen, wie das aussehen kann: heilig sein im Alltag. Gottes Wesen widerspiegeln als Menschen, die zu ihm gehören.

Zum Beispiel soll man großzügig sein. Als Landbesitzer soll man seine Ernte so einfahren, dass immer am Rand etwas liegenbleibt für die, die nichts haben oder sich nichts leisten können. Eine großartige Anweisung, die bis in unsere Zeit hinein Aktualität hat: Wir sollen in einer Welt des Konsums und Gewinns nicht alles an uns raffen und nicht nur auf Gewinnmaximierung setzen, sondern immer so handeln, dass auch für andere etwas übrig bleibt.

Wir sollen so wirtschaften, dass genug übrig bleibt für die Armen und für die Fremdlinge, so heißt es hier. Die, die finanziell am Rand unserer Gesellschaft stehen, oder auch die, die am Rand stehen, weil sie nicht aus unserem Land kommen oder bei uns nur zu Gast sind.

Dann der nächste Satz: Ihr sollt nicht stehlen noch lügen noch betrügerisch handeln einer mit dem anderen. Heiligkeit bedeutet also Ehrlichkeit. Wie anders sähe unsere Welt aus, wenn wir diesen einfachen Grundsätzen folgen würden. Nichts Falsches, Erfundenes oder Übertriebenes erzählen über den anderen. Dieses alte Gebot aus biblischer Zeit könnte unser Miteinander revolutionieren. Wenn es plötzlich keine Fake News, keine Hasskommentare und keine Hetze und Verleumdung mehr gegen andere gäbe. Sondern wir uns darauf einigen, über den anderen nur das Wahre zu sagen.

Wir sollen unseren Nächsten nicht unterdrücken und faire Löhne zahlen. Auch das eine hochaktuelle Anweisung für heute.

Wir sollen achtsam mit Menschen umgehen, die körperliche Einschränkungen haben. Hier werden Blinde und Gehörlose ausdrücklich genannt. Aber sie stehen nur stellvertretend für so viele andere. Menschen, die sich von Gottes Charakter anstecken lassen, achten auf die Bedürfnisse von Menschen mit körperlichen Einschränkungen und setzen sich für eine Gesellschaft ein, in der solche Menschen teilnehmen und teilhaben können, ohne von anderen behindert zu werden.

Es folgen noch viele andere gute Hinweise, wie wir heilig sein können: zum Beispiel den Bruder nicht hassen in unserem Herzen. Niemanden verleumden. Und die Liste schließt mit dem Gebot, das Jesus später als eins der zwei wichtigsten bezeichnet hat: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Heilig zu sein, das bedeutet in erster Linie: zu einem Gott zu gehören, der heilig ist. Der anders ist. An dem nichts Falsches ist, sondern nur Liebe. Wir sind als Christen heilig, weil wir zu ihm gehören. Das ist eine Zusage. Ein Fakt.

Aber dann bedeutet heilig sein eben auch eine Aufgabe: nämlich, dieses Wesen Gottes auch in unserem Leben widerzuspiegeln. Ganz am Anfang der Bibel lesen wir, dass wir als Ebenbilder Gottes geschaffen sind. An uns soll man sehen können, wie der Gott ist, an den wir glauben. Wir sind in dieser Welt so etwas wie eine Visitenkarte Gottes. Deshalb sollen wir genauso anders sein, wie Gott anders ist.

Die Liste mit praktischen Vorschlägen im heutigen Bibeltext gibt uns ein paar Ideen, wie das aussehen kann. Aber es ist keine Liste, die man pflichtbewusst abhaken soll. Sondern eine Liste, die wir kreativ weiterdenken dürfen. Was kann ich heute tun, um zu werden, was ich eigentlich schon bin: ein Heiliger mitten im Alltag. Oder eine Heilige mitten im Alltag. Ihr seid heilig, weil ich heilig bin. Das sagt Gott auch uns Christen zu. Und: Lebt deswegen auch als Heilige! Dazu lädt Gott uns ein.

 

Autor: Guido Baltes

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