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Frauke Fitzner und Denise Reimann sprechen über ihre Bücher Der hörende Mensch in der Moderne. Medialität des Musikhörens um 1900 (Göttingen: Wallstein 2021) und Auftakte der Bioakustik. Zur Wissensgeschichte nichtmenschlicher Stimmen um 1800 und 1900 (Berlin/Boston: de Gruyter 2022).
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Beide Autorinnen nehmen Phänomene aus dem Bereich der Sound Studies in den Blick, denen in den Sattelzeiten um 1800 und um 1900 verstärkte Aufmerksamkeit zuteilwurde. Während Frauke Fitzner nachvollzieht, wie sich mit dem Aufkommen moderner Reproduktionstechniken um 1900 ein neues Verständnis von Musik als Produkt menschlicher Wahrnehmung etablierte, beobachtet Denise Reimann, wie diese Reproduktionstechniken einen neuen Zugang zu nichtmenschlichen Stimmen eröffneten und dabei die sicher geglaubten Grenzen des Menschlichen infrage stellten.
Ihre Erkundungen haben Fitzner und Reimann auch ins Phonogramm- sowie Laut-Archiv der Berliner Humboldt-Universität geführt. Deren Bestände stellen historisch Forschende vor methodische Herausforderungen, denn viele der Aufnahmen sind unter kolonialen Bedingungen oder in Kriegsgefangenschaft entstanden. Häufig sind die Tondokumente zudem nicht hinreichend kontextualisiert und es bleibt im Dunkeln, zu welchem Zweck die Aufzeichnung erfolgte. Bei ihrer Erschließung hat sich ein kulturwissenschaftlicher Ansatz als fruchtbar erwiesen, Quellen aus verschiedenen kulturellen und Wissensbereichen zusammenzubringen und mithilfe genauer Betrachtungen konkreter Schauplätze übergreifende Entwicklungen zu veranschaulichen. Einer dieser Schauplätze ist das Phonogramm-Archiv selbst, an dem sich unter Leitung des langjährigen Direktors Erich Moritz von Hornbostel die Disziplin der vergleichenden Musikwissenschaft herausbildete – eine Entwicklung, die ohne das durch den Phonographen bereitgestellte mediale Dispositiv nicht denkbar gewesen wäre.
Beide Bücher zeichnen sich dadurch aus, dass sie eine wissenschaftshistorische mit einer literaturwissenschaftlichen Sicht auf die Quellen verbinden. So kann beispielsweise der Rückgriff der Naturkundler des frühen 19. und 20. Jahrhunderts auf literarisch-poetische Verfahren bei der Beschreibung von Tierstimmen als Strategie verstanden werden, die ungewohnten Klänge sprachlich einzuhegen. Die ironischen Wendungen in den Texten des Psychologen und Musikforschers Carl Stumpf wiederum fungieren als sprachliche Markierung epistemischer Grenzen. Gerade durch die philologische Untersuchung der Schriftdokumente lässt sich erahnen, wie der Phonograph als Medium den Forschenden buchstäblich die Ohren für die Sprach- und Musikwelten außereuropäischer Kulturen sowie für Geräuschwelten jenseits der menschlichen Artikulation öffnete.
Dass diese Veränderungen im Verhältnis zum Hören und zur Stimme eine lange Vorgeschichte haben, die schon weit vor dieser Medialisierung einsetzte, zeigt das Beispiel des Arztes und Anatomen Antoine Ferrein. Dieser führte bereits 1741 Versuche zur künstlichen Stimmerzeugung an toten Stimmorganen durch – ein unheimlicher Vorläufer späterer ›Sprechmaschinen‹ und Speichermedien, der zugleich auf das Problem der ›Unhörbarkeit der Vergangenheit‹ verweist, mit der jede historische Forschung konfrontiert ist.
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Frauke Fitzner ist Literatur- und Musikwissenschaftlerin und Geschäftsleiterin der Akademie für Psychoanalyse und Psychotherapie München. Von 2011 bis 2013 war sie ZfL-Promotionsstipendiatin mit dem Projekt Der hörende Mensch in der Moderne. Medialisierung und Anthropologisierung in Konzeptionen von Musik um 1900. Die Kulturwissenschaftlerin Denise Reimann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Literatur und Koordinatorin der Mosse Lectures an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2014 bis 2016 war sie ZfL-Promotionsstipendiatin mit dem Projekt Schwellenszenen der Stimme. Zur Vorgeschichte der Bioakustik zwischen Wissenschaft, Medientechnik und Literatur um 1800 und 1900.
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Die Bücher:
Frauke Fitzner: Der hörende Mensch in der Moderne. Medialität des Musikhörens um 1900. Göttin-gen: Wallstein 2021
Denise Reimann: Auftakte der Bioakustik. Zur Wissensgeschichte nichtmenschlicher Stimmen um 1800 und 1900. Berlin/Boston: de Gruyter 2022
Weiterführende Literatur:
Kirsten Bayer, Jürgen-K. Mahrenholz: »Stimmen der Völker« – Das Berliner Lautarchiv, in: Horst Bredekamp, Jochen Brüning, Cornelia Weber (Hg.): Theater der Natur und Kunst. Berlin: Henschel 2000, 117–128
Frauke Fitzner: Das eigene Hören hören – Beobachtung und Selbstbeobachtung in Carl Stumpfs Untersuchungen zur Verschmelzung, in: Erwägen Wissen Ethik 26 (2015), 30–32
____ (Hg.): Interjekte 5 (2014): Tempo! Zeit- und Beschleunigungswahrnehmung in der Moderne
Doris Kolesch, Sibylle Krämer (Hg.): Stimme. Annäherung an ein Phänomen. Frankfurt a.M.: Suhr-kamp 2006
Daniel Morat, Hansjakob Ziemer (Hg.): Handbuch Sound. Geschichte – Begriffe – Ansätze. Stuttgart: Metzler 2018
Marianne Sommer, Denise Reimann (Hg.): Zwitschern, Bellen, Röhren. Tierlaute in der Wissens-, Medientechnik- und Musikgeschichte. Berlin: Neofelis Verlag 2018
Denise Reimann: »Grillenspiele. Untersuchungen zum Lautverhalten von Insekten im frühen 20. Jahrhundert«, in: Sophia Gräfe, Georg Toepfer (Hg.): Wissensgeschichte des Verhaltens. Interdisziplinäre Perspektiven. Berlin: de Gruyter 2023 (im Erscheinen)
Franziska Thun-Hohenstein spricht mit Stefan Willer über ihre Warlam Schalamow-Biographie Das Leben schreiben und den von Gabriele Leupold übersetzten Briefband Ich kann keine Briefe schreiben (beide Berlin: Matthes & Seitz 2022). Einleitend erzählt Andreas Rötzer, Verleger von Matthes & Seitz, wie er auf den Autor Schalamow gestoßen ist und welche Bedeutung dieser für den Verlag hat.
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Der 1907 im nordwestrussischen Wologda geborene Warlam Schalamow führte ein Leben zwischen den Extremen. Sowohl der Schriftsteller als auch die historische Figur Schalamow stellen seine Biographin dabei vor Herausforderungen: Wie erzählt man das Leben eines ehemaligen Lagerhäftlings, wenn doch im Lager, so Schalamow selbst, nur Menschen ohne Biographie agieren? Wie geht man damit um, wenn die Person, deren Leben erzählt werden soll, die biographische Form radikal ablehnt? Und wie berichtet man über Ereignisse und Zeiträume, wenn Archivmaterial und andere Quellen vernichtet wurden?
Franziska Thun-Hohenstein versucht gar nicht erst, die Brüche in Schalamows Biographie zu glätten und in eine lineare Erzählung zu überführen. Stattdessen zieht sie zur Dokumentation der Lagerjahre die Untersuchungsakten des NKWD heran, die die Einheitlichkeit des biographischen Narrativs im Buch typographisch wie sprachlich durchbrechen. Aus den Erinnerungen seiner Zeitgenoss*innen an den berühmt-berüchtigten ›Mandelstam-Abend‹ wiederum tritt nicht nur die wahrgenommene Diskrepanz zwischen Schalamows Redetalent und seinem zerbrechlichen Körper zutage. Zusammen mit der im Briefband veröffentlichten umfangreichen Korrespondenz (mit Boris Pasternak, Nadeshda Mandelstam, Aleksandr Solshenizyn und anderen) ergibt sich das Gesamtbild eines widersprüchlichen Charakters, das ein Gegengewicht zu dem sich allmählich herausbildenden Schalamow-Kult zu bilden vermag. Denn die von Gabriele Leupold übersetzten Briefe geben nicht nur Einblicke ins Moskau der Nachkriegsjahrzehnte, sie zeichnen auch ein Bild von Schalamows Selbstdarstellung zwischen Selbstironie und schriftstellerischem Geltungsbedürfnis.
Als Literaturwissenschaftlerin untersucht Thun-Hohenstein in der Biographie, wie Schalamow über sich selbst schreibt, auf welche Traditionen und Mythen er sich beruft und welcher literarischer Verfahren er sich bedient. Aus den Erzählungen über seine Jugendzeit tritt einem beispielsweise der mythische russische Untergrundmensch des 19. Jahrhunderts entgegen, der alles Persönliche hinter sich lässt und sich ganz dem revolutionären Kampf für die Freiheit des Volkes widmet. Diese Revolutionsbegeisterung, die den 17-jährigen Schalamow nach Moskau geführt hatte, fand in seiner Faszination für die Avantgarde Ausdruck. Die Begegnung mit deren Vertretern war für ihn jedoch enttäuschend, schienen sie doch den unbedingten Glauben an das poetische Wort, den Schalamow noch im Lager beibehielt, nicht zu teilen. Die Fähigkeit, das Durchlebte in Sprache zu fassen, war für ihn Gegenstück zur drohenden Auflösung des Menschen im Lager und letztlich Beweis für den Sieg des Lebens über den Tod. Trotz seiner wiederholt betonten Areligiosität beharrte er auf der Fähigkeit des ›lebendigen Wortes‹ zur Auferweckung der Toten.
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Die Slawistin Franziska Thun-Hohenstein ist Herausgeberin der Werkausgabe Warlam Schalamows im Verlag Matthes & Seitz und Senior Fellow am ZfL, an dem sie von 1996 bis 2020 als wissenschaftliche Mitarbeiterin tätig war. Von 2008 bis 2015 leitete sie den Forschungsbereich »Plurale Kulturen Europas« und forschte am ZfL unter anderem zu Figurationen des Nationalen im Sowjetimperium und zur Kulturellen Semantik der Schwarzmeerregion. Stefan Willer ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2010–2018 war er stellvertretender Direktor des ZfL.
Gespräch und Lesung wurden am 9.11.2022 im Berliner Haus für Poesie aufgezeichnet.
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Die Bücher:
Franziska Thun-Hohenstein: Das Leben schreiben. Warlam Schalamow: Biographie und Poetik. Berlin: Matthes & Seitz 2022
Franziska Thun-Hohenstein (Hg.): Warlam Schalamow: Ich kann keine Briefe schreiben. Korrespondenz 1952–1978, übers. von Gabriele Leupold (= Werkausgabe Bd. 8). Berlin: Matthes & Seitz 2022
Weiterführende Literatur:
Fabian Heffermehl, Irina Karlsohn (Hg.): The Gulag in Writings of Aleksandr Solzhenitsyn and Varlam Shalamov. Boston: Brill 2021
Renate Lachmann: Lager und Literatur: Zeugnisse des GULAG. Konstanz: Konstanz University Press 2019
Dirk Naguschewski, Matthias Schwartz (Hg.): Schalamow. Lektüren. Berlin: Matthes & Seitz 2018
Wilfried F. Schoeller (Hg.): Leben oder Schreiben. Der Erzähler Warlam Schalamow. Berlin: Matthes & Seitz 2013
Stefan Willer: Die Kunst des Nachworts. (Ein Nachtrag zu »Schalamow. Lektüren«), in: ZfL BLOG, 23.7.2018
Franziska Thun-Hohenstein: Warlam Schalamow an den Leser im Westen. Ein Archivfund, in: ZfL BLOG, 10.1.2022
___ (Hg.): Warlam Schalamow: Über Prosa. Berlin: Matthes & Seitz 2009
___ : Gebrochene Linien. Autobiographisches Schreiben und Lagerzivilisation. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2007
Tatjana Petzer spricht mit Martin Treml über die von ihr herausgegebene Anthologie Unsterblichkeit. Slawische Variationen (Berlin: Matthes & Seitz 2021).
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In den gegenwärtig hitzig geführten Diskussionen um Trans- und Posthumanismus ist das Thema Unsterblichkeit geradezu allgegenwärtig. Im Vordergrund stehen dabei zumeist US-amerikanische und westeuropäische Autoren und Konzepte, slawischsprachige Perspektiven sind außerhalb von Fachkreisen kaum bekannt. Dabei gibt es in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Mittel- sowie Südosteuropas seit Ende des 19. Jahrhunderts lebhafte Diskussionen und Versuche, das menschliche Leben potentiell unendlich zu entgrenzen. Die von Tatjana Petzer herausgegebene Anthologie zu »slawischen Variationen« der Unsterblichkeit stellt eine Auswahl dieser Positionen teils in deutscher Erstübersetzung vor, in deren Zusammenschau über Landes- und Disziplinengrenzen hinweg Gemeinsamkeiten und Verflechtungen sichtbar werden.
Ist von Unsterblichkeit die Rede, sind metaphysische Überlegungen zum Nachleben häufig nicht weit. Die in der Anthologie versammelten Texte eint jedoch, dass sie Unsterblichkeit zuvorderst als physisches Phänomen betrachten, das mit den Mitteln der Naturwissenschaft erklärt bzw. erreicht werden kann. Biologen, Mediziner und Physiker, aber auch Schriftsteller und Publizisten entwickelten im Laufe des 20. Jahrhunderts verschiedene ›Unsterblichkeitstechniken‹, mit deren Hilfe sie den Tod zu überwinden hofften. Während der Physiker und Experimentalbiologe Porfiri Bachmetjew dabei auf die Anabiose, das Einfrieren des Organismus und sein Wiederauftauen bei günstigeren Bedingungen setzte, strebte die Kybernetik, im Band wissenschaftlich durch Tanju Kolew, in literarischer Form durch Stanisław Lem vertreten, eine Überwindung des biologischen Körpers mittels Informations- und Transplantationstechnik an.
In den literarischen Entwürfen Stanislav Vinavers und Andrej Platonows wiederum soll die Elektrizität den Tod besiegen, wie es auch in Lenins Ausspruch »Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des Landes« anklingt. Neben der individuellen stand im sowjetischen Diskurs stets auch die soziale Unsterblichkeit des Kollektivs zur Debatte, die ihre Form in der mit der russischen Revolution plötzlich erreichbar scheinenden kommunistischen Zukunftsgesellschaft neuer Menschen finden sollte. Deutlich tritt hier insbesondere bei Platonow die Spannung zutage, die sich zwischen dem befreienden Potenzial der Unsterblichkeit und der unendlichen Arbeit auftut, die mit ihr einhergehen kann.
Dem unsterblichen Körper droht jedoch nicht nur die unendliche Ausbeutung seiner Arbeitskraft, sondern auch unsägliche Langeweile, vom Immunologen Ilja Metschnikow auf den Begriff der Lebenssättigung gebracht. Juristische Probleme bleiben ebenso wenig aus: Gibt es eine Pflicht zu leben? Und wie steht es, ist der natürliche Tod einmal abgeschafft, um gegenwärtig umstrittene Fragen wie die von Suizid und Sterbehilfe?
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Die Literaturwissenschaftlerin und Slawistin Tatjana Petzer leitete am ZfL von 2010 bis 2021 als Dilthey-Fellow das Projekt Wissensgeschichte der Synergie. 2019 wurde sie an der Universität Zürich mit einer Arbeit zu Figurationen des Synergos in der slavischen Moderne habilitiert. Seit 2017 hatte sie mehrere Vertretungsprofessuren an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg inne. Der Religionswissenschaftler und Judaist Martin Treml ist seit 2000 am ZfL tätig, zuletzt mit dem Projekt Aby Warburg und die Religionskulturen. Seit September 2020 hat er eine DAAD-Gastprofessur für Religionskulturwissenschaft an der Staatlichen Ilia-Universität in Tbilissi inne.
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Das Buch:
Tatjana Petzer (Hg.): Unsterblichkeit. Slawische Variationen. Berlin: Matthes & Seitz 2021
Weiterführende Literatur:
Boris Groys, Michael Hagemeister (Hg.): Die Neue Menschheit. Biopolitische Utopien in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2005
Nikolai Krementsov: Revolutionary Experiments. The Quest for Immortality in Bolshevik Science and Fiction. New York: Oxford University Press 2014
Elias Metschnikoff: Beiträge zu einer optimistischen Weltauffassung, übers. von Heinrich Michalski. München: J. F. Lehmann 1908
Tatjana Petzer: Paradoxien der Unsterblichkeit, in: ZfL BLOG, 4.10.2022
___ (Hg.): Interjekte 12 (2018): Unsterblichkeit. Geschichte und Zukunft des Homo Immortalis
Katrin Solhdju, Ulrike Vedder (Hg.): Das Leben vom Tode her. Zur Kulturgeschichte einer Grenzbestimmung. Paderborn: Fink 2015
Leander Scholz spricht mit Falko Schmieder (beide ZfL) über sein Buch Die Regierung der Natur. Ökologie und politische Ordnung (August Verlag 2022).
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Mit dem Aufkommen der politischen Ökologie seit dem Ende des 19. Jahrhunderts ist eine Wende von einer anthropologischen zu einer ökologisch-terrestrischen Anschauung der Welt zu beobachten. An diesem Bewusstseinswandel interessiert Leander Scholz vor allem die Dialektik von Politisierung der Natur und Ökologisierung der Gesellschaft. Während durch die ökologische(n) Krise(n) immer mehr natürliche Faktoren zum Gegenstand von Politik werden, geht die Natur verstärkt in die Regierungspraxis ein und verändert damit den politischen Raum.
Dem Anthropos im epochenprägenden Bild der durch menschliche Arbeitskraft entstandenen ›Zweiten Natur‹ steht in der ökologisch-terrestrischen Epoche seine Dezentrierung gegenüber. Diese tritt besonders radikal in Bewegungen wie Earth First! zutage, bedeutet aber keineswegs ein Verschwinden des Menschen: Die posthumane Welt ist nicht antihuman, sondern der Mensch teilt sie sich mit anderen Lebewesen. Seine Aufgabe ist es nunmehr, die Reste der durch sein Verschulden sterbenden Natur zu verwalten.
Positiv interpretiert kann diese Überwindung der Sonderstellung des Menschen zu einem neuen Selbstverständnis und mit Latour gesprochen zur Anerkennung der Natur als gleichberechtigter politischer Akteurin führen. Wenn aber beispielsweise Naturentitäten mit einklagbaren Rechten ausgestattet werden, ergeben sich Stellvertretungsprobleme. Eine solche Ausweitung des Demokratiebegriffs stellt nicht nur eine Herausforderung von Positionen der politischen Philosophie (Arendt, Plessner) dar und riskiert, in menschlichen Bestimmungen verhaftet zu bleiben. Sie wirft vor allem die Frage ihrer praktischen Umsetzbarkeit auf. Eine Grundfrage unserer Gegenwart ist daher, ob die politische Ökologie letztlich nur der weiterhin dominierenden politischen Ökonomie einverleibt wird oder ob ein echter Paradigmenwechsel stattfindet. Fraglich ist auch, ob die Entwicklung des ökologischen Denkens nicht zu einer Naturalisierung des Sozialen führt, die historisch in ihren Extremfällen in Rassenkunde und Eugenik mündete.
Leander Scholz’ Rekapitulation der Geschichte der politischen Ökologie nimmt vor allem rechtskonservative Denker und Konzepte in den Blick, so zum Beispiel Friedrich Ratzels ›Lebensraum‹ oder Ernst Rudorff, an dessen Person die Entstehung des Konzepts Naturschutz im diskursiven Umfeld von Denkmal-, Brauchtums- und Heimatschutz illustriert werden kann. Die heute geläufige Wahrnehmung der Ökologiebewegung als links hat ihren Ursprung erst in der Fusion der ökologischen mit den neuen sozialen Bewegungen der Nachkriegszeit. Während ein Bewusstsein für die politische Geschichte des Konzepts für seine heutige Nutzbarmachung unabdingbar ist, geht es Scholz weniger um die Frage, ob die politische Ökologie eher ›linke‹ oder ›rechte‹ Kritik übt, sondern welches neue Paradigma mit ihr auftaucht, das die anthropozentrischen politischen Lagereinteilungen zuweilen durchbricht. In jedem Fall ist er sich sicher, dass die Entwicklung der politischen Ökologie zu einer deutlichen Veränderung im menschlichen Selbstverhältnis und Denken führt – fragt sich nur, ob diese rechtzeitig kommt.
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Der Philosoph und Schriftsteller Leander Scholz ist ZfL-Forschungsstipendiat im Programmbereich Lebenswissen. Er studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik in Bonn, Bochum, Paris und Köln, hat mehrere Romane veröffentlicht und ist Mitbegründer des Tropen Verlags sowie freier Mitarbeiter des Deutschlandfunks. 2012 wurde er mit einer Arbeit zu Todesobsessionen in der politischen Philosophie an der Fakultät Medien der Bauhaus-Universität Weimar habilitiert. Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen.
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Das Buch:
Leander Scholz: Die Regierung der Natur. Ökologie und politische Ordnung. Berlin: August Verlag 2022
Weiterführende Literatur:
Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper 2022
Benjamin Bühler: Zwischen Tier und Mensch. Grenzfiguren des Politischen in der Frühen Neuzeit. München: Wilhelm Fink 2013
Daniela Gottschlich/Sarah K. Hackfort/Tobias Schmitt/Uta von Winterfeld (Hg.): Handbuch Politische Ökologie. Theorien, Konflikte, Begriffe, Methoden. Bielefeld: Transcript (erscheint 2022)
Andreas Höntsch: »Zwischen politischem Humanismus und politischer Ökologie. Politische Anthropologie bei Helmuth Plessner und Bruno Latour«, in: Internationales Jahrbuch für philosophische Anthropologie 10.1, 99–124
Dennis Meadows/Donella Meadows/Erich Zahn/Peter Milling: Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt 1972
Falko Schmieder: »On the Dialectics of Ecological World Concepts«, in: Helge Jordheim/Erling Sandmo (Hg.): Conceptualizing the World. An Exploration across Disciplines. New York/Oxford: Berghahn 2019, 94–107
Leander Scholz: Symbiotische Existenzen – Zur Geschichte des ökologischen Imaginären, in: ZfL BLOG, 23.5.2022
___: Die Menge der Menschen. Eine Figur der politischen Ökologie. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2019
Rabea Kleymann und Eva Geulen (beide ZfL) unterhalten sich über ihre Bücher Formlose Form (Wilhelm Fink 2021), Aus dem Leben der Form (Wallstein 2021) und Formen des Ganzen (Wallstein 2022).
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Die literaturtheoretischen und ästhetischen Diskurse des 20. Jahrhunderts waren von einer Haltung gegen die Form gekennzeichnet, sie privilegierten stattdessen Formabbau und Formlosigkeit. In letzter Zeit ist hingegen vermehrt von der Wiederkehr der Form die Rede. Im Gespräch gehen Rabea Kleymann und Eva Geulen diesem neu erwachten Interesse an Formfragen nach und nehmen die Gegenstände und heutigen Methoden der Formanalyse in den Blick.
Seinen Ausgang nimmt ihr Interesse an der Form bei Goethes Heften zur Morphologie und seinem literarischen Spätwerk, Texten, die in ihrer ungeordneten Gestalt geradezu ungoethisch wirken. Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass auch das Formlose, beispielsweise als Aggregat, bei Goethe noch Form hat. Dass andersherum auch die Form stets formlose Züge trägt, wird mit Blick auf Goethes Praxis der Reihenbildung deutlich. Diese sorgt zwar einerseits für Ordnung, trägt andererseits aber auch dazu bei, vorschnelle Synthesen zu vermeiden. An der Reihe lässt sich zudem exemplarisch die im 18. Jahrhundert einsetzende Verzeitlichung des Formbegriffs nachvollziehen, mit der das antike Verständnis der Form als gegebener Größe verabschiedet wird.
Historische Beispiele wie das zyklische Geschichtsmodell eines Oswald Spengler zeigen wiederum, dass die Morphologie mit ihrem geschlossenen Formsystem, in dem jede Entwicklung im Keim bereits angelegt ist, letztlich ein konservatives Moment in sich trägt. Dass die an Ganzheit und Gesetzmäßigkeit orientierte Morphologie trotz alledem auch in den Verfahren des ihr vermeintlich entgegengesetzten, mit Differenzen operierenden Strukturalismus nachlebt, zeigt sich beispielhaft an Vladimir Propps Untersuchungen zum Märchen. Anhand dieser lässt sich auch der häufigen Reduktion von ›Form‹ auf bereits feststehende Form, und das heißt: Gattung, begegnen.
Im zweiten Teil des Gesprächs geht es darum, was gegenwärtige Ansätze und Verfahren zur Klärung der neu entdeckten Formfragen beitragen können. Während der New Formalism mit seinem Anliegen, Form als soziale Kategorie zu begreifen, Gefahr läuft, das Untersuchungsfeld zu nivellieren und dabei die Eigenheiten des Literarischen zu unterschlagen, stellt sich mit Blick auf die Digital Humanities die Frage, inwiefern deren quantifizierende Verfahren mehr sind als die bloße empirische Unterfütterung etablierten Formwissens. Leisten die Digital Humanities tatsächlich einen Beitrag zum Verständnis von Literatur und Kultur unter digitalen Bedingungen? Und können digitale Methoden und neue Formalismen bei der Neubestimmung verabschiedet geglaubter Formen wie der des Ganzen helfen, die in Zeiten von Globalisierung und Klimawandel eine Renaissance erleben?
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Die Literaturwissenschaftlerin Rabea Kleymann ist mit dem Projekt Diffraktive Epistemik: Wissenskulturen der Digital Humanities wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfL und Vorstandsmitglied des Verbandes Digital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd). Sie promovierte 2020 an der Universität Hamburg zur »Epistemik und Poetik des Aggregats beim späten Goethe«. Die Literaturwissenschaftlerin Eva Geulen ist die Direktorin des ZfL und Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte am Institut für Kulturwissenschaft der Humboldt-Universität zu Berlin. Am ZfL leitete sie unter anderem das Projekt Zeit und Form im Wandel. Goethes Morphologie und ihr Nachleben in der Theoriebildung des 20. Jahrhunderts.
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Die Bücher:
Eva Axer, Eva Geulen, Alexandra Heimes: Aus dem Leben der Form. Studien zum Nachleben von Goethes Morphologie in der Theoriebildung des 20. Jahrhunderts. Göttingen: Wallstein 2021
Eva Geulen, Claude Haas (Hg.): Formen des Ganzen (= Literatur- und Kulturforschung. Schriftenreihe des ZfL, Bd. 1). Göttingen: Wallstein 2022
Rabea Kleymann: Formlose Form. Epistemik und Poetik des Aggregats beim späten Goethe. Leiden: Wilhelm Fink 2021
Weiterführende Literatur:
Sarah Allison, Ryan Heuser, Matthew Lee Jockers, Franco Moretti, Michael Witmore: Stanford Literary Lab 1 (2011): Quantitative Formalism: an Experiment
Eva Axer, Werner Michler, Marjorie Levinson: Die »Neuen Formalismen« – Form, Geschichte, Gesellschaft. Drei Beiträge, in: ZfL Blog, 21.1.2019
Stefan Bollmann: Der Atem der Welt. Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur. Stuttgart: Klett-Cotta 2021
Patrick Durdel, Lena Pfeifer, Annika M. Schadewaldt: »Form«, in: Patrick Durdel u.a.: Literaturtheorie nach 2001. Berlin: Matthes & Seitz 2020, 34–39
Eva Geulen: Formen des Ganzen. ZfL-Jahresthema 2018/19, in: ZfL BLOG, 10.4.2018
Eva Geulen, Melanie Möller (Hg.): Interjekte 14 (2022): Stil und Rhetorik. Ein prekäres Paar und seine Geschichten
Fotis Jannidis, Hubertus Kohle, Malte Rehbein (Hg.): Digital Humanities. Eine Einführung. Stuttgart: J.B. Metzler 2022
Rabea Kleymann: Über das Erzählwürdige der Theorie in den Digital Humanities, in: ZfL Blog, 8.2.2021
Caroline Levine: »Whole«, in: Forms: Whole, Rhythm, Hierarchy, Network. Princeton, NJ: Princeton University Press 2015, 24–48
Marjorie Levinson: »What Is New Formalism?«, in: Publications of the Modern Language Association of America 122.2 (2007), 558–569
Werner Michler: Kulturen der Gattung: Poetik im Kontext, 1750–1950. Göttingen: Wallstein 2015
Franco Moretti: Stanford Literary Lab 6 (2013): »Operationalizing«: or, the function of measurement in modern literary theory
Vladimir Propp: Morphologie des Märchens (1928), hg. von Karl Eimermacher. München: Hanser 1972
David Wellbery: »Form und Idee. Skizze eines Begriffsfeldes um 1800«, in: Jonas Maatsch (Hg.): Morphologie und Moderne. Goethes ›anschauliches Denken‹ in den Geistes- und Kulturwissenschaften seit 1800. Berlin/Boston: De Gruyter 2014, 17–42
Pola Groß spricht mit Falko Schmieder (beide ZfL) über ihr Buch Adornos Lächeln. Das ›Glück am Ästhetischen‹ in seinen literatur- und kulturtheoretischen Essays (Berlin: De Gruyter 2020).
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In jüngster Zeit ist ein wiedererwachtes Interesse am Denken Theodor W. Adornos festzustellen, der dabei allerdings allzu häufig vorschnell zum Kulturpessimisten abgestempelt wird. In ihrer Lektüre versteht Pola Groß das seltene Lächeln des Philosophen hingegen als ein versöhnliches und zugewandtes, das die Hoffnung noch nicht aufgegeben hat, und zeigt auf, dass es Adorno letztlich doch immer ums Glück geht.
Adornos an Horkheimer orientierter politischer Glücksbegriff fasst individuelles und gesellschaftliches Glück als stets aufeinander verwiesen – das eine ist ohne das andere nicht zu haben. Nach den Katastrophen des 20. Jahrhunderts und der Erfahrung der Shoah, die für Adorno die Realisierungsmöglichkeiten gesamtgesellschaftlichen Glücks zunichte gemacht haben, kann ein besseres und gerechteres Leben jedoch nur noch in der Kunst antizipiert werden. Entgegen dem häufig gegen ihn erhobenen Vorwurf des Elitarismus zeigen Adornos Ausführungen zu Zirkus, Feuerwerk, Trickfilm und Kitsch, dass gerade die ›leichten Künste‹ für ihn die Möglichkeit bieten, in der jähen ästhetischen Erfahrung sich selbst zu vergessen und so dem Glück ein Stück weit näherzukommen.
Adornos kunstkritische Essays sind dabei auch als Interventionen in die Debatten seiner Zeit zu verstehen, so beispielsweise als Kritik an den Diskursen von Schuldabweisung, »Neuanfang« und Vergessen nach Auschwitz. Die Beschäftigung mit ihnen kommt somit nicht ohne eine kritische Historisierung aus, wie sie Adorno selbst zum Beispiel für den Mythos betreibt. Auch seine Betrachtungen einzelner Kunstwerke verfahren historisch-kritisch und situieren diese stets in einer Gegenwart, die er mit Benjamin als von Vergangenem und Zukünftigem durchdrungen auffasst.
Erst in dieser historischen Perspektive erklärt sich, warum die von Chaplin und in Hašeks »Soldaten Schwejk« angewandten Verfahren der Ironisierung für Adorno nach Auschwitz obsolet geworden sind und wie eine ›rettende Kritik‹ dennoch die glücksversprechenden Potentiale einzelner Werke offenlegen kann. Diese Kritik zielt auch auf das ›falsche Glück‹, das eine Versöhnung vorgibt, wo keine möglich ist. Adorno setzt dem das in den Werken Becketts, Helms’ und Celans aufscheinende ›echte Glück‹ entgegen, das sich stets am aufgehobenen Leid entfalte. Im Anschluss daran stellt sich die Frage nach der geschichtsphilosophischen Dimension von Adornos Überlegungen zum Glück: Handelt es sich bei seiner Hinwendung von politischen zu ästhetischen Fragen um eine Resignation vor der Geschichte oder eine Rettung der Utopie vor der Vereinnahmung? Und welche Zugänge und Perspektiven bieten uns Adornos literatur- und kulturtheoretische Schriften heute?
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Die Literaturwissenschaftlerin Pola Groß ist mit dem Projekt Stil und Kitsch um 1900 und im Projekt Stil. Geschichte und Gegenwart wissenschaftliche Mitarbeiterin am ZfL. Sie promovierte 2018 an der Universität Köln mit einer Arbeit zum ›Glück am Ästhetischen‹ bei Adorno. Der Kulturwissenschaftler Falko Schmieder ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen.
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Die Bücher:
Pola Groß: Adornos Lächeln. Das »Glück am Ästhetischen« in seinen literatur- und kulturtheoretischen Essays. Berlin: de Gruyter 2020
Christine Kirchhoff/Falko Schmieder (Hg.): Freud und Adorno. Zur Urgeschichte der Moderne. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2014
Weiterführende Literatur:
Theodor W. Adorno: Kulturkritik und Gesellschaft, in: ders.: Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann, Bd. 10.1: Kulturkritik und Gesellschaft I: Prismen. Ohne Leitbild. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1977, 11–30
: Versuch, das Endspiel zu verstehen, in: ders.: Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann, Bd. 11: Noten zur Literatur. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1974, 281–321
Pola Groß: »Die Sätze müssen lyrisch gebaut sein, sonst finde ich die nicht gut«. Rhetorik und Stil in der Gegenwartsdramatik von Thomas Köck, Enis Maci und Wolfram Höll, in: Interjekte 14 (2022): Stil und Rhetorik, hg. von Eva Geulen und Melanie Möller [im Erscheinen]
: Stilisierung zum Kuschel-Philosophen. Zur Rezeption von Adornos »Aspekte des neuen Rechtsradikalismus«, in: ZfL BLOG, 27.1.2020
Max Horkheimer: Nachtrag zu: Traditionelle und kritische Theorie, in: ders.: Gesammelte Schriften, Bd. 4, hg. von Alfred Schmidt. Frankfurt a. M.: Fischer 1988, 162–225
Falko Schmieder: ›Geschichte‹ als geschichtliches Problem. Adornos rettende Kritik Oswald Spenglers, in: Christian Voller/Gottfried Schnödl/Jannis Wagner (Hg.): Spenglers Nachleben. Studien zu einer verdeckten Wirkungsgeschichte. Lüneburg: Klampen 2018, 83–104
Moritz Neuffer und Barbara Picht (beide ZfL) unterhalten sich über kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung, Neuffers Buch Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift ›alternative‹ 1958–1982 (Göttingen: Wallstein 2021) und den Versuch, »mit den Mitteln einer Zeitschrift in die Verhältnisse ihrer Zeit einzugreifen«.
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Es gibt zwei Arten, sich als Historiker*in mit Zeitschriften zu beschäftigen: In der historischen Quellenarbeit mit Zeitschriften steht das Interesse an deren Inhalten im Vordergrund. Die Forschung über Zeitschriften dagegen nimmt das Medium selbst und die spezifischen Formen des Publizierens in Zeitschriften in den Blick. Am Beispiel der alternative, einer der wichtigsten Theoriezeitschriften der westdeutschen Neuen Linken, zeigt Moritz Neuffer, wie sich diese Perspektiven miteinander verbinden lassen und untersucht das Verhältnis und die Wechselwirkung von Theoriearbeit und Zeitschriftenmachen.
Die Zeitschriftenprojekte der Zeit um 1968 werden von den an ihnen Beteiligten als Orte der Bildung und Selbstbildung verstanden, was im Fall der alternative auch mit einem ausgeprägten Interesse an der zeitgenössischen Literatur der DDR einherging. Spätestens mit der Übernahme des Herausgeberinnenpostens durch Hildegard Brenner 1964 stand in der alternative jedoch die Beschäftigung mit Theorie im Vordergrund, genauer mit dem westlichen Marxismus, Strukturalismus, Literatursoziologie und feministischer Theorie.
Die kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung zeigt, dass diese Theoriearbeit nicht jenseits des Mediums verstanden werden kann, in dem sie stattfindet. Nicht nur erlauben Periodizität und geringerer Institutionalisierungsgrad eine schnelle Einmischung in aktuelle Debatten. Mit den journalistischen Mitteln der Auswahl, des Zusammenschnitts und der Pointierung wurde in der alternative eine doppelte Übersetzungsarbeit geleistet, die u.a. die neuen Theorien des französischen Strukturalismus einem deutschsprachigen Publikum erschloss.
Zeitschriften sind stets auch Orte der Selbstverständigung über den Zustand und die Zukunft der politischen Bewegung. Für die alternative lässt sich dies exemplarisch anhand der Krise des Marxismus nach ’68 und der Hinwendung zur feministischen Psychoanalyse Mitte der 1970er Jahre zeigen. Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenerforschung kann somit einen Beitrag zum Verständnis des Verhältnisses zwischen dem Denken und den politischen Bewegungen einer Zeit leisten. Die Rekonstruktion der Konjunktur des Theoriebegriffs am Beispiel der alternative steht dabei mit Forschungen im Dialog, die anhand von Leseerfahrungen (Raulff) oder einzelnen Verlagsprogrammen (Felsch, Paul) nachvollziehen, wie sich ›Theorie‹ ab den 1960er Jahren zu einer eigenständigen Gattung entwickelte.
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Der Historiker und Kulturwissenschaftler Moritz Neuffer erforscht am ZfL das persönliche Archiv der Germanistin, Publizistin und Kulturhistorikerin Hildegard Brenner. Von 2017 bis 2019 war er mit dem Projekt Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift »alternative« (1958–1982) Doktorand am ZfL. Barbara Picht ist Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt Das 20. Jahrhundert in Grundbegriffen. Lexikon zur politisch-sozialen und kulturellen Semantik in Deutschland. 2020 habilitierte sie sich mit einer Arbeit zu Zeitdeutungen in den französischen, deutschen und polnischen Geschichts- und Literaturwissenschaften. Beide sind Mitglieder im Arbeitskreis Kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung.
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Die Bücher:
Moritz Neuffer: Die journalistische Form der Theorie. Die Zeitschrift ›alternative‹ 1958–1982. Göttingen: Wallstein 2021
Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 45.1–2 (2020), Themenschwerpunkt: Beiträge zur kulturwissenschaftlichen Zeitschriftenforschung, betreut von Moritz Neuffer, Barbara Picht und Anke Jaspers
Weiterführende Literatur:
alternative. zeitschrift für literatur und diskussion 19.108/109 (1976) = das lächeln der medusa – frauenbewegung, sprache, psychoanalyse. texte von hélène cixous, cathérine clément, luce irigaray, jacques lacan, u.a.
Hannah Arendt: Walter Benjamin (I), in: Merkur 238 (1938), 50–65
Patrick Eiden-Offe/Moritz Neuffer: Was ist und was will kulturwissenschaftliche Zeitschriftenforschung?, in: ZfL Blog, 19.11.2018
Eurozine: Dossier Worlds of Cultural Journals
Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990. München: Beck 2015
Helmut Lethen: Rez. zu: Rolf Tiedemann: Studien zur Philosophie Walter Benjamins, Frankfurt a.M. 1965, in: alternative 46 (1966), 38–40
Moritz Neuffer: Prekäre Theorie, oder: Wer ist Hildegard Brenner?, in: ZfL Blog, 14.1.2021
Morten Paul: Suhrkamp Theorie. Eine Buchreihe im philosophischen Nachkrieg. Leipzig: Spector Books 2022
Ulrich Raulff: Wiedersehen mit den Siebzigern. Die wilden Jahre des Lesens. Stuttgart: Klett-Cotta 2014
Hanna Hamel (ZfL) spricht mit Oliver Grill (LMU) über ihr Buch Übergängliche Natur. Kant, Herder, Goethe und die Gegenwart des Klimas (Berlin: August Verlag 2021).
In ihrem Buch versucht Hanna Hamel zu klären, was sich unter übergänglicher Natur verstehen lässt. Dabei legt sie nicht nur das aufklärerische Erbe zeitgenössischer Positionen offen, sondern lenkt den Blick vor allem dorthin, wo das Verhältnis von Natur und Kultur in den Texten des 18. Jahrhunderts – entgegen der gängigen Lesart von deren strikter Trennung – als ein ineinander verschlungenes erscheint.
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Im Gespräch mit Oliver Grill – Autor von »Die Wetterseiten der Literatur. Poetologische Konstellationen und meteorologische Kontexte im 19. Jahrhundert« (Paderborn: Wilhelm Fink 2019) – erweist sich Goethes Witterungslehre als besonders prägnanter Ort, an dem sich das vermeintlich beständige Klima und das wechselhafte Wetter begegnen. Beider Anliegen ist es, durch ein Recycling des historischen Theoriefundus und eine kritische Distanznahme zur ethischen Aufladung der Diskurse um Klima und Wetter im Anthropozän Räume und Wege für ein notwendiges Umdenken zu schaffen.
Liest man mit Hamel die drei Kritiken Immanuel Kants im Zusammenspiel mit seiner Anthropologie wird beispielsweise deutlich, dass der Mensch bei ihm viel stärker lokalisiert ist, als gemeinhin angenommen. Auch Kants Erkenntnistheorie erhält somit einen historischen Index, worin eine überraschende Nachbarschaft zur Begriffsarbeit Bruno Latours aufscheint. Johann Gottfried Herders ästhetische Anthropologie und Timothy Mortons ökologische Schriften eint wiederum die zentrale Stellung, die in ihnen der Ästhetik als Schlüssel zu Natur und Umgebung zukommt, in Bezug auf die Rezeption ebenso wie hinsichtlich der gestalterischen Möglichkeiten des Menschen. Als vermittelnder Dritter zwischen begrifflich trennenden und ästhetisierend-analogisierenden Verfahren erscheint Johann Wolfgang von Goethe, der in einer paradoxen Wendung den Begriff des Übergänglichen für das prägte, was sich begrifflich gerade nicht fassen lässt.
Mit Goethe lässt sich die Natur in Gestalt des Wetters jedoch noch auf andere Weise als eine ›übergängliche‹ betrachten. So begreift Oliver Grill die »Wetterlaunen« als paradigmatische Orte einer wechselseitigen Übertragung naturhaft-objektiven Geschehens und emotionaler Gehalte. Hinsichtlich der sozialen Funktion der Rede übers Wetter tritt schließlich eine deutliche Differenz heutiger Wetter- und Klimadiskurse zu denen um 1800 zutage: Durch deren ethische Aufladung verliert das Wetter seinen Status als »Nullwert der Sprache« (Schleiermacher) und bringt uns in Erzählprobleme. Im Anthropozän stellt sich mit Latour vielmehr die politische Frage, wo wir in der Beschäftigung mit dem Klima stehen.
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Die Philosophin und Literaturwissenschaftlerin Hanna Hamel leitet das Projekt »Stadt, Land, Kiez. Nachbarschaften in der Berliner Gegenwartsliteratur« am ZfL. Von 2017 bis 2019 war sie mit dem Projekt »Klimatologien der beginnenden Moderne« Doktorandin am ZfL. Der Literaturwissenschaftler Oliver Grill ist seit 2018 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DFG-Forschergruppe »Philologie des Abenteuers« an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2017 promovierte er dort mit einer Arbeit zur »Poetik des Wetters von Goethe bis Fontane«. Oliver Grill war im Herbst 2021 zu Gast am ZfL.
Weiterführende Literatur:
»wetterlaune«, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache
Hartmut Böhme: »Natürlich/Natur«, in: Karlheinz Barck u.a. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Bd. 4. Stuttgart/Weimar: Metzler 2010, 432–498
Oliver Grill: Wettergespräche. Sentimentalische Betrachtungen zu einem Sprachspiel, in: ZfL BLOG, 8.11.2021.
ders.: Die Wetterseiten der Literatur. Poetologische Konstellationen und meteorologische Kontexte im 19. Jahrhundert. Paderborn: Wilhelm Fink 2019
Hanna Hamel: »Übergang«, in: Michael Gamper/Helmut Hühn/Steffen Richter (Hg.): Ästhetische Eigenzeiten. Ein Wörterbuch. Hannover: Wehrhahn 2020,383–390
Eva Horn: »Klimatologie um 1800. Zur Genealogie des Anthropozäns«, in: Zeitschrift für Kulturwissenschaften 1 (2016), 87–102
Bruno Latour: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen Anthropologie. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2015
Timothy Morton: Ecology without Nature, Blog
In ihren aktuellen Büchern Chor-Denken (Paderborn: Wilhelm Fink 2020) und Chor und Theorie (Konstanz: KUP 2021) nähern sich Sebastian Kirsch (ZfL) und Maria Kuberg (Universität Konstanz) dem Verhältnis von Chor und Denken bzw. Theorie einmal aus theater-, einmal aus literaturwissenschaftlicher Perspektive.
Fluchtpunkt aller europäischen Verhandlungen des Chorischen ist die antike Tragödie mit ihrer Gegenüberstellung von skene und orchestra, von Protagonist und Chor. Während Sebastian Kirsch die antiken Texte durch die Brille des späten Foucault liest, wählt Maria Kuberg einen historisierenden Ansatz und betrachtet den antiken Chor »through our German eyes« (Simon Goldhill). Deutlich wird dabei, dass Aneignungen des Chors nie geradlinig, sondern stets historisch gebrochen verlaufen.
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Gemeinsam ist beiden Ansätzen das Anliegen, den Irrtum auszuräumen, dass der Chor in einer dualistischen Ordnung dem Protagonisten gegenübersteht. Er muss vielmehr als Kippfigur zwischen Figuration und Defiguration begriffen werden, in antiken Begriffen als Vertreter des Kosmos, der vor der Reduktion auf die Sphären von Oikos und Polis selbstverständlicher Teil der griechischen Welt war.
In den von Maria Kuberg untersuchten Theatertexten zeigt sich, dass der Chor aufs Engste mit der Theorie verbunden ist, deren nichtanschaulichen Inhalten er Sichtbarkeit verleihen kann. Nicht zufällig gehen die Krise der Anschauungslogiken und die emphatische Wiederentdeckung des Chors an der Wende zum 20. Jahrhundert miteinander einher. Chor und Anschauung hängen aber noch auf andere Weise miteinander zusammen. Durch Rückgriff auf somatische Konzepte des Denkens zeigt Sebastian Kirsch, was sie mit den Sorgeschulen der Kyniker, Epikureer und Stoiker gemein haben und warum wir uns diese eher als chorische Philosophiebanden vorstellen sollten denn als strenge Akademien.
Diese Neuverortung des Chors mag nicht zuletzt dazu beitragen, dessen Prominenz im postdramatischen Theater besser zu verstehen, das insbesondere nach dem Verblassen bestimmter Utopien von Gemeinschaft nach 1989 das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem, Individuum und Gesellschaft verhandelt.
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Der Theaterwissenschaftler Sebastian Kirsch ist mit dem Projekt Umgebungswissen der Theatermoderne. Milieu – Umwelt – Environment / Hauptmann – Appia – Kiesler Feodor Lynen-Forschungsstipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung am ZfL. Er wurde 2018 in Bochum für das Fach Theaterwissenschaft habilitiert. Die Literaturwissenschaftlerin Maria Kuberg ist akademische Mitarbeiterin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Konstanz. Am ZfL arbeitete sie zuletzt von 2018–2019 an dem Projekt Einheit und Vielfalt. Epospoetiken des Späthumanismus und der Frühaufklärung. Zuvor war sie mit dem Projekt Der Chor. Theorie-Theater-Texte von Heiner Müller bis René Pollesch Doktorandin am ZfL.
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Gilles Deleuze: Differenz und Wiederholung. München: Fink 1992
Michel Foucault: Sexualität und Wahrheit, Bd. 3: Die Sorge um sich. Aus d. Franz. von Ulrich Raulff und Walter Seitter. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1986
Rodolphe Gasché: »Theatrum Theoreticum«, in: Tilottama Rajan/Michael James O’Driscoll (Hg.): After Poststructuralism. Writing the Intellectual History of Theory. Toronto u.a.: University of Toronto Press 2002, 129–151
Simon Goldhill: »The Greek Chorus: Our German Eyes«, in: Joshua Billings/Felix Budelmann/Fiona Macintosh (Hg.): Choruses, Ancient and Modern. Oxford: Oxford University Press 2013, 35–51
Ulrike Haß: Kraftfeld Chor. Aischylos Sophokles Kleist Beckett Jelinek. Berlin: Theater der Zeit 2020
dies.: »Chor_Figur und Grund«, in: Julia Bodenburg/Katharina Grabbe/Nicola Haitzinger (Hg.): Chor-Figuren. Transdisziplinäre Beiträge. Freiburg i.Br.: Rombach 2016, 115–130
Maria Kuberg: Rezension zu: Sebastian Kirsch: Chor-Denken. Sorge — Wahrheit — Technik, Paderborn: Wilhelm Fink 2020, in: Zeitschrift für Deutsche Philologie (ZfDPh) 2 (2023), 287–291
Schiller, Friedrich: »Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie«, in: ders.: Werke. Nationalausgabe, Bd. 20. Weimar: Böhlau 1980, 87–100
Karine Winkelvoss (Universität Rouen) und Stefan Willer (HU) sprechen über W. G. Sebald, l’économie du pathos (Paris: Classiques Garnier 2021) und Selbstübersetzung als Wissenstransfer (Berlin: Kulturverlag Kadmos 2020).
Karine Winkelvoss und Stefan Willer sprechen – auch anhand eigener Erfahrungen – über die Selbstübersetzung als Thema und Modus literatur- und kulturwissenschaftlichen Arbeitens. Während der von Stefan Willer und Andreas Keller herausgegebene Band »Selbstübersetzung als Wissenstransfer« das Thema in historischer Perspektive beleuchtet, erlebt Karine Winkelvoss die Herausforderungen der Selbstübersetzung bei ihren Forschungen zur »Poetik der Pathosformel« bei W. G. Sebald am eigenen Leib.
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Was bedeutet es, germanistische Themen in einer Fremdsprache zu bearbeiten? Und was nützt die reizvolle und erkenntnisfördernde Differenz zwischen Objekt- und Metasprache, wenn französischsprachige Germanistik im deutschsprachigen Raum letztlich nicht rezipiert wird? Vor allem aber: Steht am Ende der Selbstübersetzung wirklich eine Übersetzung und nicht viel eher ein neues Original?
Ausgehend von diesen Fragen wird der Trugschluss diskutiert, dass die Identität von Autorin und Übersetzerin größtmögliche Deckung zwischen Original und Übersetzung gewährleiste. Vielmehr bietet die Übersetzung eigener Texte größere Freiheiten als die fremder, indem sie ein stetiges Um- und Andersschreiben der eigenen Gedanken erlaubt. Aus Selbstübersetzung wird so Selbstexperiment, in dem sich das schreibende Ich in ein anderes übersetzt, das sich je nach Kontext neu verorten muss.
Das geschieht mal freiwillig, meist jedoch aus Notwendigkeit. Interessant wird es besonders dann, wenn in der Selbstübersetzung die hegemoniale Wissenschaftssprache verlassen wird, wie bei Luther das Lateinische oder bei den Gebrüdern Humboldt das Französische. Umgekehrt ist gerade in der heutigen globalisierten Wissen(schaft)slandschaft ein Zwang zum Forschen und Schreiben in der ›Leitsprache‹ festzustellen, die als reine ›Arbeitssprache‹ vermeintlich neutrales Kommunikationsmedium ist.
Bei den untersuchten und selbst erprobten Selbstübersetzungen rückt jedoch gerade die sprachliche Verfasstheit und damit verbundene Sprachabhängigkeit allen Wissens in den Vordergrund. Denn mit einem Sprach- geht oftmals ein Registerwechsel einher, ein Übergang in eine andere Wissenskultur und mit ihm ein Wissenstransfer.
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Die Germanistin Karine Winkelvoss lehrt an der Universität Rouen. Von 2015–2018 war sie mit dem Projekt Poetik der Pathosformel. Beitrag zu einer kulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaft Forschungsstipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung am ZfL. Stefan Willer ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2010–2018 war er stellvertretender Direktor des ZfL, wo er unter anderem das Forschungsprojekt Übersetzungen im Wissenstransfer leitete.
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»Der Fragebogen. Wir fragen, Karine Winkelvoss antwortet«, in: ZfL Blog, 13.3.2017
Georges-Arthur Goldschmidt: Als Freud das Meer sah. Freud und die deutsche Sprache. Frankfurt a.M.: Fischer 2010
Wilhelm von Humboldt an Johann Wolfgang von Goethe, 30.5.1800, in: Goethe’s Briefwechsel mit den Gebrüdern von Humboldt, hg. von František Tomáš Bratranek, Leipzig: Brockhaus 1876, 160
Stefan Willer: »Selbstübersetzungen. Georges-Arthur Goldschmidts Anderssprachigkeit«, in: Susan Arndt/Dirk Naguschewski/Robert Stockhammer (Hg.): Exophonie. Anders-Sprachigkeit (in) der Literatur. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2007, 264–281
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