Logopädie in der Palliativmedizin – mehr als Schlucken und Sprechen
Mit: Cordula Winterholler
Worum geht’s in dieser Folge?
Welche Rolle spielt die Logopädie in der Palliativversorgung? Für viele Kolleg:innen scheint die Antwort zunächst nicht offensichtlich zu sein. Dabei gehören Themen wie Essen, Trinken, Schlucken, Kommunikation und Teilhabe zu den zentralen Bedürfnissen von Menschen mit lebenslimitierenden Erkrankungen.
In dieser Folge spricht Kai Gruhn mit der Logopädin Cordula Winterholler über die oft unterschätzte Bedeutung der Logopädie in der Palliativmedizin. Anhand konkreter Beispiele – insbesondere aus der Betreuung von Menschen mit ALS – wird deutlich, wie logopädische Expertise Lebensqualität, Autonomie und Kommunikation bis zum Lebensende unterstützen kann.
Cordula Winterholler ist Logopädin, Autorin und Referentin mit besonderem Schwerpunkt auf palliativer Logopädie. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Maria Bartel beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie logopädische Versorgung in palliativen Settings gestaltet werden kann.
Zentrale Themen der Folge
Haben Logopäd:innen überhaupt eine Rolle in der Palliativmedizin?
Eine provokante Einstiegsfrage der Folge.
Obwohl Schluckstörungen, Kommunikationsprobleme und Ernährungsfragen im palliativen Alltag häufig auftreten, sind Logopäd:innen bislang vielerorts nicht selbstverständlich in palliative Versorgungsteams integriert.
Diskutiert werden mögliche Gründe:
Palliativmedizin wird häufig ausschließlich mit der Terminalphase assoziiertmangelnde Bekanntheit logopädischer Kompetenzenhistorisch starke Orientierung der Palliativversorgung an onkologischen ErkrankungenPalliativmedizin beginnt nicht erst am Lebensende
Ein zentrales Anliegen von Cordula Winterholler:
Palliative Versorgung beginnt gemäß WHO-Definition bereits mit der Diagnose einer lebenslimitierenden Erkrankung – nicht erst in der Finalphase.
Dadurch entstehen zahlreiche Ansatzpunkte für logopädische Interventionen:
BeratungSymptommanagementKommunikationsförderungUnterstützung von AlltagsaktivitätenAngehörigenarbeitSchlucken, Essen und Trinken – zentrale Themen bis zuletzt
Essen und Trinken bedeuten weit mehr als reine Nahrungsaufnahme.
Dysphagie bei neurologischen und onkologischen ErkrankungenErnährungsmanagementKonsistenzanpassungenAspirationsrisikenLebensqualität trotz funktioneller EinschränkungenDabei steht nicht die Funktionsverbesserung um jeden Preis im Vordergrund, sondern die Frage:
👉 Was ist für die Patientin oder den Patienten in der aktuellen Lebensphase wichtig?
ALS als Beispiel für palliative Logopädie
Frühe Diagnostik und Begleitung
Am Beispiel der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) beschreibt Cordula Winterholler die verschiedenen Aufgaben der Logopädie.
Bereits bei ersten Sprachveränderungen erfolgt:
umfassende DiagnostikSchluckdiagnostikErnährungsassessmentBeobachtung von Atemfunktion und BelastbarkeitOft zeigen sich bereits früh:
GewichtsverlustMangelernährungkompensierte SchluckstörungenEin wichtiger Gedanke der Folge:
Palliative Logopädie orientiert sich nicht primär an Funktionsverlusten, sondern am gelebten Alltag.
Fragen sind beispielsweise:
Wie kann Berufstätigkeit erhalten bleiben?Welche Hilfsmittel entlasten die Kommunikation?Wie lassen sich soziale Aktivitäten weiterhin ermöglichen?Unterstützte Kommunikation und digitale Hilfsmittel
Ein besonders spannendes Themenfeld:
Die moderne Logopädie nutzt heute eine Vielzahl technischer Möglichkeiten:
KommunikationshilfenSprachcomputerAugensteuerungKI-gestützte SystemeBesprochen wird außerdem das sogenannte Speech Banking:
Dabei wird die eigene Stimme aufgezeichnet, solange sie noch ausreichend erhalten ist, um sie später in unterstützten Kommunikationssystemen weiter nutzen zu können.
PEG, Ernährung und ethische Entscheidungen
Ein wiederkehrendes Thema in der palliativen Versorgung:
Wann sollte eine PEG-Anlage diskutiert werden?Welche Werte und Wünsche stehen hinter einer Ablehnung?Wie können Patient:innen bei komplexen Entscheidungen begleitet werden?Die Folge macht deutlich:
Logopäd:innen sind nicht nur therapeutisch tätig, sondern begleiten auch Entscheidungsprozesse und ethische Fragestellungen.
Ein zentrales Kapitel des geplanten Fachbuchs widmet sich ethischen Fragestellungen:
künstliche ErnährungAutonomieLebensqualitätTherapiezieländerungenUmgang mit existenziellen FragenDenn Patient:innen stellen häufig Fragen, die weit über die reine Funktion hinausgehen:
„Was soll das alles eigentlich noch?“
Auch für solche Gespräche braucht es professionelle Kompetenz und Haltung.
Warum Logopädie Teil des Palliativteams sein sollte
Cordula Winterholler plädiert dafür, Logopäd:innen nicht nur konsiliarisch hinzuzuziehen, sondern fest in Palliativteams zu integrieren.
kontinuierliche Begleitunggemeinsame ethische EntscheidungsfindungEntwicklung einer gemeinsamen Teamhaltungbessere individuelle Lösungen für Patient:innen und AngehörigeDas neue Fachbuch zur palliativen Logopädie
Gemeinsam mit Maria Bartel arbeitet Cordula Winterholler derzeit an einem umfassenden Fachbuch zur palliativen Logopädie.
Themen werden unter anderem sein:
Grundlagen der palliativen Logopädieinternationale PerspektivenEthikKommunikationAngehörigenarbeitunterschiedliche palliative Settingsneurologische und onkologische ErkrankungenPalliative Logopädie beginnt nicht erst in der Sterbephase.Kommunikation, Schlucken und Essen sind zentrale Aspekte von Lebensqualität.Logopäd:innen begleiten nicht nur Funktionen, sondern Menschen in komplexen Lebenssituationen.Unterstützte Kommunikation gewinnt durch Digitalisierung und KI zunehmend an Bedeutung.Ethische Fragestellungen gehören zum logopädischen Alltag in palliativen Settings.Eine feste Integration der Logopädie in Palliativteams kann die Versorgung deutlich verbessern.Palliativmediziner:innenLogopäd:innenNeurolog:innenSAPV-TeamsPflegefachpersonenTherapeutische BerufeAlle, die Menschen mit lebenslimitierenden Erkrankungen begleitenhttps://forum-logopaedie.de/artikel/angehoerigenarbeit-in-der-palliativen-logopaedie/https://www.skvshop.de/logopaedie/palliative-care-978-3-8248-1301-8.htmlEine Folge über Lebensqualität, Kommunikation und die Frage, wie therapeutische Begleitung auch dann noch sinnvoll sein kann, wenn Heilung nicht mehr das Ziel ist.
Disclaimer: Bei den Podcasts von Klinisch Relevant handelt es sich um Fortbildungsinhalte für Ärzte und medizinisches Personal und keinesfalls um individuelle Therapievorschläge. Sie ersetzen also keineswegs einen Arztkontakt, wenn es um die Behandlung von Erkrankungen geht. Dabei spiegeln die Beiträge den Kenntnisstand unserer medizinischen Partner und Experten wider, den sie nach besten Wissen und Gewissen mit Dir teilen. Häufig handelt es sich dabei auch um persönliche Erfahrungen und subjektive Meinungen. Wir übernehmen für mögliche Nachteile oder Schäden, die aus den im Podcast gegebenen Hinweisen resultieren, keinerlei Haftung. Bei gesundheitlichen Beschwerden muss immer ein Arzt konsultiert werden! Weitere Informationen findest Du auf unserer Website: www.klinisch-relevant.de P.S.: Wenn Dir der Podcast gefallen hat, dann teile ihn doch bitte mit Deinen Kolleginnen und Kollegen! Es würde uns auch riesig freuen, wenn Du unseren Newsletter auf unserer Homepage abonnieren und unser Projekt bei Apple Podcasts bewerten würdest. Wenn Du Lust hast, dann findest Du Klinisch Relevant auch bei Facebook, Instagram, YouTube und LinkedIn. Falls Du auch einmal einen Beitrag auf Klinisch Relevant zu einem spannenden medizinischen Thema veröffentlichen möchtest, dann melde Dich doch ganz einfach unter [email protected]