Die Geschichtsgreißlerei

Die Geschichtsgreißlerei

By Andreas Filipovic, Walter SzeveraHistory
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Die Geschichtsgreißlerei episodes

  • „Unser Herz schlägt international“
    Der Ort: Denkmal der Spanierkämpfer auf dem Wiener Zentralfriedhof, Gruppe 28
    Der Inhalt: 

    Nach Ausbruch des Bürgerkriegs in Spanien 1936 meldeten sich zahlreiche Österreicher:innen zur Verteidigung der Republik bei den internationalen Brigaden. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung stellte somit das österreichische Kontigent das Größte bei den Brigaden. Dabei verpflichteten sich nur Kämpfer für das österreichische Bataillon „12.Februar“, sondern viele engagierten auch sich in der Kranken- und Verwundeten Pflege, in der Verwaltung und als politische Funktionäre. Die meisten reisten über abenteuerliche Routen nach Spanien und blieben bis zur Auflösung der Brigaden 1938 in Spanien. Im Gegensatz zu vielen anderen Internationalist:innen konnten sie nicht ihr Heimatland zurückkehren. Viele von ihnen kämpften im Untergrund in Frankreich oder befanden sich permanent auf der Flucht. Lange Zeit wurden sie nach Ende des Zweiten Weltkrieg bestenfalls als Abenteurer gesehen, oft aber als angebliche „Agenten Stalins“ denunziert. Erst 1988 wurde zu Ehren der Gefallenen ein Denkmal errichtet. In den letzten Jahren beschäftigt sich auch die Forschung zunehmend mit dem Anteil des weiblichen und jüdischen Widerstandes im Rahmen der internationalen Brigaden.


    Tipps und Tricks:

    Zum Lesen:

    Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes: Lexikon der österreichischen Spanienkämpfer 1936-1939. Wien 2008.

    Brigitte Galanda: Für Spaniens Freiheit. Österreicher an der Seite der Spanischen Republik 1936-1939. Wien 1986

    Felicitas Kruse: „Schieß gut, aber freu Dich nicht. Österreicherinnen und Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg“ . Wien 1998

    Manfred Murgrauer. Der Titel: Freiwillige der Freiheit. Österreicher.innen im Spanischen Bürgerkrieg. Wien 2026

    Jakob Matscheko: Auf Francos Seite: Österreicher in den Reihen der Faschisten im Spanischen Bürgerkrieg. Wien 2015

    Zum Hören:

    WUK-Radio: Schieß gut, aber freu Dich nicht. Erich Hackl und Harry Spiegel; https://cba.media/9183

    39 min
  • Derf’s a bissl mehr sein?
    Der Ort: 

    ehemalige Greißlerei Renee Ott, Neubaugasse 58, 1070 Wien

    Der Inhalt: 

    Die Greißlerei, ein zumeist von Familien und mit 1-2 Angestellten geführtes Nahversorgungsgeschäft, war die dominante Form für die Versorgung der Bevölkerung mit alltäglichen Gütern (Lebensmittel, Brennmaterial, Kurzwaren,…) bis in die 1960er. Durchschnittlich 50-70m² groß, zumeist mit angeschlossenem Lager, bildeten sie das Rückgrat der städtischen Nahversorgung. Die Besitzer:innen wohnten oft über dem Geschäft oder in unmittelbarer Umgebung, ihre Kundschaft rekrutierte sich aus der Nachbarschaft. 

    Der Höhepunkt dieser Geschäftsform war in Wien während der Zwischenkriegszeit, in der bis zu 21.000 Verkaufsstellen existierten. Die Greißlerei war aber auch ein sozialer Ort, an denen Menschen soziale Kontakte pflegen konnten und oft in schwierigen Situationen auf Kredit einkauften. Eine erste Verdrängungswelle vollzog sich während der Herrschaft des Nationalsozialismus, in der jüdische Eigentümer:innen enteignet wurden. Nach dem Krieg gab eine kurze Phase der Renaissance dieser Geschäftsform durch Einführung technischer Innovationen (Kühlaggregate) und der Ausweitung des Warensortiments. Mit der Einführung von Supermärkten ab Ende 1950er beginnt das große „Greißlersterben“, dass sich bis in die 2000er fortsetzte. Mit Veränderung der Einkaufsgewohnheiten (bewusster und kritischer Konsum) kehren langsam wieder spezialisierte Greißlereien ins Stadtbild zurück. Viele von Migrant:innen geführte Gemischtwarengeschäfte treten auch das Erbe der klassischen Greißlerein an und füllen mit Produkten aus den Herkunftsländern und flexiblen Öffnungszeiten die Befürfnisnischen, die die großen Supermarktketten offenlassen.

    Tipps und Tricks: 

    Zum Lesen: 

    Österreichische Industriegeschichte GmbH: Österreichische Handelsgeschichte. Wien 2012

    Helene Belndorfer: Wegwerfen ist eine Sünde. Österreichische Konsumgeschichten aus beinah hundert Jahren. Wien, 2019


    Zum Hingehen: 

    Bezirksmuseum Penzing, Penzinger Str. 59, 1140 Wien

    Öffnungszeiten Mi: 17-19h, So: 10-12h


    Zum Anschauen:

    Am Schauplatz: Der Greissler ums Ecke (2001), ORF; https://www.youtube.com/watch?v=28YLlCD_x6Q

    32 min
  • Wasser für die Millionenstadt
    Der Inhalt:
    Mit der Errichtung der beiden Hochquellleitungen im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Wasserversorgung der Millionen-Metropole Wien sichergestellt. Die tägliche Bereitstellung des stetig steigenden Wasserbedarfs bedurfte auch einer rechtlichen Sicherung an Wasserrechten und Klärung von Eigentumsfragen an dem kostbaren Nass. Umfassende Gebietsankäufe und Schenkungen machten die Stadt Wien zu eine der größten Grundstücksbesitzerinnen und befriedigen auch heute noch den Durst der Hauptstadt. Doch vor der Verlegung der beiden Leitungen wurde die Region des Hochschwabs und Umgebung zuvor von Holzhändlern, Köhlern und jagdbessenen Habsburger erschlossen. Wie der Südwesten für die Stadt gewonnen wurde, erzählt der Historiker Christian Stadelmann.

    Der Gast:
    Christian Stadelmann ist Historiker und Kurator im Technischen Museum Wien.

    Der Ort:
    Übergangskammer Mauer: Endpunkt der 2.Hochquellleitung. Wittgensteinstraße 129, 1230 Wien.

    Tipps und Tricks:

    Zum Lesen:

    Alfred Drenning: Die II. Wiener Hochquellenwasserleitung. Festschrift, Wien: Compress-Verl. 1988.

    Ewald Putz herausgebracht. Hochschwab: Der Berg. Das Wasser. Die Menschen. Wien 2004

    Zum Wandern:

    Museum Hochquellenwasser Wildalpe in Wildalpen, Säusenbach Nr.14. Geöffnet von 1.Mai bis 26.Oktober. https://www.wien.gv.at/umwelt/museum-hochquellenwasser-wildalpen

    43 min
  • Gekauft – geliehen – gestohlen: Das Fahrrad in der Stadt
    Der Ort: Leihradstation Opernring 1, 1010 Wien

    Der Gast: Anne Ebert ist Historikerin und leitende Kustodin der Sammlung Verkehr im Technischen Museum Wien

    Der Inhalt: 

    Das Fahrrad entwickelt sich im Ende 19.Jahrhundert vom bürgerlichen Luxusgut hin zum proletarischen Verkehrsmittel par excellence. Industrialisierung und Standardisierung ermöglicht breiteren Massen den Ankauf von Fahrrädern und machen sie zu einem dominanten urbanen Verkehrsmittel. Die nach dem Zweiten Weltkrieg forcierte Förderung des automobilen Verkehrs verwandelt das Fahrrad wieder zum Sport- und Freizeitgerät. Mit den ab den 1960er aufkommenden Protesten gegen Umweltverschmutzung und städteplanerischer Fehlentwicklung rückt das Fahrrad wieder in den Fokus kommunaler Überlegungen. Seit den 1960ern durchlebt das Konzept der Leihräder unterschiedliche Phasen in europäischen Städten. Dabei spiegeln sich gesellschaftspolitischen Vorstellungen wider, wobei sich der Bogen von anarchistischen und selbstbestimmten Ansätzen bis marktwirtschaftlich dominierten Konzepten spannt. 

    Tipps und Tricks:

    Zum Sehen: 

    Vittoria de Sica: Fahrraddiebe. Italien 1951. https://www.youtube.com/watch?v=QPMK5YeUckA

    ORF Doku: Gestern gekauft, heute gestohlen – die Fahrraddiebe. Österreich 2026. https://on.orf.at/video/14318990/dok-1-gestern-gekauft-heute-gestohlen-die-fahrraddiebe

    41 min
  • 50 Jahre Punk in Wien
    Der Inhalt: 

    Mit einigen Jahren Verspätung trifft auch die Punk-Bewegung in Wien ein. An einigen Orten wie am Naschmarkt oder Lokalen (Milchkandl, La Bohème, …) treffen sich Punk-begeisterte Jugendliche, wo sie Musik machen und sich austauschen können. Die Szene zeichnet sich vor allem anfangs als offen für unterschiedliche Stilrichtungen aus und war sehr non-konform. Über Reisen nach London wurde auch ein Transfer an Platten, Mode und Publikationen hergestellt. Von Anfang an mussten sich Punks in Wien groben Anfeindungen aussetzen. Getragen war die Bewegung vor allem in dem Wunsch gegen Konformität, Spießigkeit und traditionellen überkommenen Regelwerk anzustehen. Kreativität spielte von Anfang an eine große Rolle, das Do-it-Yourself wurde faktisch in allen Bereichen als Prinzip angewandt, gegenseitiges Unterstützen und Solidarität täglich gelebt. Mit Mitte der 1980er entwickelte sich auch der Punk in Wien in eine politische Richtung, es gab Überschneidungen mit der Hausbesetzer-Szene, die Bands nahmen zu gesellschaftlichen Fragen Stellung. Die Szene existiert immer noch, sie hat sich aber über die Jahrzehnte stark differenziert. 
    Der Ort:

    „La Bohème“ war um 1978 ein kleiner Nachtclub am Getreidemarkt 23 in Wien, der als eines der ersten geheimen Treffpunkte der frühen österreichischen Punkszene diente. Dort trafen sich Punks jeden Dienstag im Hinterzimmer, bevor sich eine breitere Club- und Konzertkultur etablierte. Es war einer der ersten Fixpunkte für die Wiener Punks, noch vor den bekannteren Lokalen oder besetzten Häusern der späteren Jahre.

    Die Gäste:

    Peter Stuiber: Ist Historiker und Germanist, leitet die Abteilung Publikationen und Digitales Museum Wien, Kurator und Spezialist für Geschichte des Wiener Undergrounds.

    Andreas Bitesnich: Gehört zu den wichtigsten österreichischen Gegenwartsfotografen, ist Musiker und spielte in den 1980er selbst in einer Punkband.

    Tipps und Tricks:

    Zum Lesen:

    Peter Stuiber: Wien du tote Stadt. Publikation zur kommenden Ausstellung im Wien Museum (Juni 2027) 

    Claus Oistric: Als der Vorhang fiel. Punk im Wien der 90er. Wien 2023

    Zum Hingehen:

    Das Lokal Venster99 am Währinger Gürtel U-Bahn Bogen 99-100 ist ein Hotspot der Alternativen Szene und ist nach WEGA-Einsatz und kurzfristiger Schließung wieder geöffnet. Programm abrufbar auf der Website: https://www.venster99.at/





    45 min
  • Best of: Mozart in Wien
    Der OrtRauhensteingasse 8, 1010 Wien
    In der Rauhensteingasse 8 stand Mozarts Sterbehaus, in dem er unter anderem die „Zauberflöte“ und das Requiem komponierte. Das Originalhaus ist abgerissen, heute befindet sich dort ein großes Kaufhaus und in dessen Untergeschoss eine immersive Ausstellung zum Thema Mozart.

    Das ThemaWolfgang Amadeus Mozart lebte und wirkte von 1781-1791 in Wien. Wie kein anderer Künstler vor bzw. nach ihm wurde Mozart nicht nur über seine Kompositionen bekannt, sondern entwickelte sich zu einer weltweit verbreiteten Marke. Sein Konterfei ziert Kaffeetassen, T-Shirts, Süßigkeiten und wirbt für die Legalisierung von Cannabis.

    Diese Vermarktung findet aber schon in den Aktivitäten seines Vaters Leopold seinen Anfang und wird später durch seine Gattin Constanze Weber fortgesetzt. Die Marke Mozart entwickelt sich auch zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor im Wiener Tourismus. Das Leben bietet auch eine Vielzahl von Anknüpfungspunkten, den Mythos publikumswirksam auszubauen. Denn Mozart war nicht nur Vielreisender, sondern auch ein politischer und aufsässiger Geist, dem man durchaus rebellische Eigenschaften zuordnen kann. Wie dieses Ausnahmetalent seinen Alltag organisiert hat und was ihm neben dem Komponieren auch privat umtrieb, hat der Autor und Regisseur Kurt Palm jahrelang recherchiert und in Büchern und Filmen festgehalten.

    Zu GastKurt Palm ist österreichischer Autor und Regisseur und beschäftigt sich in Büchern und Filmen mit dem Mythos Mozart. Zuletzt hat er seine Autobiografie „Trockenes Feld“ herausgebracht, das ihm auch als Reisenden und widerspenstigen Geist ausweist.

    49 min
  • Best of: Öffentliche Örtchen
    Der Ort:

    Graben 22, 1010. Die öffentliche Bedürfnisanstalt am Graben wurde 1905 im Jugendstil errichtet und sollte als Leuchtturmprojekt für die sich international repräsentierende Kaiserstadt dienen. Vor allem für TouristInnen und Flaneure des sogenannten gehobenen Bürgertums gedacht, wurde die Toilette mit teuren Baumaterialien und den damals neuesten hygienischen Errungenschaften ausgestattet. Zeitweise mit Blumengirlanden ausgeschmückt und einem Aquarium versehen, sollte diese Toilette Anlage die Modernität und Eleganz des imperialen Wiens repräsentieren. Doch trotz des offensiv nach außen getragenen Selbstbewusstseins musste der Bau mit Kompromissen leben. So wurde die Anstalt fast verschämt in den Untergrund verbannt und es musste ein Respektabstand zum Stephansdom eingehalten werden. Die Anlage besteht heute noch und steht unter Denkmalschutz.

    Das Thema:

    In der Geschichte der Städte stellte die Beseitigung menschlicher Fäkalien diese immer vor großen Herausforderungen. Die Verrichtung der Notdurft im öffentlichen Raum war nicht nur ein hygienisches und sittliches Problem, die Einrichtung von öffentlichen Bedürfnisanstalten wurde auch immer mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragestellungen verknüpft. Mit der wissenschaftlichen Erkenntnis, dass nicht beseitigte Fäkalien die Auslöser für zahlreiche Krankheiten sind und dem explosiven Bevölkerungsanstieg in Wien wurden ab Ende des 18.Jahrhundert intensiv nach Lösungen gesucht, wie die enormen Mengen an menschlichen Exkrementen aus der Stadt hinaustransportiert werden könnten. So unternahm die Stadt zahlreiche Versuche, das Hygieneproblem in den Griff zu bekommen. An der Diskussion um öffentliche Toiletten entzündeten sich auch zahlreiche andere Themen, wie z.B. die der geschlechtliche Gleichbehandlung, der Klassenunterschieden und der Sexualpolitik.

    Tipps & Tricks:

    Zum Lesen:
    • Luke Barclay: Es steht ein Klo im Nirgendwo, 2016
    • Thomas Bernhard: Alte Meister, 2008
    Zum Finden
    • Toiletten-Apps: „Where is Public Toilet“ oder „Toilet Finder“
    • https://www.wien.gv.at/umwelt/ma48/sauberestadt/wc/




    42 min
  • Best of: Donaukanal
    Der Ort:

    Der Donaukanal ist einer der ehemaligen fünf großen Arme der an Wien vorbeifließenden Donau. Bis zur Donauregulierung 1870-75 und vor der Ausdehnungsbewegung der Stadt bis zum Hauptarm der Donau war der Kanal die wichtigste schiffbare Transportstraße. Der Kanal ist insgesamt 17.3km lang und weist eine Breite zwischen 50-70m auf. 


    Der Inhalt:

    Lange Zeit war der heutige Donaukanal der Hauptarm zur Versorgung der Stadt für Güter, die per Schiff transportiert wurden. Das mittelalterliche Stapelrecht, welches die durchreisenden Kaufleute zwang, ihre Ware eine Zeitlang in Wien feilzubieten, machte die Hauptstadt zu einem wichtigen Handelszentrum. So siedelten sich entlang des Donauarmes zahlreiche Gewerbe- und Handwerksbetriebe an, die in direktem Zusammenhang mit den transportierten Gütern standen. Vor allem Holz-, Nahrungsmittel- und Speditionsbetriebe waren entlang des Kanals zu finden. So gab es um die Innere Stadt entlang des Kanals auch zahlreiche Märkte. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Donaukanal immer wieder befestigt und reguliert, seine endgültige Form erhielt er im Zuge der Donauregulierung 1870-75 und den nachfolgenden Errichtungen von Schleusen und Kaimauern. Auf seiner ganzen Länge finden sich unterschiedlichste Nutzungen wieder: proletarische Massenquartiere, bürgerliche Prachtbauten, Verwaltungs- und Militäreinrichtungen, Industriebetriebe und Aulandschaften. Während des 2.Weltkriegs wurden große Teile des Kanals zerstört, seitdem steht das Gewässer immer wieder im Mittelpunkt stadtplanerischer Überlegungen. Gegenwärtig entwickelt er sich vor allem zu einem der wichtigsten Freizeit- und Erholungsgebiete im Stadtzentrum.

    33 min
  • Best of: Bis zur Adria reichte es leider nicht
    Der Ort:
    Stubentor, 1010. Der Wiener Neustädter Kanal erstreckte sich am Höhepunkt seiner Ausdehnung Mitte des 19.Jahrhunderts vom Wiener Stubentor bis nach Wiener Neustadt. Der damals 63km lange Kanal wurde von zwei Häfen eingefasst, nämlich einem in Wiener Neustadt und einem direkt am Wiener Stubentor bis zur damaligen Stadtmauer, wo sich heute der Schienenverkehrsknotenpunkt Wien Mitte befindet. Der Kanal führte über Wien Landstraße, Simmering, Maria Lanzersdorf, Laxenburg, Guntramsdorf, Baden bis Wiener Neustadt. Derzeit existiert dieser Wasserweg zwischen Guntramsdorf und Wiener Neustadt, die restlichen Teile wurden mit der Zeit zugeschüttet. Heute sind die noch bestehenden Teile beliebte Ausflugsziele für SpaziergängerInnen und RadfahrerInnen bzw. wird die ehemalige Verkehrsader für landwirtschaftliche oder gewerbliche Zwecke genützt.

    Das Thema:

    Im Zuge der Industrialisierung Europas im 18.Jahrhundert waren Kanäle die effizientestenTransportwege von Massengütern. Daher plante die österreichische Verwaltung Ende des 18.Jahrhunderts ein ähnliches Kanalnetz wie in Frankreich oder England einzuführen, um die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Dabei war die Schaffung eines künstlichen Kanals von Wien bis zur Adria als Großprojekt geplant. Innerhalb von 6 Jahren Bauzeit wurde das erste Teilstück zwischen Wien und Wiener Neustadt 1803 fertiggestellt. Auf der 63km langen Strecke wurden zahlreiche Schleusen, Brücken, Lagerhallen und Anschlüsse an die im Wiener Becken ansässigen Industriebetriebe angelegt. Für die eigens für den Kanal entwickelten Bootstypen gründete man sogar Werften. Innerhalb von 50 Jahren entwickelte sich der Kanal zu einer der wichtigsten Transportlinien für Kohle, Holz, Ziegel und gewerbliche Produkte in die boomende Hauptstadt der Monarchie. Die weitreichenden Pläne für den Ausbau bis zur Adria mussten aufgrund finanzieller und innenpolitischer Hürden aufgegeben werden. Mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes verlor der Kanal zunehmend seine Funktion. Die Schiene konnte billiger, schneller und unabhängig von den Jahreszeiten massenhaft Güter transportieren. Nach dem Ersten Weltkrieg verlor der Kanal endgültig seine Bedeutung, das Wiener Kanalbett wurde zugeschüttet bzw. als Trasse für die Eisenbahn genützt (teilweise die heutige Strecke der S7).

    Tipps und Tricks:

    Zum Lesen:
    • Johannes Hradecky, Werner Chmelar: Wiener Neustädter Kanal. Vom Transportweg zum Industriedenkmal. Wien, 2014.
    • Paul Slezak u.a.: Vom Schiffskanal zur Eisenbahn: Wiener Neustädter Kanal und Aspangbahn. Wien, 1981
    • Fritz Lange: Von Wien zur Adria: der Wiener Neustädter Kanal. Sutton 2003.
    Zum Radeln und Spazieren:
    Radwanderweg EuroVelo 9, Teil Wiener Neustädter Kanal.

    32 min
  • Best of: Die Donauinsel
    Der Inhalt:

    Mit der Donauregulierung 1870-75 glaubte man den verheerenden Hochwassern der Donau im Wiener Raum ein Ende gesetzt zu haben. Jedoch musste man nach dem durch einen Eisstoß verursachten Hochwasser von 1954 erkennen, dass die Dämme und das Überschwemmungsgebiet für Jahrhunderthochwasser keinen ausreichenden Schutz boten. Nach langen Diskussionen über unterschiedliche Lösungsansätze beschloss die Stadtregierung den Bau des sogenannten Entlastungsgerinne parallel zur Donau. Was am Anfang nur als schnurgerader Damm mit steiler Böschung und möglicher Bebauung auf dem Damm gedacht war, entwickelte sich aufgrund der beharrlichen Interventionen von Raum- und Städteplaner zum heutigen Freizeitpark und Grünstreifen mitten in der Stadt. Aber auch gesellschaftspolitische und soziale Veränderungen nahmen maßgeblich Einfluss auf die heutige Form. Eine neue Freizeitkultur entstand als Folge der Arbeitszeitverkürzung, aber auch der Wunsch nach Erholungsgebieten im unmittelbaren Umfeld, um den explodierenden motorgestützten Individualverkehr einzudämmen. 

    Der Ort:

    Die Donauinsel wurde zwischen 1972 und 1988 auf insgesamt 21,1km Länge quer durch die Stadt parallel zur Donau gelegt. Mit der Schaffung einer künstlichen Insel setzte man städtebaulich neue Maßstäbe: So weist die Donauinsel insgesamt 380 ha hochwasserfreie Fläche auf, zusätzlich wurden 330ha Wasserfläche für die Öffentlichkeit bereitgestellt. Insgesamt wurden 135km Wege errichtet und für die Begrünung 1.8 Millionen Bäume und Sträucher gepflanzt sowie 170ha Wald angelegt. Berühmt wurde die Donauinsel auch mit dem jährlich stattfindenden Donauinselfest, einer der größten Freiluft Veranstaltungen weltweit, mit über 3 Millionen BesucherInnen an dem Veranstaltungswochenende.

    Tipps und Tricks:

    Zum Lesen: 

    Leopold Redl, Hans Wösendorfer: Die Donauinsel. Ein Beispiel politischer Planung in Wien. Wien 1980

    Zum Anschauen:

    Youtube Videokanal von Bernhard Rennhofer: Die größte Baustelle in der Geschichte von Wien. So wurde die Donauinsel in Wien gebaut.

    https://www.youtube.com/watch?v=EVe1byxe6GY


    Zum Mitfeiern:

    Falco Konzert auf der Donauinsel 1993. Auf Youtube.

    https://www.youtube.com/watch?v=bqseW3ZItxA

    35 min

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History goes Grätzl! - Ausgehend von Wiener Orten behandelt die Geschichtsgreißlerei historische Themen und aktuelle gesellschaftspolitische Fragen. Sie erzählt Unbekanntes und Unerhörtes über Wien…

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