Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus unserem Herrn!
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.
Aus dem Evangelium nach Johannes, aus dem 16. Kapitel:
Aber jetzt gehe ich zu dem, der mich beauftragt hat. Und keiner von euch fragt mich: ›Wohin gehst du?‹ Vielmehr seid ihr traurig, weil ich das zu euch gesagt habe. Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, kommt der Beistand nicht zu euch. Aber wenn ich fortgehe, werde ich ihn zu euch senden. Wenn dann der Beistand kommt, wird er dieser Welt die Augen öffnen – für ihre Schuld, für die Gerechtigkeit und das Gericht. Ihre Schuld besteht darin, dass sie nicht an mich glauben. Die Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass ich zum Vater gehe – dorthin, wo ihr mich nicht mehr sehen könnt. Das Gericht bedeutet, dass der Herrscher dieser Welt schon verurteilt ist. Ich habe euch noch vieles zu sagen, aber das könnt ihr jetzt nicht ertragen. Wenn dann der Beistand kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen. Denn was er sagt, stammt nicht von ihm selbst. Vielmehr sagt er das weiter, was er hört. Und er wird euch verkünden, was dann geschehen wird. Er wird meine Herrlichkeit sichtbar machen: Denn was er euch verkündet, empfängt er von mir. Alles, was der Vater hat, gehört auch mir. Deshalb habe ich gesagt: Was der Geist euch verkündet, empfängt er von mir.« (Johannes 16,5-15 BB)
Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.
So saßen sie wohl da, an diesem Abend. Noch wusste keiner von ihnen, dass er später am Abend, nach dem gemeinsamen Mahl, verhaftet werden würde. Aber die Ahnung, dass das alles einmal übel enden könnte, die muss da gewesen sein. Die ganze Woche schon hatte sich die Situation immer mehr zugespitzt. Spätestens seit dem triumphalen Einzug in die Stadt am letzten Sonntag hatten es seine Feinde mit aller Macht auf ihn abgesehen. Sicher, irgendwo hatten sie alle bestimmt die Hoffnung, dass er am Ende ganz überraschend die Oberhand behalten würde. Für Überraschungen war er schließlich immer gut. Unmögliches war sein Gebiet. Aber alle Zeichen deuteten in eine andere Richtung. Und nun stieß er selbst auch noch in dasselbe Horn. Das Mahl, eigentlich eine Feier, ein fröhliches Fest der Befreiung, stand im Schatten seiner Worte: "Ich gehe fort." Ich verlasse euch. Bald werdet ihr allein sein. Allein? Ohne seine Leitung? Ohne den, der immer wusste, was zu tun war? Ohne den, der auch aussichtslose Situationen verändern konnte? Wie sollte das gehen?
Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos, traurig und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Einer hat diese Worte aufgeschrieben. Viele Jahre später war das. Sie sollten nicht in Vergessenheit geraten, sondern zum Trost dienen für die Glaubenden in seiner Zeit. Die hätten denselben Satz nämlich sofort unterschrieben:
Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos, traurig und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.
Die jüdische Gemeinschaft als Ganzes ist in Bedrängnis. Nach einer langen Belagerungszeit haben die mächtigen Feinde einmal mehr gesiegt. Der Tempel, Wohnung Gottes bei seinem Volk, ist zerstört. Wie soll es jetzt weitergehen? Unsicherheit macht sich breit. Orientierungslosigkeit. Wer sind wir denn noch, ohne Gott im Tempel? Die Gemeinde, an die Johannes schreibt, ist eine von vielen Gruppierungen innerhalb des Judentums. Sie sind die, die in Jesus von Nazaret den lang erwarteten Heilsbringer Gottes, den Messias, erkannt haben. Sie werden mit hineingerissen in die Wirren ihrer Zeit. Auf der Suche nach Orientierung und Identität bildet sich ein Mainstream, das rabbinische Judentum. Für Vielfalt und Verschiedenheit, gar für Randgruppen ist da kein Platz mehr. Immer mehr werden sie isoliert und zur Seite gedrängt. Wenn er doch jetzt nur da wäre, wie in den alten Geschichten! Wenn er doch jetzt Orientierung geben könnte. Jetzt bräuchten sie sein Worte. Jetzt bräuchten sie seine Klarheit. Und seine Wunder, Zeichen seiner göttlichen Sendung, sowieso.
Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos, traurig und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Viele haben diese Worte seither gelesen, so wie wir heute, hier im Gottesdienst. Immer wieder finden sich Menschen wieder in ganz ähnlichen Situationen: Verwirrt, orientierungslos, verzagt und allein. Passt das nicht heute auch zu uns--in dieser seltsamen Zeit? Die alten Gewissheiten gelten nicht mehr. Ganz grundlegende Dinge, auf die wir uns immer verlassen hatten, sind in den letzten Jahren einfach weggebrochen. Terroranschläge haben uns in Angst versetzt. Die Pandemie hat uns getrennt, wie wir es nie für möglich gehalten hätten. Der jahrzehntelange Friede, Grund unseres Wohlstands, ist in Gefahr. Rechte Parolen erklingen wieder auf den Straßen in Deutschland. Juden und andere Gruppen müssen wieder Angst um ihre Sicherheit haben. Das Klima verändert sich. Die Welt funktioniert nicht mehr so, wie wir das kennen. Sie gerät aus den Fugen.
Und Wahrheit? Da bleibt manchem nur noch ein bitteres Lachen. Was ist denn Wahrheit? Nie zuvor waren wir uns so unsicher wie heute. Nie waren wir dem Strom der Behauptungen von allen Seiten so ausgesetzt wie jetzt. Dabei fehlt es uns nicht an Wissen. Im Gegenteil--man muss sich das einmal klar machen: Von der Zeit Jesu bis zur Zeit Martin Luthers hat sich das menschliche Wissen in etwa verdoppelt. 1.500 Jahre hat das gedauert. Die nächste Verdoppelung ging dann schon sehr viel schneller. In einer Tageszeitung von heute kann man mehr lesen, als ein durchschnittlicher Mensch im 17. Jahrhundert wusste. In den 1960er-Jahren ging man davon aus, dass sich das menschliche Wissen inzwischen alle 10-12 Jahre verdoppelt. In den 1990er-Jahren hieß es dann, alle 2-3 Jahre. Heute gehen Wissenschaftler davon aus, dass sich das gesammelte Wissen der Menschheit alle 12 Stunden verdoppelt. Wer soll da noch mitkommen? Noch nie haben wir so viel gewusst--alle gemeinsam. Für mich als Einzelnen heißt das aber auch: Noch nie war mein Anteil an dem, was es zu wissen gäbe, so klein.
Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos, traurig und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor.
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
"Ich gehe", sagt Jesus--damals schon. Und: "Es ist gut für euch, dass ich fortgehe."
Wie bitte, Jesus? Das sehe ich ganz und gar nicht so. Wenn wir dich je gebraucht haben, dann doch jetzt. Wenn du doch da geblieben wärst...
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Ich habe einmal versucht, mir auszumalen, wie das gewesen wäre. Also, wenn Jesus noch da wäre, so wie damals, als Person "Jesus von Nazaret". Wenn er, der Auferstandene, heute noch unter uns wäre, mit seinem neuen Leben, das die Spuren des Leidens noch an sich trägt. Wenn er heute zu uns kommen könnte, so wie damals an Ostern, und zu uns spräche "Friede mit euch", selbst dort, wo wir uns verstecken und wegschließen, aus Angst und aus Verwirrung. Stellt euch vor, er wäre noch da und wir könnten ihn aufsuchen und hören, was er zu sagen hat in unsere verworrene Welt hinein. Stellt euch vor "Was würde Jesus tun?" wäre nicht nur ein Aufdruck für billige Armbändchen, sondern eine Frage, die sich klar und deutlich beantworten ließe, indem du hingehst und ihn fragst oder schaust, was er tun würde, in deiner Situation hier, im Jahr 2024. Stellt euch vor, wir könnten heute noch bei ihm sitzen, wie die Jünger damals, oder zu ihm gehen mit unseren Fragen, mit unseren Nöten, mit unseren Kranken, die Heilung brauchen. Stellt euch vor, er würde heute hier endlich sein Reich aufrichten, nicht nur unsichtbar und wachsend, sondern hier und jetzt, in Fülle, so wie es die Jünger sich noch auf dem Weg zur Himmelfahrt ersehnt haben. Würde das nicht alles ändern? Wäre das nicht viel besser als hier allein zu sein?
Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr stelle ich fest, dass wir wahrscheinlich nicht viel davon hätten--8 Milliarden Menschen mit einem Jesus von Nazareth. Die Geschichte von dem Haus, in dem er lehrte und die Freunde des Gelähmten kamen gar nicht zu ihm durch, fällt mir ein. Der Moment, als er aufs Boot ausweichen musste, weil so viele sich um ihn drängten und all die Momente, in denen er sich--oft auch müde--zurückzog von der Menge, die ihn bedrängte. Ich darf mir ja nicht ausmalen, ich wäre dann einer der Privilegierten, einer von den Zwölf, oder lass es 20 sein, oder 100--jedenfalls einer von wenigen, für die er sich Zeit nähme und alle anderen wären weit weg. Wahrscheinlich hätte ich nicht mehr Chancen auf eine Begegnung mit ihm als auf ein Wochenende mit dem Papst oder dem Bundeskanzler, mit Cristiano Ronaldo oder mit Taylor Swift. Wahrscheinlich käme ich nie an ihn ran. Irgendwelche Elite-Christ:innen wären dauernd um ihn, würden den Zugang kontrollieren und seine Worte kämen immer nur über sie zu mir.
"Ich gehe", sagt Jesus--damals schon. Und: "Es ist gut für euch, dass ich fortgehe."
Und als er geht, hinterlässt er ja sein Versprechen: "...wenn ich fortgehe, werde ich ihn zu euch senden. Wenn dann der Beistand kommt..."
Der Beistand. Die Hilfe. Der, der mir zur Seite steht. Den "Tröster", nennt ihn Martin Luther in seiner Übersetzung. Der "Advokat", ist er ganz wörtlich. Unterstützer der Seinen.
Er wird der Welt die Augen öffnen, sagt Jesus. Er wird euch helfen, die ganze Wahrheit zu verstehen. Er sagt weiter, was er von Gott empfängt.Er verkündet, was geschehen wird. Er verherrlicht Christus.
Der Beistand. Auf ihn kann ich mich verlassen.
Wenn er doch nur...
Halt. Warte.
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Er ist ja schon da. Wenn dieser Sonntag Exaudi uns einlädt, das Warten der Jünger:innen damals nachzuvollziehen, dann doch nur, damit wir umso mehr schätzen, was wir nächste Woche, an Pfingsten feiern werden. Gott hat seinen Geist in die Welt gesandt. Den Beistand. Den Tröster. Den Advocatus. Gott schenkt uns diesen, seinen Heiligen Geist und lebt durch ihn in uns. In ihm ist uns Christus ganz nahe. Näher, als uns Jesus von Nazaret als einzelner Mensch je kommen könnte. Näher, als ein Superstar, der mir eine Audienz gewährt. Näher als ein Gesprächspartner. Näher als einer, den ich innig umarme. Er lebt in mir. Näher dran kann man eigentlich nicht sein. Er ist da. Der Beistand. Der Tröster. Und Christus mit ihm, hier bei mir.
"Veni, creator spiritus", "Komm, Schöpfer-Geist", beten Christ:innen seit Beginn der Kirche. "O komm, du Geist der Wahrheit" singen wir heute. Damit wünschen wir uns nicht einen herbei, der uns ferne ist und der überhaupt nur vielleicht, hoffentlich, eines Tages, mal bei uns vorbeischaut. Damit öffnen wir uns für den, den Gott längst an unsere Seite gestellt hat.
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Er ist nämlich da, der Beistand. Der Geist der Wahrheit. Mitten in unsere Verwirrung hinein platzt Gott mit seiner Geistkraft, die uns Verständnis schaffen möchte. Natürlich hat der, der ihn hat, nicht die Wahrheit. Wahrheit wird nicht plötzlich für den Einzelnen verfügbar. Niemand wird zur unantastbaren Autorität, die über die Wahrheit verfügt. Gott wirft nicht Wahrheit vom Himmel, zum freien Gebrauch. Er sendet seinen Geist. Das ist ein großer Unterschied. Dass Wahrheit nicht einfach eine Substanz, eine Sache, ist, die man haben und einstecken und behalten und gebrauchen kann, hätten wir auch schon bei Jesus lernen können. "Ich bin die Wahrheit", hat er am gleichen Abend, nur zwei Kapitel weiter vorne im Johannesevangelium, zu seinen Nachfolger:innen gesagt (14,6). Wahrheit ist keine Sache. Wahrheit ist eine Person. Erkenntnis der Wahrheit, der "ganzen Wahrheit", die Jesus hier verspricht, hat man nicht durch das Aufnehmen einer Information, sondern durch eine Beziehung zu dem, der selbst die Wahrheit ist. Wie gut, dass der in uns wohnt durch seine Geistkraft!
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Das ist dann auch das Rezept für verworrene Zeiten wie diese. Kein geheimes Superwissen, das alles aufklärt. Sondern das Festhalten an dem, der versprochen hat, für uns die Wahrheit zu sein. Mit ihm lösen sich die Wolken der komplexen Wirklichkeit nicht auf. Aber mit ihm, das bin ich gewiss, werde ich meinen Weg durch ungewisse Zeiten finden.
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Wir sind verwirrt, Jesus! Verwirrt, orientierungslos und allein. Wir brauchen dich, Jesus--jetzt, mehr als jemals zuvor. Gut, dass du da bist. Du hast uns nie verlassen. Du lebst in uns, bei uns, durch deinen Heiligen Geist. Auf den wollen wir hören. Von dem wollen wir uns leiten lassen. Mit der Hilfe deiner Geistkraft wollen wir ganz eng bei dir bleiben. Wir brauchen dich ja.
Das soll unser Leitwort sein.
Hoffe auf Gott, sei stark und fasse dir ein Herz! (Psalm 27,14 BigS)
Diese Hoffnung haben wir.
Amen.