T- und B-Lymphozyten bei Multipler Sklerose – Neue Perspektiven für Diagnostik und Therapie
Multiple Sklerose lässt sich nicht auf einen einzelnen Zelltyp reduzieren. T-Zellen, B-Zellen, Mikroglia und weitere Zellen des angeborenen und adaptiven Immunsystems wirken in einem komplexen Netzwerk zusammen – und ihre Bedeutung kann sich im Verlauf der Erkrankung verändern.
In dieser Koproduktion von „Klinisch Relevant“ und „Reine Nervensache“ spricht Prof. Dr. Simon Faissner über aktuelle Vorstellungen zur Immunpathogenese und Progression der MS. Im Mittelpunkt stehen die Wechselwirkungen zwischen Immunzellpopulationen, die Rolle chronischer Entzündungsprozesse im zentralen Nervensystem sowie BTK-Inhibitoren als neuer therapeutischer Ansatz. Außerdem geht es um Neurofilament-Leichtketten, MRT-Marker, digitale Verlaufsparameter und die weiterhin offene Suche nach wirksamen neuroprotektiven und remyelinisierenden Strategien.
Themen dieser Folge
Warum MS heute eher als komplexes Erkrankungs- und Entzündungskontinuum verstanden wirdDas Zusammenspiel von T-Zellen, B-Zellen, Mikroglia und MakrophagenWeshalb zielgerichtete Immuntherapien mehr beeinflussen können als den namensgebenden ZelltypUnterschiede zwischen peripherer Immunaktivität und chronischer Entzündung im ZNSWirkprinzip und mögliche Rolle von Hemmern der Bruton-TyrosinkinaseAktuelle Daten und Grenzen zu Tolebrutinib und FenebrutinibSequenz- und Kombinationstherapien als ForschungsansätzeNeurofilament-Leichtketten, Paramagnetic Rim Lesions und digitale Verlaufsparameter als mögliche BiomarkerHeterogenität der Mikroglia und offene mechanistische FragenDer Bedarf an neuroprotektiven und remyelinisierenden TherapieansätzenTake-Home Messages
MS ist immunologisch vielschichtig: T-Zellen, B-Zellen und Zellen der angeborenen Immunität wirken nicht isoliert, sondern beeinflussen sich gegenseitig.Therapieeffekte gehen über ein einzelnes Target hinaus: Eine B-Zell-Depletion kann beispielsweise auch T-Zell-Antworten und regulatorische Immunzellpopulationen verändern.Progression braucht andere Blickwinkel: Chronische, im ZNS kompartimentierte Entzündung und aktivierte Mikroglia rücken besonders bei progredienten Verläufen in den Fokus.Tolebrutinib hat den Zulassungsstatus verändert: Das im Gespräch noch als bevorstehend bezeichnete Arzneimittel ist seit dem 19. Juni 2026 EU-weit als Cenrifki für Erwachsene mit sekundär progredienter MS ohne Schübe in den vorausgegangenen zwei Jahren zugelassen. Daraus lässt sich keine allgemeine Therapieempfehlung ableiten.Das Lebermonitoring ist zentral: Die EU-Produktinformation verlangt vor Behandlungsbeginn sowie in den ersten zwölf Wochen wöchentliche Kontrollen relevanter Leberparameter; anschließend gelten weitere festgelegte Kontrollintervalle.Fenebrutinib bleibt ein Prüfpräparat: Die Phase-III-Programme bei schubförmiger MS berichteten Vorteile gegenüber Teriflunomid bei Schubraten und MRT-Aktivität. Eine Zulassung und ein abschließend bewertetes Nutzen-Risiko-Profil lagen zum Bearbeitungsstand dieser Shownotes nicht vor.Biomarker ergänzen die klinische Beurteilung: Neurofilament-Leichtketten, MRT-Marker und digitale Messgrößen können zusätzliche Informationen liefern, ersetzen aber keine klinische Gesamtbewertung.Neuroprotektion und Remyelinisierung bleiben zentrale Forschungsziele: Eine etablierte Strategie, die Nervengewebe zuverlässig schützt oder Myelin klinisch relevant wiederherstellt, steht weiterhin aus.Hörenswert für
Neurologinnen und Neurologen in Klinik und PraxisÄrztinnen und Ärzte in WeiterbildungMS-Nurses und Pflegefachpersonen in neuroimmunologischen BereichenForschende und Studienpersonal in Neurologie und NeuroimmunologieTherapeutische Berufsgruppen und weitere Healthcare Professionals, die Menschen mit MS begleitenZu Gast
Prof. Dr. Simon Faissner ist Neurologe am St. Josef-Hospital des Universitätsklinikums der Ruhr-Universität Bochum. Er ist geschäftsführender Oberarzt und leitet die MS-Forschergruppe beziehungsweise Studienambulanz. Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in der translationalen Neuroimmunologie, insbesondere bei Progressionsmechanismen und neuen therapeutischen Ansätzen der Multiplen Sklerose.
Add-on: Aktueller Stand zur Veröffentlichung
Seit der Aufzeichnung der Folge haben sich Zulassungs- und Studienstand der besprochenen BTK-Inhibitoren weiterentwickelt. Die folgenden Ergänzungen entsprechen dem Informationsstand vom 8. September 2026:
Tolebrutinib ist inzwischen in der Europäischen Union zugelassen. Unter dem Handelsnamen Cenrifki besteht seit dem 19. Juni 2026 eine EU-weite Zulassung für Erwachsene mit sekundär progredienter Multipler Sklerose, die in den vorausgegangenen zwei Jahren keine Schübe hatten. Die im Gespräch formulierte Erwartung einer bevorstehenden Zulassung ist damit überholt.Die HERCULES-Studie bildet die zentrale Wirksamkeitsgrundlage für diese Indikation. Bei nicht schubförmiger SPMS trat eine über mindestens sechs Monate bestätigte Behinderungsprogression unter Tolebrutinib bei 22,6 Prozent und unter Placebo bei 30,7 Prozent der Teilnehmenden auf. Dies entspricht einer relativen Risikoreduktion von 31 Prozent; daraus folgt keine pauschale oder individuelle Therapieempfehlung.Bei schubförmiger MS ist die Datenlage anders einzuordnen. In GEMINI 1 und 2 war Tolebrutinib beim primären Endpunkt der annualisierten Schubrate gegenüber Teriflunomid nicht überlegen. Ergebnisse bei schubförmiger und nicht schubförmiger progredienter MS dürfen daher nicht gleichgesetzt werden.Für Tolebrutinib gelten verbindliche Sicherheitsmaßnahmen. Wegen des Risikos einer arzneimittelinduzierten Leberschädigung sieht die EU-Produktinformation Leberwertkontrollen vor Behandlungsbeginn, wöchentlich während der ersten zwölf Wochen, monatlich in den Monaten vier bis zwölf und halbjährlich zwischen Monat zwölf und 24 vor. Weitere Kontrollen richten sich nach der Fachinformation und der individuellen Situation.Fenebrutinib ist weiterhin ein Prüfpräparat. Die Phase-III-Studien FENhance 1 und 2 berichteten bei schubförmiger MS eine stärkere Reduktion der Schubrate und der MRT-Aktivität als unter Teriflunomid. Die Ergebnisse zur Behinderungsprogression wurden als positive Trends beschrieben. Eine Zulassung oder eine abschließende regulatorische Nutzen-Risiko-Bewertung lag zum genannten Informationsstand nicht vor.**Biomarker bleiben ergänzende Instrumente Neurofilament-Leichtketten, Paramagnetic Rim Lesions und digitale Verlaufsparameter können die klinische und bildgebende Beurteilung ergänzen, sind aber nicht als alleinige Grundlage einer Therapieentscheidung zu verstehen.Zulassungsstatus, Fachinformationen und Sicherheitshinweise können sich nach Veröffentlichung dieser Folge ändern. Für die klinische Anwendung sind stets die aktuell gültige Fachinformation, einschlägige Leitlinien und die individuelle ärztliche Beurteilung maßgeblich.
Weiterführende Informationen
EMA: Cenrifki (Tolebrutinib) – Zulassungsübersicht und ProduktinformationenEU-Produktinformation zu Cenrifki/TolebrutinibHERCULES-Studie: Tolebrutinib bei nicht schubförmiger sekundär progredienter MSGEMINI 1 und 2: Tolebrutinib versus Teriflunomid bei schubförmiger MSFENhance 1 und 2: veröffentlichte Phase-III-Ergebnisse zu FenebrutinibMS-/Neuroimmunologische Ambulanz des Universitätsklinikums BochumQuellenhinweis: Die verlinkten Fenebrutinib-Ergebnisse wurden bislang als Mitteilung des Herstellers veröffentlicht. Für eine abschließende Bewertung sind die vollständige wissenschaftliche Publikation und eine regulatorische Nutzen-Risiko-Bewertung abzuwarten. Für Therapieentscheidungen sind die jeweils gültige Fachinformation, Leitlinien und die individuelle klinische Situation maßgeblich.
Redaktioneller Hinweis: Diese Podcastfolge dient der medizinischen Fort- und Weiterbildung. Sie ersetzt keine individuelle ärztliche Beratung oder Therapieentscheidung.
Disclaimer: Bei den Podcasts von Klinisch Relevant handelt es sich um Fortbildungsinhalte für Ärzte und medizinisches Personal und keinesfalls um individuelle Therapievorschläge. Sie ersetzen also keineswegs einen Arztkontakt, wenn es um die Behandlung von Erkrankungen geht. Dabei spiegeln die Beiträge den Kenntnisstand unserer medizinischen Partner und Experten wider, den sie nach besten Wissen und Gewissen mit Dir teilen. Häufig handelt es sich dabei auch um persönliche Erfahrungen und subjektive Meinungen. Wir übernehmen für mögliche Nachteile oder Schäden, die aus den im Podcast gegebenen Hinweisen resultieren, keinerlei Haftung. Bei gesundheitlichen Beschwerden muss immer ein Arzt konsultiert werden! Weitere Informationen findest Du auf unserer Website: www.klinisch-relevant.de P.S.: Wenn Dir der Podcast gefallen hat, dann teile ihn doch bitte mit Deinen Kolleginnen und Kollegen! Es würde uns auch riesig freuen, wenn Du unseren Newsletter auf unserer Homepage abonnieren und unser Projekt bei Apple Podcasts bewerten würdest. Wenn Du Lust hast, dann findest Du Klinisch Relevant auch bei Facebook, Instagram, YouTube und LinkedIn. Falls Du auch einmal einen Beitrag auf Klinisch Relevant zu einem spannenden medizinischen Thema veröffentlichen möchtest, dann melde Dich doch ganz einfach unter [email protected]