Der Prophet gilt nichts im eigenen Land
Nicht nur Fußball-Fans werden bestätigen, wie wichtig ein Spiel im eigenen Stadion ist: Das gleicht einem 12. Mann auf dem Feld und man spricht von einem „Heim-Vorteil“. Anders sieht hier die Lage im Text aus dem Lukasevangelium, Kapitel 4, aus. Der Prophet gilt nichts im eigenen Land, das spürt auch Jesus. Obwohl er eine vollmächtige Predigt in der Synagoge seiner Heimatstadt Nazareth gehalten hat, gehen Haltung und Reaktionen der Zuhörer weit auseinander: Sie staunen, stimmen zu, sind tief beeindruckt und müssen zugeben, dass das, was er sagt, von Gott geschenkt war, so die Neue Genfer Übersetzung (V22). Aber gleich werden Jesu Worte wieder in Frage gestellt: Wie kann Jesus so etwas behaupten? Was kann der schon vorweisen? Ist er nicht Josefs Sohn, ein unscheinbarer Nazarener, Sohn eines Zimmermanns mit zweifelhaftem Stammbaum, was den Vater angeht? Arm, der mit einem wild zusammen gewürfelten Haufen einfacher Leute durchs Land zieht?
Die Stimmung kippt, die Erwartungshaltung steigt. Was in Kapernaum an Zeichen und Wundern geht, das sollte doch wohl auch in seiner Heimat Nazareth möglich sein? Wie kann es sein, dass sich vom Staunen über Wunder, Krankenheilung und vollmächtiger Predigt die Haltung gegenüber Jesus so radikal verändert? Ich denke, es hängt mit der Frage zusammen, wer Jesus ist und für wen ich ihn halte: Für die einen ist er Wunderheiler, andere stellen ihn in Frage und bringen ihn sogar mit dem Teufel in Verbindung, für noch andere ist er der verheißene Messias. Es lohnt sich, den Textabschnitt ab Vers 16 zu lesen.
Jesus ist in der Synagoge, er liest den Propheten Jesaja (Jes. 61,1ff) und alle hören, was die Zeichen des Messias sind: Er wird gesandt, den Armen eine frohe Botschaft zu verkünden, um diejenigen zu verbinden, die ein gebrochenes Herz haben, den Gefangenen die Freiheit zu verkünden und den Gebundenen, dass sie frei sein sollen.
Eine wunderbare Nachricht und genau das passierte gerade in Israel. Zeichen und Wunder, aber damit ist der Anspruch verbunden, dass der Geist Gottes auf ihm - also Jesus - ruht
(Jes. 61,1), dass er der verheißene Messias ist, der für diese Aufgabe gesalbt wurde.
Dieser Anspruch empört die Zuhörer. Was erlaubt sich Jesus? Ist er nicht der Sohn eines einfachen Zimmermanns? Wie passt das zusammen? Und warum wirkt Jesus in Nazareth so wenig Wunder, wenn er schon der Messias sein will, der Christus, der Gesalbte?
Jesus bemerkt die Forderung des Volkes, das eher eine Sensation als den Messias erwartet. Jesus hinterfragt dies: „Kein Prophet gilt etwas in seiner Heimat“ (V24).
Ein Gott für alle Menschen
Diese Erfahrung hatte schon Elia gemacht, der bei der Hungersnot nicht zu den Landsleuten ging, sondern zu einer Witwe in Zarpat im heutigen Libanon. Dort wurde er für diese Witwe in einer Dürrezeit zum Segen, wo sie Dank eines Wunders überlebte. Warum zogen Propheten wie Elia auf Gottes Anordnung weiter ins Ausland? Auch sie spürten: Kein Prophet gilt etwas in seiner Heimat. Das Wirken bei den Heiden machte schon damals deutlich: Gott hat eine viel breitere Zielgruppe im Fokus: Juden und Heiden. Jesus ist auch das Licht für die Heiden, damit alle Menschen auf der Erde durch ihn die rettende Hilfe erfahren (s. Jes. 49,6). Er ist das Licht der Welt, das Orientierung gibt und Leben schenkt, woran die Lichter in der Advents- und Weihnachtszeit erinnern.
Jesu Wirken in Nazareth war begrenzt. Die Menschen glaubten nicht an ihn. Schon zu Beginn von Jesu Wirken war Nathanael skeptisch, als die Jünger von ihm erzählten: „Was kann aus Nazareth schon Gutes kommen“ (Joh. 1,46)? Philippus gab ihm einen guten Rat: „Komm und sieh“! Probiere es aus, urteile doch selbst. Folge nicht Pauschalaussagen oder Vorurteilen, sondern bilde deine eigene Meinung!
Nach den Worten Jesu, die herausfordern, kocht die Masse und das Volk tobt. Zornig führen sie ihn zum Abhang eines Berges, um Jesus herabzustürzen. Aber er geht durch die aufge-brachte Volksmenge hindurch und zieht weiter. Niemand kann ihn aufhalten (V30).
Wie soll man diese Begebenheit von Nazareth verstehen und was bedeutet sie für uns heute?
Jesus hatte nicht „nach dem Mund“ geredet, sondern hielt eine Predigt, die herausfordernd zum Nachdenken und Handeln anregt. Jesus fordert Konsequenzen, also Folgen. Das war den Menschen von Nazareth damals zu radikal und auch heute ist es Ziel des Christentums, den Glauben im Alltag widerzuspiegeln. Das wollten die Zuhörer nicht. Damals wie heute gibt es meist zwei Parteien: Nachfolger oder Gegner. Jesus kam und kommt es darauf an, dass der Zuhörer nachdenkt und selbst urteilt: Wer ist Jesus? Wunderheiler? Rebell? Rabbi? Sohn des Zimmermanns oder Gottes Sohn? Für viele Juden war das Urteil Gottes Sohn anmaßend und Gotteslästerung. Aber viele beurteilten die Zeichen der Zeit und stellten fest: Gottes Reich ist nahe herbeigekommen (Mk 1,15), die Zeit ist erfüllt, wo Gott seinen Sohn gesandt hat (Gal. 4,4).
Johannes der Täufer, der ja zuvor das Kommen Jesu angekündigt hatte, kam im Gefängnis ins Zweifeln. ER ließ fragen: „Ist Jesus der verheißene Messias?“ Jesus sagte kein klares „Ja“, sondern ermutigte, die Zeichen der Zeit selbst einzuordnen: „Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Lk 7,22). Auch heute noch sollen Nachfolger Jesu die Zeichen der Zeit deuten und wachsam sein: Die größte Verheißung, die noch aussteht, ist die Wiederkunft Jesu. Auch dort gibt es Vorboten.
Gott hat das erste und das letzte Wort, das zeigt sich auch hier in der Geschichte in Nazareth: Auch wenn das Volk tobt und Jesus im Zorn töten möchte, kann ihn niemand hindern, damals wie heute.
Jesus fordert heraus
Eine Frage steht allerdings noch unausgesprochen im Raum: Konnte Jesus keine weiteren Wunder wirken, weil das Volk nicht glaubte? Sicherlich stehen Glauben und Wunder in Relation. Der Glaube ist wie ein Türöffner für das Handeln Gottes. Allerdings ist der Herr auch so souverän genug, um unabhängig davon zu handeln. Manchmal wirkte Jesus Wunder als Zeichen, um Glauben zu wecken oder zu stärken. Aber die Freiheit und Macht dazu liegt beim HERRN:
Welche Konsequenz hat es, wenn Jesus tatsächlich der Messias ist (was ich glaube)?
Jesus wünscht keine Oberflächlichkeit oder dem zu folgen, was die Mehrheit für richtig hält, sondern regt an, sich selbst mit dem Glauben auseinanderzusetzen.Jesus nimmt sich der Probleme an, die im Land herrschen, damals waren es Krankheit, Armut und Leiden. Und auch heute sind sie ihm nicht verborgen: Liebe, die erkaltet, zunehmende Brutalität und Gewalt, Skrupellosigkeit oder schwindende Gottesfurcht.Jesus möchte als Messias dem Glaubenden ein befreites Leben schenken, frei von Schuld, Sorgen oder Lasten.Jesus fordert heraus, damals wie heute: Was denkt denn Ihr, wer ich sei?
Petrus hatte eine tiefgehende Antwort (Joh 6,69): „Wir haben geglaubt und erkannt, dass du der Christus bist, der Sohn des lebendigen Gottes!“
Wohl dem, der wie Petrus zum gleichen Schluss kommt und sein Leben in der Nachfolge Jesu lebt, denn er hat Worte des ewigen Lebens. Sind Sie dabei?
Gerne stellen wir Ihnen unsere Inhalte zur Verfügung. Und würden uns sehr freuen, wenn Sie unsere Arbeit mit Ihrer Spende fördern. Herzlichen Dank! Jetzt spenden