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5000 Menschen hatte Jesus gerade versorgt, mit nur fünf Broten und zwei Fischen. Was für ein großartiges Wunder! Und seine Freunde, die Jünger, mittendrin. Doch anstatt diese tolle Erfahrung gemeinsam zu feiern, befiehlt Jesus seinen Jüngern, in ein kleines Boot zu steigen und über den See von Genezareth zu fahren. Er selber geht weg, hinauf auf einen Berg und lässt seine Jünger in ihrem Boot alleine, obwohl sich schon ein heftiger Sturm über ihnen zusammenbraut.
„Welcher Messias würde so etwas tun?" Und nach wenigen Minuten auf dem See bricht das Chaos auch schon aus: Schwarze Wolken, haushohe Wellen, ohrenbetäubendes Gewitter. Die Jünger müssen sich alleine mit dem Sturm auseinandersetzen. Eine Stunde, zwei Stunden, drei. „Sicher wird uns Jesus helfen, immerhin hat er schon einmal einen Sturm gestillt", beginnen die Jünger sich ängstlich zu fragen. Vier Stunden: „Warum kommt er nicht von seinem Berg herunter? Anderen hat er doch auch geholfen?" Fünf Stunden, sechs Stunden und der Sturm wird immer stärker : „Wo ist er?", „Hat er uns vergessen?" Todesangst macht sich breit.
„Ein Geist" schreit plötzlich einer der Jünger. Ein Blitz erhellt den See und sie erkennen, es ist Jesus, der da über dem Wasser auf sie zu kommt. Er spricht zu ihnen: „Habt keine Angst, ich bin es". Mut und Hoffnung kehren zurück und Petrus wagt es, steigt nach einer Aufforderung Jesu aus dem Boot, geht auf dem Wasser auf Jesus zu. Unglaublich. Dann schaut Petrus auf die Wellen, er sieht die dunklen Wolken und spürt den kalten Wind. Und versinkt. Eine Hand zieht Petrus aus dem strudelnden Wasser heraus. Jesus rettet ihn, geht mit ihm zum Boot und gebietet dem Sturm Ruhe. Es wird still. Und die Jünger erkennen: Jesus ist wirklich Gottes Sohn. Sie fallen auf die Knie und beten ihn an.
Was für eine Geschichte. Sie steht in der Bibel (Matthäus 14, 22-33) und beeindruckt mich immer wieder neu. Denn auch bei mir gab und gibt es stürmische Phasen, wo ich geglaubt hatte, dass Jesus weit weg ist und mich im Stich lässt. Da waren die Depressionen nach der Geburt meines zweiten Sohnes, Ängste und Zweifel und die Frage: „Mein Gott, wo bist Du? Warum hast Du mich verlassen?"
Später folgten Stürme des Zweifels in der Familie und die Frage: „Wie geht es weiter?" Manchmal sind es auch einfach nur Stress und Anforderungen von außen und von mir selber, die mich mutlos machen: „Wie schaffe ich es, all diesen Erwartungen gerecht zu werden?" Und dann gibt es auch noch die Wogen des Versagens und der Verletzungen, die mich runter ziehen wollen.
Druck, Fragen und Trauer blasen mir dabei ins Gesicht. Irgendwo in diesem Lebenssturm verstumme ich, sehe nur noch auf die Wellen und beginne zu versinken in meinen Sorgen, im Vergleichen mit anderen, in Überforderungen.
Und Jesus? Der stand doch darüber, kannte keinen Stress? Fragen? Zweifel? Schwebte über den Wellen? Nein, Jesus kannte auch besonders aufreibenden Tage in seinem Leben: Fordernde Menschenmengen, zweifelnde Freunde, Verrat, Bedürfnis nach Ruhe, Todesangst im Garten Gethsemane und die Frage nach dem Warum am Kreuz: „Warum hast du mich verlassen?". Er kann uns verstehen und weiß, was wir in stürmischen Zeiten empfinden und kennt unsere Fragen, auch ihm gegenüber. Und im ganzen Chaos spricht er uns zu: „Ich bin es! Ich bin da, fürchte dich nicht!"
Manche Stürme waren sehr heftig und bedrohlich in meinem Leben. Doch ich habe erfahren, dass dieselbe Stimme, die den Sturm auf dem See Genezareth stillte, auch den Sturm in meinem Leben gestillt hat und immer wieder stillen möchte.
Ich habe erlebt, dass Jesus …