Gast: Kai Ingmar Häußermann, Oberst i.G. und Leiter des Logistikreferats im Bundesministerium der Verteidigung; Torsten Oltmanns, Professor an der Quadriga Hochschule Berlin und Managing Partner des Zentrums für nachhaltige Transformation
Host: Konrad Göke, Chefredakteur von politik&kommunikation
Der Ernstfall als Logistikproblem:
[ca. 00:00:00] Konrad Göke eröffnet mit der Frage, wie verteidigungsfähig Deutschland wirklich sei: nicht "auf dem Papier", sondern operativ, logistisch und gesellschaftlich.[ca. 00:01:10] Die abgesagte Tomahawk-Stationierung sei für Oberst i.G. Häußermann vor allem ein Hinweis auf die größere Frage, wie stark der amerikanische Beitrag zur Verteidigung Europas künftig bleibe; für die Drehscheibe Deutschland seien US-Streitkräfte der wichtigste Kunde.[ca. 00:03:00] Zwischen "warmen Worten" und "wir sind schon fertig" liege für Prof. Oltmanns die Realität der Zeitenwende: erstaunlich viel bewege sich, aber der Umbau werde lange dauern.Operationsplan Deutschland:
[ca. 00:04:45] Oberst i.G. Häußermann ordnet den Operationsplan Deutschland als militärischen Anteil der Gesamtverteidigung ein: Er bündele NATO-Verlegungen, nationale Verteidigungsaufgaben und den Schutz verteidigungswichtiger Infrastruktur.[ca. 00:04:45] Dass der Plan bereits überarbeitet werde, sei kein Zeichen des Scheiterns, sondern normal: "Jeder Operationsplan überlebt den Kontakt mit der Realität nur für wenige Minuten", sagt Oberst i.G. Häußermann.[ca. 00:07:10] Aus der abstrakten Drehscheibe werden konkrete Orte: Schwere Fahrzeuge müssen auf die Schiene, Marschkonvois auf die Autobahn, Soldaten brauchen Treibstoff, Essen, Schlafplätze und Absicherung.[ca. 00:07:10] Konvoi-Support-Center seien im Kern "militärische Raststätten", erklärt Oberst i.G. Häußermann: Orte, an denen Verbände anhalten, übernachten, versorgt und weitergeschleust werden.Eine Stadt zieht nach Osten:
[ca. 00:09:35] Prof. Oltmanns macht die Dimension greifbar: Neben rund 200.000 deutschen Soldatinnen und Soldaten müssten im Bündnisfall etwa 600.000 weitere alliierte Kräfte durch Deutschland, "im Grunde eine ganze Stadt wie Frankfurt".[ca. 00:09:35] Der Rest des Landes bleibe dabei nicht stehen, erinnert Prof. Oltmanns: Menschen fahren weiter zur Arbeit, in den Urlaub oder zu den Großeltern, während Soldaten, Fahrzeuge und Gerät nach Osten bewegt werden.[ca. 00:14:05] Die Verlegung solle idealerweise noch im Frieden stattfinden, damit Abschreckung wirke und Russland die Botschaft bekomme: "Den Angriff lasst lieber bleiben", sagt Oberst i.G. Häußermann.[ca. 00:36:40] Host Nation Support bedeutet für Oberst i.G. Häußermann nicht nur Straßen und Schienen, sondern auch Verpflegung, medizinische Versorgung, Bahntransporte, Häfen, Flughäfen und koordinierte Verträge mit privaten Dienstleistern.Geheim, aber anschlussfähig:
[ca. 00:30:25] Der Operationsplan sei als Gesamtdokument geheim, weil er einem Gegner zeigen würde, wie Deutschland nationale Verteidigung und NATO-Aufmarsch organisiert, erklärt Oberst i.G. Häußermann.[ca. 00:31:35] Gleichzeitig könne Geheimhaltung nicht heißen, dass zivile Akteure blind bleiben: "Wir sprechen die an, die es wissen müssen", sagt Oberst i.G. Häußermann über Landkreise, Kommunen und Unternehmen.[ca. 00:33:30] Ein Unternehmen müsse nicht den ganzen Plan kennen, aber sehr genau wissen, welche Leistung es wann, wo und wie für die Bundeswehr abrufbar machen soll, betont Oberst i.G. Häußermann.[ca. 00:35:00] Zu den konkreten Vorhalteleistungen gehören mobile Tankstellen, Dixie-Module, Absicherung und Bahntransporte, die nicht irgendwann, sondern binnen Tagen bis wenigen Wochen verfügbar sein müssten.Dixiklos, Daten und Kaltstart:
[ca. 00:11:05] Finnland beeindruckt Prof. Oltmanns gerade deshalb, weil dort Vorbereitung nicht militaristisch wirke: Führungskräfte aus Unternehmen, Militär und Politik würden gemeinsam üben, und selbst beim Brotkauf könne Vorsorge mitfinanziert werden.[ca. 00:11:05] Bei Vorhalteverträgen seien andere Länder nüchterner, sagt Prof. Oltmanns; Deutschland tue sich schwer, Geld für Bereitschaft zu zahlen, obwohl Busse, Lkw oder Logistikleistungen im Ernstfall nicht erst gesucht werden könnten.[ca. 00:24:30] Prof. Oltmanns kritisiert den deutschen Reflex, zunächst "erst mal alles" abzufragen, statt von den Prozessen her zu denken: Welche Route, welcher Hafen, welcher Bedarf und welche Ausweichoption werden wirklich gebraucht?[ca. 00:26:00] Als Beispiel erzählt Prof. Oltmanns von einem Oberstleutnant der Reserve, der per Fax erfragen ließ, wie viele Dixiklos vor Gemeinden passen; für ihn ist das eine anschauliche Warnung vor Planung, die im Kleinen stecken bleibt.[ca. 00:40:40] Kaltstartfähigkeit heißt für Prof. Oltmanns, sofort auf 100 Prozent Leistung zu kommen; Oberst i.G. Häußermann spricht lieber von Reaktionsfähigkeit, weil ein echter Kaltstart militärisch schon ein Versagen der Frühwarnung wäre.[ca. 00:40:40] Ein ziviler Hafen müsse im Krisenfall so alarmierbar sein wie ein militärischer Verband, sagt Oberst i.G. Häußermann: vom Lotsen bis zum Bediener eines Containerumschlaggeräts.Vom Mallorca-Reflex zur Gesamtverteidigung:
[ca. 00:16:10] In Deutschland begegne ihm noch oft die Haltung, "das übernehmen dann die Spezialisten", sagt Oberst i.G. Häußermann: Die Bundeswehr gehe an die Ostflanke, der Rest fliege nach Mallorca - ein aus seiner Sicht unrealistisches Bild.[ca. 00:16:10] Deutschland sei nicht Frontstaat, aber Operationsgebiet, warnt Oberst i.G. Häußermann: NATO-Kampfflugzeuge würden von hier starten, der logistische Aufmarsch finde im Kern in Deutschland statt.[ca. 00:20:20] Unternehmen sollten deshalb nicht nur auf Bundeswehrverträge schauen, sondern zuerst ihre eigene Resilienz prüfen: Lieferketten, Cyberangriffe, Energieversorgung, Mitarbeitersicherheit und die Frage, wer überhaupt verfügbar ist.[ca. 00:49:20] Fahrer aus Polen oder Rumänien, Reservisten, Feuerwehrleute oder Helfer des Roten Kreuzes könnten im Krisenfall fehlen, sagt Prof. Oltmanns; dann müssten weniger Menschen gleichzeitig mehr leisten.Zivilschutz und verletzliche Effizienz:
[ca. 00:46:55] Die staatlichen Leitfäden zur privaten Vorsorge seien zwar bekannt, aber kaum gelesen, beobachtet Prof. Oltmanns: Er kenne "eigentlich niemanden", der sie wirklich durchgearbeitet habe.[ca. 00:46:55] Für Haushalte gehe es zunächst um Wasser, haltbare Vorräte, einen Kocher und die Frage, ob man eine Woche allein klarkomme; entscheidend sei aber auch mentale Vorbereitung, nicht nur ein Kellerregal.[ca. 00:54:00] Oberst i.G. Häußermann fordert eine altersgerechte Debatte in Schulen darüber, wie moderne Kriege aussehen; die Ukraine zeige, dass auch Zivilisten und verwundbare Infrastruktur gezielt betroffen seien.[ca. 00:54:00] Es sei "völlig abwegig" zu glauben, ein Konflikt mit Russland würde Deutschland anders treffen als die Ukraine, falls Abschreckung scheitere, warnt Oberst i.G. Häußermann.[ca. 00:56:20] Das Ahrtal zeigt für Oberst i.G. Häußermann, wie schnell ein effizientes System kippt: Innerhalb von 24 Stunden seien alle Tankstellen leer gewesen, weil Hilfskräfte, zivile Helfer und Bauern mit Treckern gleichzeitig Benzin brauchten.[ca. 00:56:20] "Es gibt gar nicht so viel, was es braucht, um unser Land zum Stocken zu bringen", sagt Oberst i.G. Häußermann und beschreibt Deutschland als sehr gut organisiert, aber gerade deshalb verletzlich.[ca. 00:58:00] Prof. Oltmanns hält den geringen Haushaltsansatz für Zivilschutz für unzureichend; nötig seien mehr Übungen, digitale Vernetzung und Systeme, die nicht erst tagelang Zuständigkeiten klären.[ca. 01:00:35] Konrad Göke zieht das Fazit, dass Deutschland erste Schritte gemacht habe, aber militärische Planung, zivile Vorbereitung, Wirtschaft und Gesellschaft noch lange nicht ausreichend zusammengedacht seien.