Erste Folge nach der Sommerpause – und Engelberg beginnt nicht bei den Gegnern, sondern bei der eigenen Seite. Er nennt die Umfragelage der Volkspartei „eigentlich verheerend schlecht“, verweist auf Rohdaten, die aus seiner Sicht dramatischer sind als die veröffentlichten Werte, und zerlegt die Selbstberuhigung, die ÖVP verfüge über eine in Granit gemeißelte Basis von zwanzig Prozent. Sein Gegenbeleg: die vorletzte Bundespräsidentenwahl, bei der die Kandidaten von ÖVP und SPÖ im ersten Wahlgang jeweils im Elf-Prozent-Bereich landeten.
Dann das strategische Problem, das die Regierung durch den Herbst begleiten wird: Die ÖVP muss Profil zeigen – politischer Islam, Zukunftssparplan, ORF-Reform. Aber genau diese Zuspitzung produziert Widerstand beim Koalitionspartner. Engelberg zieht die Parallele zur ÖVP-SPÖ-Regierung vor 2017, die an wechselseitiger Blockade zerbrochen ist. Parallel liegen Bundesheerreform, Bundesstaatsanwaltschaft und Gesundheitsreform auf dem Tisch – bei einer davon sagt er offen, dass er nicht mehr daran glaubt.
Am härtesten wird er beim Budget: Die Sanierung laufe zu rund siebzig Prozent über die Einnahmenseite statt über die Ausgaben. Sein Urteil: katastrophal. Und daran hängt der Satz, um den es in dieser Folge geht.
Im zweiten Teil der Blick nach außen. In den USA laufen die Midterms im November – Engelberg beschreibt, wie linke Gruppierungen in sicheren Demokraten-Bezirken gezielt sehr weit links stehende Kandidaten in die Vorwahlen gebracht haben, und warum das am Ende den Republikanern nützen könnte. In Israel wird am 27. Oktober gewählt, Likud gegen die Partei von Ex-Generalstabschef Gadi Eisenkot – mit der Pointe, dass die stimmenstärkste Partei dort noch lange keine Mehrheit hat. Über europäische Politiker und Medien sagt Engelberg, sie spielten in diesem Wahlkampf eine unglückliche Rolle, weil sie einseitige Meldungen zu schnell übernähmen.
Warum das relevant ist: Martin Engelberg war Nationalratsabgeordneter der ÖVP und ist Psychoanalytiker. Er analysiert diese Partei nicht von außen, sondern von innen – und mit einem Instrumentarium, das in der österreichischen Politikberichterstattung sonst niemand einsetzt. Diese Folge ist der Fahrplan für einen Herbst, in dem in Israel, in den USA und in der österreichischen Koalition gleichzeitig entschieden wird.
Kapitel
00:00 – 25 Jahre 9/11
00:53 – Rückblick: der Sommer der ÖVP
01:47 – Umfragen, Rohdaten und ein Mythos
03:14 – Der neue Generalsekretär und die neuen Themen
04:24 – Klare Kante – und was sie in der Koalition auslöst
05:44 – Bundesheer, Bundesstaatsanwaltschaft, Gesundheit: der Reformstau
06:46 – Budget: das Nachgeben, das Engelberg katastrophal nennt
07:24 – USA: Midterms und die Radikalisierung der Vorwahlen
10:09 – Israel: Wahlkampf mit allen Mitteln
11:51 – Am Sonntag: das Gespräch mit Hans Arsenovic
Am Sonntag im Kanal: „Engelberg &…“ mit Hans Arsenovic – Wiener Landtagsabgeordneter der Grünen und Vizepräsident der Wirtschaftskammer Wien. Über grüne Wirtschaftspolitik und die innenpolitische Lage.
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📚 Über Martin Engelberg:
Martin Engelberg ist Psychoanalytiker und ehemaliger ÖVP-Nationalratsabgeordneter.
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