Julia Leischik: Spurlos

Julia Leischik: Spurlos

By Julia Leischik, Sylvia LutzSociety & CultureTrue Crime
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Julia Leischik: Spurlos episodes

  • #32 Die Suche nach Nathalie und der Mann mit den Orchideen

    Es ist bald Mitternacht. Seit 18 Uhr ist Martin nun schon in dieser warmen Julinacht unterwegs. Mittlerweile ist es stockdunkel. Nur die Autoscheinwerfer erleuchten die Straße. Neben ihm im Auto sitzt sein Vater Karl. Die zwei Männer sind verzweifelt. Verzweifelt auf der Suche nach Nathalie, Martins Freundin.

    Ganz langsam rollt das Auto die Straßen in Kumberg hinunter. Karl leuchtet mit einer großen Taschenlampe rechts durch das geöffnete Fenster auf den Geh- und Fahrradweg. Hier muss sie gefahren sein. Hier ist sie sicher gewesen. Doch es ist keine Spur von Nathalie zu sehen. Liegt sie hier irgendwo in den Büschen? Hatte sie einen Unfall und braucht Hilfe? Was ist geschehen? Irgendeinen Hinweis muss es doch geben. Aber die beiden Männer finden nichts. Keine Spur der 27-jährigen Mutter. „Warum hat sie ausgerechnet heute ihr Handy zuhause gelassen?“, denkt Martin, „Warum heute?“ Normalerweise geht Nathalie nie ohne ihr Handy aus dem Haus. Heute schon. Zufall? Was ist geschehen?

    An einer Kurve stoppt Martin das Auto. Martins Vater steigt aus und geht in Richtung des kleinen Waldstücks, das sich rechts neben der Straße erstreckt. Ein unübersichtliches Gebiet. Hat sie vielleicht die Straße verlassen? Ist sie hier, irgendwo zwischen den dichten Bäumen und Büschen? Mit seiner Lampe leuchtet er den Graben neben der Straße ab und in den Wald hinein. Nichts. In diesem Moment klingelt plötzlich Martins Handy. Eilig zieht er es aus seiner Tasche. Schon den ganzen Tag war er mit den Behörden und Einsatzkräften im Austausch. Auch freiwillige Helfer melden sich immer wieder bei ihm. Gibt es Neuigkeiten?

    Der Blick auf das Display versetzt Martin in einen Zustand, den er nur schwer beschreiben kann. Martin traut seinen Augen nicht. „Nathalie“ steht in großen Buchstaben auf dem Handy. Dahinter das süße Portrait von ihr, das sie freudig lächelnd im letzten Urlaub zeigt. Es ruft jemand von Nathalies Handy an. Martin erstarrt. Nur Nathalie selbst kann ihr Handy entsperren. Und ihr Handy liegt zu Hause. In der Küche. Auf dem Tisch neben dem Herd. Ist sie daheim? Oder hat der Anruf eine ganz andere Bedeutung? Mit zitternden Händen nimmt er eilig den Anruf entgegen.

    Was Martin in diesem Telefonat erfährt, ist unvorstellbar. Er hatte mit allem gerechnet, sich innerlich auf alles vorbereitet, aber nicht darauf. Hinter Nathalies Verschwinden steckt viel mehr, als alle in dieser Sommernacht 2019 vermuten.

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    1 hr 1 min
  • #31 Der Fall Melanie: Mama, warum bist du gegangen?

    Melanie steht wie angewurzelt mitten im Flur ihres Elternhauses. Gerade ist sie von draußen hereingekommen. Nun ist sie wie gelähmt. Sie schweigt und weiß nicht, was sie denken soll.

    Gesa, ihre Mutter, hatte sie direkt abgefangen. „Verstehst du, was ich meine, Melanie?“, sagt Gesa ruhig, aber bestimmt. „Ich glaube, es sucht dich jemand! Hörst du?“ Melanie bewegt sich noch immer kein Stück. Da hält Mutter Gesa ihr einen Umschlag entgegen. Einen schlichten, weißen Umschlag, der Melanie Angst macht.

    „Es sucht mich jemand? Mich? Warum?“, denkt die 28-Jährige leise bei sich. „Wer sollte mich suchen?“ Eine Frage, die sich Melanie eigentlich gut selbst beantworten könnte. Denn Gesa ist nicht Melanies leibliche Mutter. Melanie ist adoptiert. Es ist offensichtlich, wer diesen Brief geschrieben haben könnte.

    Melanie kennt ihre Wurzeln nicht. Sie kennt nur einen sehr kleinen Teil ihrer Geschichte und dieser Teil ist alles andere als schön. Will sie wissen, was sich in diesem Umschlag befindet? Will sie wirklich Kontakt mit diesem Teil ihrer Vergangenheit? Will sie den Umschlag überhaupt öffnen? Gerade, als sie darüber nachdenkt, bemerkt sie, dass der Umschlag bereits geöffnet wurde. „Du hast ihn gelesen, Mama?“ Gesa nickt und lächelt. „Sind es…? Kommt der Brief von…?“ - „Du meinst, von deinen Eltern?“, vervollständigt Melanies Adoptivmutter den Satz. „Nein, er kommt nicht von deinen leiblichen Eltern.“ Melanie atmet auf, aber im gleichen Moment ist sie auch enttäuscht und das überrascht sie selbst. Ein komisches Gefühl. Alles ist so unwirklich. „Aber wer ist es dann?“, fragt sie ruhig. „Jetzt nimm doch den Brief und schau selbst“, sagt Gesa liebevoll, aber mit Nachdruck.

    Melanie greift nach dem Umschlag und holt den Brief heraus. Sie überfliegt die Zeilen. Dann erfasst sie schließlich, wer sie sucht. In diesem Moment dreht sich das Gefühlskarussell in ihr noch etwas schneller als zuvor. Wild schwankt es zwischen Neugier, Aufregung und Angst. Mit dem, was sie hier liest, hätte Melanie nie gerechnet. Sie ist sich sicher: Das hier, das bedeutet nichts Gutes!

    Mit diesem Brief ist die Frage nach Melanies Wurzeln noch längst nicht beantwortet. Melanie beschließt nach jahrelanger Unentschlossenheit den Schritt zu wagen und mehr über ihre leibliche Mutter zu erfahren. Die Mutter, die plötzlich spurlos aus Melanies Leben verschwunden ist. Julia und ihr „Bitte melde dich“-Team machen sich auf die Suche nach der Frau, die Melanie eine Antwort schuldig ist.

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    59 min
  • #30 Bianca – Was geschah mit der jungen Mutter?

    Außer Atem und zitterig steht Erika vor der Wohnungstür ihrer Tochter Bianca und drückt auf die Klingel. Immer und immer wieder drückt sie auf den Knopf. Doch die Schritte, die sonst zur Tür eilen, um Besuch in Empfang zu nehmen, bleiben aus. In der Wohnung ist nur eines zu hören: Stille! Nichts! Keine Schritte, keine Stimmen, nichts!

    Erika greift in ihre Hosentasche und kramt nach dem Schlüssel. Vor sieben Monaten, als Bianca in die Wohnung zog, hatte sie ihrer Mutter einen Ersatzschlüssel gegeben: „Für den Fall der Fälle. Wenn ich mich mal ausschließe oder so“, hatte Bianca gesagt. Aber an einen solchen Fall wie heute hatte damals niemand gedacht.

    Erika ist aufgeregt. „Ach, stell dich nicht so an“, sagt sie beruhigend zu sich selbst, „es ist ja nichts geschehen! Wirklich?“, denkt sie weiter, „ist wirklich nichts geschehen?“ Erika findet die Schlüssel und öffnet die Tür. Dann ist ihr sofort klar: Sie ist nicht allein! Es ist noch jemand in dieser Wohnung! Im Flur blickt sie in ein bekanntes Gesicht. Eine Person, die Erika nur allzu gut kennt, aber in keiner guten Erinnerung hat. Was macht er hier in der Wohnung? Was hat er damit zu tun, dass Bianca nicht aufzufinden ist?

    Erika und der Mann starren sich einige Sekunden an. Dann bricht es aus Erika heraus. Sie fragt nicht, was er in der Wohnung tut. Sie will auch nicht wissen, was er getan hat. Sie fragt nur eines: „Wo ist Bianca? Wo ist meine Tochter?“

    Der Mann schweigt. Erika wird keine Antwort auf die Frage bekommen. Nicht heute, nicht morgen, nie! Ihre geliebte Tochter bleibt unauffindbar, bis heute.

    Auch 23 Jahre später vergeht für Erika kein Tag, an dem sie nicht an ihre spurlos verschwundene Tochter Bianca denkt. Erika wünscht sich Antworten, damit sie aufhören kann zu suchen und damit sie ihren Frieden findet.

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    1 hr 1 min
  • #29 Der Fall Ben: Den Herzenseltern entrissen!

    Etwas hilflos steht der kleine Ben auf dem Gehsteig in seinem bayerischen Heimatort. Die Sonne brennt. Es ist Hochsommer. Der Blick des 12-Jährigen fällt auf die vielen Koffer am Straßenrand. „Nein, nicht den! Den da hinten!“, schreit sein Stiefvater in die Richtung von Bens Mutter. Sie schweigt und schaut etwas verwirrt umher. „Mensch, den grauen… ja den! Ist das denn so schwierig?“, schiebt er energisch hinterher. Die Stimmung ist hektisch, angespannt und aggressiv. Wie immer. Ben steht scheinbar anteilslos neben dem Auto. Sein Kopf senkt sich Richtung Boden. Ben will das alles nicht. Er will nicht packen. Er will nicht mitfahren, denn er ahnt, was kommen wird.

    In diesem Moment greift jemand nach seiner Hand. Der Junge blickt auf und schaut in das Gesicht von Christel. Mit ihrem warmen, freundlichen Lächeln schaut sie Ben aufmunternd an. Christel, das ist die Frau, die nur drei Häuser weiter lebt, zusammen mit ihrem Mann Gerd. Sie sind Nachbarn, aber für Ben sind sie so viel mehr. Christel geht leicht in die Knie und nimmt Ben fest in den Arm. „Alles wird gut“, flüstert sie ihm leise und freundlich zu, „alles wird gut.“ Ben kommen die Tränen. Er möchte nicht weg, er möchte nicht die beiden Menschen verlieren, die ihm so viel bedeuten.

    „Willst du da nur rumstehen? Wo ist deine Tasche? Mensch, jetzt beweg dich!“, schreit ihn sein Stiefvater in diesem Moment an. Hektisch greift seine Mutter nach einer Tasche, der letzten auf dem Gehweg, und stopft sie in das volle Auto. Dann greift sie nach Ben. „Komm endlich“, und zerrt ihn grob ins Auto. Bens Hand löst sich unsanft von Christels. „Ja, tschüss dann“, ruft seine Mutter ihren Nachbarn beiläufig zu, dann schließen sich auch schon die Autotüren mit einem lauten Knall. Ben sitzt auf der Rückbank. Dass er noch immer leise weint, nimmt seine Mutter nicht wahr.

    Ben blickt aus dem Fenster. Er sieht Christel und Gerd vor ihrem Haus. Dem einzigen Ort, an dem sich der Junge je sicher und geborgen gefühlt hat. Der einzige Ort, an dem man ihm das gegeben hat, wonach er sich so sehr sehnt: Liebe! Auch Christel und Gerd weinen. Nein, diese beiden sind keine Nachbarn. Diese beiden sind die wichtigsten Menschen in Bens Leben. Bis jetzt.

    Ben ahnt nicht, was ihn nun erwartet. Und er ahnt nicht, dass er Christel und Gerd nie wieder sehen wird. Bis heute.

    35 Jahre später bittet Ben Julia Leischik und das „Bitte melde Dich“-Team um Hilfe. Denn Christel und Gerd sind spurlos verschwunden. Und Julia macht sich auf die Suche nach den beiden Menschen, die Ben nie vergessen hat.

    Service

    Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“

    Telefonnummer: 116 016.
    Das Beratungsangebot ist anonym, kostenfrei und in 18 Fremdsprachen verfügbar.
    www.hilfetelefon.de

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    59 min
  • #28 Lisa und ihre Suche nach der einzigen Liebe des Lebens

    Lisa zittert, als sie auf die Klingel an der Wohnungstür drückt. Ein lautes, blecherneres Ringen ertönt. Danach Stille. Nichts passiert. Sie schaut zu ihrer Begleitung, Herbert, der ihr aufmunternd zunickt. Noch einmal holt Lisa tief Luft und drückt auf den kleinen, silbernen Knopf neben der Tür. Wieder schallt das ohrenbetäubende Ringen durch den Flur.

    Lisa weiß nicht, was sie denken soll. Einerseits hofft sie, dass die Tür sich öffnet, weil sie endlich Antworten möchte. Andererseits hat sie Angst vor dem, was kommt. In dieser Wohnung, hinter dieser Tür wohnt Valentina. Valentina ist nicht irgendeine Frau. Sie ist die Frau, die Lisas große Liebe Tolja vor vielen Jahren geheiratet hat! Die Frau, an deren Stelle Lisa gerne gewesen wäre.
    Gerade will Lisa sich umdrehen und gehen, da öffnet sich die Tür und Valentina steht vor ihr. Eine große, schlanke Frau in einer Arbeitsschürze. Offensichtlich hatte sie gerade in der Küche gestanden. Valentina mustert Lisa und Herbert von oben bis unten und fragt dann trocken: „Ja, bitte?!“
    Bis zu diesem Moment war es für Lisa ein weiter Weg, eine endlose Suche nach ihrer großen Liebe Tolja. Es ist Dienstag, der 27. September 2005. Heute, an diesem Tag, hofft sie nun endlich Hinweise darauf zu bekommen, wo er ist. Ausgerechnet von der Frau, die ihn geheiratet hatte.
    Lisa und ihre Begleitung stellen sich vor. Valentina überlegt einen Moment, dann bittet sie die beiden tatsächlich hinein. Im Wohnzimmer nehmen sie Platz auf einem grauen, etwas abgenutzten Sofa. Die Stimmung ist angespannt. Lisa setzt zögerlich an zu sprechen: „Ich bin gekommen… Also, ich habe mich gefragt…“. Sie sucht nach den richtigen Worten. Valentina schaut sie dabei fragend an. „Es ist so“, fährt Lisa fort, „ich würde gerne wissen: Wo ist Tolja?“ Als Lisa diese Frage stellt, sinkt Valentinas Blick zu Boden. Ihre Mine wirkt plötzlich wie versteinert. „Wissen Sie, wo er ist?“ hakt Lisa nach. Valentina schweigt. Dann sagt sie ruhig, aber sehr eindringlich Worte, die Lisa bereits gehört hatte: „Tolja ist ein Unglück widerfahren!“
    Ihm ist ein Unglück widerfahren. Was haben diese Worte zu bedeuten? Sie verheißen nichts Gutes. Tausend Gedanken schießen durch Lisas Kopf. Und was sie nun erfährt, zieht ihr den Boden unter den Füßen weg.
    Ist dies das tragische Ende nach einer jahrelangen Suche? Ist das das traurige Ende einer großen Liebe? Der Liebe ihres Lebens? An diesem Dienstag im September kann Lisa nicht ahnen, was schon sehr bald geschehen wird.

    Julia Leischik spricht mit Lisa über die Liebe ihres Lebens, die spurlos verschwunden ist.

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    1 hr 2 min
  • #27 Pia - Die unglaubliche Geschichte eines Heimkindes

    Aus Pias Kopfhörer dröhnt laute Musik im Zufallsmodus. Irgendwelche Pop-Songs, die sie eigentlich gar nicht wirklich mag. Es ist wie ein Hintergrundrauschen, denn gedanklich ist die 22-Jährige weit weg.

    Pia schaut sich vorsichtig um. Ihr Blick fällt auf die Uhr am Ende des Raumes. „Noch 30 Minuten. OK, Jetzt wird nichts mehr passieren“, denkt sie. Was sollte auch sein? Es ist ja alles in Ordnung! „Ich mache ja nichts Illegales“, sagt sie sich selbst. Trotzdem ist da dieses ungute Gefühl. Diese Stimme, die ihr sagt: Pass auf!

    Pia schaut in die andere Richtung, zum Duty-free-Shop. Nichts Ungewöhnliches zu sehen. Niemand scheint sie zu beobachten. Die junge Frau atmet tief durch. Gleich wird ihr Anschlussflug gehen. Pia hat nur einen kurzen Zwischenstopp, hier am Flughafen von Istanbul. Sie freut sich, in gut vier Stunden endlich wieder zuhause zu sein, in Deutschland, in ihrer eigenen Wohnung - doch dazu wird es nicht kommen!

    Wie aus dem Nichts hört sie plötzlich eine Männerstimme - laut und bestimmt. Sie sagt: „Ist das Ihr Koffer?“ Pia dreht sich in Richtung der Stimme. Direkt vor ihr stehen zwei Männer. Einer wiederholt, noch etwas energischer: „Ist das Ihr Koffer?“ und hält der jungen Frau ein grünes Gepäckstück entgegen.

    Pia ist wie erstarrt. Sie nickt. Die Männer ziehen in diesem Moment kleine Ausweise aus ihren Taschen und halten sie der 22-Jährigen entgegen. „Wir sind vom türkischen Zoll. Bitte folgen Sie uns“. Pia nickt wieder, ohne einen Ton zu sagen. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber innerlich bricht sie in diesem Moment zusammen. Dieses ungute Gefühl, das sie schon die letzten Tage begleitet, sticht wie ein tiefer Schmerz in Herz und Magen. Pia steht auf und folgt den Männern, ohne zu ahnen, wie sehr dieser Moment ihr ganzes Leben verändern wird.

    Es ist Donnerstag, der 27. September 2012, 18:30 Uhr, als Pia mit den Männern die Polizeistation des Flughafens in Istanbul betritt. Genau zu diesem Zeitpunkt, an diesem Donnerstag um 18:30 Uhr, ist Julia Leischik gerade mit ihrem „Bitte melde Dich“-Team in einem kleinen Dorf in Rumänien unterwegs – im Auftrag von Pia.

    Von dem, was sich rund 500 km entfernt in Istanbul abspielt, ahnt Julia nichts. Dieser Fall wird das „Bitte melde dich“-Team noch viele Jahre beschäftigen. Denn Pias Geschichte endet nicht mit dem Ergebnis der Suche nach einem Vermissten. Pias Geschichte beginnt an diesem Punkt erst, und nimmt eine dramatische Wendung.

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    1 hr 12 min
  • #26 Traumreise ohne Wiederkehr - Wo ist mein Mann?

    Stefanie ist müde. Den ganzen Tag hatte sie Trubel und Geschrei um sich. Kleine Kinder, die auf den Arm genommen werden wollen, die etwas fragen, die stolz etwas zeigen wollen oder Hunger haben. Stefanie ist Erzieherin, jetzt ist es 18 Uhr und sie hat Feierabend. Endlich! Sie freut sich auf einen ruhigen Abend mit ihrem Mann und ihren eigenen drei Kindern.

    Die 45-Jährige steigt ins Auto. Da kommt ihr plötzlich ein Gedanke: „Ach ja, Mist! Da habe ich gar nicht mehr dran gedacht!“ Sofort ist sie wieder da, die große Sorge!
    Es ist Freitag, der 20. April 2018. Am Morgen dieses Tages hatte Stefanie sich vorgenommen, in der Mittagspause ihre Mutter anzurufen. Aber dann war wieder so viel los. Sie hat es schlicht vergessen. „Hoffentlich ist nichts passiert!“, denkt Stefanie. „Ach, Quatsch, sie werden einfach Sonne und Strand genießen.“ Stefanie wollte ihre Mutter fragen, ob alles ok ist, denn etwas war merkwürdig. Vor neun Tagen waren ihre Eltern Ingrid und Klaus-Peter in den Urlaub geflogen: auf die Seychellen. Täglich hatten sie sich mit fröhlichen Urlaubsschnappschüssen und kleinen Nachrichten gemeldet. Nur in den letzten zwei Tagen nicht. Das war seltsam. Denn sonst hält die Familie engen Kontakt. Es wird doch nichts passiert sein?
    Stefanie denkt gerade noch über ihre Eltern nach, da klingelt ihr Telefon. Auf dem Display ist in großen Buchstaben zu lesen: „Mama“. Die 45-Jährige atmet erleichtert durch und lächelt. „Hallo Mama! Das muss Gedankenübertragung sein“, meldet sie sich fröhlich. Auf der anderen Seite hört sie ihre Mutter Ingrid. Sie sagt zuerst nichts, dann nur „Hallo“, sehr ernst und leise. Sofort merkt Stefanie: etwas stimmt nicht! „Mama, ist alles ok?“ fragt sie nach. Ingrid antwortet: „Nein. Der Papa… der Papa ist…“
    Stefanie sitzt noch immer vor der Kindertagesstätte im Auto. Was sie nun hört, kann sie nicht glauben. Nach und nach erzählt ihre Mutter, was geschehen ist. Und Stefanie kommen die Tränen.
    Es ist gut eine Woche her, dass ihre Mutter und ihr Vater in den Urlaub geflogen sind. Aber nur einer von beiden wird zurückkehren. Denn Stefanies Vater wird seit einigen Tagen vermisst. Er ist spurlos verschwunden. Eine großangelegte Suche nach ihm hat kein Ergebnis gebracht.
    Julia Leischik und ihr „Bitte melde dich“-Team rekonstruieren den Fall und recherchieren sogar vor Ort auf den Seychellen.

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    1 hr 7 min
  • #25 Die Briefe meines Vaters – seine letzte Spur!

    „Zum Glück bin ich gleich durch hier“, denkt Claudia und schaut auf ihre Armbanduhr. Noch 10

    Minuten. Gleich ist sie erlöst. Die 23jährige atmet tief durch und versucht sich zu sammeln. Aber
    die Schmerzen werden immer stärker.

    „Was ist denn nun?“ ruft ihr ein Mann von Gegenüber zu. Er sieht nervös und aufgebracht aus.

    Immer wieder deutet er an, er habe es eilig. Claudia steht auf und winkt ihn heran. Sie zeigt auf
    den Tisch und sagt: „Legen Sie ihren Koffer bitte hier hinauf“. Der Mann eilt heran und beginnt
    aufgebracht zu reden. Er habe nichts, was das alles solle und überhaupt, würde seine Frau draußen warten. Claudia antwortet nüchtern und ruhig: „Reine Routine“. Sie öffnet den Koffer und greift hinein. Doch genau in diesem Moment kommen die Schmerzen wieder. Ein Krampfen, Ziehen, Stechen. Alles gleichzeitig. Claudia greift sich an den Bauch und krümmt sich. Der Mann hält inne, schaut Claudia an und fragt: „Geht es Ihnen gut?“. Claudia nickt. Dabei ist gar nichts gut.
    Claudia ist Zollbeamtin am Wiener Flughafen. Sie hält die Schmerzen kaum aus. Wieder schaut sie auf die Uhr. Zum Glück: die 10 Minuten sind schon um. Endlich ist ihre Schicht zu Ende.
    Claudia kann sich die Schmerzen nicht erklären, aber sie werden immer stärker. Kurzerhand
    beschließt sie, noch im Flughafen das Ärztezentrum aufzusuchen. Ein Arzt untersucht sie umgehend. Was ist los? Was stimmt nicht mit ihr? Claudia macht sich große Sorgen. Doch der Arzt hat schnell eine sehr einfache Erklärung für die Schmerzen. Eine Erklärung, mit der die 23jährige nie gerechnet hätte. Er sagt: „Aber wissen Sie es nicht, was das ist?“ Claudia erwidert: „Was?“ – „Sie wissen es wirklich nicht?“ Claudia sagt „Nein!“ - „Das sind Wehen!“ sagt der Arzt, „Sie bekommen heute ihr Kind!“.

    Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Claudia nicht gewusst, dass sie schwanger ist! Neun Monate hatte sie nichts gemerkt. Und trotzdem bringt sie noch am gleichen Tag ein gesundes Kind zur Welt. Nur

    wenige Stunden, nachdem sie in der Notfallstation des Wiener Flughafens erfahren hat, dass sie
    schwanger ist.

    Das Kind wird den Namen Moni tragen. Und Moni wird genau hier, am Wiener Flughafen, 33 Jahre später eine Reise zu mir nach Köln antreten. Denn sie wird Hilfe brauchen, Hilfe vom „Bitte melde Dich“-Team. Es wird nämlich einen Menschen in Monis Leben geben, den sie schmerzlich vermisst. Und ich werde ihr bei der Suche helfen dürfen.

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    1 hr 1 min
  • #24 Die drei Geschwister: Ein böses Märchen wird wahr!

    Eigentlich war es ein schöner Tag heute. Renate ist gut gestellt. Hüpfend und springend kommt die 10jährige aus der Schule. Auf dem Gehweg schießt sie einen kleinen Kieselstein vor sich her. Sie ist ausgelassen. Aber mit jedem Schritt, den das kleine Mädchen näher in Richtung zuhause kommt, wird ihre Stimmung schlechter und schlechter. Am Vormittag konnte sie noch alles verdrängen, ja. Aber jetzt? Jetzt muss Renate wieder an sie denken. Sie, das ist ihre Stiefmutter. Das kleine Mädchen bekommt Angst.

    Renate biegt in ihre Straße ein. Ihre Schritte werden langsamer, ihr Atem schneller. Den Kieselstein kickt sie nun weit weg ins Gebüsch. Renate sieht das Haus, in dem sie lebt. Und schluckt. Sie zieht die Schultern hoch und den Kopf ein. Was wird heute wieder passieren? Renate versucht sich unsichtbar zu machen und ganz still durch die Eingangstür zu schlüpfen. Doch hinter der Türe wartet schon die Frau, vor der Renate so viel Angst hat. Die Frau, der nichts entgeht.
    Es ist Spätsommer 1965 und wie jeden Tag erwartet Renate nichts Gutes von ihrer Stiefmutter. Aber mit dem, was nun kommt, konnte sie nicht rechnen.
    Es sind nur wenige Worte. Aber sie brennen sich ein in Renates Seele. Es sind die Worte: „Du bist zu spät. Du hast ihn gerade verpasst!“
    Der kleinen Renate zieht es den Boden unter den Füßen weg. Nein! Nicht das! Sie weiß genau, was gemeint ist. Und sie weiß auch genau, was das für sie bedeutet. „Du hast ihn gerade verpasst!“ Renate hat den letzten Menschen verpasst, der ihr noch blieb. Ihren letzten Halt, ihren Bruder. Sie wird ihn nie wiedersehen.
    Renate wird sich schwören: „Ich werde nie aufhören zu suchen!“ Eine Suche, bei der Julia sie noch begleiten wird.

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    57 min
  • #23 Hilfe, mein Bruder ist verschwunden! Julias Suche über drei Kontinente

    Immer wieder schaltet Aghdas hin und her. Aber überall, auf allen Kanälen, die gleichen Bilder. Aghdas ist wie erstarrt. Sie kann kaum glauben, was seit etwa 15 Minuten an Informationen und Bildern auf sie einströmt. Man hört Menschen schreien, Polizeiautos, Hubschrauber. Alles zu sehen auf verwackelten Videos, aufgenommen mit dem Handy. Dann plötzlich Ruhe. Ein Sprecher im Studio ist zu sehen. „Es scheinen weite Teile des Landes betroffen zu sein,“ sagt er, und: „Über Opferzahlen liegen uns im Moment noch keine Information vor“. Aghdas zittert.

    Es ist der 11. März 2011, etwa 10 Uhr morgens. Aghdas steht in ihrem Wohnzimmer in einem kleinen Ort bei Darmstadt und starrt auf ihren Fernseher, auf dem die Bilder von der anderen Seite der Welt flackern. Sie hört von einem Erdbeben, einer Flutwelle und sieht viele zerstörte Küstenorte. Häuser, die unter Wassermassen in sich zusammenbrechen. Autos und Lastwagen, die wie Spielzeugautos überflutete Straßen hinuntertreiben. Und Hochhäuser, die dem Beben nicht standgehalten haben. „Angesichts dieser Bilder ist mit vielen Toten zu rechnen“, fährt der Reporter fort.
    Ein Erdbeben der Stärke 8,8 hat die Nordostküste Japans verwüstet und eine Flutwelle ausgelöst. Das Beben ereignet sich gegen 14:46 Uhr, das ist 6:45 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Alle Sender berichten, schicken dramatische Bilder in die Welt. Ein durch das Beben ausgelöster Tsunami trifft die Küste Japans. Die Flutwelle ist zwischen 10 und 38 Meter hoch und verwüstet ganze Landstriche.
    An diesem Tag blickt die ganze Welt nach Japan. Auch Aghdas. Doch bei ihr ist es mehr als Entsetzen und Mitgefühl. Bei Aghdas ist es Angst, Angst um ihren Bruder! Sie weiß, er lebt in Japan. Hält er sich gerade an der Küste auf? War er in einem dieser zerstörten Häuser? Ist er unter den Opfern?
    Aghdas wird nie wieder etwas von ihrem Bruder hören. Seit diesem Tag des Tsunamis, dem 11. März 2011, stellt sie sich jeden Tag aufs Neue die Frage: Lebt mein Bruder Saeed noch?

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    58 min

About Julia Leischik: Spurlos

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Seit über 18 Jahren sucht Julia Leischik weltweit nach verschwundenen Menschen. Zusammen mit ihrer Kollegin Sylvia Lutz erzählt sie nun in „Julia Leischik: Spurlos“ besondere, emotionale und rätselhafte Vermisstengeschichten. Die Betroffenen schildern dabei selbst spannende Details und emotionale Hintergründe. Julia Leischik ist nahe dran an jedem einzelnen Fall. Manche Verschwundenen konnten von ihr und ihrem Team bereits gefunden werden, bei anderen werden die Zuhörer um Mithilfe gebeten. Jede Geschichte hat einen neuen, überraschenden Ausgang.

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