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Viele stellen sich das Gedächtnis vor wie ein chaotisches Filmarchiv, voller Mitschnitte des eigenen Lebens, manche irgendwo tief vergraben oder gesperrt in den Tresor des Unbewussten, dessen Zahlenkombination womöglich der Therapeut unseres Vertrauens kennt. In jüngerer Zeit werden auch gerne Vergleiche aus der Computertechnik bemüht: das Gedächtnis als Festplatte. Alles falsch, lautet nun der Befund der irischen Psychologinnen Ciara Greene und Gillian Murphy. „Es mag reizvoll klingen, dass wir uns bis ins letzte Detail an jedes Ereignis erinnern, doch es wäre eine extreme Belastung für unsere begrenzten kognitiven Kapazitäten. Also hat sich unser Gedächtnis so entwickelt, dass wir uns an die Dinge erinnern, die für uns in Zukunft wichtig sein können, und diejenigen zu vergessen, die das nicht sind.“ Unser Gedächtnis ist kein Computer, der die Vergangenheit perfekt abspeichert. Quelle: Ciara Greene, Gillian Murphy – Das fühlende Gedächtnis Vielmehr rekonstruieren wir unsere Erinnerungen immer von Neuem. Dabei werden auch die zugrundeliegenden neuronalen Netzwerke wieder formbar. Manche Details verschwinden, andere werden hinzugefügt, Fehler oder Übertragungen aus anderen Erinnerungen schleichen sich ein. Die Erinnerung wird immer allgemeiner und verwaschener, passt sich den „Schemata“ an, die wir über viele Dinge und Zusammenhänge im Lauf des Lebens entwickelt haben, damit wir uns schneller orientieren können. Falsche Erinnerungen Weil die Erinnerung immer neu zusammengebaut wird, ist sie oft unzuverlässig. Das zeigen insbesondere die Befragungen der Zeugen von Verbrechen. Es handelt sich jedoch zumeist nicht um vorsätzliche Täuschungen, sondern um unbewusste Fehlleistungen. Dabei können eben jene Schemata eine Rolle spielen, die Erinnerungslücken scheinbar plausibel auffüllen, jedoch auch die Beeinflussung durch die Aussagen und Vorstellungen anderer. Denn die Erinnerung ist wie eine Seite von Wikipedia: Man kann jederzeit Änderungen daran vornehmen, aber – und das ist erschreckend – andere können das auch. Das heikelste Kapitel des Buches handelt davon, wie Ermittler durch suggestive und manipulative Fragetechniken Kindern falsche Erinnerungen an sexuellen Missbrauch eingepflanzt haben. 350 Schüler einer kalifornischen Bildungseinrichtung waren angeblich Opfer geworden, aber am Ende eines der aufwändigsten Prozesse der amerikanischen Geschichte mussten alle Angeklagten freigesprochen werden. Auch die Psychoanalyse mit ihrer Theorie der Verdrängung war geradezu eine Gebrauchsanleitung zum Erzeugen falscher Erinnerungen an vermeintliche frühkindliche Geschehnisse. Inzwischen sind solche wissenschaftlichen „Fehlleistungen“ selbst ein Themenfeld der Gedächtnisforschung. Dass die Autorinnen realen Missbrauch mit ihren Ausführungen nicht relativieren, versteht sich von selbst. Der mentale Entrümpelungsdienst Der Buchtitel „Das fühlende Gedächtnis“ bezieht sich darauf, dass die Erinnerung stark geprägt und gefiltert wird vom aktuellen Gefühlszustand. So rückt bei einer Depression die Vergangenheit in immer dunkleres Licht. Ansonsten entsorgt das Gedächtnis eher, woran man ungern erinnert wird, insbesondere jene Situationen, in denen wir uns nicht unseren Werten entsprechend verhalten haben. „Stellen Sie sich vor, wie Sie sich fühlen würden, wenn Sie sich jeden Morgen nach dem Aufwachen live und in Farbe an jede demütigende Erfahrung erinnern. Dank eines gesunden Mechanismus des Vergessens können wir alle erhobenen Hauptes durchs Leben gehen, ohne unter Scham und Peinlichkeiten zusammenzubrechen.“ Das Vergessen – so lautet eine der vielen Einsichten dieses faszinierenden Buches – sollte also nicht nur negativ als Fehlleistung und Versagen gewertet werden. Es ist ein ständiger mentaler Entrümpelungsdienst. Das autobiographische Gedächtnis dient ja nicht nur der Bewahrung faktischer Ereignisse, es soll auch helfen, „eine stimmige Wahrnehmung von uns selbst, unserer Identität und unserem Platz in der Welt“ aufrecht zu erhalten. Zwei Aufgaben, die sich mitunter schlecht miteinander vertragen.

In Sachen Vergangenheit suhlt man sich ja gern im Gefühl wohliger Überlegenheit. Was haben die Menschen früher alles gedacht und geglaubt! Nur dumm, dass uns dieses Schicksal selbst auch einmal blühen dürfte. Beispiel Liebe. In Kirsten Fuchs’ Romandystopie „Sneaker“ gilt sie als hochgradig dysfunktional. Ob man zueinander passt, verraten biochemische Messungen, und fürs lästige Gefühlskarussell gibt es Gefühlsblocker. Wie viel Leid hat dagegen früher die Liebe verursacht, sinniert der 16-jährige Titelheld: Wegen einer Person. Jemand mit Augen, als ob nicht alle Augen hätten. Aber dann hatte jemand so schöne Augen, dass die ihre Kinder verlassen mussten, obwohl die auch Augen hatten. Oder sie haben eine gut funktionierende Partnerschaft beendet. Wegen Augen! Eine Welt, die jedes Risiko ausschließen will Natürlich liegt der Witz dieser altklugen Tirade darin, dass sich Sneaker da schon längst selbst nicht mehr von einem Paar Mädchenaugen losreißen kann. Deren Besitzerin heißt Livt und ist klug genug, Sneakers hektische Suche nach einem Gefühlsblocker als verkappte Liebeserklärung zu deuten. Science-Fiction verlängert gern Fehlentwicklungen der Gegenwart in die Zukunft: Der neue Roman der 48-jährigen Autorin erzählt von einer Welt, die sich nach diversen Kriegen und Klimakatastrophen so verletzlich fühlt, dass sie sämtliche Risiken abschaffen will, nicht zuletzt mittels Künstlicher Intelligenz. Die letzten Menschen leben in Kuppeln, wo sie zum Beispiel damit beschäftigt sind, Pflanzen zu bestäuben, denn Bienen gibt’s leider nicht mehr. Weil der heranwachsende Ich-Erzähler auf Gartenarbeit keine Lust hat, hat er sich ein gefälschtes Attest besorgt. Zu Romanbeginn lebt er zufrieden in Quarantäne in einem Smarthome, irgendwo im Umland, dauerüberwacht von einer fürsorglichen KI. Am liebsten widmet er sich seiner Sneaker-Sammlung – daher auch sein Spitzname. Bewaffnete KI-Drohnen achten auf Nachhaltigkeit „Sneaker“ ist ein Coming-of-Age-Roman, und zu den Merkmalen dieser Gattung gehört eine Heldenreise mit Gefahren und Erfahrungen, darunter Liebe und Tod. Die Reise des Protagonisten beginnt, als nach einem Sturm der Kontakt zu seinen Eltern in der Stadt abbricht. Draußen gibt es einige Überraschungen: Neuartige KI-Drohnen beobachten plötzlich jeden und bestrafen kleinste Regelverstöße mit Punktabzug; wer sein Konto aufgebraucht hat, wird eliminiert – zum Wohle der Gesellschaft. Zudem findet Sneaker ihm bislang unbekannte Gemeinschaften: In einer „Nachhaltigkeitssiedlung“ sparen Unterprivilegierte wie Livt jene Ressourcen, die die Reichen auch in der Zukunft noch hemmungslos verprassen. Und bei den antiautoritären „Freien“ darf es keine Wertung mehr geben – um jegliche Form der Ausgrenzung zu vermeiden. Fragiles wokes Paradis Der Preis für dieses woke Paradies ist hoch; die Menschen verzichten gleich völlig auf Liebe und Sex, damit sich niemand am Ende verletzt fühlen muss. Ein fragiles Gesellschaftskonstrukt, das durch den Einzug der beiden hormonberauschten Teenager Sneaker und Livt prompt ins Wanken gerät. „Matoll legt die Hände vors Gesicht. „Ich muss die ganze Zeit daran denken. Du hast gemacht, dass ich daran denken muss, an dich, nackt. Entschuldigung. Es ist einvernehmlich in meinem Kopf. Aber dass ich das in meinem Kopf mit dir mache, ist nicht einvernehmlich. Bitte gib mir dein Okay, so an dich zu denken.“ Man sieht: Kirsten Fuchs geht es weniger um plausible Zukunftsannahmen als um einen satirischen Kommentar auf heutige Debatten. Das könnte eine reizvolle Lektüre sein – wären da nicht die sprachlichen Defizite des Romans, vor allem die reduzierte Rollenprosa des Protagonisten. Am Genre liegt das nicht. Schließlich begeistern Coming-of-Age-Romane mit jugendlichen Erzählern oft gerade durch ihre Sprachlust, von „Der Fänger im Roggen“ bis „Tschick“. Was das angeht, bietet „Sneaker“ leider eine Enttäuschung.

„Signatur meiner Kindheit“ Der Soziologe Ilija Matusko wurde 1980 geboren; seine Mutter stammt aus Bayern; sein Vater kam in den 1970er-Jahren aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland. Jahrzehntelang arbeitete der Vater in der Gastronomie in Bayern, stand als Koch in der Küche, sieben Tage die Woche. Der Geruch von Frittierfett, so sagt Ilija Matusko es, wurde „zur Signatur meiner Kindheit“. Der Geruch von Frittierfett In seinem autobiografischen Essay „Seitenwechsel“ in SWR Kultur erzählte Matusko vom Tennissport und den damit verbundenen Klassenunterschieden, die er selbst in seiner Kindheit erlebt hat. Nun hat Matusko seinen Debütroman vorgelegt, der, wie er im Gespräch erzählt, autofiktional ist. „Jugo“, der Titel, ist doppeldeutig. Zum einen ist er die abwertende Bezeichnung für Menschen wie seinen Vater, für Einwanderer aus dem ehemaligen Jugoslawien. Zum anderen ist es der Name für einen heißen Wind, der über die Adria weht. Rückkehr nach 30 Jahren Matuskos Vater setzte sich eines Tages, nach 30 Jahren in Deutschland, in seinen Mercedes und zog zurück nach Kroatien. Die Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden. Jugoslawien, das Heimatland des Vaters, war bereits in einem brutalen Bürgerkrieg explodiert. Nun kam der Vater als Rückkehrer in einem fremden Land an. Eine Liebeserklärung Ilija Matusko erzählt im Gespräch von seinem Aufwachsen mit seinen Eltern, „zwei Menschen ohne Sprache“, die in perfektionierten Arbeitsabläufen wortlos miteinander funktionierten. Von einem komplizierten Vater-Sohn-Verhältnis und davon, dass sein Roman letztendlich auch eine Liebeserklärung ist.

Im Jahr 1893 überschlagen sich in Honolulu die Ereignisse. Lili’uokalani, die Königin Hawaiis, wird in einem Staatsstreich gestürzt. Hinter dem Putsch stehen amerikanische Großgrundbesitzer, die schon bald die Regierungsgeschäfte übernehmen und vor allem ein Ziel verfolgen: den Anschluss Hawaiis an die USA. Durch den Umsturz gerät nicht nur das Leben der Monarchin aus den Fugen, sondern auch das der Journalistin Emma Nāwahī und das von Gertude Wolf, einer früheren Gesellschaftsdame der Königin. Die drei Frauen stehen vor der Frage, in welchem Maß sie sich den neuen Begebenheiten anpassen und in welchem Maß sie Widerstand leisten – das gilt auch Gertrude Wolf: „Um nicht einzuknicken, klein zu werden wie so viele, hält sie sich das selbstzufriedene, hämische Gesicht von Sanford Ballard Dole vor Augen, dem Präsidenten der Provisorischen Regierung. “ Wie niemand sonst steht er für die Gier und die Herrschsucht der Amerikaner, wie niemand sonst steht er für die Auslöschung all jener Prinzipien und Visionen, die Königin Liliʻuokalani politisch durchsetzen wollte.“ Quelle: Sabrina Janesch – Territorium Detailreich und mit Witz erzählt: Deutsche Einwanderer in Hawaii Janesch entfaltet in ihrem Roman ein Panorama an Geschichten von deutschen Einwanderinnen und Einwanderern auf Hawaii. Während die einen der Krone die Treue halten, stellen sich andere auf die Seite der provisorischen Regierung. Es ist ein spannender Stoff, den Sabrina Janesch mit vielen Details und Witz zum Leuchten bringt. Sie erinnert zum Beispiel daran, wie der frühere König Hawaiis bei einem Besuch im Kaiserreich den Hofstaat zum Staunen brachte, als er in der Uniform eines Preußischen Generals erschien – Paradefangschnur und Pickelhaube inklusive. All das wäre kurios und possierlich, schreibt Janesch, wenn es nicht so tragisch wäre. Denn die Freundschafts- und Handelsverträge nützen den Hawaiianern nach dem Putsch nichts. Ihr Inselarchipel ist endgültig zum Spielball größerer Mächte geworden. Das sieht auch Getrude Wolf, die in einer Vision die kommenden Konflikte vor Augen hat: „Die Augen verdreht, ging dein Blick nach innen, Nebel auf hoher See, und als er sich lichtete, lag da nicht das Königreich von Hawaiʻi, sondern ein entseeltes, entkerntes Territorium, verloren in den endlosen Weiten des Pazifiks, du sahst Feuer, Fräulein Wolf, Flammen, die alles, was hawaiisch war und gut, verzehrten, vernichteten, den Palast, das Gericht, die Regierungsgebäude, die Schulen, die Oper, selbst die Zinnen des Koʻolau-Gebirges, alles ging in Flammen auf.“ Historisch und hochaktuell: Der Kampf um Herrschaftsgebiet In Zeiten eines erstarkenden Neo-Imperialismus, der sich durch das Denken in Einflusssphären und Herrschaftsgebieten auszeichnet, liest sich der Roman bedrückend aktuell. Er erzählt eine Zeitenwende aus der Sicht derjenigen, die sie hautnah erfahren: Während die Königin versucht, die Monarchie mit diplomatischen Mitteln zu retten, schließt sich Gertrude Wolf der Rebellion an. Die Journalistin Emma Nāwahī beschließt, in ihrer Beobachterrolle zu bleiben – und hat so den klarsten Blick auf die Geschehnisse. Sie macht unter den Hawaiianern drei Typen aus: die Traditionalisten, die eher abwägend sind, die Opportunisten, die vor allem die eigene Geltungssucht ausleben, und schließlich die Heldenhaften. Vor dieser Gruppe graust es ihr am meisten: Natürlich würde auch sie gerne die Souveränität Hawaiis retten, es bewahren vor Annexion durch die USA und einer kulturellen, sprachlichen sowie gesellschaftlichen Gleichschaltung. Aber um welchen Preis – jeden? Quelle: Sabrina Janesch – Territorium „Bei dem Gedanken läuft es ihr kalt den Rücken runter. Größtenteils handelt es sich um hawaiische junge Männer, leicht lassen sie sich aufwiegeln von einem, der die richtigen Worte findet.“ Auch weil Sabrina Janesch beschreibt, wie Gewissheiten in kürzester Zeit verloren gehen, liest sich ihr Roman absolut gegenwärtig. „Territorium“ besticht dabei durch einen spannenden Plot, der in einem Aufstand der Monarchisten gipfelt. Der Roman lässt sich aber auch als Tragödie lesen. Der Ausgang der Geschichte ist schließlich bekannt. Im Palast der Königin residiert heute der US-amerikanische Gouverneur Hawaiis.

In fünf Tagen wird David Hastings sterben. Dann wird er in der Schweiz einen vorbereiteten Medikamentencocktail nehmen, der ihn tötet. Assistierter Suizid. Die Formalitäten sind geregelt, nur ein letzter Check wartet noch. Besser jetzt abtreten, wo die Welt noch Elemente von Verständlichkeit enthielt. Bald würde sie gänzlich fremd sein, jemandem wie ihm überhaupt keinen Halt mehr bieten. Quelle: Emma Cline - In die Schweiz David Hastings hat Alzheimer, er fürchtet die Veränderungen, die ihm bevorstehen und will deshalb sterben, solange er diese Entscheidung noch treffen kann. Der Mitte 70-Jährige steht im Zentrum von Emma Clines Roman „In die Schweiz“ – eine Figur, die man kennt aus der US-amerikanischen Literatur: weiß, wohlhabend, geschieden, kultiviert. Ein Mann, der tat, was getan werden musste, sich in seine Arbeit im Finanzwesen geflüchtet und die gesellschaftlichen Erwartungen erfüllt hat. Nun hat er sein Sterben geplant: Mit zwei Zwischenstationen bei seiner Tochter in London und einem Schulfreund aus Frankreich reist er nach Zürich. Vertraute Erzählmuster als Ausgangspunkt Diese Reise gibt diesem faszinierenden Roman den äußeren Rahmen; auch das ein vertrautes Erzählmuster. Davids Demenz jedoch erschüttert alles Vertraute, sie verändert das Erzählte und das Erzählen. Das zeigt sich am deutlichsten in der Erzählperspektive: Wie in ihren vorherigen Romanen erzählt die 1989 geborene Emma Cline auch hier personal: Sehr nah bei David, aber doch mit etwas Abstand zu ihm. Und sie spielt die Stärken dieser Erzählweise gekonnt aus: Wichtig ist allein, was für David wichtig ist. So braucht er zwar seinen Assistenten Cody dafür, dass die Planung funktioniert und er sein Ziel erreicht. Als Figur aber bleibt Cody schemenhaft. Vielmehr führt dieser Roman in die eigene Welt eines Demenzkranken. Lange konnte David den Schein des Gesundseins aufrechterhalten, durch Umwege, Ausflüchte, die er sich zurechtgelegt hat: Lächeln. Über Dinge im Raum sprechen, wenn man nicht weiß, wo man eigentlich ist. Doch zunehmend verliert er diese Fähigkeit, klammert sich an sein Notizbuch, in dem er – möglicherweise – alles Wichtige notiert. In kurzen, aber niemals verwirrenden Absätzen springen Davids Gedanken zwischen der Gegenwart, fragmentarischen Erinnerungen, wiederkehrenden Gedanken, Orientierungsversuchen, Zitaten aus Liedern, Texten. „Verwirrt. Das war die Sorte von altmodischem Euphemismus. Für das Stottern in Davids Verstand. Diese Zufallswiedergabe anderer verschwundener Dinge – Bilder, Fakten, Namen, bedeutsame und unbedeutende Zeitabschnitte. The quick brown fox. Ich werde alt, Mr Bones. Ha-ha.“ Die Bindung zur Welt verlieren Mit fast schon beängstigender-hypnotischer Ruhe erzählt Cline, wie Davids Demenz sein Bewusstsein, seine Wahrnehmung zersplittert – dabei korrespondiert dieser Erzählstil mit Davids einst kontrollierter Persönlichkeit. Doch nun entstehen immer mehr Risse, mehr Splitter, David zieht sich stärker in sich selbst zurück, verliert die Bindung zur restlichen Welt. Das ist teils friedlich, teils bitter-humorvoll– vor allem, wenn David Gegenstände oder Worte missversteht: Das deutsche Wort „Ausfahrt“ klingt für ihn wie „assfart“, also englisch für „Arschfurz“. Aber Emma Cline spart auch Davids Verzweiflung, seine zunehmende Aggressivität und die körperlichen Veränderungen nicht aus. „Aber das Leben, das dieses Hotelzimmer umfasste, umfasste auch die an seinen Oberschenkeln getrocknete Scheiße und das eine Mal, als er sich allein und von der hochstehenden Sonne wie betäubt auf einem Parkplatz wiedergefunden hatte, und den Umstand – einen Umstand, den er nie aus dem Gedächtnis verlor –, dass er eines Tages aufhören würde zu schlucken.“ Der Körper würde sich weigern. Quelle: Emma Cline - In die Schweiz Andere lassen sich nicht mehr täuschen Dieses innere Zersplittern kontrastiert Emma Cline mit Episoden, in denen David auf seiner Reise auf die Gegenwart der Anderen trifft: Das Zusammentreffen mit seiner Tochter Rebecca in einem exklusiven englischen Club, in dem er sich zwar bemüht, dass sie nichts merkt, seine Gedanken aber abschweifen. Warum ich/warum nicht ich – so gingen manche Leute mit schlechten Nachrichten um. Akzeptieren, dass man eben doch nichts Besonderes war. Rebecca hatte das noch nicht gelernt. Er in gewisser Weise schon. Quelle: Emma Cline - In die Schweiz „Der Fluch hatte ihn ereilt, es war zu spät. Die Vitamine blieben in der Schublade. Er ließ sein Gehirn bei Wörtern abschalten, ohne zu versuchen, sie aufzuspüren. The quick brown fox, the lazy dog. The lazy – Wie nannte man sie doch gleich, die kleinen Halbgardinen an den Fenstern?“ Oder eine leider unnötige Episode in einer Hotelbar, in der David auf eine Frau – vermutlich eine Prostituierte – trifft. Hier wiederholt Emma Cline nur, was längst klar ist: Dass David nur noch die Versöhnung mit seinem Schulfreund begehrt, sonst nichts und niemanden. Dieses Gespräch mit dem Schulfreund läutet das starke Ende des Romans ein. Hier zeigt sich noch einmal, wie viel emotionale Kraft in Emma Clines präzise-distanziertem Stil stecken kann. Es gibt keine tränenreiche Vergebung, kein Abschied, kein kitschiges Lebewohl. Nur zwei alte Männer, die sich nichts zu sagen haben. Kein Roman über Sterbehilfe Emma Clines trotz einiger Längen beeindruckender und berührender Roman „In die Schweiz“ handelt nicht von dem Für und Wider von Sterbehilfe: Für David steht der Entschluss fest. Als er am letzten Tag das Gift nimmt, das ihn töten wird, ändert sich für einige Absätze die Perspektive des Erzählens: Aus dem Er wird ein Du – und in diesen Absätzen steckt letztlich die Essenz von Davids Leben, von den kleinen Momente, die wirklich zählen. Es sind andere als man glauben mag. Denn letztlich erzählt „In die Schweiz“ auch davon, dass niemand ein anderes oder gar sein eigenes Leben jemals vollständig verstehen wird.
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