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«Wir sind wieder in einem Kalten Krieg, der in der Ukraine ein heisser Krieg ist», sagt Gerhard Pfister, Präsident der Mitte. «Genauso wie sich in der Schweiz im Kalten Krieg klar positioniert hat, muss sie sich jetzt klar positionieren.» Sie bleibe aber weiterhin neutral.
Der Bundesrat müsse eigenständiger handeln, es gehe nicht, dass er sich auf den Nachvollzug der Regeln der EU beschränke. Pfister fordert sogar noch mehr Sanktionen. Der Bundesrat solle schauen, wo er eigenständig Massnahmen treffen könne, welche die Finanzierung des Krieges verhindern. «Jetzt handelt er nur verzögert auf das, was die EU macht.»
«Das, was in der Ukraine passiert, hat auch Folgen für die Schweiz, unabhängig davon, ob sich die Schweiz dazu äussert.» Es gehe um den Gegensatz zwischen dem demokratischem Westen und autokratischen Staaten.
Bloss: Sind wir dann noch neutral, wenn wir bei Sanktionen mitmachen? Die Schweiz bleibe ein neutrales Land, aber mit der Pflicht, seine Werte und sein Land zu verteidigen. Russland habe nicht nur die Ukraine angegriffen, sondern auch die Werte, die die Ukraine vertrete, findet Pfister. Insofern habe auch die neutrale Schweiz die Pflicht zu verteidigen, sonst werde Russland weitermachen.
Aber wirken die Sanktionen überhaupt? Es gibt Hinweise, dass die Sanktionen Putin eher stabilisieren. Gerhard Pfister sieht das anders. Die russische Wirtschaft werde geschwächt. «Die Grossmächte zwingen uns zum Positionsbezug.» Wir müssten uns auch im Falle einer Aggression von China entscheiden: ein gutes Einvernehmen mit China, damit die Geschäfte weiter laufen oder eben nicht. «Wir werden Positionen beziehen müssen. was nicht mehr geht, ist: Wir sagen nichts.»
Man sei nicht Kriegspartei, wenn man sich für seine Werte entscheide, findet Pfister. «Die Neutralität muss anders ausgestaltet werden als im Zweiten Weltkrieg. Da waren wir von potenziellen Feinden umgeben.»
Aber auch damals war die Neutralität nicht absolut. «Neutralität ist, was der Bundesrat entscheidet», sagt der Mitte-Präsident. Das hält Pfister auch im Ausland für glaubwürdig. Der Bundesrat müsse es bloss anders erklären. «Wir sind selbstverständlich neutral und wir sind ein demokratisch-freiheitliches Land, beides gehört zum Gesamtpaket der Schweiz.»
Was die Steigerung der Stromproduktion im Inland betrifft, kritisiert Gerhard Pfister die Ständeratskommission, welche mit einem dringlichen Bundesgesetz eine Solardachpflicht und die Abschaffung von Planungsrichtlinien und Verbandsbeschwerden will. «Man übertreibt nun in die andere Richtung.»
Nach dem Entscheid für die Energiestrategie habe die Politik zu wenig gemacht, findet Pfister. Man habe sich nicht darauf vorbereitet, dass es Gaskraftwerke brauche, obwohl die Energiestrategie solche vorsah. «Ich warne die bürgerlichen Parteien, dass sie jetzt nicht überschiessen.» Es sei bemerkenswert, wie die SVP im Ständerat eine Politik mittrage, die sie in der Pandemie als Diktatur bezeichnet habe.
Wer in der Schweiz auch nur daran vermute, dass die Initiative zur Wiedereinführung der Kernkraft auch nur annähernd mehrheitsfähig sein soll, der träume. «Angesichts der jetzigen Krise Atomkraft es ein Nebenschauplatz». Die eben gestartete Initiative dazu sei «völlig chancenlos». Wenn es einen Investor in ein Atomkraftwerk gäbe, könnte man darüber reden, bis dann sei es eine Phantomdiskussion. «Gaskräfte sind machbarer als Atomkraft», findet Pfister.
Feusi Fédéral ist der wöchentliche Talk des Nebelspalters über Schweizer Politik - direkt und ungeschminkt aus dem legendären Café Fédéral gegenüber dem Bundeshaus in Bern.
Die SP hat ein 32-seitiges Papier zur EU-Politik vorgestellt, das mit einem Stabilisierungsabkommen über ein Assoziierungsabkommen zu einem EU-Beitritt führen soll.
Doch wie soll das funktionieren, wenn die EU zuerst über institutionelle Fragen reden will und die Gewerkschaften genau dort Zugeständnisse ablehnen? «Zuerst muss man eine Vertrauensbasis mit der EU schaffen», sagt Cédric Wermuth. Dafür gebe es dann Lösungen in den reinen Kooperationsbereichen, wie bei der Forschung. «Wir versprechen zudem, dass wir danach über eine Assoziierung sprechen.» Er wisse aber auch noch nicht, wie die Fragen der Rechtsübernahme, des Lohnschutzes der Unionsbürgerrichtlinie oder des Strommarktes gelöst werden könnten, gibt Wermuth zu.
EU-Kommission soll sich bewegen
Der Lohnschutz dürfe keinesfalls erodieren. «Sonst haben wir in zehn Jahren eine Volksinitiative zur Abschaffung der Personenfreizügigkeit.» Genau das hätten die Freisinnigen 2018 mit dem Rahmenabkommen versucht. Kein Land lasse sich die Interpretation interner Regeln wie der Lohnschutz in einem völkerrechtlichen Vertrag vorschreiben.
Bloss, das war ja im Ragmenabkommen bei allen binnenmarktrelevanten Themen so. Politik wäre dann in Brüssel gemacht und die Schweiz in Luxemburg kontrolliert worden. Wir handeln uns ein Demokratiedefizit ein. «Natürlich, deshalb muss der Beitritt kommen, weil wir dieses Defizit nur mit einem Vollbeitritt kompensieren können, das ist die logische Schlussfolgerung.»
Konstruktionsfehler des Binnenmarktes
Der Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative sei kein sozialdemokratisches Konzept, dies obwohl er von seiner Partei bejubelt worden sei. «Wir würden schärfere Vorschriften lieber mit öffentlichen Investitionen koppeln. Aber wir bringen im Parlament nicht alles durch.»
«Verbote schaffen Innovation»
In Sachen Energieversorgung im nächsten Winter sei Bundesrat Guy Parmelin zuständig. Sein Departement sei sich nicht gewohnt zu arbeiten und irgend etwas voraus zu planen. «Das macht mir Sorgen.»
Kampagne gegen Lehrer
Man wolle eine Studie in Auftrag geben, weil man das «Gefühl» habe, dass die Schulen links seien. «Das ist woke, das ist dramatisch», findet Wermuth. «Ich könnte eine Prüfung von der Regierung verlangen, ob die Erde flach ist, weil ich das Gefühl habe, sie könnte flach sein.» Die Kampagne sieht Wermuth überall. «Es ist der rechte Kampf für die Relativierung der Wahrheit und Etablierung des Dogmatismus.» Ziel sei die Einschüchterung der Lehrer.
Zum Freisinnigen sei er «schleichend» geworden. Er sei kein Revolutionär gewesen und seine freisinnige Familie habe ihn natürlich geprägt. Bei seinem Grossvater in Zürich habe er gelernt: «Liberal ist, wenn man die Leute machen lässt, ihnen Freiheiten lässt, aber sie dafür die Verantwortung tragen.» Der Staat soll die Menschen nicht unnötig einschränken, umgekehrt müssten sie Selbstverantwortung übernehmen. «Ein liberaler Staat lässt die Leute ihre Fähigkeiten entwickeln und vertraut ihnen, dass sie vernünftig sind und dass sie etwas aus ihrem Leben machen.»
Was sind die Eigenheiten der Schweiz, die das möglich machen? Hefti zögert nicht lange: «Die starke Machtbeschränkung, einerseits horizontal mit zwei Parlamentskammern und den Gewalten und dann noch mit dem Referendum, dann aber auch die horizontale Teilung in Bund, Kantone Gemeinden.» Das habe dazu geführt, dass die Menschen viel mitmachen und mitbestimmen könnten, und nicht nur alle fünf Jahre ein Parlament wählen könnten. «Die Menschen sind Bürger, nicht Untertanen.»
Deshalb gebe es Barrieren gegen zentrale Gesetzgebung. «Wir wollen diese Rechte bewahren.» Das sei der Grund, weshalb wir es so schwierig hätten im Verhältnis mit der Europäischen Union, und schwer hätten, näher an die EU zu rücken, geschweige denn ihr beizutreten.
Doch die Entwicklung zum Zentralismus gibt es doch auch in der Schweiz? Es gebe diesen Trend, Aufgaben dem Bund zu übertragen. Der Bund arbeite dabei oft mit Geld. Er bezahle und wolle dann auch sagen wofür. «Ich wünschte, die Kantone wären etwas immuner dem gegenüber.»
Der Föderalismus ist Thomas Hefti wichtig. Statt von «Flickenteppich» würde er eher davon reden, dass damit bürgernahe Lösungen möglich werden. Das Ständemehr und der Ständerat seien gewachsene Institutionen und Ausdruck dieses Föderalismus. Man müsse damit leben, dass in wenigen Fällen die Stände den Ausschlag geben würden.
Das Parlament hat in der Sommersession Gelder in Milliardenhöhe gesprochen. Was sagt Kathrin Bertschy dazu? «Es war eine teure Session, das Geld wird unterschiedlich sinnvoll eingesetzt.» Die Subventionen im Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative befürwortet Bertschy. «Nach dem Nein zum CO₂-Gesetz brauchen wir dringend einen neuen Weg.» Den habe man gefunden, leider laufe er wieder über Subventionen.
Massnahmen im Klimaschutz reichen nicht
Bertschy setzt sich für die Abschaffung der Verrechnungssteuer auf inländischen Obligationen ein. Die Vorlage kommt im Herbst an die Urne. «Die Gegner argumentieren mit Steuerausfällen, aber diese Vorlage ist ganz anders gelagert», findet Bertschy. Zudem würden insbesondere Städte, Gemeinden und Körperschaften mit tieferen Zinsen von der Vorlage profitieren. «Das heisst, auch die Steuerzahler werden entlastet.»
Die Kampagne der Gegner behauptet, dass nur Oligarchen, Konzerne und Steuerkriminelle profitierten würden. Was sagt sie dazu? «Wenn man erklärt, dass die öffentliche Hand profitiert, dann haben wir eine andere Ausgangslage», entgegnet Bertschy. «Journalisten fokussieren einseitig auf die Ausfälle und nicht auf die möglichen neuen Einnahmen.»
Gleiches Ausfallrisiko für Männer
«Kinderbetreuung ist staatliche Infrastruktur»
Heidi Z’graggen verlangt eine saubere Gesetzesgrundlage für die geplanten grossen Solaranlagen in den Alpen. Für viele ist die Präsidentin der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission deshalb eine Bremserin der Energiestrategie. Sie selbst sieht es anders. «Heute sind die Anlagen nicht bewilligungsfähig. Ein Spezialgesetz macht sie erst möglich.» Es gehe nicht um kleine Installationen, sondern um Anlagen von zehn, zwanzig oder dreissig Fussballfeldern, gibt Z’graggen zu bedenken (Link).
«Der Kopf sagt ja, aber das Herz sagt, es sind ja gigantische Flächen, die man da verbaut.» Die Politik müsse an beides denken. «Die Landschaft ist unsere Heimat, es geht um wunderbare Perlen unseres Landes.»
«Es fehlt die Gesamtstrategie»
Aber genau dieses Gesamtpaket war doch eigentlich die Energiestrategie? Das lässt Z’graggen nicht gelten. «Es ist komplex, jetzt hat sich das Problem verschärft und es muss plötzlich schneller gehen.» Z’graggen ist sich bewusst, dass es für die Winterstromlücke Gaskraftwerke als «Rückfallposition» braucht. Und sie ist offen für Atomkraft, wenn die nächste Generation der Technologie erhältlich ist.
Bloss: Solaranlagen in den Alpen und riesige Windkraftwerke sind nirgends populär. Was also tun? Z’graggen sieht das auch so. Das habe damit zu tun, dass die Bevölkerung an der Heimat hänge. «Da geht es um unsere Identität.» Deshalb brauche es eine saubere Planung. Die Zunahme der Bevölkerung und gleichzeitig der Ausstieg aus fossiler Energie beim Heizen und im Verkehr, das habe einen Preis.
Es geht viel Lebensqualität verloren»
Man werde in die Höhe bauen müssen. «Wenn Zürich Klein-Manhattan sein will, dann ist das in Ordnung.» Z’graggen könnte sich aber auch vorstellen, den Bergkantonen wieder zu erlauben, mehr Bauland einzuzonen.
Zuwanderung steuern
«Wir haben eine extreme Zuwanderung. Sie kostet Energie, Flächen, Infrastruktur und als Bevölkerung, die schon da ist, dürfen wir bestimmen, wie die Zuwanderung gesteuert werden soll.» Zgraggen ist sich sicher, dass solche Forderungen kommen werden, auch weil die ansässige Bevölkerung von der Zuwanderung nicht profitiert habe.
Nächste Woche kommt der indirekte Gegenvorschlag zur «Gletscherinitiative» in den Nationalrat. «Ich habe den Eindruck, dass man die Begehrlichkeiten aus dem abgelehnten CO₂-Gesetz nun wieder durchboxen will», findet Christian Wasserfallen. «Das Geld soll einfach nicht mehr durch einen Klimafonds, sondern einfach durch den Bundeshaushalt finanziert werden.»
Dazu gehört ein Programm von 200 Mio. Franken pro Jahr, um während zehn Jahren den Ersatz von Öl- und Gasheizungen zu subventionieren. «Das Ganze ist sehr unausgegoren», findet Wasserfallen. Es sei fragwürdig, ob es so ein Programm braucht und es fehlten das Material, insbesondere die Wärmepumpen und die Fachleute und Bewilligungen, um die Heizungen wirklich zu ersetzen.
«Willkürliche Absenkpfade»
Die Gletscherinitiative habe zwar einen süffigen Titel, aber sie verlange auch ein Importverbot für Brennstoffen und Treibstoffen aus Erdöl. «Das ist in der Schweiz nicht mehrheitsfähig, deshalb bin ich der Meinung, dass es keinen Gegenvorschlag braucht.» Wenn man Gegenvorschläge ausarbeite, komme man immer in Geiselhaft des Initiativkomitees.
«Immer neue Subventionskässeli»
EU-Forschungsprogramm: «Spiess umdrehen»
Wasserfallen fragt sich, ob sich Europa angesichts der geopolitischen Lage solche «Sandkastenspiele» erlauben könne. «Da frage ich mich schon, ob Brüssel die Prioritäten richtig setzt. Da hat es Betonköpfe, die vom Narrativ, dass man zuerst die institutionellen Fragen und erst dann die inhaltlichen Fragen klären muss, nicht abrücken.»
Eigenes Forschungsprogramm
«Die genau gleichen Leute aus der Mitte und von Links, die das Kriegsmaterialgesetz im letzten Herbst verschärft haben, fordern nun, dass Schweizer Waffen in die Ukraine geliefert werden können, sagt Werner Salzmann. In der Debatte darüber hätten sie sogar die Kompetenz des Bundesrates, Ausnahmen zuzulassen, aus dem Gesetz gestrichen. Die Schweiz habe jetzt eines der härtesten Kriegsmaterialgesetze der Welt. «Und jetzt soll er doch eine Ausnahme machen.» Die SP habe derzeit mehrere Zielkonflikte, findet der Berner Ständerat. «Sie will Kriegsmaterial liefern, das sie für die Schweiz nicht einmal beschaffen wollen.»
Neutralität ist «sakrosankt»
Die Massnahmen des Westens gegen Russland beurteilt Salzmann kritisch: «Die Sanktionen schaden primär uns in Europa und auch den armen Leuten in Russland. Putin merkt davon nichts, ihm geht es gut.» Er habe die Sanktionen bei seinem Angriff zweifellos eingeplant und vor allem liefere er weiterhin Rohstoffe nach China und Indien. Die Schweiz müsste zwar mitmachen, findet Salzmann, aber nur dafür sorgen, dass es keine Umgehung der Sanktionen gebe. «Mehr muss sie nicht machen.»
Krieg könnte lange gehen
Die Erhöhung des Armeebudgets hat der SVP-Ständerat vehement unterstützt. Dies koste rund 300 Millionen pro Jahr und sei ohne Probleme zu finanzieren, auch wenn Bundesrat Ueli Maurer davor warne. Der Bund mache dank jedes Jahr eineinhalb bis zwei Milliarden Franken vorwärts. «Der Bundesrat muss nun damit planen.»
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