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Anonyme Wettbewerbsverfahren gelten als das stärkste Instrument für Baukultur und Chancengleichheit, doch in der Praxis stehen junge und kleinere Büros vor fast unüberwindbaren Hürden. Überladene Auslobungen und stetig steigende Detailanforderungen verlangen den Teilnehmenden immense Ressourcen ab. Starre Referenzkriterien fördern nur die, die bereits gebaut haben, wofür man ein Planungsbüro sucht und sorgen für ewige Wiederholungen des Bestehenden. Jonas Tratz erlebt diese Systemkrise aus allen Blickwinkeln: Als Partner von FAKT – Office for Architecture, als Fachpreisrichter und als ehemaliges Mitglied im Ausschuss „Wettbewerbe und Vergabe” der Architektenkammer Berlin. Um dem aufgeblähten Standard etwas entgegenzusetzen, fordert er ein unbürokratisches Gegenmodell. Den Gebäudetyp E als Vorbild, soll dieses schlanke Format den administrativen Aufwand drastisch reduzieren, Kommunen die Scheu vor Verfahren nehmen und den Raum für architektonisches Experimentieren zurückgewinnen. Im Gespräch spricht er über die Verknappungsfalle bei nicht-offenen Wettbewerben, das Potenzial kollaborativer Büro-Allianzen und die Notwendigkeit, Preisgerichte diverser und generationenübergreifender zu besetzen.
In dieser Sonderfolge blickt Kerstin Kuhnekath in Form eines Audio-Essays auf das Podcast-Medium selbst. Die Anzahl deutschsprachiger Architekturpodcasts ist in den Jahren seit der Pandemie enorm gestiegen. Das unbegrenzte Audio-Format eignet sich, um tiefer in spezifische Themen einzutauchen, als klassische Fachzeitschriften. Stimmen transportieren Emotionen und machen das Denken und Schaffen wichtiger Akteur*innen unmittelbar erlebbar. Ob beim Joggen, im Auto oder beim Putzen: Podcasts bieten eine freie, flexible Bühne für den Diskurs.
Mitwirkende & Credits:
Wer ein Wettbewerbsverfahren auslobt, gewinnt mehr als einen Entwurf. Anett-Maud Joppien sitzt seit 1993 in rund 400 nationalen und internationalen Preisgerichten und beschreibt, was Auslober tatsächlich gewinnen: eine Aufgabenstellung, die in der Preisrichtervorbesprechung geschärft wird, mehrere geprüfte Lösungen im direkten Vergleich, ein kollektives Urteil aus Fach- und Sachpreisrichter*innen statt Einzelgeschmack, präzise Überarbeitungshinweise für die weitere Beauftragung – und einen öffentlichen Diskurs, der Genehmigungsprozesse beschleunigt. Außedem besteht Freiheit in der Entscheidung: Die Jury-Empfehlung ist nicht bindend: Auch ein zweiter oder dritter Preis kann beauftragt werden. Ein Gespräch über die Innensicht der Jury, was ein Verfahren zurückgibt und warum junge Büros stärker eingebunden gehören.
Ein kleines, unerfahrenes Architekturbüro aus London gewann 1991 den Wettbewerb für das GSW-Hochhaus in Berlin, zog daraufhin in die Stadt und entwickelte sich zu einem der renommiertesten Architekturbüros Deutschlands: Sauerbruch Hutton. Heute ist das kaum mehr möglich, da aktuelle Ausschreibungen Referenzen für den jeweiligen Gebäudetypus verlangen. Kein Schwimmbad gebaut? Keine Schule realisiert? Kein Zugang. Matthias Sauerbruch beschreibt, was damals den Unterschied machte: Bauherren, die loyal blieben, als der neue Senatsbaudirektor das Projekt kippen wollte, Bezirksverordnete, die überzeugt werden mussten und eine Portion Naivität. Heute vermisst er Verfahren, die Risikobereitschaft und Erfindergeist belohnen. Ein Gespräch über Aufbruch, Zugangsbedingungen und die Frage, welche Architektur entsteht, wenn nur noch die Erfahrenen zugelassen werden und Innovation nicht mehr gefördert wird.
sauerbruchhutton.de
Warum wird der Großteil öffentlicher Bauaufträge nicht über offene Architekturwettbewerbe vergeben – obwohl sie das stärkste Instrument der Qualitätssicherung sind? Christopher Schriner kennt das System aus drei Perspektiven: als Planer, als Verfahrensbetreuer und heute als Bezirksstadtrat für Straßen und Grünflächen in Berlin-Mitte. Bei C4C betreute er Wettbewerbe im gesamten Bundesgebiet, darunter das Bauhausmuseum Dessau mit 831 Teilnehmenden. Er erklärt, warum der offene Wettbewerb nicht für jede Aufgabe die richtige Wahl ist und warum das Verfahren trotzdem unterschätzt wird: als Schutz vor individueller Präferenz, als Zeitgewinn für Bauherren und als Chance, Öffentlichkeit einzubinden. Ein Gespräch über Vertrauen, Vergaberecht und Verfahrenskultur als Teil gelebter Demokratie.
Zwölf Architekturbüros, ein städtisches Grundstück und der Wille, zu zeigen, dass es geht: Mit den Lanstroper Wohnhöfen soll in Dortmund ein qualitätvolles und zukunftsfähiges Wohnquartier mit bezahlbaren Mietwohnungen entstehen – und das ganz ohne das vermeintliche „Allheilmittel“ des modularen oder seriellen Bauens. Die Architektinnen setzen auf die Analyse des Ortes sowie die Entwicklung und Planung qualitätsvoller öffentlicher, halböffentlicher und privater Räume. Norbert Post, einer der drei Projektleiter, sieht in der Planung die Hauptaufgabe und -kompetenz unseres Berufsstandes. In den gängigen Abläufen kommt sie jedoch oft zu kurz, weil man glaubt, hier kürzen und sparen zu können. Warum genau das teurer wird, wie es gelingt, Kommunen zu überzeugen, und was es braucht, damit ein Entwickler sich auf die Zusammenarbeit mit zwölf Büros einlässt, erzählt Post in dieser Episode. Ein Gespräch über Vertrauen, Verantwortung, die gesellschaftliche Bedeutung professioneller Planung und den Beweis, dass Architektinnen jenseits von konkurrierenden Wettbewerben erfolgreich zusammenarbeiten können.
Foto: Cornelia Suhan
Zwei weitere Projektleiter neben Norbert Post sind Marcus Patrias, Björn Schreiter.
Im Rahmen seiner Doktorarbeit am Institute for Sustainable Urbanism der TU Braunschweig hat Florian Liedtke untersucht, wie es in Tokio gelingt, dass gewerbliche Räume Funktionen übernehmen, die hierzulande eindeutig dem privaten Wohnraum zugeordnet sind. Schlafen, Entspannen, Rückzug, sogar Körperpflege. Als Reaktion auf kleine Wohnräume bieten Manga-Cafés, Kapsel- oder Lovehotels als „dritte Orte“ nicht nur Dienstleistungen, sondern auch Vertrautheit, Komfort und Alltagstauglichkeit. Liedtke beleuchtet, welche Möglichkeiten und Hürden es in deutschen Städten gibt, um das Tokioter System zu übertragen und den Wohnraummangel dadurch zu beheben. Ein Gespräch über urbane Routinen, neue Raumkonzepte und darüber, was wir von Tokio lernen können.
bak.de/podcast
Büroflächen stehen leer – allein in Hamburg rund 850.000 Quadratmeter. Gleichzeitig fehlt bezahlbarer Wohnraum. Doch warum lassen sich leerstehende Gebäude nicht einfach umnutzen? Emma Stiehle vom Kollektiv vonwegenleer beschreibt die Hürden: hohe baurechtliche Standards, langwierige Genehmigungsverfahren und Eigentumsstrukturen. Gemeinsam mit Studierenden der HCU hat das Kollektiv das Pionierprojekt Pop-Up Wohnen in Hamburg-Stadtmitte realisiert. Es zeigt, dass temporäres Wohnen in Bürohäusern möglich ist – und gerade für Studierende, eine der verletzlichsten Gruppen auf dem Wohnungsmarkt, eine pragmatische Lösung sein kann. Eine Episode über politische Realitäten, planerische Herausforderungen – und den Mut, neue Wege praktisch zu erproben.
Das Projekt “Pop-Up Wohnen” fand als Pilotprojekt im Hamburger Programm “Verborgene Potenziale - Gemeinschaftliche Entwicklung der Nutzungsvielfalt für eine lebendige und resiliente Hamburger Innenstadt” statt und wurde gefördert mit Mitteln aus dem Programm “Zukunftsfähige Innenstädte und Zentren” des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen.
Fotocredit Cover: Juli Sottorf
Dr. Carolin Genz forscht an der Schnittstelle von Stadtanthropologie, Humangeografie und Planungspraxis. Im Podcast spricht sie über aktuelle Herausforderungen kommunaler Wohnraumversorgung – von der Transformation bestehender Wohnformen über Suffizienzstrategien bis zur Konzeptvergabe. Sie erläutert, wie interdisziplinäre Forschung Perspektiven öffnet, und beschreibt, mit welchen Instrumenten gemeinwohlorientierte Boden- und Wohnungspolitik wirksam werden kann. In ihrer Forschung lenkt sie den Fokus auch auf Themen, die in der Wohnungsdebatte meist zu wenig Beachtung finden –beispielsweise Gendergerechtigkeit in der Stadtentwicklung, Gewalt im Wohnumfeld oder rechtspopulistische Einflussnahme auf Wohnungsfragen. Genz berichtet über internationale Wohnrealitäten zwischen Berlin, Wien und Toronto und von ihrer Arbeit im Forschungscluster „Wohnen in der Stadtentwicklung“ beim vhw und über ihr Buchprojekt „Wohnwissen“.
Foto: (c) Carolin Weinkopf
vhw.de
Das Berliner Architekturbüro Zanderroth entwickelt seit den 1990er Jahren Wohnungsbauten – nicht nur, aber hauptsächlich in Berlin. Gegen die Wohnungsnot haben sie ein Konzept entwickelt. Doch jegliche Versuche, es der Politik in Berlin, vorzustellen, sind gescheitert. Es könnte an der Idee liegen, dass Eigentumswohnungen die Sozialwohnungen querfinanzieren sollen. Sascha Zander versteht die Bedenken allerdings nicht: Berlin ist laut Verfassung dazu verpflichtet, die Bildung von Wohneigentum zu fördern. Ein Gespräch über Bodenpreise, Bürokratie, politische Blockaden und die Frage, ob die Wohungsnot in erster Linie ein politisches, oder ein gesellschaftliches Problem ist.
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