Die Geschichtsgreißlerei

Wanda Lanzer


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Wie eine Frau die Abendschule erfand, vergessen und wieder erinnert wurde

Thema:

Wanda Lanzer wurde 1896 als Tochter zweier polnischer MigrantInnen unter ihrem Mädchennamen Landau in Wien geboren. Der bürgerliche elterliche Haushalt ermöglichte ihr den Besuch des Gymnasiums. Nach der Übersiedlung der Familie nach Lemberg maturierte sie dort und studierte später an der Universität Wien, wo sie mit Thema „Marxistische Krisentheorie“ promovierte. Sie wird Referentin der Sozialdemokratischen Zentralstelle für Bildungswesen. Dort entwickelt sie die Initiative für die Gründung des „Mittelschulkurses für sozialistische Arbeiter“. Nach der Heirat mit dem Juristen Felix Lanzer übernimmt sie dessen Namen. 1927-34 war sie Bibliotheksbeamtin der Sozialwissenschaftlichen Studienbibliothek der Arbeiterkammer. Nachdem sie 1934 durch das austrofaschistische Regime entlassen wurde, musste sie 1938 aus politisch- und rassistisch-motivierter Verfolgung durch die Nationalsozialisten das Land verlassen. Im schwedischen Exil war sie Teil der Gruppe österreichischer verfolgter SozialdemokratInnen. Nach einer Periode der Entbehrungen und wirtschaftlich prekären Lebenssituation wurde Schweden für Lanzer zur zweiten Heimat. Sie arbeitete u.a. im Stockholmer Rathaus und bis zu ihrer Pensionierung im Archiv der schwedischen ArbeiterInnenbewegung. Nach 1964 kehrte sie nach Österreich zurück, wo sie weiter in der Arbeiterkammer tätig war. So bearbeitete sie unter anderem die Nachlässe von Victor und Friedrich Adler und wirkte bei der Gesamtausgabe der Werke von Otto Bauer mit. 1980 verstarb Wanda Lanzer, ihre Urne wurde nach Stockholm überstellt. Wanda Lanzer blieb lange im Schatten der offiziellen Geschichtsschreibung. Ihr Wirken fand sehr spät die ihr eigentlich zustehende öffentliche Aufmerksamkeit. Erst durch neuere Forschungs- und Publikationsarbeiten, wie unter anderem der von Barbara Kintaert und Marina Laux, wurde Wanda Lanzer wieder bekannt. Letzten Endes aber doch wurden auch in Wien nun einige Orte und Institutionen nach ihr benannt. (Wanda LanzerVolksschule, Wanda Lanzer-Park und der Wanda Lanzer-Hof).

Ort:

Das Abendgymnasium Wien in der Brünnerstraße 72, 1210 Wien

1925 wurde von Wanda Lanzer der Mittelschulkurs sozialistischer Arbeiter gegründet. Aufgrund ihrer intensiven Vermittlungs- und Vortragstätigkeit musste sie feststellen, dass sehr vielen wiss- und lernbegierigen jungen ArbeiterInnen die Grundlagen für ein umfassendes Verständnis von sozialen und wirtschaftlichen Umständen fehlten. Die strenge Klassenhierarchie und die Undurchlässigkeit des österreichischen Bildungssystems der Zwischenkriegszeit verunmöglichte Menschen aus sozial benachteiligten Schichten den Zugang zur höheren Bildung. Der Kurs sollte junge ArbeiterInnen den Weg zur Matura ermöglichen. Bis zur Errichtung des austro-faschistischen Regimes 1934 unter Dollfuss war Wanda Lanzer Obmann des Vereins. Zwischen 1934-38 „ent-politisiert“, wurde die Initiative nach der Okkupation Österreichs durch Deutschland endgültig . Insgesamt konnten in diese Zeitraum 230 Menschen die Matura erfolgreich ablegen.
Nach 1945 erfolgte die Wiedergründung als Arbeitermittelschule. 1960 als Schultyp in die Bundesverwaltung aufgenommen, entwickelte es sich als eine der erfolgreichsten Einrichtungen Österreichs in Fragen des Zweiten Bildungswegs. Bis 2014 befand sich das Gymnasium am Henriettenplatz im 15. Wiener Gemeindebezirk. An der neuen Adresse auf der Brünner Straße 72 lernen gegenwärtig über 2.000 Studierende. Der Name Abendgymnasium ist ein wenig irreführend, da die Unterrichtseinheiten modular nicht nur abends, sondern auch vor- nachmittagsweise angeboten werden. Heute wird nicht nur vermehrt das Bildungsangebot auf junge ArbeiterInnen und Berufstätige ausgerichtet, sondern auch auf BürgerInnen mit teilweisem kurzfristigem Migrationshintergrund, um diesen einen raschen Einstieg ins Bildungssystem zu ermöglichen. Der korrekte Name lautet daher auch eigentlich: Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium für
Berufstätige.

Die Gäste:

Ulrike Kamauf unterrichtet am Abendgymnasium Englisch und Französisch und war Mitorganisatorin zu den 100-Jahrfeierlichkeiten der Schule.

Barbara Kintaert war bis zur ihrer Pensionierung Dokumentarin der Sowidok in der Bibliothek der AK Wien. Gegenwärtig beschäftigt sie sich vor allem im Bereich der Holocaust-Forschung.

Marina Laux ist Erziehungswissenschaftlerin und Wirtschaftspädagogin mit den Forschungsschwerpunkte Chancengerechtigkeit und Laufbahnen, Berufsbildung, Berufseinstieg. Sie ist gegenwärtig an der Arbeiterkammer Wien beschäftigt.

Tipps:

Zum Lesen:

Barbara Kintaert , Marina Laux: Blog des Magazins Arbeit und Wirtschaft (A&W): https://www.awblog.at/Bildung/wie-eine-frau-die-abendschule-erfand-und-vergessen-wurde-wanda

Ilse Korotin: Österreichische Bibliothekarinnen auf der Flucht. Verfolgt, verdrängt, vergessen?Praesens-Verlag 2007.

Irene Nawrocka: Im Exil in Schweden. Österreichische Erfahrungen und Perspektiven in den 1930 und 1940er Jahren. Mandelbaum Verlag 2013.

Alfred Pfoser: Literatur und Austromarxismus. Löcker Verlag 1980

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Die GeschichtsgreißlereiBy Andreas Filipovic, Walter Szevera


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