ERF Plus - Wort zum Tag

Den Wind besänftigen


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Ich bin in Wismar geboren. Die Stadt liegt direkt an der Ostseeküste. Das Meer ist meine Kinderstube. Hier bin ich zu Hause. Mit dem Herzschlag der Ostsee bin ich vertraut. Und nun lese ich im Liederbuch Israels, in Psalm 89,10: „Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben.“ Da tauchen sofort Bilder in mir auf.

Der Psalmdichter hat sich auf Gott fokussiert. Seine Macht und Stärke will er beschreiben. Der unsichtbare Gott soll anschaulich werden. Wie das? Im Leben selbst kann er sich beweisen. 

Was ist das Motiv des Dichters? Warum will er das? Was treibt ihn an? Schon in Vers 2 desselben Psalms gibt er Auskunft: „Ich will singen von der Gnade des HERRN ewiglich und seine Treue verkünden…“ Das ist sein Thema, Gottes Gnade und Treue groß zu machen ist seine Absicht.

Wie kann das gelingen? Der unsichtbare Gott ist nicht zu sehen. Von der Gnade des Herrn zu singen ist eine Möglichkeit. Wer das gerne tut, kann durch Musik und Dichtung, große Kraft entfalten, Gott hörbar machen. Töne können das.

Die zweite Möglichkeit ist, davon zu reden, seine Treue zu verkünden. Das versuche ich gerade. Wirksam wird das aber nur, wenn dies ein persönliches Zeugnis ist. Ich muss es erlebt haben, nur dann kann ich das vermitteln.


Vor einigen Jahren gewährte mir der Arbeitgeber ein Sabbatical für drei Monate. Eine solche Chance ist selten, dessen bin ich mir bewusst. Ich will sie nutzen. Zwei Monate sind für das Familienleben reserviert. Für den dritten Monat will ich mir einen alten Traum erfüllen. Ich möchte die deutsche Ostseeküste von Flensburg bis nach Polen paddeln. Mehr als 600 Kilometer stehen auf dem Programm.

Seit Jahren habe ich dafür trainiert, die Ausrüstung steht. Mein seetüchtiges Kajak ist erprobt. Die Nächte möchte ich an ausgewiesenen Biwakplätzen im Zelt verbringen. Auf dem Meer zu paddeln ist gefährlich. Alleine paddeln auf dem Meer geht eigentlich nicht. Für drei Wochen habe ich Paddelpartner gewinnen können. Nur die erste Woche bin ich allein unterwegs. Da hat sich leider niemand gefunden.

Der Start in Flensburg geschieht bei traumhaften Paddelwetter. Die erste Nacht verbringe ich in Dänemark auf einem offiziellen Biwakplatz bei Broager. Am nächsten Tag frischt der Wind auf. Ich möchte weiter und wage es wieder auf das Meer. Ich paddle an der Küste entlang zur Geltinger Bucht. Gerade die Landzungen sind es, die es den Seemännern schwerer machen. Dort türmen sich die Wellen auf. Starke Strömungen sorgen für kabbelige Wellen. Da muss ich vorbei, um in die schützende Bucht zu gelangen.

Dann passiert es. Eine hohe Welle hebt mich samt Boot und setzt mich auf einen hohen Findling. Dann schwappt die Welle weg. Da sitze ich nun mit meinem Kajak auf einem hohen Stein. Das Wasser ist nicht mehr in Reichweite. Vergeblich versuche ich mit dem Paddel an das Wasser zu kommen, keine Chance. Alle Versuche greifen in den Wind. Was soll ich machen? Luftschläge helfen nicht. „Jesus, hilf mir“, entkommt es meinen Lippen. Gott sei Dank hat der Findling eine waagerechte Oberfläche. Ich bin nicht gekentert. Das hätte gefährlich werden können. Dann rauscht wieder eine sehr hohe Welle heran. Sie überspült den großen Stein, nimmt mein Boot auf und trägt mich in das tiefe Wasser. Ich bin gerettet. Das hätte auch anders ausgehen können. Dankbar versuche ich die windgeschützte Bucht zu erreichen, um zu schauen, ob mein Seekajak Schaden genommen hat. Ausgepowert erreiche ich einen Campingplatz und schlage mein Nachtlager auf. Der Schaden ist reparabel. Mit handwerklichem Geschick lässt sich die Tour in den nächsten Tagen fortsetzen.

Für die Zukunft habe ich gelernt, mich solchen unmittelbaren Gefahren nicht mehr auszusetzen. Allein auf dem Meer zu paddeln, ist nicht mein Ding und um Landzungen schlage ich einen großen Bogen.

Ich kann aus Erfahrung bestätigen, Gott hat das ungestüme Meer im Griff, Menschen nicht wirklich. Wenn sich die Wellen erheben, zeigen sie uns die Grenzen auf. Sie bringen uns in eine Lage, wo wir mit unserem Können am Ende sind. Das müssen wir uns eingestehen. Aber Gott lässt uns nicht sitzen. Seine Wellen schaukeln uns wieder in das ruhige Fahrwasser. Vor ihm müssen wir eingestehen: „Du herrschest über das ungestüme Meer, du stillest seine Wellen, wenn sie sich erheben.“

Autor: Hans-Hagen Zwick

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