Das Klima

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By Florian Freistetter, Claudia FrickNewsScienceNature
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Das Klima episodes

  • DK170 - Wer kriegt die Klima-Keile?
    Und: Welche Instrumente zur Lösung der Krise haben wir?

    DK170 - Wer kriegt die Klima-Keile?

    Und: Welche Instrumente zur Lösung der Krise haben wir?

    "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

    In Folge 170 gibt es Keile. Keine Sorge, wir kriegen uns nicht die Haare und verprügeln auch niemanden. Aber das Konzept der “Klimakeile” ist ein interessanter Ansatz, um bei der Lösung der Klimakrise die richtigen Wege zu wählen. Was das genau ist, diskutieren wir in dieser Folge.

    Wer den Podcast unterstützen will, kann das gerne tun: https://steadyhq.com/de/dasklima/ und https://www.paypal.me/florianfreistetter.

    Was sind Klima-Keile?

    Die Klimakrise ist ein vielfältiges Thema, aber im Zentrum steht eine entscheidende Frage: Wie können wir die globale Erwärmung begrenzen, idealerweise auf 1,5 Grad? Eine neue Studie mit dem Titel “Democratizing climate change mitigation pathways using modernized stabilization wedges” greift dafür das Konzept der sogenannten Klimakeile auf, das bereits 2004 mit der Arbeit bekannt wurde ([“Stabilization Wedges: Solving the Climate Problem for the Next 50 Years with Current Technologies”]https://doi.org/10.1126/science.1100103)), hier gibt’s ein pdf). Statt wie bisher vor allem komplexe Integrated Assessment Models zu verwenden, die Klima-, Energie- und sozioökonomische Modelle kombinieren, konzentriert sich der Ansatz auf konkrete einzelne Maßnahmen. Jeder „Keil“ steht dabei für eine bestimmte Form der Emissionsminderung und spart bis 2050 jährlich rund zwei Gigatonnen CO2-Äquivalente ein, also etwa vier Prozent der heutigen globalen Emissionen. Klimaschutz erscheint dadurch nicht mehr als abstrakte Emissionskurve, sondern als Bündel parallel laufender Lösungen. Nicht eine einzige Technologie soll die Krise lösen, sondern viele unterschiedliche Maßnahmen gemeinsam.

    Wie so ein Klima-Keil aussieht, kann man sich in dieser Abbildung ansehen.

    Die Studie identifiziert insgesamt 36 solcher Klimakeile, die sich auf fünf große Bereiche verteilen: saubere Stromerzeugung, Industrie und Brennstoffe, Verkehr, Gebäude sowie Landnutzung und Ernährung. Dazu gehören etwa der Ausbau von Wind-, Solar- und Kernenergie, Wasserstoff in der Stahlproduktion, Elektroautos, Wärmepumpen, weniger Lebensmittelverschwendung oder die Wiederaufforstung von Wäldern. Hier ist die vollständige Liste:

    • Windenergie ausbauen
    • Solarenergie ausbauen
    • Kernenergie ausbauen
    • Gas statt Kohle
    • Kohlekraftwerke mit CO2-Abscheidung (CCS)
    • Gaskraftwerke mit CO2-Abscheidung
    • Bioenergie mit CO2-Abscheidung (BECCS)
    • CO2-Abscheidung in Zementwerken
    • Wasserstoffbasierte Stahlproduktion
    • Elektrische Stahlproduktion
    • Emissionsarme Chemieproduktion
    • Grüner Wasserstoff
    • Methanemissionen aus Öl- und Gasförderung reduzieren
    • Fluorierte Kältemittel (HFCs) ersetzen oder zerstören
    • Direct Air Capture (CO2 direkt aus der Luft entfernen)
    • Effizientere Autos (weniger Kraftstoffverbrauch)
    • Elektroautos
    • Öffentliche Verkehrsmittel ausbauen
    • Aktive Mobilität (Rad, Fuss, etc.)
    • Nachhaltige Biokraftstoffe
    • Flugverkehr reduzieren
    • Güterverkehr dekarbonisieren
    • Gebäudedämmung verbessern
    • Wärmepumpen verbreiten
    • Saubere Kochherde statt traditioneller Biomasseherde
    • Fleischkonsum reduzieren
    • Lebensmittelverschwendung halbieren
    • Tropische Entwaldung reduzieren
    • Tropische Wälder wieder aufforsten
    • Temperierte Wälder wieder aufforsten
    • Bäume auf Ackerflächen (Agroforst)
    • Bäume auf Weideflächen
    • Bodenkohlenstoff in der Landwirtschaft erhöhen
    • Moore wiedervernässen
    • Entwässerung von Mooren stoppen
    • nachhaltiges Landmanagement zur Kohlenstoffbindung
    • Entscheidend ist dabei, dass nicht jede Maßnahme vollständig umgesetzt werden muss. Schon Teilfortschritte reichen aus, um einen einzelnen Keil zu erfüllen – etwa wenn ein Fünftel aller globalen Pkw-Kilometer elektrisch gefahren wird, die Hälfte der Stahlproduktion mit grünem Wasserstoff erfolgt oder Lebensmittelverschwendung weltweit halbiert wird. Laut Studie existieren derzeit ungefähr 17 umgesetzte Klimakeile, was auf einen Erwärmungspfad von etwa 2,5 Grad bis 2100 hinausläuft. Für das 1,5-Grad-Ziel wären etwa 20 zusätzliche Keile notwendig, also eine massive Verdoppelung der Klimaschutzanstrengungen. Gleichzeitig eröffnet der Ansatz enorme Flexibilität: Die Kombinationen möglicher Maßnahmen gehen in die Billionen, wodurch unterschiedliche gesellschaftliche Prioritäten, Akzeptanzfragen oder regionale Besonderheiten berücksichtigt werden könnten.

      Allerdings gibt es auch deutliche Kritik. Der Energieökonom Stefan Vögele vom Forschungszentrum Jülich sieht den Ansatz vor allem als Kommunikationsinstrument und weniger als präzises Analysewerkzeug. Wichtige Faktoren wie Kosten, Rohstoffverfügbarkeit, geopolitische Risiken oder Wechselwirkungen zwischen einzelnen Maßnahmen würden kaum berücksichtigt. Wenn etwa Elektroautos und Wärmepumpen stark ausgebaut werden, steigt gleichzeitig der Strombedarf – was wiederum einen schnelleren Ausbau sauberer Energiequellen erfordert. Auch der Transformationsforscher Nico Bauer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hält die Logik der Klimakeile für problematisch. In klassischen Klimamodellen würden zunächst politische Rahmenbedingungen wie CO2-Preise oder Emissionsgrenzen festgelegt, aus denen sich dann bestimmte Technologien ergeben. Der Wedge-Ansatz dagegen liste Technologien auf, ohne zu erklären, welche politischen Entscheidungen ihre Umsetzung tatsächlich erzwingen würden. Ohne entsprechende Gesetze und Anreize könne die Wirkung vieler Maßnahmen weitgehend verpuffen. Zudem bleiben praktische Fragen offen: Wie realistisch ist die weltweite Nachrüstung von Kohlekraftwerken mit CO2-Abscheidung? Wie viel Fläche steht überhaupt für Aufforstung oder Energiepflanzen zur Verfügung? Und welche wirtschaftlichen Folgen hätte eine drastische Reduktion des Flugverkehrs?

      Trotz dieser Kritik sehen viele Forschende im Konzept einen wertvollen Beitrag zur öffentlichen Debatte. Als exaktes Planungsinstrument ist es vielleicht zu simpel, als Kommunikationshilfe aber sehr wirkungsvoll. Die Studie macht sichtbar, wie groß die Herausforderung tatsächlich ist und wie viele unterschiedliche Hebel es gibt, um Emissionen zu reduzieren. Letztlich bestätigt sie etwas, das Klimaforschende seit Jahren betonen: Die technischen Lösungen für den Klimaschutz sind größtenteils bekannt. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, sie auch umzusetzen. Oder anders gesagt: Die Welt verfügt über genügend Klimakeile – ob sie genutzt werden, ist vor allem eine politische Frage.

      Eine Zusammenfassung der Arbeit und der Kritik dazu findet man hier beim Science Media Center.

      Der Artikel der Riffreporter ist hier zu finden.

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      Wenn ihr Fragen oder Feedback habt, dann schickt uns einfach eine Email an [email protected]. Alle Folgen und alle Shownotes findet ihr unter https://dasklima.fm.

      Florian könnt ihr in seinem Podcast “Sternengeschichten” zuhören, zum Beispiel hier: https://sternengeschichten.podigee.io/ oder bei Spotify - und überall sonst wo es Podcasts gibt. Außerdem ist er auch noch regelmäßig im Science Busters Podcast und bei WRINT Wissenschaft”-Podcast zu hören (den es ebenfalls bei Spotify gibt). Mit der Astronomin Ruth Grützbauch veröffentlicht er den Podcast “Das Universum”.

      Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” ab und an über Wissenschaft.

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      31 min
    • DK169 - Darf man Witze machen über die Klimakrise?
      Und: Wie bringt man Wissenschaft und Humor zusammen?

      DK169 - Darf man Witze machen über die Klimakrise?

      Und: Wie bringt man Wissenschaft und Humor zusammen?

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      In Folge 169 wird es lustig. Wird diskutieren, ob man Witze über die Klimakrise machen darf und über ein Projekt aus Großbritannien, bei dem Forschende und Comedians im Sinne der Wissenschaftskommunikation zusammengearbeitet haben.

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      Witze machen über die Klimakrise*

      Es gibt mittlerweile einige Projekte, bei denen Wissenschaft mit Humor vermittelt wird. Florian zum Beispiel ist Teil der Wissenschaftskabarettgruppe Science Busters. Aber kann man über alles Witze machen? Wie schaut es mit dramatischen und drängenden Problemen wie der Klimakrise aus? Auch damit lässt sich Comedy machen - aber man muss es richtig machen! Wie das geht, haben Forschende aus Großbritannien in ihrer Arbeit “Climate change is (NOT) funny: Insights from a climate change comedy event” untersucht. Forschende und Comedians haben gemeinsam ein Comedy-Event auf die Beine gestellt, zu Themen der Klimakrise. Davon haben am Ende nicht durch die Forschenden profitiert, sondern auch die Comedians.

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      45 min
    • DK168 - Die Welt erhitzt sich schneller als gedacht
      Und: Wo ist der Meeresspiegel?

      DK168 - Die Welt erhitzt sich schneller als gedacht

      Und: Wo ist der Meeresspiegel?

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      In Folge 168 geht es um zwei grundlegende Themen. Um die globale Erwärmung, die schneller voranschreitet als wir bisher dachten. Und um den Anstieg des Meeresspiegels, bei dem wir die Lage bisher auch unterschätzt haben.

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      Die Welt erwärmt sich schneller als gedacht

      2023 und 2024 waren die heißesten Jahre seit Beginn der Aufzeichnungen. Besonders 2024 sorgte für Aufmerksamkeit, weil die globale Durchschnittstemperatur erstmals mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau lag.

      Schaut man auf die Entwicklung der globalen mittleren Oberflächentemperatur (Global Mean Surface Temperature, GMST), zeigt sich seit den 1970er Jahren ein konstanter Trend: Die Erde hat sich im Mittel um etwa 0,2 Grad Celsius pro Jahrzehnt erwärmt. Natürlich verläuft dieser Anstieg nicht vollkommen glatt. Es gibt natürliche Schwankungen, die zeitweise den Eindruck erwecken können, die Erwärmung habe sich verlangsamt oder sei sogar zum Stillstand gekommen.

      Wie schnell sich die Erde wirklich erwärmt: Genau dieser Frage sind Grant Foster und Stefan Rahmstorf in einer neuen Studie nachgegangen. Dafür haben sie eine ausführliche statistische Analyse von fünf globalen Temperaturdatensätzen durchgeführt: NASA, NOAA, HadCRU, Berkeley Earth und ERA5. Um das eigentliche Klimasignal klarer sichtbar zu machen, rechneten sie zunächst kurzfristige Einflüsse heraus, die das Temperatursignal überlagern: ENSO (also El Niño und La Niña), Vulkanausbrüche und Schwankungen der Sonnenaktivität. Dadurch wird das „Rauschen“ reduziert, ohne den langfristigen Trend künstlich zu erzeugen.

      Anschließend testeten sie verschiedene statistische Modelle. Die Nullhypothese lautete: Seit 1970 lässt sich die GMST als linearer Erwärmungstrend plus Rauschen beschreiben. Dem gegenüber stellten sie zwei alternative Hypothesen. Erstens: Die Temperaturentwicklung folgt einer quadratischen Funktion plus Rauschen, was auf eine allmähliche Beschleunigung hindeuten würde. Zweitens: Die Entwicklung lässt sich besser als stückweise lineare Funktion beschreiben, also mit einem Zeitpunkt, an dem sich die Steigung – und damit die Erwärmungsrate – verändert.

      Die Autoren betonen selbst, dass diese Modelle sehr unterschiedlich sind und gerade deshalb etwas Wichtiges zeigen: In der frequentistischen Statistik bedeutet „statistische Signifikanz“ nicht, dass ein bestimmtes Testmodell „bewiesen“ wäre. Sie bedeutet vielmehr, dass die Nullhypothese verworfen werden kann. Die beiden Alternativmodelle können nicht gleichzeitig exakt richtig sein – und sie zeichnen auch unterschiedliche Bilder davon, wie sich die Erwärmung im Detail entwickelt hat. Aber in einem zentralen Punkt stimmen sie überein: Die lineare Nullhypothese passt nicht mehr. Oder, wie die Autoren schreiben: Die Daten „zeigen eine große und signifikante Beschleunigung der globalen Erwärmung – unabhängig davon, welche statistische Methode verwendet wird.“

      Besonders wichtig ist dabei: Selbst nachdem die außergewöhnlich warmen Jahre 2023 und 2024 um die Effekte von El Niño und das Sonnenmaximum bereinigt wurden, bleibt das Ergebnis bestehen. 2024 wird durch diese Korrektur sogar etwas kühler, 2023 minimal ebenfalls. Das heißt: Die gefundene Beschleunigung ist nicht einfach nur ein Artefakt einzelner Ausreißerjahre. Stattdessen spricht vieles dafür, dass sich die globale Temperatur seit etwa 2015 von ihrem bisherigen Trend gelöst hat.

      Statt ungefähr 0,2 Grad pro Jahrzehnt liegen wir demnach inzwischen eher bei rund 0,35 Grad pro Jahrzehnt. Das ist ein drastischer Unterschied. Warum genau sich die Erwärmung beschleunigt hat, beantworten Foster und Rahmstorf in ihrer Arbeit allerdings nicht abschließend. Sie machen bewusst keine kausalen Aussagen. Eine plausible Erklärung, die derzeit intensiv diskutiert wird, ist jedoch die abnehmende Luftverschmutzung: Aerosole aus Industrie und Schifffahrt reflektieren Sonnenlicht und haben bislang einen Teil der Erwärmung maskiert. Wenn diese Verschmutzung sinkt – was aus gesundheitlicher Sicht natürlich gut ist –, fällt dieser kühlende Nebeneffekt weg und die eigentliche Treibhausgas-Erwärmung tritt stärker hervor.

      Die Konsequenz ist klar: Wenn sich die Erwärmung tatsächlich beschleunigt, müssen wir uns noch mehr anstrengen, Emissionen zu senken.

      Wohin steigt der Meeresspiegel?

      In den Berichten des Weltklimarats IPCC wird der Meeresspiegelanstieg oft als scheinbar klare Zahl kommuniziert – etwa nach dem Muster: „Der Meeresspiegel steigt um x Zentimeter bis Jahr y.“ Global liegt der Anstieg derzeit bei ungefähr 4 Millimetern pro Jahr, und auch hier zeigt sich bereits eine Beschleunigung. Doch wenn man wissen will, was das konkret für Küstenregionen bedeutet – und wie gefährlich die Lage wirklich ist –, reicht diese globale Zahl allein nicht aus. Entscheidend ist der tatsächliche relative Meeresspiegel vor Ort.

      Und genau hier liegt laut einer neuen Studie ein großes Problem: Wir kennen diesen aktuellen Stand schlechter, als wir dachten. Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass viele bisherige Risikobewertungen den Meeresspiegel systematisch unterschätzt haben.

      Der Grund liegt in der Art, wie die Daten ausgewertet werden. Meeresspiegelhöhen werden häufig aus Satellitendaten abgeleitet und auf ein sogenanntes Geoid bezogen – also eine mathematisch definierte Referenzfläche der Erde. Doch der tatsächliche Wasserstand an einer Küste wird zusätzlich von vielen Faktoren beeinflusst: Wind, Meeresströmungen, Temperatur und Salzgehalt des Meerwassers. Werden diese Einflüsse nicht sauber berücksichtigt und die Satellitendaten nicht mit lokalen Pegelmessungen kalibriert, entstehen Fehleinschätzungen. Hinzu kommt ein zweites Problem: Für die Höhe des Meeres und die Höhe des angrenzenden Landes werden oft unterschiedliche Bezugssysteme verwendet. Anders gesagt: Man vergleicht Land- und Meereshöhen, die sich teilweise gar nicht auf dieselbe Referenzfläche beziehen. Das kann erhebliche Fehler verursachen.

      Laut der Studie haben mehr als 90 Prozent der untersuchten Arbeiten diese beiden Fehlerquellen nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt. Weitere neun Prozent kombinierten zwar Landhöhendaten und Pegelmessungen, machten aber Fehler beim rechnerischen Abgleich dieser Datensätze.

      Die Folgen sind enorm. Bisher ging man davon aus, dass weltweit etwa 10 bis 15 Millionen Menschen in Gebieten leben, die bereits heute unterhalb des Meeresspiegels liegen. Die korrigierten Berechnungen der neuen Studie kommen jedoch auf 55 bis 101 Millionen Menschen. Das ist nicht einfach eine kleine Korrektur – das ist eine völlig andere Größenordnung.

      Auch für die Zukunft verschärft sich das Bild deutlich. Laut den Autoren würden bei einem Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter gegenüber dem heutigen Niveau etwa 37 Prozent mehr Landflächen unter den Meeresspiegel fallen, als bisherige Analysen nahelegen. Und es wären 68 Prozent mehr Menschen betroffen.

      Im Mittel haben bisherige Risikoanalysen den Meeresspiegel offenbar um etwa 20 bis 30 Zentimeter unterschätzt. In manchen Regionen ist die Abweichung sogar noch drastischer: In Teilen Südostasiens liegen die realen Pegel teils bis zu einen Meter höher als bislang angenommen. Große Diskrepanzen finden sich außerdem in Lateinamerika, an der Westküste Nordamerikas, in der Karibik, in Afrika, im Indo-Pazifik und im Mittleren Osten.

      Für die deutschen Küsten stimmen die bisherigen Daten vergleichsweise gut, weil dort ein dichtes Netz von Pegelmessstationen existiert und bereits ein auf den Meeresspiegel bezogenes Höhenmodell verwendet wird.

      Trotzdem bleibt die zentrale Botschaft beider Studien dieselbe: Die Klimakrise entwickelt sich nicht nur weiter – sie könnte sich in wichtigen Bereichen schneller und gefährlicher zuspitzen, als viele Standardannahmen bislang nahelegen. Die globale Erwärmung zeigt Anzeichen einer Beschleunigung, und gleichzeitig könnte das Risiko durch den Meeresspiegelanstieg vielerorts deutlich unterschätzt worden sein. Beides zusammen bedeutet: Die Zeit, in der wir uns auf zu optimistische Annahmen verlassen konnten, ist endgültig vorbei.

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      35 min
    • DK167 - Wie viele Bäume brauchen wir um das Klima zu retten?
      Und: Was ist eigentlich ein Wald?

      DK167 - Wie viele Bäume brauchen wir um das Klima zu retten?

      Und: Was ist eigentlich ein Wald?

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      In Folge 167 geht es um Bäume. Wenn wir nur genug Bäume Pflanzen, dann ist das Klima gerettet. Oder? Ob das wirklich stimmt, schauen wir uns in dieser Folge an. Spoiler: Man kann nicht überall Bäume pflanzen wo man gerne möchte und selbst da wo man sie pflanzen kann, ist das nicht immer die beste Lösung.

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      ÖFG-Preis für Wissenschaftsjournalismus

      Wir haben den Preis der ÖFG für Wissenschaftsjournalismus gewonnen. Und freuen uns sehr!

      Retten Bäume unser Klima?

      Claudia hat sich die Studie “Addressing critiques refines global estimates of reforestation potential for climate change mitigation” angesehen. Es geht um die Frage: Wie viele Bäume können wir eigentlich pflanzen? Denn dass es sich lohnt, Bäume zu pflanzen, steht außer Frage. Sie speichern CO2, sie kühlen, sie helfen Ökosystemen, und so weiter. Aber es ist nicht überall Platz für Bäume. Wo Platz ist, kann man in entsprechenden Karten sehen. Und die aktuelle Arbeit hat sich genau diese Karten angeschaut und geprüft: Kann man da wirklich überall Bäume pflanzen? Oder gibt es Konflikte, zum Beispiel mit der Landwirtschaft, der Biodiversität, und so weiter. Das Resultat: Wir können nur knapp 200 Millionen Hektar aufforsten, maximal. Und damit 5 Prozent unseres aktuellen CO2-Ausstoßes speichern. Das ist nicht nichts, aber viel ist es auch nicht…

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      36 min
    • DK166 - Die Wirtschaftswissenschaft versteht das Klima nicht!
      Und: Warum interessiert sich niemand dafür?

      DK166 - Warum die Wirtschaftswissenschaft das Klima nicht versteht

      Und: Warum interessiert sich niemand dafür?

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      In Folge 166 geht es um die Wirtschaftswissenschaft, die in einer aktuellen Studie über sich selbst sagt, dass sie nicht in der Lage ist, die Risiken der Klimakrise korrekt zu erforschen. Warum das so ist und warum das anscheinend niemanden so wirklich interessiert: Das diskutieren wir in der neuen Folge.

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      Warum die Wirtschaftswissenschaft die Klimakrise nicht versteht

      In dieser Folge sprechen wir über die Studie “Recalibrating Climate Risk: Aligning Damage Functions with Scientific Understanding”. Darin geht es um die Frage, ob die Wirtschaftswissenschaft die Risiken der Klimakrise für unsere Volkswirtschaften, Finanzsysteme und gesellschaftlichen Grundlagen überhaupt realistisch erfasst. Das Problem erinnert an die Geschichte vom induktivistischen Truthahn: Der Truthahn lernt aus seiner Vergangenheit, dass er jeden Tag gefüttert wird, und schließt daraus, dass das auch morgen so sein wird. Genau darin liegt der Fehler: Er erkennt den möglichen Bruch des Trends nicht. Diese Metapher passt erschreckend gut zu einem Teil der wirtschaftlichen Klimamodellierung. Wenn wir nur aus vergangenen Zusammenhängen lineare oder glatte Entwicklungen in die Zukunft verlängern, dann übersehen wir genau jene Brüche, Kipppunkte und systemischen Veränderungen, die die Klimakrise so gefährlich machen.

      Im Zentrum stehen sogenannte Damage Functions, also Schadensfunktionen in ökonomischen Integrated Assessment Models. Solche Funktionen sollen Klimaveränderungen in wirtschaftliche Schäden übersetzen. Vereinfacht gesagt wird gefragt: Wenn sich die Erde um einen bestimmten Wert erwärmt, wie stark sinkt dann wirtschaftliche Leistung, Wohlstand oder Produktivität? Das Problem dabei ist laut Report nicht nur, dass diese Modelle oft auf historischen Beziehungen beruhen, die in die Zukunft fortgeschrieben werden. Das Problem ist auch, dass dabei meist zu einfache, zu glatte und zu lineare mathematische Annahmen verwendet werden. Gerade quadratische Funktionen, wie sie in vielen Modellen beliebt sind, können abrupte Umschläge, Kaskadeneffekte und Kipppunkte nur unzureichend erfassen.

      Viele ökonomische Modelle tun außerdem immer noch so, als würde die Klimakrise vor allem etwas langsameres Wachstum verursachen. Genau diese Sprache kann gefährlich irreführend sein. Etwas weniger Wachstum klingt nach einem verkraftbaren Problem. Doch wenn die zugrunde liegenden Annahmen bereits fragwürdig sind, zum Beispiel weil selbst bei drei oder vier Grad Erwärmung weiterhin mit funktionierenden Wachstumsdynamiken gerechnet wird, dann verharmlost diese Darstellung möglicherweise eine Realität, in der ganze gesellschaftliche und wirtschaftliche Grundlagen ins Rutschen geraten.

      Ein wichtiger Punkt des Reports ist deshalb, dass die globale Mitteltemperatur allein kein ausreichender Indikator für reale Schäden ist. Entscheidend sind oft lokale und regionale Extreme. Schäden entstehen nicht nur im globalen Mittel, sondern durch Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen, Stürme, Niedrigwasser oder den Ausfall kritischer Infrastrukturen. Als Beispiel wird der Wintersturm in Texas 2021 genannt, der enorme Schäden verursachte, Millionen Menschen betraf und zeigte, wie stark einzelne Extremereignisse Volkswirtschaften treffen können, obwohl sie in globalen Mittelwerten kaum sichtbar sind. Das galt auch für das Niedrigwasser des Rheins im Jahr 2022, das europäische Lieferketten und Industrieprozesse störte (Cascading effects of sustained low water on inland shipping).

      Ein weiterer zentraler Gedanke der Folge ist, dass Schäden nicht einfach auftauchen und kurz darauf wieder verschwinden. Viele Modelle gehen implizit davon aus, dass zerstörtes Kapital relativ schnell ersetzt werden kann und sich Wirtschaftsräume bald erholen. Die im Report befragten Expertinnen und Experten widersprechen dem deutlich. Reale Erholung dauert oft Jahre oder Jahrzehnte. Manche Regionen erholen sich nie vollständig. Besonders kritisch wird es dort, wo wiederholte Schocks die Anpassungsfähigkeit selbst untergraben.

      Ab einem höheren Erwärmungsniveau geht es nicht mehr nur um kleine Dämpfer im Wirtschaftswachstum. Dann verändert die Klimakrise die Grundstruktur von Volkswirtschaften. Betroffen sind Lebensräume, Landwirtschaft, Wasserverfügbarkeit, Gesundheit, Infrastruktur, Migration und geopolitische Stabilität. Mit anderen Worten: Die Frage ist dann nicht mehr nur, ob das Wachstum etwas langsamer wird. Die Frage ist, ob die Annahmen, auf denen dieses Wachstum überhaupt beruht, noch gültig sind.

      Der Report plädiert dafür, in Schadensfunktionen mehr Klimavariablen einzubeziehen als nur die globale Mitteltemperatur. Niederschlag, Luftfeuchtigkeit, Meeresspiegelanstieg, Dürre, Extremhäufigkeiten und regionale Unterschiede müssten viel stärker berücksichtigt werden. Ebenso braucht es Funktionsformen, die Nichtlinearitäten, Unsicherheiten und abrupte Veränderungen besser abbilden. Darüber hinaus reichen selbst bessere aggregierte Schadensfunktionen nicht aus. Ergänzende prozessbasierte Ansätze sind notwendig, etwa für Kapitalzerstörung, sinkende Arbeitsproduktivität, Innovationsverluste, Anpassungskosten, Anpassungsgrenzen oder die langfristige Volatilität extremer Ereignisse.

      Und es bleibt die Frage, ob das Bruttoinlandsprodukt überhaupt ein sinnvolles Zielmaß ist, wenn wir über Klimaschäden sprechen. Das BIP misst wirtschaftliche Aktivität, aber nicht automatisch Wohlstand, Lebensqualität oder Verlust. Nach Katastrophen kann das BIP durch Wiederaufbau sogar steigen, obwohl gleichzeitig reale Vermögenswerte zerstört wurden, Menschen krank werden, sterben oder ihre Heimat verlieren. BIP-basierte Modelle erfassen menschliches Leid, Mortalität, Gesundheitsfolgen, Ungleichheit, Verteilungswirkungen, kulturelle Verluste, Vertreibung, Biodiversitätsverlust und Ökosystemschäden nur unzureichend.

      Der Report formuliert klar, dass Klimarisiko immer auch ein Finanzstabilitätsrisiko ist. Wenn wirtschaftliche Modelle die Schäden der Klimakrise zu niedrig ansetzen, dann werden Risiken in Finanzmärkten, bei Investitionen, in der Regulierung und letztlich auch in der Klimapolitik systematisch unterschätzt. Das ist kein bloß technisches Detail, sondern kann dazu führen, dass politische Entscheidungen zu spät, zu vorsichtig oder auf falscher Grundlage getroffen werden.

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      Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” ab und an über Wissenschaft.

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    • DK165 - Mitreden statt Meckern: Transdisziplinarität im Klimaschutz
      Und: Was ist real im Reallbor?

      DK165 - Mitreden statt Meckern: Transdisziplinarität im Klimaschutz

      Und: Was ist real im Reallbor?

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      In Folge 165 geht es um komplizierte Wörter. Zum Beispiel “Transdisziplinarität”. Das Konzept dahinter ist aber essentiell, wenn wir wollen, dass nicht nur an Klimaschutz geforscht, sondern das Erforschte dann auch umgesetzt wird. Und zwar so, dass am Ende alle damit zufrieden sind.

      Wer den Podcast unterstützen will, kann das gerne tun: https://steadyhq.com/de/dasklima/ und https://www.paypal.me/florianfreistetter.

      Transdisziplinarität und Realllabore

      Transdisziplinarität klingt kompliziert. Ist aber wichtig. Wir merken immer wieder, dass Klimaschutz-Maßnahmen nicht daran scheitern, dass wir zu wenig Daten oder zu wenig Fakten hätten, sondern an Akzeptanz, Machtfragen, Politik, Umsetzung in der Praxis und manchmal schon daran, dass wir uns nicht einmal einig sind, was das konkrete Problem vor Ort ist. Genau dann kommt Transdisziplinarität ins Spiel.

      Aber zuerst die Begriffsklärung: Disziplinäre Forschung heißt: Wir arbeiten innerhalb eines Fachs und bleiben in dessen Methoden und Denktraditionen. Multidisziplinär ist ein Schritt weiter: Ein Problem, mehrere Disziplinen schauen jeweils aus ihrer Perspektive darauf, aber im Grunde nebeneinander her. Interdisziplinär wird es, wenn die Disziplinen wirklich gemeinsam an einer Fragestellung arbeiten, Methoden zusammenbringen und eine gemeinsame Antwort entwickeln. Transdisziplinär wird es dann, wenn zusätzlich zur interdisziplinären akademischen Zusammenarbeit noch Akteurinnen und Akteure aus nicht-akademischen Kontexten beteiligt sind, etwa Verwaltung, Zivilgesellschaft, Bürgerinnen und Bürger oder auch Unternehmen, und zwar idealerweise über den ganzen Prozess hinweg: von der gemeinsamen Problemdefinition über Datenerhebung und Auswertung bis hin zu Ergebnissen und Umsetzung.

      Der Kern ist ein Perspektivwechsel: Statt Wissenschaft für die Gesellschaft zu machen, machen wir Wissenschaft mit der Gesellschaft. In so einem Prozess passiert Wissenschaftskommunikation nicht erst am Ende, wenn Ergebnisse “verkündet” werden, sondern laufend, während gemeinsam Wissen entsteht.

      Das ist aber aufwendig. Wir müssen Zeit investieren, eine gemeinsame Sprache finden und Begriffe klären, die nicht einmal zwischen Disziplinen automatisch gleich verstanden werden, geschweige denn zwischen Forschung, Verwaltung, Unternehmen und Öffentlichkeit. Dazu kommt ein praktisches Problem, das wir aus Förderlogiken kennen: Wenn wir die Fragestellung wirklich gemeinsam entwickeln wollen, brauchen wir dafür schon Ressourcen, bevor überhaupt klar ist, was am Ende exakt untersucht wird. Genau diese frühe Phase ist aber im klassischen Antragssystem schwer abzubilden.

      Ein wichtiger Baustein ist, dass wir unterschiedliche Wissensformen ernst nehmen. Neben akademischem Wissen gibt es Erfahrungswissen, zum Beispiel von Menschen, die täglich den Nahverkehr nutzen und genau wissen, welche Verbindung regelmäßig ausfällt oder wo es im Alltag hakt. Dazu kommt Methodenwissen und schließlich das, worauf im Klimakontext vieles hinausläuft: Transformationswissen, also Wissen darüber, wie wir die Welt tatsächlich verändern können, hin zu dem, was wir erreichen wollen, inklusive Handlungswissen, das auch in der Praxis trägt.

      Am Ende landen wir bei einem Begriff, der im deutschsprachigen Raum zunehmend auftaucht und trotzdem vielen noch fremd ist: Reallabor. Reallabore sind eine Art transdisziplinäre Forschungs- und Entwicklungsumgebung, kein Laborraum mit Kitteln und Geräten. “Experiment” heißt hier: Wir probieren Maßnahmen in realitätsnahen Settings aus, ohne zu wissen, ob sie funktionieren, und wir lernen gemeinsam aus dem Verlauf, auch wenn etwas scheitert.

      Als konkretes Beispiel sprechen wir über das Reallabor Co-Site an der TH Köln, das Klimaanpassungslösungen für die Region rund um Köln mit Partnern aus Verwaltung, kritischer Infrastruktur und weiteren Akteursgruppen entwickelt.

      Wissenschaftliche Literatur dazu:

      Transdisciplinary Field Guide

      Auf dem Weg zu einer transformativen Hochschule. Voraussetzungen, Herausforderungen und Zugänge am Beispiel des Projekts Co-Site der TH Köln
      Transdisciplinarity in climate change adaptation: An agenda for evidence generation
      Impacts of real-world labs in sustainability transformations: Forms of impacts, creation strategies, challenges, and methodological advances

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    • DK164 - Der Frühling, sein blaues Band und die Mathematik
      Und: Warum sammeln Pflanzen Wärmepunkte?

      DK164 - Der Frühling, sein blaues Band und die Mathematik

      Und: Warum sammeln Pflanzen Wärmepunkte?

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      In Folge 164 wird es frühlingshaft. Und das viel früher als üblich. Die Klimakrise sorgt dafür, dass Pflanzen immer früher austreiben. Aber die Reaktion der Pflanzen auf die zusätzliche Wärme scheint in den letzten Jahren abgenommen zu haben. Die Ursache dafür hat aber nichts mit Botanik zu tun - sondern mit Mathematik!

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      Frühling und Mathematik

      Es gibt keine echten Jahreszeiten mehr. Der Frühling beginnt früher. Der Herbst dauert länger. Ein „echter“ Winter ist auch nicht mehr da. Und so weiter. Das hört man immer wieder, wenn man über das Wetter redet. Es ist aber auch ein Phänomen, das erforscht werden kann.

      Die Phänologie beschreibt den Kalender der Natur: Wann treiben Pflanzen aus? Wann blühen sie? Wann reifen Früchte? Wann fallen die Blätter? Der Deutsche Wetterdienst stellt dafür sogar eine phänologische Uhr bereit, die zeigt, wie sich die Jahreszeiten in „Natur-Jahreszeiten“ einteilen lassen. Auch in Österreich gibt es mit Phenowatch eine entsprechende phänologische Uhr.

      Dass Pflanzen – besonders Bäume – heute im Frühling deutlich früher austreiben als noch vor wenigen Jahrzehnten, gilt als eines der klarsten biologischen Signale des Klimawandels. Beobachtungen am Boden, langfristige Messreihen und Satellitendaten zeigen übereinstimmend: Mit steigenden Temperaturen verschieben sich viele Entwicklungsphasen nach vorne.

      Was wir aber auch messen und das ist überraschend: Die Reaktion der Pflanzen auf Temperaturanstiege scheint schwächer zu werden. Früher führte ein zusätzliches Grad Erwärmung zu einer starken Vorverlegung des Frühlings – heute wirkt derselbe Temperaturanstieg weniger „effektiv“.

      Das klingt zunächst so, als würden Pflanzen sich „anpassen“ oder als kämen sie an ihre biologische Grenzen: Vielleicht fehlt den Pflanzen durch mildere Winter die notwendige Winterkälte (Chilling), die viele Gehölze brauchen, um überhaupt austreiben zu können. Vielleicht spielt die Tageslänge eine größere Rolle und begrenzt den Austrieb, selbst wenn es warm genug wäre. Oder vielleicht verändern sich Pflanzenpopulationen langfristig durch Anpassung an lokale Klimabedingungen.

      Doch neuere Forschung zeigt auch: Für die meisten gemäßigten Baumarten ist die Winterkälte in Europa derzeit noch ausreichend. Es wären deutlich drastischere Veränderungen nötig, um den Austrieb wirklich zu verzögern. Auch experimentelle Studien deuten darauf hin, dass die Tageslänge bei vielen nördlichen Gehölzen bislang nicht der dominierende Faktor ist.

      Aber wenn es nicht Biologie ist – was dann? Die Antwort: Mathematik! Das sagt zumindest eine neue Studie “Rethinking the interpretation of spring phenological temperature sensitivity”.

      Denn Pflanzen treiben nicht an einem festen Datum aus. Sie „warten“ nicht auf den 20. März oder den ersten sonnigen Sonntag. Stattdessen funktioniert der Frühling für viele Arten wie ein Sammelprozess: Pflanzen benötigen eine bestimmte Wärmesumme, eine Art internes Wärmekonto. Jeder warme Tag bringt ein paar „Wärmepunkte“. Je wärmer es ist, desto schneller kommen diese Punkte zusammen. Sobald genug Punkte gesammelt sind, beginnt der Austrieb oder die Blüte. Und wenn es insgesamt wärmer wird, wird diese Wärmesumme natürlich schneller erreicht und der Frühling kommt früher.

      Anders gesagt: Der Zeitgewinn pro zusätzlichem Grad Temperatur wird automatisch kleiner, weil der Zusammenhang nicht linear ist. Ein Grad Erwärmung hat bei kühlen Frühlingen einen großen Effekt auf die Entwicklungsdauer, bei bereits warmen Frühlingen aber einen deutlich kleineren. Der beobachtete Rückgang der Sensitivität ist nicht zwingend ein biologisches Warnsignal – sondern kann schlicht ein mathematischer Effekt sein.

      Das hat Konsequenzen für die Klimaforschung: Prognosen zur Pflanzenentwicklung müssen nichtlinear gerechnet werden. Sonst besteht die Gefahr, dass man Ursachen falsch interpretiert. Wenn in Zukunft tatsächlich Chilling-Mangel oder Tageslängenlimits eine größere Rolle spielen, müsste man das gezielt nachweisen – etwa durch steigende notwendige Wärmesummen, mechanistische Modelle oder Experimente – nicht allein durch eine abnehmende lineare Steigung.

      Aber auch wenn die Vorverlegung pro Grad in warmen Bereichen „nur noch“ 3 oder 4 Tage beträgt, hat das enorme Auswirkungen. In der Natur zählt nicht nur, ob etwas früher passiert, sondern ob es im richtigen Moment passiert. Die Synchronisation von Blüte und Bestäubern, das Risiko von Spätfrost, Wasserstress, landwirtschaftliche Erträge oder auch die Länge der Allergiesaison hängen empfindlich von diesen Verschiebungen ab.

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      32 min
    • DK163 - Kinder und Jugendliche in der Klimakrise
      Und: Warum lassen wir die jungen Menschen nicht mitbestimmen?

      DK163 - Kinder und Jugendliche in der Klimakrise

      Und: Warum lassen wir die jungen Menschen nicht mitbestimmen?

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      In Folge 163 geht es um Kinder und Jugendliche. Sie sind die, die in Zukunft am meisten unter der Klimakrise zu leiden haben. Aber in der Forschung dazu kommen sie kaum vor. Was wir über das Wissen der jungen Menschen, ihre Ängste und Vorstellungen herausgefunden haben, diskutieren wir in der neuen Folge von “Das Klima”.

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      Jugendliche und die Klimakrise

      Wir wollen heute wissen, was die Wissenschaft über Klimakrise und junge Menschen tatsächlich sagen kann und wo die großen Lücken liegen.Aber: Was meinen wir überhaupt, wenn wir Kinder und Jugendliche sagen? Je nach Studie fallen die Definitionen unterschiedlich aus. Aber prinzipiell sind Kinder zwischen 0 bis 17 Jahre alt und Jugendliche 10 bis 24 Jahre. Die Zahlen machen deutlich, dass es um enorme Gruppen geht: Kinder sind rund 30 Prozent der Weltbevölkerung, Jugendliche etwa 25 Prozent. Das ist keine kleine Randgruppe, sondern ein großer Teil der Menschheit, der in der Klimakrise gleichzeitig besonders verletzlich ist und zugleich ständig mit Erwartungen überhäuft wird.

      Kinder gelten meist als vulnerable Gruppe, die geschützt werden muss. Erwachsene, also wir, gelten als Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger, an die Politik adressiert wird. Jugendliche hängen oft dazwischen. Genau deshalb schauen wir uns heute zwei Forschungsarbeiten aus 2025 an, die beide zeigen, dass Jugendliche sowohl politisch als auch wissenschaftlich unterrepräsentiert sind.

      Als erstes nehmen wir eine Studie (Inclusion of children and youth in the IPCC Assessment Reports (AR1-AR6)), die ganz nüchtern zählt und einordnet: Wie oft kommen Kinder und Jugendliche eigentlich in den IPCC-Sachstandsberichten vor und in welchem Zusammenhang werden sie erwähnt?

      Die Autorinnen und Autoren schauen auf die Berichte 1 bis 6 und zeigen, dass in den frühen Sachstandsberichten praktisch kaum etwas zu finden ist. Erst ab Bericht 5 wird es sichtbarer, und im sechsten Bericht gibt es einen deutlichen Sprung. Dabei fällt besonders auf, dass Jugendliche bis einschließlich AR5 fast unsichtbar bleiben und erst in AR6 spürbar häufiger auftauchen.

      Wir sprechen nicht nur über die Anzahl, sondern vor allem über das Framing. Ein erheblicher Teil der Erwähnungen passiert in Aufzählungen, in denen Kinder und Jugendliche zusammen mit anderen Gruppen genannt werden, etwa wenn von vulnerablen Gruppen die Rede ist. Das heißt: Sie kommen vor, sind aber oft nicht der Fokus. Wenn sie stärker im Mittelpunkt stehen, dominieren bei Kindern die Risiken, während bei Jugendlichen häufiger die Reaktionen und die Art, wie sie mit der Klimakrise umgehen, beschrieben werden.

      Bei den Risiken sieht man eine klare Trennung: Bei Kindern geht es stark um körperliche Gesundheit, Ernährung, Sterblichkeit, Wasserversorgung und Hygiene. Bei Jugendlichen tauchen häufiger psychische Gesundheit, Belastung und Migration als Risiko-Kontexte auf. Bei den Reaktionen wird es noch deutlicher: Kinder werden vor allem über Verletzlichkeit und Ungleichheit geframed, Jugendliche sehr stark über Partizipation und Aktivismus. Das klingt einerseits nach Anerkennung, kippt aber schnell in ein Ungleichgewicht: Jugendlichen wird Verantwortung zugeschoben, während ihnen echte Mitbestimmung häufig fehlt.

      Wie verhalten sich Jugendliche angesichts der Klimakrise?

      Als zweites schauen wir auf eine Scoping Review, die bündelt, was die Forschung über Jugendliche und Klimakrise bisher überhaupt herausgefunden hat (Climate Change Cognition, Affect, and Behavior in Youth: A Scoping Review).

      Der Review ordnet Erkenntnisse in drei Bereiche: Kognition, also Wissen und Verstehen, Affect, also Gefühle und emotionale Reaktionen, und Verhalten, also Handlungen und Engagement. Gleichzeitig zeigt sie, wie dünn die Forschungslage ist. Insgesamt werden 50 Studien gefunden, das erste Paper in diesem Feld stammt aus 1992. Die regionale Abdeckung ist stark ungleich, viele Studien kommen aus Ländern wie den USA und Schweden. Außerdem sind Langzeitstudien selten, obwohl gerade die Zeitdimension wichtig wäre, weil sich Einstellungen, Sorgen und Reaktionen über Jahre verändern können.

      Beim Denken und Wissen wirkt das Bild zunächst stabil. Die Existenz der Klimakrise wird von großen Mehrheiten anerkannt. Auch die Ursachen werden überwiegend menschlichen Aktivitäten zugeschrieben, mit Ausnahmen in einzelnen Studien, in denen natürliche Ursachen oder religiöse Deutungen stärker auftreten. Bei den Auswirkungen ist das Bild gemischter: In ungefähr der Hälfte der Studien sagen Jugendliche, dass sie Auswirkungen bereits spüren, und häufig wird ein Zusammenhang zwischen Klima und Gesundheit hergestellt. Bei Lösungen sehen wir, dass frühere Studien teils ein unspezifisches Umweltverständnis zeigen, während später die Verbindung zwischen konkreten Maßnahmen und konkreten Problemen klarer wird. Viele Jugendliche stehen Gesetzen, Regeln und auch Instrumenten wie Steuern eher positiv gegenüber, zweifeln aber daran, dass die nötigen Schritte tatsächlich umgesetzt werden.

      Wenn wir zu Gefühlen kommen, wird es deutlich lückenhafter. Sorge, Angst und Bedenken sind verbreitet, variieren aber stark nach Kontext und Region. Ein wiederkehrender Befund ist, dass die Sorge steigt, wenn man sich intensiver mit dem Thema beschäftigt, etwa in Kursen oder Unterricht. Das ist keine Fehlentwicklung, sondern eine normale Reaktion auf eine bedrohliche Faktenlage. Entscheidend ist, dass Jugendliche danach nicht allein gelassen werden. Dort, wo Langzeitdaten vorliegen, nimmt die Sorge über die Jahre eher zu. Für Optimismus und Hoffnung ist die Studienlage so dünn, dass wir kaum robuste Aussagen bekommen.

      Beim Verhalten sieht man, dass viele Jugendliche aktiv sind, etwa durch Veränderungen im Alltag oder durch Protest. Besonders wichtig ist die soziale Komponente: Wenn Handeln als gemeinschaftliche Aufgabe organisiert wird, funktioniert es oft besser, als wenn alles auf individuelles Verhalten reduziert wird. Aktivismus taucht dabei auch als Coping-Strategie auf, also als ein Weg, mit Ohnmacht und Belastung umzugehen. Gleichzeitig bleibt die Belastung real, und wir nehmen aus der Review vor allem mit, dass Bildung nicht nur Klimaphysik vermitteln sollte, sondern stärker auf Lösungen, gemeinsames Handeln und den Umgang mit Emotionen setzen muss. Wissen allein erzeugt keine Handlung, sondern braucht Motivation, Unterstützung und kollektive Strukturen.

      Jugendliche und die Diktatur

      Am Ende gibt es noch einen kurzen Exkurs zu einem Thema, das auf den ersten Blick nicht Klima ist, aber indirekt viel damit zu tun hat: Demokratie und autoritäre Einstellungen. Wir sprechen über eine Umfrage aus Österreich, in der gefragt wurde, ob unter bestimmten Umständen eine Diktatur im nationalen Interesse die bessere Staatsform sei. Deprimierend ist besonders die Aufschlüsselung nach Alter, weil die Zustimmung bei jüngeren Menschen höher ausfiel als bei älteren.

      Aus der Jugendforschung zur Klimakrise können wir nicht einfach ableiten, wie die nächsten Jahrzehnte politisch laufen werden. Die Datenlage ist zu lückenhaft, zu regional verzerrt und oft zu stark an Schulen und Hochschulen rekrutiert. Aber wir halten fest: Verantwortung wird Jugendlichen schnell zugeschoben, echte Gestaltungsmacht dagegen viel seltener.

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      Florian könnt ihr in seinem Podcast “Sternengeschichten” zuhören, zum Beispiel hier: https://sternengeschichten.podigee.io/ oder bei Spotify - und überall sonst wo es Podcasts gibt. Außerdem ist er auch noch regelmäßig im Science Busters Podcast und bei WRINT Wissenschaft”-Podcast zu hören (den es ebenfalls bei Spotify gibt). Mit der Astronomin Ruth Grützbauch veröffentlicht er den Podcast “Das Universum”.

      Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” ab und an über Wissenschaft.

      Ansonsten findet ihr uns in den üblichen sozialen Medien:

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    • DK162 - Wie die Klimakrise Konflikte verstärken kann
      Und: Was können wir dagegen tun?

      DK162 - Wie die Klimakrise Konflikte verstärken kann

      Und: Was können wir dagegen tun?

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      In Folge 162 geht es um den Zusammenhang zwischen Klima und Konflikten? Kann die Klimakrise Konflikte auslösen, und wenn ja: Wie? Und vor allem: Was können wir dagegen unternehmen? Das hat sich die Wissenschaft anhand historischer Daten aus Europa angesehen.

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      Klima, Wetter und Konflikte

      Wetter begleitet uns jeden Tag. Und Konflikte irgendwie auch. Die Klimakrise verändert das Wetter – also drängt sich eine große Frage auf: Was bedeutet das für gesellschaftliche Spannungen und politische Konflikte?

      Das hat die Arbeit mit dem Titel „A climate of conflict: How the Little Ice Age sparked rebellions and revolutions across Europe“ untersicht. Sie beschäftigt sich nicht mit Gegenwart oder Zukunft, sondern mit der Vergangenheit.

      Im Zentrum der Studie steht die sogenannte Kleine Eiszeit. Wie lange diese Phase genau dauerte, ist in der Forschung umstritten; die Autor*innen datieren sie grob auf den Zeitraum von etwa 1250 bis 1860. Es war eine Epoche, die insgesamt kühler und trockener war als die Jahrhunderte davor und danach – aber vor allem war sie geprägt von extremen Schwankungen. Die Kleine Eiszeit war also keine gleichmäßige Abkühlung, sondern eine Zeit voller klimatischer Unberechenbarkeit.

      Historikerinnen und Klimaforscherinnen beschäftigen sich schon lange mit der Frage, wie Umweltbedingungen den Verlauf der Geschichte beeinflussen - siehe dazu das Buch “Wie das Wetter Geschichte macht: Katastrophen und Klimawandel von der Antike bis heute”. Dürreperioden, extreme Kälte, Missernten – all das kann Gesellschaften destabilisieren. Klima ist dabei kein isolierter Schicksalsfaktor, aber es kann ein Katalysator für Krisen sein.

      Ein Beispiel liefern die Autor*innen gleich in der Einleitung: die Französische Revolution. Bereits um 1770 erlebte Europa eine besonders kalte Phase, die der Landwirtschaft schwer zusetzte. In Frankreich kam es 1775 zu Getreidemangel infolge mehrerer schlechter Ernten, Unruhen brachen aus. 1783 verschärfte der Ausbruch des isländischen Vulkans Laki die Lage zusätzlich: Das Wetter in Nordeuropa spielte verrückt – ein extrem heißer Sommer mit Gewittern und Hagel, gefolgt von einem sehr harten Winter, dann wieder Überschwemmungen durch rasche Schneeschmelze. In den folgenden Jahren reihten sich Wetterextreme aneinander. Hunger, Armut und Stress nahmen zu, während Frankreich gleichzeitig in eine Finanzkrise rutschte. 1788 folgten eine extreme Dürre und ein bis dahin beispielloser Hagelsturm; die Getreidepreise explodierten, viele Menschen mussten ihr gesamtes Einkommen für Brot ausgeben. Der Winter 1788/89 war einer der kältesten überhaupt – und im Sommer 1789 kam es schließlich zum Sturm auf die Bastille.

      Hat also das Klima die Französische Revolution ausgelöst? So einfach ist es nicht. Und genau hier setzt die Studie an: Sie versucht, den Zusammenhang systematisch zu untersuchen. Dazu stellten die Forschenden eine historische Datenbank mit 140 dokumentierten Rebellionen und Revolutionen in Europa, Russland und dem Osmanischen Reich zusammen, für den Zeitraum von 1570 bis 1860, in dem die Quellenlage besonders gut ist. Diese Daten kombinierten sie mit Klimarekonstruktionen (Temperatur aus Baumringen, Niederschlagsdaten, Dürreindizes), Informationen zur Sonnenaktivität, Daten zu vulkanischer Aktivität sowie historischen Getreidepreisen. Mithilfe statistischer Methoden analysierten sie dann die Zusammenhänge.

      Das Ergebnis: Besonders kalte Phasen gingen mit einer deutlich höheren Konfliktdichte einher. Auch geringe Niederschläge und starke Dürre korrelieren mit mehr Konflikten, wenn auch etwas schwächer. Sehr deutlich ist der Zusammenhang bei den Getreidepreisen: Steigen die Preise stark, nehmen soziale Unruhen signifikant zu. Phasen, in denen mehrere Belastungen zusammenkamen – kalt, trocken, geringe Sonnenaktivität, hohe Preise – decken sich zeitlich mit den höchsten Peaks an Rebellionen und Revolutionen. Der stärkste dieser Peaks liegt zwischen 1775 und 1845, mit bis zu 1,4 Konflikten pro Jahr. Auch Phasen intensiver vulkanischer Aktivität, erkennbar an erhöhten Sulfat- und SO₂-Konzentrationen, fallen auffällig oft mit Konfliktspitzen zusammen.

      Was folgt daraus? Erstens: Klima entscheidet nicht, ob Konflikte entstehen, sondern wie häufig und wie heftig sie eskalieren. Zweitens: Klimaveränderungen können Gesellschaften destabilisieren – vor allem dann, wenn ihre Anpassungsfähigkeit begrenzt ist. Drittens zeigt die Analyse einen zentralen Vermittlungsmechanismus: Mangelernährung. Klimastress führt zu schlechten Ernten, diese zu steigenden Preisen, Hunger und einer geschwächten Bevölkerung. Dadurch sinkt die gesellschaftliche Resilienz, Frustration und Wut nehmen zu. Hungersnöte sind dabei jedoch keine zwangsläufige Folge des Klimas, sondern entstehen oft durch institutionelles Versagen: schlechte Krisenpolitik, ungerechte Verteilung, fehlende soziale Sicherung. Der Druck kommt vom Klima – das Ausmaß der Katastrophe wird politisch mitbestimmt.

      Die Studie zeigt auch, dass es anders gehen kann. England etwa schnitt in vielen Krisenphasen besser ab – unter anderem durch frühe politische Reformen, Innovationen in Landwirtschaft und Industrie sowie durch koloniale Strukturen, die als eine Art soziales und demografisches Sicherheitsventil wirkten.

      Und was heißt das für uns heute? Klima ist eine ernsthafte Herausforderung für gesellschaftliche Stabilität. Aber wir sind ihr nicht hilflos ausgeliefert. Resiliente Landwirtschaft, funktionierende Gesundheitssysteme, soziale Absicherung und eine vorausschauende Politik können die negativen Folgen erheblich abfedern.

      Oder, wie es die Autor*innen selbst formulieren: ”Die Kleine Eiszeit wirkt wie ein Weckruf. Sie zeigt, wie unzureichende Anpassung an klimatische Unsicherheit und das Versäumnis, die Folgen des Klimawandels abzumildern, zu Aufständen gegen staatliche Autoritäten führen können.”

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      Tickets für die Sternengeschichten Live Tour 2025/2026 von Florian gibt es unter sternengeschichten.live.

      Hinweis zur Werbung und Unterstützung

      Ein kleiner Hinweis: In “Das Klima” gibt es keine Werbung. Wenn ihr Werbung hört, dann liegt das nicht an uns; dann hat jemand unerlaubt und ohne unser Wissen den Podcast-Feed kopiert und Werbung eingefügt. Wir machen keine Werbung - aber man kann uns gerne was spenden, geht auch bei PayPal.

      Kontakt und weitere Projekte

      Wenn ihr Fragen oder Feedback habt, dann schickt uns einfach eine Email an [email protected]. Alle Folgen und alle Shownotes findet ihr unter https://dasklima.fm.

      Florian könnt ihr in seinem Podcast “Sternengeschichten” zuhören, zum Beispiel hier: https://sternengeschichten.podigee.io/ oder bei Spotify - und überall sonst wo es Podcasts gibt. Außerdem ist er auch noch regelmäßig im Science Busters Podcast und bei WRINT Wissenschaft”-Podcast zu hören (den es ebenfalls bei Spotify gibt). Mit der Astronomin Ruth Grützbauch veröffentlicht er den Podcast “Das Universum”.

      Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” ab und an über Wissenschaft.

      Ansonsten findet ihr uns in den üblichen sozialen Medien:

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      Veranstaltungen Florian

      31 min
    • DK161 - Hoffnung, Angst und Aggression in der Klimakrise
      Mit Podcasts aus der Klimapsychologie

      DK161 - Hoffnung und Angst in der Klimakrise

      Mit Podcasts aus der Klimapsychologie

      "Das Klima”, der Podcast zur Wissenschaft hinter der Krise. Wir lasen den sechsten Bericht des Weltklimarats und erklären den aktuellen Stand der Klimaforschung.

      Zu Jahresbeginn gibt es ein Special: Ihr hört eine Folge des Podcasts “Klimagefühle”, der im Rahmen einer Lehrveranstaltung an der LMU München entstanden ist. Franzi, Greta und Lea erzählen von der Hoffnung. Und danach gibt es 2 Folgen von “Mind the Planet”; ebenfalls ein Podcast aus der Lehrveranstaltung in München.

      Wer den Podcast unterstützen will, kann das gerne tun: https://steadyhq.com/de/dasklima/ und https://www.paypal.me/florianfreistetter.

      Klimagefühle: Hoffnung

      Der Podcast “Klimagefühle” ist im Rahmen einer Lehrveranstaltung von Mitho Müller (bekannt aus Episode DK134 und Florian Freistetter an der LMU München entstanden. Die Teilnehmer:innen sollten Themen aus der Klimapsychologie in Form einer Podcastfolge ausarbeiten. Das Resultat einer Gruppe könnt ihr in dieser Spezialfolge hören. Das Intro/Outro von “Klimagefühle” ist “Good Vibe Background Music by SethMakesSounds”, Creative Commons 0

      Mind the Planet

      Leon und Dorothee haben im Rahmne der Lehrveranstaltung den Podcast “Mind the Planet” konzipiert, aus dem ihr hier 2 Episoden hören könnt: Über Climate Anxiety und den Zusammenhang zwischen Hitze und Aggression.

      Science Buster Buch

      Das neue Buch der Science Buster heißt "AUS! - Die Wissenschaft vom Ende" und erscheint im Hanser Verlag. Tickets und Infos für die Live Show gibt es unter sciencebusters.at

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      Florian könnt ihr in seinem Podcast “Sternengeschichten” zuhören, zum Beispiel hier: https://sternengeschichten.podigee.io/ oder bei Spotify - und überall sonst wo es Podcasts gibt. Außerdem ist er auch noch regelmäßig im Science Busters Podcast und bei WRINT Wissenschaft”-Podcast zu hören (den es ebenfalls bei Spotify gibt). Mit der Astronomin Ruth Grützbauch veröffentlicht er den Podcast “Das Universum”.

      Claudia forscht und lehrt an der TH Köln rund um Wissenschaftskommunikation und Bibliotheken und plaudert im Twitch-Stream “Forschungstrom” ab und an über Wissenschaft.

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      Veranstaltungen Florian

      50 min

    About Das Klima

    From the publisher's feed

    Die Klimakrise ist umfassend und global. Sie hat Auswirkungen auf alle und alles und wird ohne Zweifel unser Handeln und unseren Alltag in den nächsten Jahrzehnten in sämtlichen Bereichen bestimmen. Darum ist es nötig, dass möglichst viele Menschen über das Klima und die Wissenschaft hinter der Klimakrise Bescheid wissen. Der Weltklimarat IPCC veröffentlicht regelmäßig sogenannte “Sachstandsberichte” die das jeweils aktuelle Wissen zur Klimakrise zusammenfassen. Diese tausenden Seiten sind schwere Lektüre, die wir euch mit diesem Podcast ersparen wollen. Das gleiche gilt für die vielen anderen neuen Erkenntnisse der Klimaforschung. In jeder Folge wird aktuelle Forschung rund um die Klimakrise so vermittelt, dass sie auch ohne Studium der Klimawissenschaft verständlich sind.

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