ERF Plus - Wort zum Tag

Erst fragen, dann feuern


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Haben Sie schon mal eine Situation erlebt, wo Ihnen ein Missverständnis beinahe zum Verhängnis geworden wäre? Missverständnisse gibt es ja in unserem Alltag viele … mal sind sie ganz klein, mal etwas größer und mal so richtig groß. Unser Reden oder Tun sorgt dann für Irritationen beim Gegenüber. Mitunter muss man dann erst einmal erklären, wie man die Dinge denn überhaupt meint oder warum man sich so oder so verhalten hat.

Ich habe letztens versehentlich jemandem einen Ablauf für eine Veranstaltung geschickt, und die Person wusste von gar nichts und hatte auch überhaupt gar keinen Bezug zu dieser Veranstaltung. Es kam daraufhin ein großes Fragezeichen an mich zurück. Das war mir zugegebenermaßen etwas unangenehm. Gut, dieses kleine Missverständnis war schnell geklärt und wir konnten beide innerlich schmunzeln. (Auch ich über mich selbst.)

Es gibt aber auch große Missverständnisse, die mächtig für Wirbel und Irritation sorgen können. Und da kann das Erklären dann schon schwieriger werden. Tragische Fälle gibt es in Kriegsgebieten zum Beispiel immer wieder durch das sogenannte „Friendly Fire“. Da werden eigene Truppen beschossen, weil man glaubt, es handle sich um den Feind. Und das ist ja immer ein Problem, wenn man jemanden als „Feind“ identifiziert, der er eigentlich gar nicht ist. Und dann sogar anfängt zu schießen, im buchstäblichen wie auch im übertragenen Sinn.

Gerade jetzt, in diesen verrückten Zeiten, unterstelle ich dem anderen, der anders redet oder sich anders verhält, als ich es vielleicht tun würde, schnell mal, dass er ein Gegner ist. Und Gegner muss man schließlich bekämpfen, oder?

Dabei wäre es besser, man macht sich erst einmal selbst ein Bild oder man fragt vielleicht auch mal nach: Warum machst du das denn so? Oder wie hast du das gemeint? Verstehe ich dich richtig …? Solch ein Miteinander-Reden kann manchmal Missverständnisse aufdecken, bevor sich noch Schlimmeres daraus ergibt.


In der Bibel, im Buch Josua (im Alten Testament), wird eine brenzlige Situation geschildert, wo es gut ist, dass zuerst miteinander geredet wurde.

Das Volk Israel bestand damals aus zwölf unterschiedlichen Stämmen, die sich im Land Kanaan niedergelassen hatten. Drei der zwölf Stämme hatten ihr Land außerhalb Kanaans, östlich des Flusses Jordan, der Rest siedelte innerhalb Kanaans. Man hatte vereinbart, dass sich alle zwölf Stämme an die Anweisungen Gottes halten sollten, was die Treue zu Gott und auch den rituellen Gottesdienst angeht. Anbetung sollte für alle an einem zentralen Ort im Lande stattfinden.

Plötzlich macht aber das Gerücht die Runde, dass die drei Stämme außerhalb Kanaans ihr eigenes Ding machen wollen. Sie sollen sich sogar schon einen Altar gebaut haben, um Gott dort anzubeten, nicht mehr an dem zentralen Ort. Abspaltung sozusagen und gleichzeitig die Befürchtung, dass dort Böses entsteht. Für uns heute klingt das irgendwie seltsam und erscheint überhaupt nicht wichtig (so nach dem Motto: Wo ist denn das Problem?). Aber für das Volk damals war es eine Frage der Existenz, der gemeinsamen Identität, der äußeren Stärke und auch der inneren Einheit als Volk. Man konnte und wollte es nicht zulassen, dass sich knapp ein Viertel der Bevölkerung vom Rest abtrennt (und im schlimmsten Fall sogar Götzendienst praktiziert). Also sind Unterhändler hin zu den vermeintlich Abtrünnigen und haben mit Krieg gedroht, falls sie an ihrem Vorhaben festhalten sollten.

Im Gespräch miteinander wird deutlich: Es geht den vermeintlich „Abtrünnigen“ überhaupt nicht darum, sich aus dem Volk oder aus der gemeinsamen Identität herauszulösen, im Gegenteil, der Altar sollte ein Erinnerungszeichen, ein Mahnmal zur Einheit sein. Es wurde nur falsch gedeutet. Und dann sagen die vermeintlich Abtrünnigen etwas ganz Wertvolles:

„Das sei ferne von uns, dass wir uns auflehnen gegen den HERRN und uns heute von ihm abwenden.“ (Josua 22,29) Sie drücken damit aus: Glaubt uns doch, dass wir nichts Böses im Sinn haben. Wir wollen doch genau wie ihr unseren Glauben ehrlich und redlich leben, wir wollen unsere Wurzeln pflegen und sehen uns dabei als ein gemeinsames Volk an.  

Und da bin ich wieder ganz bei uns heute und denke: Krass, wie aktuell manche Probleme von damals auch heute noch sind. Wie schnell packe ich jemand in eine Schublade mit der Aufschrift „Feind“, nur weil ich sein Reden oder sein Handeln nicht sofort verstehen kann (und ich mir vielleicht auch gar keine Mühe gebe, es zu verstehen oder mal nachzufragen).

Autor: René Cornelius

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