Julia Leischik: Spurlos

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By Julia Leischik, Sylvia LutzSociety & CultureTrue Crime
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Julia Leischik: Spurlos episodes

  • #22 Der Fall Kerstin: Die Sehnsucht nach der unbekannten Familie

    An diesem Nachmittag ist viel los auf der Straße. Eine Gruppe von Kindern rennt aufgeregt hin und her. “Wirf mir den Ball zu!“ ruft Kerstin den anderen zu. „Hier guck, ich stehe frei.“ Die 6jährige ist ziemlich außer Atem, aber sie möchte schritthalten, um es den anderen zu beweisen. „Hier her, hier!“ wiederholt sie und wird dabei mit ihrer Stimme lauter.

    Aber der Junge mit dem Ball zieht an ihr vorbei und wirft zu einem anderen Mädchen, auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dabei steht Kerstin direkt vor dem Tor. Trotzdem ignoriert der Junge Kerstin. Alle ignorieren sie.
    Das ist ein Gefühl, das Kerstin kennt. Kerstin bleibt stehen und lässt die Arme sinken. Es ist Herbst 1977 in einer Kleinstadt bei Ludwigsburg und seit einiger Zeit hat sich etwas verändert. Kerstin hatte nie viele Freunde. Aber nun verhalten sich die Schulkameraden auch noch merkwürdig. Warum nur?
    Mittlerweile ist ein Tor gefallen. Die Kinder jubeln, nur Kerstin nicht. In ihr steigt ein unangenehmes Gefühl hoch: Wut! Zielstrebig geht sie auf den Jungen zu. Sie ballt ihre kleinen Fäuste und ruft zornig: “Wieso werft ihr mir den Ball nie zu? Ich steh doch frei.” Der Junge zuckt mit den Schultern und will weiterrennen. Aber Kerstin lässt nicht locker. Sie packt ihn am Arm und wird noch lauter: „Warum lasst ihr mich nicht mitspielen?“.
    Da dreht sich der Junge um und baut sich vor Kerstin auf. Mit einem arroganten Ton setzt er an zu sprechen. Er sagt: „Mit dir wollen wir nicht spielen!“ Kerstin stutzt. Warum sagt er das? Ihre Stimme wird wieder unsicherer: „Wieso das denn?“. Der Junge geht einen Schritt auf Kerstin zu. Er holt tief Luft und gibt ihr eine Antwort, eine Antwort, mit der Kerstin nie gerechnet hätte.
    Schockiert bleibt sie stehen, als der Junge weiter Richtung Tor rennt. „Das ist eine Lüge!“, brüllt sie ihm hinterher. Tränen laufen dabei ihr Gesicht hinunter. Geknickt macht sich Kerstin auf den Heimweg. Als die anderen Kinder außer Sichtweite sind, sackt sie in sich zusammen. Sie setzt sich auf den Bordstein. Wie kommt der Junge darauf?
    An diesem Nachmittag taucht zum ersten Mal eine Frage in Kerstins Kopf auf. Die Frage lautet: wurde ich belogen? Diese Frage ist die Initialzündung für eine Suche. Eine Suche, bei der ich Kerstin Jahre später begleiten werde, und an deren Ende eine gute, aber auch eine sehr traurige Antwort stehen wird.

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  • #21 Verschwunden nach einer Partynacht: Wo ist meine Schwester?

    Mit voller Kraft strahlt die Sonne durch das Fenster in Katrins Gesicht. Langsam öffnet sie die Augen. Ihr erster Blick fällt auf den Wecker neben dem Bett. 10 Uhr zeigt die Anzeige. Es ist schon spät. Aber Katrin würde sich am liebsten noch einmal umdrehen. Sie hat nur vier Stunden geschlafen und: es geht ihr nicht gut. Der Kopf schmerzt. Alles dreht sich - Sie hat einen kleinen Kater. „Oh Mann“, denkt sie und macht schnell die Augen wieder zu.

    Hinter Katrin liegt eine lange Partynacht. Es ist Samstag, der 14. September 2013. Die 27jährige und ihre beiden Mitbewohner sind erst um sechs zu Hause gewesen. Was für ein Abend! Katrin lässt ihn noch einmal Revue passieren. Dabei kommt sie schnell ins Grübeln. Es war ein toller Abend, ohne Frage. Wäre da nicht dieser Streit im Irish Pub gewesen.
    Am Abend zuvor war auch Katrins Schwester Larissa dabei. Sie hatten viel gelacht, Spaß gehabt – bis zu diesem Streit. Danach ist Larissa gegangen.
    „Ob sie wohl wach ist?“, denkt Katrin. Noch schlaftrunken greift sie nach ihrem Handy. „Vielleicht hat sie ja schon geschrieben“. Katrin entsperrt ihr Handy. Das Display leuchtet auf. Und tatsächlich erscheint eine Nachricht. Aber nicht von Larissa, sondern von ihrem Freund. Katrin liest eine Frage. Wie sehr diese ihr zukünftiges Leben beeinflussen wird, ahnt sie nicht.
    Auf ihrem Display steht: “Weißt du zufällig, wo Larissa ist? Ist sie gut bei dir angekommen?”
    Noch nie war Katrin so schnell wach, wie in diesem Moment. Panisch richtet sie sich auf und kontrolliert ihr Handy auf verpasste Anrufe. Nichts. Dann wählt sie schnell den Kontakt ihrer Schwester. Mailbox. Katrin überkommt ein beklemmendes Gefühl. Das passt nicht zu ihrer Schwester. Katrin schreibt eine Nachricht. Sie bleibt ungelesen. Katrin zittert. Ist etwas passiert? Trägt sie die Verantwortung für das, was passiert ist? Katrin ist klar: etwas ist ganz und gar nicht in Ordnung!
    Dies ist der Anfang einer schmerzhaften Suche und der Anfang eines Schuldgefühls. Ein Schuldgefühl, das Katrin nicht nur an diesem Tag begleiten wird…

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    1 hr 1 min
  • #20 Wer ist Anna wirklich? Ein Leben unter falschem Namen

    Ein warmer Apriltag 1989. Anna sitzt im Wartezimmer. Im Wartezimmer Platz nehmen, sowas kennt die Teenagerin sonst nur vom Arztbesuch. Diesmal ist es anders. Sie ist aufgeregt. Und fühlt sich irgendwie erwachsen. Anna ist jetzt 14 Jahre alt. Und sie ist allein gekommen. Sie beobachtet die anderen Besucher, alle haben Nummern und werden nacheinander aufgerufen. Die Frau neben ihr scheint es eilig zu haben. Ständig schaut sie auf ihre Armbanduhr. “Erwachsene haben immer Termine”, denkt sich Anna. Aber sie mag den Gedanken. “Das fühlt sich gut an”, stellt sie leise fest. Anna hält den Zettel mit der Nummer A12 fest in ihrer Hand. Es kann nicht mehr lange dauern.

    Wenige Minuten später wird Annas Nummer aufgerufen. Sie steht entschlossen auf, verabschiedet sich von den anderen Besuchern und geht ins Büro der zuständigen Sachbearbeiterin. Gleich wird sie ihren ersten Ausweis in den Händen halten. Die Sachbearbeiterin begrüßt sie kurz und knapp mit einem „Hallo, setzen sie sich“ und blättert durch Annas Unterlagen. Sie trägt einige Daten in ein Formular ein und nickt Anna freundlich zu. Als Anna gerade das Passfoto aus ihrer kleinen Tasche kramen möchte, stockt die Frau plötzlich. Sie blättert zurück. Und blättert wieder vor. Nochmal zurück. Und nochmal vor. Anna schaut sie fragend an. „Hier stimmt etwas nicht“, sagt die Frau und sieht Anna an. Anna fühlt sich gerade gar nicht mehr erwachsen. Das hier ist ernst, das merkt sie.
    Die Mitarbeiterin sagt dann einen Satz – nur einen Satz. Und dieser Satz zieht Anna den Boden unter den Füßen weg. Der Personalausweis wird gerade zur Nebensache. Denn was Anna in diesem Moment erfährt, hinterlässt eine große Frage. Eine Frage, die sie ihr Leben lang beschäftigen wird.

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    53 min
  • #19 Britta: Die Suche nach dem falschen Vater?

    Es ist der 18. Mai 2019. Den ganzen Tag über war Britta schon aufgeregt. Warum, das weiß sie gar nicht so genau. Da ist dieses Gefühl, diese Traurigkeit, diese Aufregung. Sie musste am Nachmittag schon weinen, aus dem Nichts. Als hätte sie eine Vorahnung. Warum nur? Wird heute etwas passieren?

    Schon einmal wurde Britta ein entscheidender Moment in ihrem Leben vorhergesagt. Damals hatte sie nicht so recht daran geglaubt. Und es passierte doch etwas!
    Aber diesmal ist es anders. Diesmal weiß Britta, was passieren könnte.
    Vor einigen Tagen hatte sie einen Brief abgeschickt. Nun wartet sie auf die Antwort. Ist heute der Tag, an dem sie diese Antwort bekommt?
    Britta ist ohne Vater aufgewachsen. Er verließ die Familie, als sie vier Jahre alt war. Schon ihr ganzes Leben war sie auf der Suche nach ihm. Sie wollte wissen: Warum ist er gegangen? Aber dieses Rätsel ist es nicht, um das es geht. Heute geht es um etwas anderes.
    „Ich schaue noch einmal kurz rein“, sagt Britta, als die Wohnung betritt. „Okay, aber mach dich nicht verrückt! Nicht, dass du jetzt wieder wegen irgendeinem Spam ausrastest“, erwidert ihr Freund Franz.
    Britta nickt. Sie geht in ihr Zimmer und setzt sich an den Schreibtisch. Mit einem Druck auf den Powerknopf startet sie ihr Laptop. Britta wird hibbelig. Die Sekunden des Hochfahrens erscheinen ihr wie Stunden. Sie öffnet den Browser, gibt die Internetadresse ein und meldet sich bei einer ganz bestimmen Seite an. Es dauert einige Sekunden, dann erscheint ein freundliches „Willkommen zurück, Britta“ oben auf der Seite.
    In diesem Moment erstarrt Britta. Ihr Herz schlägt schneller. Denn direkt unter der Begrüßung steht noch etwas in dicker, roter Schrift. Unübersehbar. Es ist das Wort „Match“. Ein Wort, das alles ändert.
    An diesem Tag, dem 18. Mai 2019, erfährt Britta etwas, von dem niemand gedacht hätte, dass sie es je rausbekommen wird. Es ist der Höhepunkt einer Geschichte aus Geheimnissen und Zufällen. Und es ist der Anfang eines neuen Lebens.

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    1 hr 2 min
  • #18 Der Panama Pakt: Wo ist James?

    Es ist Freitag, der 22. März 2002. In der kleinen Stadt Seaton Carew, in der Nähe von Hartlepool ist es kalt und stürmisch.

    Die 49-jährige Rose steht in ihrer Küche und macht sich gerade einen Tee. „Heute hätte er Frühschicht gehabt“, denkt sie bei sich und starrt abwesend aus dem Fenster. „Gleich wäre er nach Hause gekommen“, fährt sie in Gedanken fort.

    James, Rose‘ Mann, ist verschwunden. Heute wird er nicht nach Hause kommen. Auch morgen nicht. James bleibt verschwunden. Für immer! Gestern Nachmittag, vor ungefähr 24 Stunden, ist er aufgebrochen Richtung Meer. Sein Weg führte ihn vorbei an dem roten Schild mit der Aufschrift „Achtung! Unbewachter Strand!”. James ignorierte es und ging weiter. Ein Fehler! Wurde ihm das Meer zum Verhängnis? Ist er noch irgendwo da draußen?

    Ein lautes Piepsen unterbricht Rose‘ Gedanken: der Wasserkocher. Das Teewasser ist fertig. Rose greift sich eine Tasse aus dem Schrank und will gerade ihren Tee aufgießen, da klingelt es an der Tür. Sie ist nicht überrascht. In den letzten Tagen waren viele Freunde, besorgte Nachbarn, Polizeibeamten hier. Alle wollten ihr helfen, aber niemand konnte es. Rose öffnet die Tür. Sie blickt in ein vertrautes Gesicht. Ein Gesicht mit ernster Miene. Sie weiß sofort: es ist etwas passiert! Vor der Tür steht der Ermittler Alec Biggs, der seit einigen Tagen mit James‘ Vermisstenfall betraut ist. Schon mehrfach hatte Rose mit ihm gesprochen, doch heute wirkt er verändert. Noch ernster als sonst. „Darf ich hineinkommen?“, fragt er. Rose nickt. Beide nehmen an dem Küchentisch Platz. Rose‘ Puls schlägt schneller. Sie weiß, Alec Biggs ist nicht ohne Grund hier. „Wir haben etwas gefunden“, setzt er schließlich an, „Ich muss Sie bitten, einen Blick darauf zu werfen.“ Alec Biggs schaut Rose mit ernster Miene an und zieht dabei ein Foto aus der Tasche. Rose hat Angst, was sie erwartet. Wen oder was wird sie gleich sehen?

    Der Beamte reicht ihr das Foto. Rose hält kurz inne, blickt einige Sekunden drauf und bricht in Tränen aus. Sie hält sich die Hände vor das Gesicht und sackt in sich zusammen. Sofort hat Rose erkannt, was sie da auf dem Foto sieht. „Ja, das ist seins“, sagt sie mit zittriger Stimme, ohne dass Alec Biggs eine Frage stellen muss. „Es tut mir sehr leid, aber sie wissen, wonach das aussieht?“, antwortet er. Rose nickt erneut, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen.

    In diesem Moment sieht alles danach aus, als wäre das Foto die Antwort auf die alles entscheidende Frage: Was ist mit James geschehen? Aber niemand ahnt: in Wirklichkeit ist es nur eins von vielen Puzzlestücken, die zusammen ein vollkommen anderes Bild ergeben. Denn nichts ist, wie es scheint, bei dem Verschwinden von James.

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    1 hr 8 min
  • #17 Scarlett - eine verschwundene Tochter und der Weg ohne Wiederkehr

    Ralf hängt das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür, schließt sie und setzt sich wieder auf das Bett. Sein Kopf ist so leer. Er weiß nicht, was der denken soll.

    Ralf starrt auf das Bild an der Wand. Es zeigt eine hügelige Landschaft, idyllisch, friedlich. Sein Blick fällt auf den Tisch. Darauf ein kleines Kärtchen mit der Aufschrift „Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt im schönen Schwarzwald“. „Andere machen hier Urlaub“, denkt Ralf bei sich. Es ist alles so unwirklich. „Bin ich in einem Film? Wache ich bald auf und alles war nur ein Traum?“

    Ralf macht hier im Schwarzwald keinen Urlaub. Er wartet. Er wartet, dass das Telefon klingelt, das neben ihm auf dem Nachtisch am Ladegerät hängt, damit der Akku ja nie leer geht. Aber das Telefon klingelt nicht. Seit Tagen wartet Ralf auf einen Anruf. Einen befreienden Anruf von ihr. Aber sie ruft nicht an. Unzählige Male hat er auf die Mailbox gesprochen und um Rückruf gebeten. Ohne Erfolg. Der Anruf kommt nicht.

    Ralf schaut aus dem Fenster. Er kann die dichten Bäume sehen. Es ist September und die ersten Blätter werden gelb. Irgendwo in den Wäldern sind die Suchtrupps unterwegs, Bergretter, Hundeführer, Polizisten. „Ist sie dort?“ denkt Ralf. „Braucht sie meine Hilfe?“ Ein unbeschreiblicher Schmerz breitet sich in ihm aus. Ralf fühlt sich hilflos. Seine Tochter ist seit Tagen hier im Schwarzwald verschwunden und niemand weiß, was mit ihr ist.

    Plötzlich klingelt das Telefon. Es klingelt! Endlich! Aber es ist nicht sie. Eine unbekannte Nummer. Ralf geht hastig ran. „Ja, hallo?“. Es meldet sich ein Mann, der sich als Polizeibeamter vorstellt. „Wir haben etwas“, sagt er. Ralf atmet tief durch: „Ja?“ Er ist auf alles gefasst. Das, was er nun erfährt, gibt ihm Hoffnung und könnte der Schlüssel zum Auffinden seiner Tochter sein. „Die Hunde haben angeschlagen“, sagt der Polizist und schildert Ralf, was in den letzten Stunden geschah.

    Was passierte mit Ralfs Tochter? Wo hält sie sich auf? Und wer könnte etwas wissen? Das mysteriöse Verschwinden von Scarlett.

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    1 hr 7 min
  • #16 Wo ist mein Sohn Frank? Festgehalten in der Drückerkolonne?

    Wilhelmshaven, März 1984. Hektisch rennt der 19-jährige Frank über den Flur. „Meine Jeans, Mama, die Jeans?!“. „Ich hol sie dir“, antwortet Ursula und greift in einen Stapel frisch gewaschener Wäsche im Badezimmer. Frank nimmt die Hosen und packt sie in seinen kleinen braunen Koffer auf dem Bett. Dann hält er kurz inne. „Das müsste jetzt wirklich alles sein, oder?“. Er schaut Ursula fragend an. Sie zuckt mit den Schultern und sagt „Ich denke schon.“ Frank geht zum Fenster und schaut raus. Niemand zu sehen. Auf der Straße vor dem Haus ist alles ruhig.

    Ursula wird in diesem Moment nachdenklich. Ist das alles richtig? Es ging so schnell. Es hat jetzt alles keine 24 Stunden gedauert. Doch Frank wirkt entschlossen. Und eigentlich ist Ursula froh, dass er jetzt endlich einen Plan hat. Was wirklich in ihm vorgeht, das ahnt sie nicht.
    Es ist 6 Uhr. Gestern Nachmittag hatte Ursula ihrem Sohn die Tageszeitung rübergeschoben und auf eine Anzeige gedeutet. Jetzt, einen Tag später, ist alles schon so konkret. Gleich wird Frank abgeholt. Von wem, das weiß Ursula nicht. Das macht ihr schon etwas Angst. Ein ungutes Gefühl, das sich auf tragische Weise bestätigen wird.
    „Da sind sie“ ruft Frank plötzlich und deutet auf einen schwarzen Golf, der vor dem Haus zum Stehen kommt. „Ich muss los“ sagt er. Ursula und ihr Sohn umarmen und verabschieden sich hastig. Ein schnelles, fast beiläufiges „Tschüss, ich melde mich“, dann ist Frank auch schon aus der Wohnungstür. In zwei Wochen ist er ja wieder da - denkt Ursula.
    Sie geht zum Fenster und beobachtet, wie ihr Sohn mit dem Koffer in der Hand in das Auto einsteigt. Wer noch im Auto sitzt, das kann sie nicht erkennen. Nur, dass es sich dabei um eine Frau handelt. Kaum ist die Wagentür geschlossen, fährt der Golf auch schon los. Sehr zügig. Ursula sieht dem Wagen hinterher, bis er an der nächsten Straßenecke verschwindet.
    Ursula ahnt nicht, was auf sie zukommt. Sie weiß nicht, was schon sehr viel früher seinen Anfang nahm. Sie wird ihren Sohn Frank nie wieder in die Arme schließen können. Der Moment, als er zu Unbekannten in einen schwarzen Golf steigt, ist das letzte Mal, dass sie ihren Frank sieht.

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    57 min
  • #15 Das Familiengeheimnis: Eine Mutter schweigt ihr Leben lang!

    Es ist der 2. Juli 1990. In einer kleinen Stadt westlich von München steht Hannah aufgelöst in dem Wohnzimmer ihrer Mutter. Tausend Gedanken schießen ihr durch den Kopf. Es ist wie ein Feuerwerk an Gefühlen – Alle Gefühle! Gleichzeitig! - Erleichterung, Schock, Wut, Sehnsucht.

    Hannahs Mutter steht vor ihrem großen schwarzen Stubenschrank. Es ist der Schrank, an den Hannah so viele schlimme Erinnerungen hat. Zu den Gefühlen kommt ein weiteres hinzu: Traurigkeit. Äußerlich ist Hannah wie erstarrt, zeigt keine Regung. Sie ist unfähig, sich zu bewegen. Aber in ihrem Inneren dreht sich alles schneller und schneller.

    „Ich verstehe, dass du wütend bist!“ sagt Erna, Hannahs Mutter, und zieht ruckartig die Hände vor ihr Gesicht, als würde sie sich schützen wollen – als würde sie erwarten, dass Hannah sie schlägt.

    Vor wenigen Minuten hatte Erna ihrer Tochter etwas gestanden, ein Familiengeheimnis offenbart. Ein Geheimnis, eine Lüge, die für Hannah alles ändert. Sie könnte wütend sein, ja! Hannah hätte vermutlich jedes Recht dazu – Aber sie ist es nicht. Gar nicht! Nein, es ist ein anderes Gefühl, das in ihr langsam Überhand gewinnt: Freude! Alles verbindet sich in diesem einen Moment zu einer Wahrheit. Hannah spürt: Ihr sehnlichster Wunsch ist gerade in Erfüllung gegangen!

    Plötzlich streckt Hannah ihre Arme aus. Erna zuckt zusammen, aus Angst, geschlagen zu werden. Aber Hannah möchte sie nicht schlagen, sie möchte ihre Mutter umarmen. Erna weicht aus, geht einen Schritt zurück und schaut ungläubig zu ihrer Tochter. „Du verzeihst mir?“ sagt sie zögerlich „Du verzeihst mir das!?! – Ich könnte meiner Mutter das niemals verzeihen“ fährt sie fort. Hannah antwortet nicht. Sie lächelt nur.

    Dieser Moment am Nachmittag des 2. Juli 1990, ist für Hannah ein Augenblick der Wahrheit. Ein Moment, den sie nie vergessen wird. Und, es ist der Beginn einer schwierigen Suche, der Suche nach einem Phantom.

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    55 min
  • #14 Flucht vor der Stasi und eine lebenslange Suche

    Frühjahr 1978. Es ist kalt in dieser Nacht, kurz vor vier Uhr, in Ost-Berlin. Die Straßen sind noch leer. Bis auf einige Laternen herrscht Dunkelheit in Berlin-Lichtenberg. Plötzlich klingelt ein Telefon in die Stille der Nacht hinein. Das alarmierend schrille Geräusch kommt aus der kleinen Mietswohnung von Helga. Sie schreckt auf. Helga hatte auf dieses Klingeln gehofft. Gleichzeitig hatte sie Angst davor, denn sie weiß genau, was jetzt passieren wird. Trotzdem steht sie ohne zu zögern auf und läuft in den Flur. Das Telefon scheint immer lauter zu klingeln. Helga nimmt den Hörer ab und sagt vorsichtig “Hallo?…. Hallo?” Auch dieses Mal geschieht das, was bisher immer geschah: nichts! Am anderen Ende der Leitung herrscht Schweigen. “Hallo!”, ruft Helga ein weiteres Mal, nun etwas bestimmter, und schiebt hinterher: “Wer ist denn da?!”

    In der Leitung ist nur ein Knacken zu hören. Dann – plötzlich - ein Freizeichen. Der Anrufer hat aufgelegt. Wortlos. Auch Helga legt den Hörer auf die Gabel.

    Es ist nicht das erste Mal, dass sie einen solchen Anruf erhält. Wer ist der Unbekannte, der immer wieder anruft und schweigt? Ist es die Stasi? Oder will ihr jemand etwas mitteilen? Vielleicht über… den Satz wagt Helga nicht zu Ende zu denken…. Vielleicht über ihren Jungen? Möchte ihr jemand etwas über den Verbleib ihres Sohnes Jörg sagen? Ist er in Not? Es soll noch Jahre dauern, bis Helga eine Antwort auf diese Frage erhält. Doch das ahnt sie im Frühjahr 1978 nicht.

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    51 min
  • #13 Hannes, wo bist Du? Die Geschichte einer großen Liebe

    Sieglinde ist etwas spät dran, als sie durch die alte, hölzerne Drehtür in das Foyer tritt. Es ist kurz nach 19:00 Uhr. In knapp einer Stunde soll es losgehen. Auf den Bänken und Sofas haben sich bereits zwei Dutzend Menschen eingefunden, die Sieglinde erwartungsvoll anstarren, als sie sich auf ihren Platz im Kassenhäuschen setzt. Sieglinde stellt ihre Tasche auf den Boden und schaut sich um. „Wo ist er?“ fragt sie sich. Langsam kommt wieder dieses Gefühl aus Wut und Enttäuschung hoch. „Dem werde ich was erzählen…“

    Schon heute Mittag hatte Sieglinde wie bestellt und nicht abgeholt an der Straße gestanden. Ihr Mann - Hannes - wollte sie von der Arbeit abholen. So war es vereinbart. 13:00 Uhr hatten sie am Morgen ausgemacht. Und wer kam nicht? Er! Sicher einer dieser „Notfälle“ bei der Arbeit. Dieses „Schatz, Entschuldigung, aber…“. Eigentlich ist Hannes sehr zuverlässig. Umso mehr ärgert Sieglinde sich, dass er sie hat sitzen lassen.
    Sie blickt wieder in die Gesichter der wartenden Menschen. 19:10 Uhr. Höchste Zeit für Sieglinde, zu öffnen. Seit einigen Monaten engagieren Hannes und sie sich ehrenamtlich an der Kleinkunstbühne Graz. Sieglinde macht die Kasse. Ihr Mann die Organisation. Sicher wird er hinten im Bühnenbereich gerade alles vorbereiten.
    Wenn die Vorstellung läuft, dann wird Sieglinde Hannes bei Seite nehmen und mit ihm reden. Seit einem Jahr sind die beiden verheiratet. Sie diskutieren oft, streiten tuen sie eigentlich nie. Aber heute wird das anders.
    Gerade will Sieglinde das „Geschlossen“-Schild vom Kassentisch nehmen, da kommt eine Theaterkollegin aufgeregt auf sie zu. „Sieglinde! Da sitzt du ja schon. Wo ist Hannes? Mein Gott, ich bin ganz allein da hinten, wie soll ich das machen?“ Ruft sie hektisch. „Das ist wirklich nicht fair. Also, ihr könnt mich doch nicht so hängen lassen…“. „Hannes ist nicht hier?“ erwidert Sieglinde sichtlich überrascht. „Nein, ist er nicht!?“ entgegnet die Kollegin mit einem fragenden Blick und schiebt fast vorwurfsvoll hinterher: „Weißt du nicht, wo dein Mann ist?!“. Mit einem Schlag, von einem Moment auf dem anderen, ist Sieglindes Wut wie weggeblasen. Plötzlich ist da ein anderes Gefühl: Das Gefühl der Sorge. Dass Hannes einen Theaterabend verpasst – nein, dazu war er viel zu zuverlässig. Und auf der Baustelle gibt es jetzt ganz sicher nichts mehr zu tun. Ohne zu zögern greift Sieglinde zum Festnetztelefon, das unter dem Kassentresen steht. Sie wählt Hannes Nummer.
    Es ist der 26. Februar 1994. Sieglinde besitzt kein Handy. Hannes, wegen seiner Arbeit, schon. Doch er geht nicht ran. Sieglindes Puls geht schneller und schneller. Auch beim zweiten und dritten Versuch meldet sich immer nur die Mailbox. Dieser Moment - der 26. Februar 1994, kurz vor der 20:00 Uhr Vorstellung - ist der Moment, in dem Sieglinde klar wird: mein Mann ist verschwunden – Spurlos!

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About Julia Leischik: Spurlos

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Seit über 18 Jahren sucht Julia Leischik weltweit nach verschwundenen Menschen. Zusammen mit ihrer Kollegin Sylvia Lutz erzählt sie nun in „Julia Leischik: Spurlos“ besondere, emotionale und rätselhafte Vermisstengeschichten. Die Betroffenen schildern dabei selbst spannende Details und emotionale Hintergründe. Julia Leischik ist nahe dran an jedem einzelnen Fall. Manche Verschwundenen konnten von ihr und ihrem Team bereits gefunden werden, bei anderen werden die Zuhörer um Mithilfe gebeten. Jede Geschichte hat einen neuen, überraschenden Ausgang.

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