Lehrermangel, marode Schulen und für viele Kinder keine adäquate Bildung
Lehrkräftemangel, marode Schulen – und etliche Kinder, die nicht die Bildung bekommen, die ihrer Begabung entspricht. Das alles beklagt 1964 der bekannte Pädagoge Georg Picht (1913 - 1982). Er warnt, dass die schönen Zeiten des Wirtschaftswunders bald vorbei sein könnten. Er weist auf die nackten Zahlen hin: Immer mehr Geburten gibt es damals, damit auch immer mehr Schüler. Gleichzeitig stehen immer weniger Lehrer zur Verfügung, weil sich ältere Jahrgänge in den Ruhestand verabschieden.
Damit nicht genug: Die wachsende Wirtschaft brauche mehr Schulabgänger mit Mittlerer Reife und Abitur – das Ausland habe das erkannt, die Bundesrepublik hinke hinterher. Der Zustand der Schulen sei schlecht, weil zu wenig investiert wird. Besonders rückständig sei die Situation in Baden-Württemberg.
Thesen des Pädagogen Georg Picht finden Gehör
Georg Pichts veröffentlicht seine Thesen in einer Artikelserie im Februar 1964 in der Wochenzeitung "Christ und Welt". Und das Erstaunliche: Sie findet Gehör, wird ein großes öffentliches Thema.
Georg Picht hat den Vorteil, dass er in der intellektuellen Szene gut vernetzt ist. Er ist Schüler von Martin Heidegger, eng befreundet mit Carl Friedrich von Weizsäcker sowie dem damaligen Star der Reformpädagogik, Hellmut Becker. Picht selbst hat auf dem Birklehof im Schwarzwald eine Freie Schule aufgebaut. Deshalb findet seine Warnung Resonanz.
Es tut sich was in der Bildungspolitik
In seinem Radiovortrag vom 18. Juli 1964 im Süddeutschen Rundfunk fasst er seine These vom Bildungsnotstand zusammen und kommt zu dem Ergebnis: In den vorangegangenen Monaten, nach seiner Artikelserie, sei so viel passiert, dass er es für möglich hält, dass die Bildungskatastrophe doch noch abgewendet werden könne.
Tatsächlich tut sich in der Folge einiges in der Bildungspolitik: 1965 wird ein sogenannter Bildungsrat auf Bundesebene geschaffen und immer mehr Jugendliche machen Abitur. Im Rückblick ist jedoch umstritten, ob wirklich Pichts düstere Diagnose den Anstoß dazu gegeben hat – wie er es selbst darstellt. Denn manche Entwicklungen, die Picht fordert, hatte die Politik schon in den Monaten vor seiner Artikelserie eingeleitet.
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