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Es ist bald Mitternacht. Seit 18 Uhr ist Martin nun schon in dieser warmen Julinacht unterwegs. Mittlerweile ist es stockdunkel. Nur die Autoscheinwerfer erleuchten die Straße. Neben ihm im Auto sitzt sein Vater Karl. Die zwei Männer sind verzweifelt. Verzweifelt auf der Suche nach Nathalie, Martins Freundin.
Ganz langsam rollt das Auto die Straßen in Kumberg hinunter. Karl leuchtet mit einer großen Taschenlampe rechts durch das geöffnete Fenster auf den Geh- und Fahrradweg. Hier muss sie gefahren sein. Hier ist sie sicher gewesen. Doch es ist keine Spur von Nathalie zu sehen. Liegt sie hier irgendwo in den Büschen? Hatte sie einen Unfall und braucht Hilfe? Was ist geschehen? Irgendeinen Hinweis muss es doch geben. Aber die beiden Männer finden nichts. Keine Spur der 27-jährigen Mutter. „Warum hat sie ausgerechnet heute ihr Handy zuhause gelassen?“, denkt Martin, „Warum heute?“ Normalerweise geht Nathalie nie ohne ihr Handy aus dem Haus. Heute schon. Zufall? Was ist geschehen?
An einer Kurve stoppt Martin das Auto. Martins Vater steigt aus und geht in Richtung des kleinen Waldstücks, das sich rechts neben der Straße erstreckt. Ein unübersichtliches Gebiet. Hat sie vielleicht die Straße verlassen? Ist sie hier, irgendwo zwischen den dichten Bäumen und Büschen? Mit seiner Lampe leuchtet er den Graben neben der Straße ab und in den Wald hinein. Nichts. In diesem Moment klingelt plötzlich Martins Handy. Eilig zieht er es aus seiner Tasche. Schon den ganzen Tag war er mit den Behörden und Einsatzkräften im Austausch. Auch freiwillige Helfer melden sich immer wieder bei ihm. Gibt es Neuigkeiten?
Der Blick auf das Display versetzt Martin in einen Zustand, den er nur schwer beschreiben kann. Martin traut seinen Augen nicht. „Nathalie“ steht in großen Buchstaben auf dem Handy. Dahinter das süße Portrait von ihr, das sie freudig lächelnd im letzten Urlaub zeigt. Es ruft jemand von Nathalies Handy an. Martin erstarrt. Nur Nathalie selbst kann ihr Handy entsperren. Und ihr Handy liegt zu Hause. In der Küche. Auf dem Tisch neben dem Herd. Ist sie daheim? Oder hat der Anruf eine ganz andere Bedeutung? Mit zitternden Händen nimmt er eilig den Anruf entgegen.
Was Martin in diesem Telefonat erfährt, ist unvorstellbar. Er hatte mit allem gerechnet, sich innerlich auf alles vorbereitet, aber nicht darauf. Hinter Nathalies Verschwinden steckt viel mehr, als alle in dieser Sommernacht 2019 vermuten.
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Melanie steht wie angewurzelt mitten im Flur ihres Elternhauses. Gerade ist sie von draußen hereingekommen. Nun ist sie wie gelähmt. Sie schweigt und weiß nicht, was sie denken soll.
Gesa, ihre Mutter, hatte sie direkt abgefangen. „Verstehst du, was ich meine, Melanie?“, sagt Gesa ruhig, aber bestimmt. „Ich glaube, es sucht dich jemand! Hörst du?“ Melanie bewegt sich noch immer kein Stück. Da hält Mutter Gesa ihr einen Umschlag entgegen. Einen schlichten, weißen Umschlag, der Melanie Angst macht.
„Es sucht mich jemand? Mich? Warum?“, denkt die 28-Jährige leise bei sich. „Wer sollte mich suchen?“ Eine Frage, die sich Melanie eigentlich gut selbst beantworten könnte. Denn Gesa ist nicht Melanies leibliche Mutter. Melanie ist adoptiert. Es ist offensichtlich, wer diesen Brief geschrieben haben könnte.
Melanie kennt ihre Wurzeln nicht. Sie kennt nur einen sehr kleinen Teil ihrer Geschichte und dieser Teil ist alles andere als schön. Will sie wissen, was sich in diesem Umschlag befindet? Will sie wirklich Kontakt mit diesem Teil ihrer Vergangenheit? Will sie den Umschlag überhaupt öffnen? Gerade, als sie darüber nachdenkt, bemerkt sie, dass der Umschlag bereits geöffnet wurde. „Du hast ihn gelesen, Mama?“ Gesa nickt und lächelt. „Sind es…? Kommt der Brief von…?“ - „Du meinst, von deinen Eltern?“, vervollständigt Melanies Adoptivmutter den Satz. „Nein, er kommt nicht von deinen leiblichen Eltern.“ Melanie atmet auf, aber im gleichen Moment ist sie auch enttäuscht und das überrascht sie selbst. Ein komisches Gefühl. Alles ist so unwirklich. „Aber wer ist es dann?“, fragt sie ruhig. „Jetzt nimm doch den Brief und schau selbst“, sagt Gesa liebevoll, aber mit Nachdruck.
Melanie greift nach dem Umschlag und holt den Brief heraus. Sie überfliegt die Zeilen. Dann erfasst sie schließlich, wer sie sucht. In diesem Moment dreht sich das Gefühlskarussell in ihr noch etwas schneller als zuvor. Wild schwankt es zwischen Neugier, Aufregung und Angst. Mit dem, was sie hier liest, hätte Melanie nie gerechnet. Sie ist sich sicher: Das hier, das bedeutet nichts Gutes!
Mit diesem Brief ist die Frage nach Melanies Wurzeln noch längst nicht beantwortet. Melanie beschließt nach jahrelanger Unentschlossenheit den Schritt zu wagen und mehr über ihre leibliche Mutter zu erfahren. Die Mutter, die plötzlich spurlos aus Melanies Leben verschwunden ist. Julia und ihr „Bitte melde dich“-Team machen sich auf die Suche nach der Frau, die Melanie eine Antwort schuldig ist.
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Außer Atem und zitterig steht Erika vor der Wohnungstür ihrer Tochter Bianca und drückt auf die Klingel. Immer und immer wieder drückt sie auf den Knopf. Doch die Schritte, die sonst zur Tür eilen, um Besuch in Empfang zu nehmen, bleiben aus. In der Wohnung ist nur eines zu hören: Stille! Nichts! Keine Schritte, keine Stimmen, nichts!
Erika greift in ihre Hosentasche und kramt nach dem Schlüssel. Vor sieben Monaten, als Bianca in die Wohnung zog, hatte sie ihrer Mutter einen Ersatzschlüssel gegeben: „Für den Fall der Fälle. Wenn ich mich mal ausschließe oder so“, hatte Bianca gesagt. Aber an einen solchen Fall wie heute hatte damals niemand gedacht.
Erika ist aufgeregt. „Ach, stell dich nicht so an“, sagt sie beruhigend zu sich selbst, „es ist ja nichts geschehen! Wirklich?“, denkt sie weiter, „ist wirklich nichts geschehen?“ Erika findet die Schlüssel und öffnet die Tür. Dann ist ihr sofort klar: Sie ist nicht allein! Es ist noch jemand in dieser Wohnung! Im Flur blickt sie in ein bekanntes Gesicht. Eine Person, die Erika nur allzu gut kennt, aber in keiner guten Erinnerung hat. Was macht er hier in der Wohnung? Was hat er damit zu tun, dass Bianca nicht aufzufinden ist?
Erika und der Mann starren sich einige Sekunden an. Dann bricht es aus Erika heraus. Sie fragt nicht, was er in der Wohnung tut. Sie will auch nicht wissen, was er getan hat. Sie fragt nur eines: „Wo ist Bianca? Wo ist meine Tochter?“
Der Mann schweigt. Erika wird keine Antwort auf die Frage bekommen. Nicht heute, nicht morgen, nie! Ihre geliebte Tochter bleibt unauffindbar, bis heute.
Auch 23 Jahre später vergeht für Erika kein Tag, an dem sie nicht an ihre spurlos verschwundene Tochter Bianca denkt. Erika wünscht sich Antworten, damit sie aufhören kann zu suchen und damit sie ihren Frieden findet.
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Etwas hilflos steht der kleine Ben auf dem Gehsteig in seinem bayerischen Heimatort. Die Sonne brennt. Es ist Hochsommer. Der Blick des 12-Jährigen fällt auf die vielen Koffer am Straßenrand. „Nein, nicht den! Den da hinten!“, schreit sein Stiefvater in die Richtung von Bens Mutter. Sie schweigt und schaut etwas verwirrt umher. „Mensch, den grauen… ja den! Ist das denn so schwierig?“, schiebt er energisch hinterher. Die Stimmung ist hektisch, angespannt und aggressiv. Wie immer. Ben steht scheinbar anteilslos neben dem Auto. Sein Kopf senkt sich Richtung Boden. Ben will das alles nicht. Er will nicht packen. Er will nicht mitfahren, denn er ahnt, was kommen wird.
In diesem Moment greift jemand nach seiner Hand. Der Junge blickt auf und schaut in das Gesicht von Christel. Mit ihrem warmen, freundlichen Lächeln schaut sie Ben aufmunternd an. Christel, das ist die Frau, die nur drei Häuser weiter lebt, zusammen mit ihrem Mann Gerd. Sie sind Nachbarn, aber für Ben sind sie so viel mehr. Christel geht leicht in die Knie und nimmt Ben fest in den Arm. „Alles wird gut“, flüstert sie ihm leise und freundlich zu, „alles wird gut.“ Ben kommen die Tränen. Er möchte nicht weg, er möchte nicht die beiden Menschen verlieren, die ihm so viel bedeuten.
Ben blickt aus dem Fenster. Er sieht Christel und Gerd vor ihrem Haus. Dem einzigen Ort, an dem sich der Junge je sicher und geborgen gefühlt hat. Der einzige Ort, an dem man ihm das gegeben hat, wonach er sich so sehr sehnt: Liebe! Auch Christel und Gerd weinen. Nein, diese beiden sind keine Nachbarn. Diese beiden sind die wichtigsten Menschen in Bens Leben. Bis jetzt.
Ben ahnt nicht, was ihn nun erwartet. Und er ahnt nicht, dass er Christel und Gerd nie wieder sehen wird. Bis heute.
35 Jahre später bittet Ben Julia Leischik und das „Bitte melde Dich“-Team um Hilfe. Denn Christel und Gerd sind spurlos verschwunden. Und Julia macht sich auf die Suche nach den beiden Menschen, die Ben nie vergessen hat.
Service
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“
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Lisa zittert, als sie auf die Klingel an der Wohnungstür drückt. Ein lautes, blecherneres Ringen ertönt. Danach Stille. Nichts passiert. Sie schaut zu ihrer Begleitung, Herbert, der ihr aufmunternd zunickt. Noch einmal holt Lisa tief Luft und drückt auf den kleinen, silbernen Knopf neben der Tür. Wieder schallt das ohrenbetäubende Ringen durch den Flur.
Julia Leischik spricht mit Lisa über die Liebe ihres Lebens, die spurlos verschwunden ist.
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Aus Pias Kopfhörer dröhnt laute Musik im Zufallsmodus. Irgendwelche Pop-Songs, die sie eigentlich gar nicht wirklich mag. Es ist wie ein Hintergrundrauschen, denn gedanklich ist die 22-Jährige weit weg.
Pia schaut sich vorsichtig um. Ihr Blick fällt auf die Uhr am Ende des Raumes. „Noch 30 Minuten. OK, Jetzt wird nichts mehr passieren“, denkt sie. Was sollte auch sein? Es ist ja alles in Ordnung! „Ich mache ja nichts Illegales“, sagt sie sich selbst. Trotzdem ist da dieses ungute Gefühl. Diese Stimme, die ihr sagt: Pass auf!
Wie aus dem Nichts hört sie plötzlich eine Männerstimme - laut und bestimmt. Sie sagt: „Ist das Ihr Koffer?“ Pia dreht sich in Richtung der Stimme. Direkt vor ihr stehen zwei Männer. Einer wiederholt, noch etwas energischer: „Ist das Ihr Koffer?“ und hält der jungen Frau ein grünes Gepäckstück entgegen.
Es ist Donnerstag, der 27. September 2012, 18:30 Uhr, als Pia mit den Männern die Polizeistation des Flughafens in Istanbul betritt. Genau zu diesem Zeitpunkt, an diesem Donnerstag um 18:30 Uhr, ist Julia Leischik gerade mit ihrem „Bitte melde Dich“-Team in einem kleinen Dorf in Rumänien unterwegs – im Auftrag von Pia.
Von dem, was sich rund 500 km entfernt in Istanbul abspielt, ahnt Julia nichts. Dieser Fall wird das „Bitte melde dich“-Team noch viele Jahre beschäftigen. Denn Pias Geschichte endet nicht mit dem Ergebnis der Suche nach einem Vermissten. Pias Geschichte beginnt an diesem Punkt erst, und nimmt eine dramatische Wendung.
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Stefanie ist müde. Den ganzen Tag hatte sie Trubel und Geschrei um sich. Kleine Kinder, die auf den Arm genommen werden wollen, die etwas fragen, die stolz etwas zeigen wollen oder Hunger haben. Stefanie ist Erzieherin, jetzt ist es 18 Uhr und sie hat Feierabend. Endlich! Sie freut sich auf einen ruhigen Abend mit ihrem Mann und ihren eigenen drei Kindern.
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„Zum Glück bin ich gleich durch hier“, denkt Claudia und schaut auf ihre Armbanduhr. Noch 10
„Was ist denn nun?“ ruft ihr ein Mann von Gegenüber zu. Er sieht nervös und aufgebracht aus.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Claudia nicht gewusst, dass sie schwanger ist! Neun Monate hatte sie nichts gemerkt. Und trotzdem bringt sie noch am gleichen Tag ein gesundes Kind zur Welt. Nur
Das Kind wird den Namen Moni tragen. Und Moni wird genau hier, am Wiener Flughafen, 33 Jahre später eine Reise zu mir nach Köln antreten. Denn sie wird Hilfe brauchen, Hilfe vom „Bitte melde Dich“-Team. Es wird nämlich einen Menschen in Monis Leben geben, den sie schmerzlich vermisst. Und ich werde ihr bei der Suche helfen dürfen.
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Eigentlich war es ein schöner Tag heute. Renate ist gut gestellt. Hüpfend und springend kommt die 10jährige aus der Schule. Auf dem Gehweg schießt sie einen kleinen Kieselstein vor sich her. Sie ist ausgelassen. Aber mit jedem Schritt, den das kleine Mädchen näher in Richtung zuhause kommt, wird ihre Stimmung schlechter und schlechter. Am Vormittag konnte sie noch alles verdrängen, ja. Aber jetzt? Jetzt muss Renate wieder an sie denken. Sie, das ist ihre Stiefmutter. Das kleine Mädchen bekommt Angst.
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Immer wieder schaltet Aghdas hin und her. Aber überall, auf allen Kanälen, die gleichen Bilder. Aghdas ist wie erstarrt. Sie kann kaum glauben, was seit etwa 15 Minuten an Informationen und Bildern auf sie einströmt. Man hört Menschen schreien, Polizeiautos, Hubschrauber. Alles zu sehen auf verwackelten Videos, aufgenommen mit dem Handy. Dann plötzlich Ruhe. Ein Sprecher im Studio ist zu sehen. „Es scheinen weite Teile des Landes betroffen zu sein,“ sagt er, und: „Über Opferzahlen liegen uns im Moment noch keine Information vor“. Aghdas zittert.
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