EvidenzUpdate

Methodische Frühlingsgefühle – oder warum Leitlinien ein bisschen Liebe brauchen


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Teil 2 zur Kritik an der NVL KHK

Im zweiten Teil der Doppelfolge zur Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) Chronische KHK werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der Leitlinienarbeit – und in die Konflikte. Nachdem wir in Teil 1 die kardiologische Kritik an der NVL Version 7 besprochen haben, geht es in Episode 138 um die Grundsatzfragen: Wie entstehen Leitlinien? Wer hat das Sagen? Was passiert, wenn Fachgesellschaften sich zurückziehen – und ist das eigentlich noch kollegial oder schon destruktiv?

Was auf den ersten Blick wie eine methodische Auseinandersetzung wirkt, ist oft ein Ringen um Deutungshoheit, Gewichtung von Evidenz und darüber, Standards zu setzen. Die Kritik der Kardiolog:innen ist für Scherer vielfach nachvollziehbar – aber eben nicht abschließend. Viele der zitierten Studien seien durchaus bekannt gewesen und bereits im NVL-Prozess diskutiert worden. Der Unterschied liege im Umgang mit der Evidenz: Welche Studien ziehe ich heran, wie gewichte ich sie – und vor allem: für welches Setting gelten sie überhaupt?

An dieser Stelle wird es grundsätzlich – und auch ein wenig philosophisch. „Ist das nicht manchmal auch einfach Liebhaberei?“ – die Liebe zum eigenen Score, zur vertrauten Methode? Scherer: „Jeder bringt seine immateriellen Interessenskonflikte mit.“ Es sei menschlich, an Bewährtem festzuhalten. Doch genau deshalb brauche es klare Strukturen, konsentierte Fragestellungen (PICO!) und methodische Disziplin in der Leitlinienarbeit. Nur so ließen sich persönliche Vorlieben zurückstellen und gemeinsam getragene Empfehlungen erarbeiten. „Es geht nicht darum, wer den Methodensport gewinnt“, sagt Scherer, „sondern darum, die richtigen Patient:innen zur richtigen Zeit mit der richtigen Diagnostik zu versorgen.“

Deutlich kritischer fällt sein Blick auf das Vorgehen der kardiologischen Fachgesellschaften aus. Dass sie sich nachträglich öffentlich aus dem NVL-Prozess zurückziehen und ihre Kritik in einem Fachjournal platzieren, sei ein „historischer Vorgang“ – leider im negativen Sinne. Leitlinienarbeit sei kein Wunschkonzert, sondern ein strukturierter Prozess mit klaren Spielregeln. Wer Teil davon sei, trage auch Verantwortung für das Ergebnis – nicht erst nachher, sondern währenddessen. „Rückzugsrhetorik“, so Scherer, untergrabe diese Verantwortung. Es brauche nicht weniger, sondern mehr Gespräch, mehr Diskurs – auch mit Dissens, aber im richtigen Rahmen.

Was also tun, wenn das Gespräch stockt? Die Podcast-Episode ist „eine Art hörbarer Leserbrief an die Kardiologie“. Auch wenn das Gespräch momentan stockt, plädiert Scherer dafür, die Kommunikationsfäden wieder aufzunehmen. Dass es gelingen kann, zeigt das Beispiel der Diabetes-Leitlinien, in denen Dissens offen benannt und dennoch gemeinsam bearbeitet wurde. „Wir müssen nicht Best Friends werden“, sagt Scherer, „aber wir müssen miteinander reden – und nicht übereinander.“

Der Blick nach vorn: Die Auseinandersetzung rund um die NVL KHK zeigt nicht nur, wie konfliktanfällig der Prozess sein kann – sondern auch, dass Leitlinien agiler und aktueller werden müssen. Der Weg dahin: Living Guidelines, also Leitlinien, die kontinuierlich aktualisiert werden, ohne jedes Mal zur Mammutaufgabe zu werden. Doch auch das, so Scherer, brauche klare Strukturen und Ressourcen – sonst drohe der „Flickenteppich“.

Und es geht nicht um gegenseitiges Bashing, sondern um einen ehrlichen, konstruktiven Blick auf das, was in der Leitlinienarbeit gut läuft – und was besser werden muss. Mit Selbstreflexion, methodischer Klarheit und einem ungebrochenen Wunsch, die Versorgungsqualität zu verbessern. Oder wie Martin Scherer es formuliert: „Das NVL-Projekt ist kein Projekt einzelner Personen. Es ist ein demokratischer Akt der Selbstverpflichtung zur besseren Medizin.“

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EvidenzUpdateBy Denis Nößler, Martin Scherer


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