Die Debatte mit Natascha Freundel, Alexander Kluge und Bettina Stagneth
Wiederholung vom 20. April 2023
"Der Krieg ist wieder da." In Alexander Kluges "Kriegsfibel 2023" ist weniges so sicher, wie dieser Satz. "Ich hätte nie angenommen", schrieb der Filmemacher, Jurist und Autor in diesem Buch, "dass es nach den Erfahrungen in Mitteleuropa von 1945 und 1918 noch einmal nötig sein würde, mit dem Denken neu anzufangen." Kluge denkt über den "Nebel des Kriegs" nach, über seine Unbeherrschbarkeit und über Auswege: "Anti-Krieg" und "Generosität". Zentral bleibt für ihn, wie er das Kriegsende 1945 als Dreizehnjähriger erlebte.
Auch die Philosophin Bettina Stangneth fordert angesichts des neuen Kriegs ein neues Denken – gerade in Deutschland, aber ganz anders als Kluge. Ihr Buch "Überforderung. Putin und die Deutschen" (2023) wirft uns ein "ängstliches Denken" vor: "Überforderung ist die Angst, einer Situation nicht gewachsen zu sein, weil man den Gedanken an die eigenen Fehler nicht erträgt." Die "Weltmeister der 'Vergangenheitsbewältigung'" wollen Putins Verbrechen nicht sehen, um nicht an die eigenen Verbrechen erinnert zu werden, so ihre These.
Alexander Kluge,
geboren 1932 in Halberstadt, gestorben am 25.03.2026 in München, war Jurist, Autor, Filme- und Ausstellungsmacher; aber: "Mein Hauptwerk sind meine Bücher." Zu seinen Veröffentlichungen gehören "Das Buch der Kommentare" (2022) und "Zirkus/Kommentar" (2022), "Russland-Kontainer" (2020), "30. April 1945: Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann" (2014), "Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter" (2013). Die Neuauflage seiner zweibändigen "Chronik der Gefühle" (2004) wie auch sein Buch "Kriegsfibel 2023" sind 2023 erschienen. Zuletzt erschien: "Sand und Zeit. Bilderatlas" (2025, alle Suhrkamp). Für sein Werk erhielt er viele Preise, darunter den Georg-Büchner-Preis und den Theodor-W.-Adorno-Preis, Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf und 2019 den Klopstock-Preis der Stadt Halberstadt.
Bettina Stangneth,
geboren 1966, ist unabhängige Philosophin. Sie studierte in Hamburg Philosophie und promovierte über Immanuel Kant und das Radikal Böse. Für ihr Buch "Eichmann vor Jerusalem" erhielt sie 2011 den NDRKultur-Sachbuch-Preis; die New York Times zählte es zu den besten Büchern des Jahres. Bei Rowohlt erschienen ihre hochgelobten Essays "Böses Denken" (2015), "Lügen lesen" (2017) und "Hässliches Sehen" (2019) sowie der Band "Sexkultur" (2021). 2022 erhielt sie den Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis. "Überforderung. Putin und die Deutschen" (2023) und "Club der Dilettanten" (2025) sind ebenfalls bei Rowohlt erschienen.