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An diesem Nachmittag ist viel los auf der Straße. Eine Gruppe von Kindern rennt aufgeregt hin und her. “Wirf mir den Ball zu!“ ruft Kerstin den anderen zu. „Hier guck, ich stehe frei.“ Die 6jährige ist ziemlich außer Atem, aber sie möchte schritthalten, um es den anderen zu beweisen. „Hier her, hier!“ wiederholt sie und wird dabei mit ihrer Stimme lauter.
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Mit voller Kraft strahlt die Sonne durch das Fenster in Katrins Gesicht. Langsam öffnet sie die Augen. Ihr erster Blick fällt auf den Wecker neben dem Bett. 10 Uhr zeigt die Anzeige. Es ist schon spät. Aber Katrin würde sich am liebsten noch einmal umdrehen. Sie hat nur vier Stunden geschlafen und: es geht ihr nicht gut. Der Kopf schmerzt. Alles dreht sich - Sie hat einen kleinen Kater. „Oh Mann“, denkt sie und macht schnell die Augen wieder zu.
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Ein warmer Apriltag 1989. Anna sitzt im Wartezimmer. Im Wartezimmer Platz nehmen, sowas kennt die Teenagerin sonst nur vom Arztbesuch. Diesmal ist es anders. Sie ist aufgeregt. Und fühlt sich irgendwie erwachsen. Anna ist jetzt 14 Jahre alt. Und sie ist allein gekommen. Sie beobachtet die anderen Besucher, alle haben Nummern und werden nacheinander aufgerufen. Die Frau neben ihr scheint es eilig zu haben. Ständig schaut sie auf ihre Armbanduhr. “Erwachsene haben immer Termine”, denkt sich Anna. Aber sie mag den Gedanken. “Das fühlt sich gut an”, stellt sie leise fest. Anna hält den Zettel mit der Nummer A12 fest in ihrer Hand. Es kann nicht mehr lange dauern.
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Es ist der 18. Mai 2019. Den ganzen Tag über war Britta schon aufgeregt. Warum, das weiß sie gar nicht so genau. Da ist dieses Gefühl, diese Traurigkeit, diese Aufregung. Sie musste am Nachmittag schon weinen, aus dem Nichts. Als hätte sie eine Vorahnung. Warum nur? Wird heute etwas passieren?
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Es ist Freitag, der 22. März 2002. In der kleinen Stadt Seaton Carew, in der Nähe von Hartlepool ist es kalt und stürmisch.
James, Rose‘ Mann, ist verschwunden. Heute wird er nicht nach Hause kommen. Auch morgen nicht. James bleibt verschwunden. Für immer! Gestern Nachmittag, vor ungefähr 24 Stunden, ist er aufgebrochen Richtung Meer. Sein Weg führte ihn vorbei an dem roten Schild mit der Aufschrift „Achtung! Unbewachter Strand!”. James ignorierte es und ging weiter. Ein Fehler! Wurde ihm das Meer zum Verhängnis? Ist er noch irgendwo da draußen?
Ein lautes Piepsen unterbricht Rose‘ Gedanken: der Wasserkocher. Das Teewasser ist fertig. Rose greift sich eine Tasse aus dem Schrank und will gerade ihren Tee aufgießen, da klingelt es an der Tür. Sie ist nicht überrascht. In den letzten Tagen waren viele Freunde, besorgte Nachbarn, Polizeibeamten hier. Alle wollten ihr helfen, aber niemand konnte es. Rose öffnet die Tür. Sie blickt in ein vertrautes Gesicht. Ein Gesicht mit ernster Miene. Sie weiß sofort: es ist etwas passiert! Vor der Tür steht der Ermittler Alec Biggs, der seit einigen Tagen mit James‘ Vermisstenfall betraut ist. Schon mehrfach hatte Rose mit ihm gesprochen, doch heute wirkt er verändert. Noch ernster als sonst. „Darf ich hineinkommen?“, fragt er. Rose nickt. Beide nehmen an dem Küchentisch Platz. Rose‘ Puls schlägt schneller. Sie weiß, Alec Biggs ist nicht ohne Grund hier. „Wir haben etwas gefunden“, setzt er schließlich an, „Ich muss Sie bitten, einen Blick darauf zu werfen.“ Alec Biggs schaut Rose mit ernster Miene an und zieht dabei ein Foto aus der Tasche. Rose hat Angst, was sie erwartet. Wen oder was wird sie gleich sehen?
Der Beamte reicht ihr das Foto. Rose hält kurz inne, blickt einige Sekunden drauf und bricht in Tränen aus. Sie hält sich die Hände vor das Gesicht und sackt in sich zusammen. Sofort hat Rose erkannt, was sie da auf dem Foto sieht. „Ja, das ist seins“, sagt sie mit zittriger Stimme, ohne dass Alec Biggs eine Frage stellen muss. „Es tut mir sehr leid, aber sie wissen, wonach das aussieht?“, antwortet er. Rose nickt erneut, ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen.
In diesem Moment sieht alles danach aus, als wäre das Foto die Antwort auf die alles entscheidende Frage: Was ist mit James geschehen? Aber niemand ahnt: in Wirklichkeit ist es nur eins von vielen Puzzlestücken, die zusammen ein vollkommen anderes Bild ergeben. Denn nichts ist, wie es scheint, bei dem Verschwinden von James.
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Ralf hängt das „Bitte nicht stören“-Schild an die Tür, schließt sie und setzt sich wieder auf das Bett. Sein Kopf ist so leer. Er weiß nicht, was der denken soll.
Ralf starrt auf das Bild an der Wand. Es zeigt eine hügelige Landschaft, idyllisch, friedlich. Sein Blick fällt auf den Tisch. Darauf ein kleines Kärtchen mit der Aufschrift „Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Aufenthalt im schönen Schwarzwald“. „Andere machen hier Urlaub“, denkt Ralf bei sich. Es ist alles so unwirklich. „Bin ich in einem Film? Wache ich bald auf und alles war nur ein Traum?“
Ralf macht hier im Schwarzwald keinen Urlaub. Er wartet. Er wartet, dass das Telefon klingelt, das neben ihm auf dem Nachtisch am Ladegerät hängt, damit der Akku ja nie leer geht. Aber das Telefon klingelt nicht. Seit Tagen wartet Ralf auf einen Anruf. Einen befreienden Anruf von ihr. Aber sie ruft nicht an. Unzählige Male hat er auf die Mailbox gesprochen und um Rückruf gebeten. Ohne Erfolg. Der Anruf kommt nicht.
Ralf schaut aus dem Fenster. Er kann die dichten Bäume sehen. Es ist September und die ersten Blätter werden gelb. Irgendwo in den Wäldern sind die Suchtrupps unterwegs, Bergretter, Hundeführer, Polizisten. „Ist sie dort?“ denkt Ralf. „Braucht sie meine Hilfe?“ Ein unbeschreiblicher Schmerz breitet sich in ihm aus. Ralf fühlt sich hilflos. Seine Tochter ist seit Tagen hier im Schwarzwald verschwunden und niemand weiß, was mit ihr ist.
Plötzlich klingelt das Telefon. Es klingelt! Endlich! Aber es ist nicht sie. Eine unbekannte Nummer. Ralf geht hastig ran. „Ja, hallo?“. Es meldet sich ein Mann, der sich als Polizeibeamter vorstellt. „Wir haben etwas“, sagt er. Ralf atmet tief durch: „Ja?“ Er ist auf alles gefasst. Das, was er nun erfährt, gibt ihm Hoffnung und könnte der Schlüssel zum Auffinden seiner Tochter sein. „Die Hunde haben angeschlagen“, sagt der Polizist und schildert Ralf, was in den letzten Stunden geschah.
Was passierte mit Ralfs Tochter? Wo hält sie sich auf? Und wer könnte etwas wissen? Das mysteriöse Verschwinden von Scarlett.
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Wilhelmshaven, März 1984. Hektisch rennt der 19-jährige Frank über den Flur. „Meine Jeans, Mama, die Jeans?!“. „Ich hol sie dir“, antwortet Ursula und greift in einen Stapel frisch gewaschener Wäsche im Badezimmer. Frank nimmt die Hosen und packt sie in seinen kleinen braunen Koffer auf dem Bett. Dann hält er kurz inne. „Das müsste jetzt wirklich alles sein, oder?“. Er schaut Ursula fragend an. Sie zuckt mit den Schultern und sagt „Ich denke schon.“ Frank geht zum Fenster und schaut raus. Niemand zu sehen. Auf der Straße vor dem Haus ist alles ruhig.
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Es ist der 2. Juli 1990. In einer kleinen Stadt westlich von München steht Hannah aufgelöst in dem Wohnzimmer ihrer Mutter. Tausend Gedanken schießen ihr durch den Kopf. Es ist wie ein Feuerwerk an Gefühlen – Alle Gefühle! Gleichzeitig! - Erleichterung, Schock, Wut, Sehnsucht.
Hannahs Mutter steht vor ihrem großen schwarzen Stubenschrank. Es ist der Schrank, an den Hannah so viele schlimme Erinnerungen hat. Zu den Gefühlen kommt ein weiteres hinzu: Traurigkeit. Äußerlich ist Hannah wie erstarrt, zeigt keine Regung. Sie ist unfähig, sich zu bewegen. Aber in ihrem Inneren dreht sich alles schneller und schneller.
„Ich verstehe, dass du wütend bist!“ sagt Erna, Hannahs Mutter, und zieht ruckartig die Hände vor ihr Gesicht, als würde sie sich schützen wollen – als würde sie erwarten, dass Hannah sie schlägt.
Vor wenigen Minuten hatte Erna ihrer Tochter etwas gestanden, ein Familiengeheimnis offenbart. Ein Geheimnis, eine Lüge, die für Hannah alles ändert. Sie könnte wütend sein, ja! Hannah hätte vermutlich jedes Recht dazu – Aber sie ist es nicht. Gar nicht! Nein, es ist ein anderes Gefühl, das in ihr langsam Überhand gewinnt: Freude! Alles verbindet sich in diesem einen Moment zu einer Wahrheit. Hannah spürt: Ihr sehnlichster Wunsch ist gerade in Erfüllung gegangen!
Plötzlich streckt Hannah ihre Arme aus. Erna zuckt zusammen, aus Angst, geschlagen zu werden. Aber Hannah möchte sie nicht schlagen, sie möchte ihre Mutter umarmen. Erna weicht aus, geht einen Schritt zurück und schaut ungläubig zu ihrer Tochter. „Du verzeihst mir?“ sagt sie zögerlich „Du verzeihst mir das!?! – Ich könnte meiner Mutter das niemals verzeihen“ fährt sie fort. Hannah antwortet nicht. Sie lächelt nur.
Dieser Moment am Nachmittag des 2. Juli 1990, ist für Hannah ein Augenblick der Wahrheit. Ein Moment, den sie nie vergessen wird. Und, es ist der Beginn einer schwierigen Suche, der Suche nach einem Phantom.
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Frühjahr 1978. Es ist kalt in dieser Nacht, kurz vor vier Uhr, in Ost-Berlin. Die Straßen sind noch leer. Bis auf einige Laternen herrscht Dunkelheit in Berlin-Lichtenberg. Plötzlich klingelt ein Telefon in die Stille der Nacht hinein. Das alarmierend schrille Geräusch kommt aus der kleinen Mietswohnung von Helga. Sie schreckt auf. Helga hatte auf dieses Klingeln gehofft. Gleichzeitig hatte sie Angst davor, denn sie weiß genau, was jetzt passieren wird. Trotzdem steht sie ohne zu zögern auf und läuft in den Flur. Das Telefon scheint immer lauter zu klingeln. Helga nimmt den Hörer ab und sagt vorsichtig “Hallo?…. Hallo?” Auch dieses Mal geschieht das, was bisher immer geschah: nichts! Am anderen Ende der Leitung herrscht Schweigen. “Hallo!”, ruft Helga ein weiteres Mal, nun etwas bestimmter, und schiebt hinterher: “Wer ist denn da?!”
Es ist nicht das erste Mal, dass sie einen solchen Anruf erhält. Wer ist der Unbekannte, der immer wieder anruft und schweigt? Ist es die Stasi? Oder will ihr jemand etwas mitteilen? Vielleicht über… den Satz wagt Helga nicht zu Ende zu denken…. Vielleicht über ihren Jungen? Möchte ihr jemand etwas über den Verbleib ihres Sohnes Jörg sagen? Ist er in Not? Es soll noch Jahre dauern, bis Helga eine Antwort auf diese Frage erhält. Doch das ahnt sie im Frühjahr 1978 nicht.
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Sieglinde ist etwas spät dran, als sie durch die alte, hölzerne Drehtür in das Foyer tritt. Es ist kurz nach 19:00 Uhr. In knapp einer Stunde soll es losgehen. Auf den Bänken und Sofas haben sich bereits zwei Dutzend Menschen eingefunden, die Sieglinde erwartungsvoll anstarren, als sie sich auf ihren Platz im Kassenhäuschen setzt. Sieglinde stellt ihre Tasche auf den Boden und schaut sich um. „Wo ist er?“ fragt sie sich. Langsam kommt wieder dieses Gefühl aus Wut und Enttäuschung hoch. „Dem werde ich was erzählen…“
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