Archivradio – Geschichte im Original

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Archivradio – Geschichte im Original episodes

  • Der "Weiße Wal" im Rhein – Beluga-Fieber in Duisburg | 20.5.1966
    Zoodirektor will den Wal erwischen
    1966 schwimmt ein Weißwal – auch Beluga genannt – den damals ziemlich dreckigen und verseuchten Rhein hinauf, bis nach Duisburg. Zwei Rheinschiffer entdecken ihn am 18. Mai 1966. Die Nachricht spricht sich schnell herum, der Wal bekommt den Spitznamen Moby Dick. Der erste Impuls ist aber nicht, dem Wal wieder zurück in die Nordsee zu helfen, im Gegenteil. Der Duisburger Zoodirektor Dr. Wolfgang Gewalt versucht ihn zu erwischen, schießt auf ihn mit Betäubungspistolen – ohne Erfolg. Am 20. Mai 1966 taucht der Wal wieder auf. Der WDR berichtet.
    Jagd auf Beluga wird zum Spektakel
    Die Waljagd wird zum Spektakel; Presseboote und sogar Zeppeline begleiten Dr. Gewalt bei seiner Jagd auf den Wal, der immer wieder an neuen Orten gesichtet wird, tendenziell aber wieder rheinabwärts. Gleichzeitig kippt die Stimmung. Naturschützer drängen darauf, den Wal in Ruhe zu lassen. Die Bild-Zeitung greift die Stimmung auf, schreibt von gnadenloser Jagd. Der Kölner Express fordert "Verhaftet Dr. Gewalt".
    Nach einem Monat, am 16. Juni 1966, findet der Wal in die Nordsee zurück und schwimmt wieder im offenen Meer.
    6 min
  • Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und die Folgen
    Das Kernkraftwerk Tschernobyl war im Ukraine-Krieg schon früh Angriffsziel der russischen Streitkräfte. Das weckte bei vielen Erinnerungen an die Reaktorkatastrophe vom 26.4.1986.
    Gábor Paál und Miriam Mörtl sprechen über Tonaufnahmen von damals (SWR 2011/2026)
    Mehr zur Sendung: http://swr.li/tschernobyl-folgen
    Bei Fragen und Anregungen schreibt uns: 
    Folgt uns auf Mastodon:
    56 min
  • Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter zum Umgang mit der Atom-Angst | 12.12.1986 | Tschernobyl
    Irrglaube: Gefahren durch Technik beherrschen
    Im Dezember 1986 gab der Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter (1923 - 2011) ein Interview im NDR. Er sprach über den Umgang mit der Angst nach der Reaktorkatastrophe. Er warnte vor dem Glauben, alle Gefahren mit dem Fortschritt der Technik beherrschen zu können.
    Appell an Politiker: der Öffentlichkeit die Wahrheit zutrauen
    NDR-Reporter Ralph Ludwig (1943 - 2017) sprach im Interview mit dem bekennenden Friedensaktivisten Richter über den Umgang mit der Angst nach einer solchen Umweltkatastrophe. Am wichtigsten sei es, offen miteinander zu sprechen. Das gelte vor allem auch für Politiker, die einen Hang zu Vormundstellung hätten und der Öffentlichkeit nicht die Wahrheit zutrauten.
    Warnung vor größenwahnsinnigem Missbrauch der Technik
    Horst-Eberhard Richter glaube an eine "tiefe Fehlhaltung der Menschen", wenn sie glaubten, sie könnten die energiepolitischen Probleme mit der Weiterentwicklung der Technik lösen. Es gehe darum, zu einer anderen Grundhaltung zu finden:
    Wenn dieses bescheidene Lebensgefühl, die maßvolle Selbsteinschätzung nicht wieder hergestellt wird, dann wird dieser größenwahnsinnige Missbrauch der Technik nicht aufhören.

    Quelle: Horst-Eberhard Richter

    17 min
  • Walter Wallmann (CDU) wird erster Bundesumweltminister | 4.6.1986 | Tschernobyl
    Infolge des Reaktorunglücks in der Sowjetunion schuf die Bundesregierung eine neue Behörde: das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.
    Erster Bundesumweltminister wurde Walter Wallmann (1932 - 2013) von der CDU; er trat das Amt am 6. Juni 1986 an. Hier ein Interview mit ihm im Hessischen Rundfunk vom 4. Juni 1986, also kurz vor dem Amtsantritt.
    Ausstieg aus Kernenergie nicht verantwortbar
    Wallmann bekräftigt in dem Interview die Position der CDU, dass ein Ausstieg aus der Kernenergie nicht verantwortbar sei und ein neues Anwerfen von alten Kohlekraftwerken gesundheitliche Schäden bewirken könne.
    Sobald es eine neue Energie gebe, die die Kernenergie ersetzen könne und die sicherer, umweltschonender und wirtschaftlicher sei, würde die Union sie einsetzen.
    Er plädierte in dieser Position für Nachdenklichkeit und Offenheit bezüglich alternativer Energiequellen. Gleichzeitig wies er die Forderungen nach einem raschen Ausstieg aus der Kernenergie als "unrealistisch" zurück und bezeichnete deutsche Reaktoren wegen ihres Sicherheitsstandards als "verantwortbar".
    20 min
  • Großdemo gegen die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf
    Nach Tschernobyl-Katastrophe verstärkt sich Widerstand gegen Wackersdorf
    Die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf in der Oberpfalz sollte die zentrale Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland werden. Der Protest gegen den Bau der WAA formierte sich schon Ende des Jahres 1985. Nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl verstärkte sich der Widerstand.
    An Pfingsten versammelten sich Zehntausende Atomkraftgegner im Taxöldener Forst bei Wackersdorf, um gegen den Bau der Wiederaufarbeitungsanlage zu demonstrieren.
    Hunderte Verletzte und Sachschaden in Millionenhöhe
    Wie in Brokdorf (1977) und Gorleben (1980) kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Vermummte Demonstranten versuchten, über den Eisengitterzaun auf das WAA-Gelände zu gelangen, beschossen die Polizisten mit Stahlkugeln und setzten Fahrzeuge in Brand. Die Staatsmacht ihrerseits provozierte mit tieffliegenden Hubschrauberflügen und Reizgasgranaten, die sie in die Mengen warfen.
    Die Bilanz des Wochenendes: Hunderte von Verletzten auf beiden Seiten, Sachschäden in Millionenhöhe.
    Rohmaterial des Journalisten Ulrich Böken
    Der Hörfunkjournalist Ulrich Böken war an diesem Pfingstwochenende mit seinem Mikrofon vor Ort. Hier zu hören das von ihm aufgenommene Rohmaterial in voller Länge.
    1. Lied: "Bayernland"
    2. Hubert Weinzierl (O-Ton), Vorstand des BUND: "Es ist Zeit, über die Grenzen der Großtechnologie nachzudenken."
    3. Atmo: Rhythmisches Klopfen am Bauzaun, Pfiffe, Durchsagen im Hintergrund
    4. Demonstranten reden auf Polizisten ein: "Gewalt entsteht durch Hilflosigkeit". Im Hintergrund sind Hubschrauber zu hören.
    5. Demonstranten beschreiben das Vorgehen der Polizei
    6. Hubschrauber werfen Gasgranaten in die Menschenmenge. Demonstranten: "Schau hi, der wirft oba ... geh mer." Aufhören-Rufe. Im Hintergrund: Hubschraubergeräusche.
    7. Reportage von Ulrich Böken: Er beschreibt die Situation.
    8. Empörte Demonstranten nach dem Gaseinsatz vom Hubschrauber.
    18 min
  • Stellungnahme von Gorbatschow nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl | 14.5.1986 | Tschernobyl
    Zwei Wochen nach der Havarie schildert Michael Gorbatschow die sowjetische Sicht der Katastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl. In einer knapp halbstündigen Fernsehansprache weist er auf den "außerordentlichen und gefährlichen Charakter der Geschehnisse" vor Ort hin. Er erläutert, wie es zu dem Unfall kommen konnte und versichert, dass alle Anstrengungen unternommen worden seien, um die Menschen zu informieren, die Havarie zu beseitigen und die schweren Folgen zu begrenzen.
    Erste Bilanz der Katastrophe
    Trotz der eingeleiteten Maßnahmen seien bei der Havarie zwei Menschen ums Leben gekommen. 299 lägen mit Strahlenerkrankungen unterschiedlichen Grades in Krankenhäusern, davon seien bereits sieben Menschen in Folge der Verstrahlung gestorben. Gorbatschow spricht allen Betroffen sein Mitgefühl aus und versichert, dass die sowjetische Regierung für die Familien der Todesopfer und Geschädigten sorgen werde.
    Er könne "mit Fug und Recht [...] sagen, bei aller Schwere des Geschehenen konnte der Schaden in entscheidendem Maße, dank des Mutes und des Könnens der Menschen, dank ihrer Pflichttreue, Dank der Dynamik der Handlungen aller, die sich an der Beseitigung der Folgen der Havarie beteiligten, in Grenzen gehalten werden."
    Kritik an der "Hetze" des Westens
    Gorbatschow würdigt die Anteilnahme des Auslands, in erster Linie von Seiten der sozialistischen Länder. An den "Regierungen, Politikern und Massenmedien einiger NATO-Länder, besonders der USA" übt er heftige Kritik. Sie hätten eine "zügellose antisowjetischen Hetze entfacht. Was sie in diesen Tagen nicht alles redeten und schrieben, von tausenden Opfern, Massengräbern, vom ausgestorbenen Kiew, davon dass der ganze Boden der Ukraine vergiftet ist. Alles in allem haben wir es fürwahr mit einem aufgetürmten Berg gewissenloser und böswilliger Lügen zu tun."
    In Bezug auf die vom Westen kritisierte Informationspolitik der Sowjetunion verwies Gorbatschow an die Adresse der USA:
    "Alle erinnern sich noch daran, dass die amerikanischen Behörden zehn Tage brauchten, um den eigenen Kongress zu informieren, und Monate, um die Weltöffentlichkeit davon in Kenntnis zu setzen, welche Tragödie sich 1979 im Kernkraftwerk Three Miles Island ereignet hatte."
    Ost-West-Dialog in Gefahr
    Durch dieses Vorgehen behinderten die USA und ihre engsten Verbündeten den Dialog zwischen Ost und West und hätten eine Möglichkeit gefunden, das nukleare Wettrüsten zu rechtfertigen. Im Gegensatz dazu verstehe die Sowjetunion den Unfall im Kernkraftwerk als "weiteres Alarmsignal dafür, dass die nukleare Epoche ein neues politisches Denken erfordere." Der außenpolitische Kurs der Sowjetunion, der auf dem 27. Parteitag der KPdSU ausgearbeitet worden war, sei der richtige: Die vollständige Beseitigung der Kernwaffen und die Schaffung eines allumfassenden Systems der internationalen Sicherheit.
    Gorbatschow führte weiter aus:
    "Heute sind in verschiedenen Ländern der Welt mehr als 370 Kernreaktoren in Betrieb. Das ist die Realität. Man kann sich die Zukunft der Weltwirtschaft ohne die Entwicklung der Kernenergie schwer vorstellen. In unserem Land sind heute 40 Reaktoren mit einer Gesamtkapazität von mehr als 28 Millionen Kilowatt in Betrieb. Bekanntlich bringt das friedliche Atom der Menschheit nicht wenig Nutzen. Es versteht sich aber, dass wir alle verpflichtet sind, mit noch größerer Umsicht vorzugehen und die Anstrengung von Wissenschaft und Technik auf die Gewährleistung einer sicheren Meisterung der gewaltigen und ungeheuren Kräfte zu konzentrieren, die im Atomkern stecken."
    Das Atomzeitalter fordere mit Macht ein neues Herangehen an die internationalen Beziehungen. Es gehe um die Beendigung des "todbringende Wettrüstens" und eine radikale Verbesserung des internationalen Klimas.
    Reaktionen auf die Rede
    Die verspätete Rede fand im Westen unterschiedliche Aufnahme. Das Echo aus Washington war vergleichsweise milde. Führende amerikanische Zeitungen gestanden dem Parteichef sogar zu, dass seine Kritik an den maßlosen Übertreibungen verschiedener westlicher Medien ihre Berechtigung habe.
    Quelle: 14. Mai 1986: Ansprache Gorbatschow im sowjetischen Fernsehen zum Reaktor-Unglück (Russisch, darüber deutsche Übersetzung).
    27 min
  • Bundestagsdebatte zu Tschernobyl und Atomkraft | 14.5.1986 | Tschernobyl
    Diskussion nach Reaktorunglück: sichere Atomkraft vs. Anti-Atom-Haltung
    Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl ist am 14. Mai 1986 Thema im Bundestag. Die Debatte ist für 2 Stunden angesetzt und dauert mehr als doppelt so lang. Sie zeigt, welche Zäsur das Ereignis bedeutete.
    Auf der einen Seite Union und FDP, die sich durch Tschernobyl nicht davon abbringen ließen zu beteuern, dass in Deutschland die sichersten Atomkraftwerke der Welt stehen und sich auch sonst Umweltprobleme am besten mit Technik lösen lassen – Helmut Kohl spricht gar von umweltfreundlichen Autos. Er meint die mit Katalysatoren.
    Auf der anderen Seite die Grünen, die sich durch Tschernobyl in ihrer Anti-Atom-Haltung bestätigt sehen, und die SPD, die, wie die Rede des damals noch jungen Gerhard Schröder zeigt, nun auch auf diesen Kurs einschwenkt.
    Waldsterben: noch kein Klimawandel in Sicht
    Interessant, dass vom Klimawandel noch gar keine Rede ist. Das Umweltproblem der damaligen Zeit ist das durch Schadstoffe verursachte Waldsterben.
    Es geht los mit einer Regierungserklärung von Bundeskanzler Helmut Kohl. Wir hören dann den Oppositionsführer von der SPD, Hans-Jochen Vogel, Gerhart Baum, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP und Joschka Fischer, der sich ein Jahr zuvor in Hessen in Turnschuhen zum ersten grünen Umweltminister hat vereidigen lassen. Nach ihm die Erwiderung von Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber.
    Kinder und Schwangere ausreichend geschützt?
    Hörenswert auch die Reden am Ende von Renate Schmidt von der SPD sowie Rita Süssmuth von der CDU, die sich gegen den Vorwurf wehrt, Kinder und Schwangere nicht ausreichend zu schützen.
    Aus den Reden von Kohl und Vogel haben wir einige Passagen entfernt, die nichts mit Tschernobyl zu tun hatten.
    Rednerinnen und Redner
    • Helmut Kohl, Bundeskanzler, CDU
    • Hans-Jochen Vogel, Fraktionsvorsitzender, SPD
    • Alfred Dregger Fraktionsvorsitzender, CDU
    • Hannegret Hönes, Fraktionsvorsitzende, GRÜNE
    • Gerhart Baum, Fraktionsvorsitzender, FDP
    • Joseph "Joschka" Fischer, Landesumweltminister in Hessen, GRÜNE
    • Heinz Riesenhuber, Bundesforschungsminister, CDU
    • Gerhard Schröder, MdB, SPD
    • Otto Graf Lambsdorff, MdB, FDP
    • Friedrich Zimmermann, Bundesinnenminister, CSU
    • Renate Schmidt, MdB,SPD
    • Rita Süssmuth, Bundesfamilienministerin, CDU
    4 hr 12 min
  • Nach der Giftwolke: Was darf man noch essen? | 6.5.1986 | Tschernobyl
    Spargel, Salat, Kinderspielplatz: Gefahren nach dem Reaktorunglück?
    In den zwei Wochen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl war die Verunsicherung groß. Was kann die Giftwolke anrichten? Es wurde davor gewarnt, bei Regen rauszugehen oder Kinder im Sandkasten spielen zu lassen. Auch Salat und Blattgemüse sollten lieber nicht gegessen werden. Und dann war ja gerade Spargelzeit – darf der Spargel geerntet und verkauftet werden?
    Am 6. Mai 1986 brachte der Südwestfunk eine Live-Sendung aus Schifferstadt, in der Hörerinnen und Hörer ihre Fragen stellen konnten.
    Im Bild: Am 11.5.1986 wird in der Groߟmarkthalle in Bruchsal Spargel auf Belastung mit Radioaktivität überprüft
    8 min
  • Berichterstattung in der DDR über das Reaktorunglück in Tschernobyl | 29. und 30.4.1986 | Tschernobyl
    Auch die Medien in der DDR berichteten über die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Sie fühlten sich dem großen Bruder verpflichtet und hielten sich an die offiziellen Mitteilungen der sowjetischen Regierung. Die Berichterstattung der westlichen Medien sei aufbauschend und irreführend.
    Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz beruhigt
    Wie in der Bundesrepublik vermeldete auch die DDR am Abend des 29. April 1986 das Unglück von Tschernobyl. Der Sprecher des staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz in der DDR, Dr. Wolfgang Rüder, erklärte beruhigend:
    "Im Gebiet der DDR erfolgt kontinuierlich eine ständige Überwachung der Radioaktivität in der Umwelt. Der Präsident des staatlichen Amtes für Atomsicherheit und Strahlenschutz, Prof. Dr. Sitzlack, hat bereits in einer Pressemitteilung betont, dass diese Messungen mit äußerster Gründlichkeit erfolgen. Die Ergebnisse zeigen, dass im Zusammenhang mit der Havarie im sowjetischen Kernkraftwerk Tschernobyl keine Gesundheitsgefährdung für Bürger der DDR besteht. Es muss weiter darauf verwiesen werden, dass in der DDR ein ganz anderer Reaktortyp zum Einsatz kommt als in Tschernobyl. Ich kann versichern, dass die Einhaltung der für die Kernkraftwerke in der DDR geltenden strengen Sicherheitsvorschriften durch das staatlichen Amt für Atomsicherheit und Strahlenschutz ständig kontrolliert und strikt durchgesetzt wird."
    Wissenschaftler: Kritik an Sowjetunion ist üble Hetzkampagne des Westens
    Es folgt ein Gespräch der DDR-Wissenschaftler Prof. Dr. Günther Flach (Direktor des Zentralinstituts für Kernforschung) und Prof. Dr. Karl Lagius (Direktor des Instituts für Hochenergiephysik an der Akademie der Wissenschaften in der DDR) im Radio DDR 1 am 30. April 1986. Die Wissenschaftler sprechen im Interview über den Zustand der sowjetischen Atomkraftwerke. Sie gehen in ihrer Beurteilung der Katastrophe von der offiziellen Mitteilung der sowjetischen Regierung aus. Komplexe Systeme unterlägen immer einem Risiko, der Reaktortyp sei "im Prinzip" sicher.
    Beide Wissenschaftler äußerten absolutes Unverständnis an der westlichen Kritik an der Sowjetunion und betrachteten die Forderungen nach mehr Information und Aufklärung als "üble Hetzkampagne".
    Kommentar zur Berichterstattung westlicher Medien
    Am 2. Mai 1986 warf Klaus Dieter Kröber in Radio DDR 1 einen Blick in die westliche Presselandschaft. Die Berichterstattung sei unglaubwürdig, übertrieben und verleumderisch. Besonders die bundesdeutsche Zeitung "Bild" bekam ihr Fett weg:
    "Hier sehen Sie, gewissermaßen wie in einem Prisma, zugegeben in einem besonders üblen Blatt, aber eben mit Riesenauflage, hinter dem Vorwand von Sorge um Menschen und ihre Gesundheit, die billige Absicht von Brunnenvergiftern, die man leider nicht nur in der bundesdeutschen Massengazette "Bild" findet."
    Jugendaustausch mit Baden-Württemberg abgesagt
    In den Nachrichten des Berliner Rundfunks vom 7. Mai 1986 geht es um die Absage eines Jugendaustauschs.
    Die DDR nutzte jede Gelegenheit für einen Propagandaschlag gegen die BRD: Nach dem Reaktorunglück sagte das baden-württembergische Kultusministerium einen Jugendaustausch mit der DDR ab. Das, so der DDR-Rundfunk, bekräftige den Eindruck, dass führende Kreise der BRD nicht an einer Verbesserung des Ost-West-Verhältnisses interessiert seien.
    17 min
  • Erste internationale Reaktionen auf den Reaktorunfall in Tschernobyl | 29.4.1986 | Tschernobyl
    Atomkraftwerk-Großanlage bei Tschernobyl in der Nähe von Kiew defekt
    In der RIAS Rundschau am Mittag des 29. April 1986 versuchte Moderatorin Christine Rackuff mit ihrem Gesprächspartner Harro Zimmer Aufklärungsarbeit zu leisten. Die Informationen aus der Sowjetunion kamen nur spärlich an. Harro Zimmer vermutete zunächst, dass "Schlimmeres passiert sein muss". Nach Angaben der Korrespondenten in Kopenhagen, Warschau und Moskau, wie auch des Experten des Hahn-Meitner-Instituts in Berlin, schien die Wolke harmlos zu sein.
    Skandinavien: Atomwolke löst sich langsam auf
    In der ersten Schalte mit Reinhold Dey in Kopenhagen gab der Korrespondent Entwarnung. Man entzittere sich langsam in den skandinavischen Ländern, so Dey. Gleichzeitig werde die Kritik an der Informationspolitik der Sowjetunion lauter. Schweden und Dänemark protestierten heftig gegen diese "Schlamperei" und forderten den Aufbau eines Benachrichtigungssystems.
    BRD: Zur radioaktiven Strahlung in der Berliner Luft
    In einem Telefon-Interview kommt auch Entwarnung aus Berlin. Thomas Robertson vom Hahn-Meitner-Institut in Berlin (heute Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren e.V. ) hat keine Hinweise auf eine radioaktive Belastung der Luft in Deutschland. Der Wissenschaftler beruhigt: "Und es ist auch nicht zu erwarten, dass wir Messwerte bekommen, die Radioaktivität aus dem Kernkraftsunfall in der Sowjetunion nach Berlin bringen." Die gemessenen radioaktiven Werte lägen bisher in dem Bereich, der auch in der Natur vorkommt.
    Polen: Der Nordosten von radioaktiver Wolke überquert
    In der zweiten Auslandsschalte berichtete der Kollege Friedrich Wilhelm Kramer aus Warschau, dass auch in Polen keine Werte gemessen wurden, die für Menschen gefährlich werden könnten. Trotzdem habe die Regierung eine Sonderkommission eingesetzt, deren Aufgabe es sei, Messungen radioaktiver Strahlung ständig zu bewerten und die Lage zu analysieren. Diese Sonderkommission, so Kramer, würde normalerweise nur bei ernsten Zwischenfällen eingesetzt, die Gefahr sei noch nicht vorbei.
    Im polnischen Żarnowiec hatte man 1982 mit der Errichtung eines Atomkraftwerks begonnen. Proteste gegen den Bau von Atomkraftwerken hatte es bis zum Gau in Tschernobyl in Polen nie gegeben, nach dem Unglück stieg der Widerstand. Die Regierung gab das Vorhaben 1990 auf.
    UdSSR: Bevölkerung der UdSSR bleibt uninformiert
    BR-Korrespondent Johannes Grotzky berichtete aus Moskau, dass in Kiew, 130 km südlich von Tschernobyl, kein Ausnahmezustand herrsche. Das Stadtbild sei ruhig:
    "Eine Reaktion vom Außenministerium liegt im Moment noch nicht vor. Angaben über Ausmaß und Ursache des Unglücks sind deshalb nicht möglich. Die sowjetische Presse meldet heute das Unglück mit keiner Zeile. Die kurze TASS-Meldung ist bislang nirgends nachgedruckt. Auch die Rundfunknachrichten sind, soweit überschaubar, noch nicht auf das Unglück eingegangen."
    Erst im vergangenen Jahr hatte die Sowjetunion ein Abkommen mit der internationalen Atomenergiebehörde in Wien unterzeichnet. Damit sei sie auch eine Meldepflicht über Störungen im normalen Betrieb der Atomkraftwerke eingegangen. Dass sich sowjetische Behörden mit der Information landeseigener Katastrophen zurückhalte, sei typisch, so Johannes Grotzky.
    Harro Zimmer zur Schwere des Reaktorunglücks
    Noch, so Harro Zimmer, sei es zu früh, den Super-GAU, den größtmöglichen Unfall in einem Kernkraftwerk, anzunehmen. Nach genauer Betrachtung der gegenwärtigen Situation fiele ihm in der gesamten Geschichte der friedlichen Nutzung der Atomenergie kein vergleichbares Beispiel ein. Denn im Gegensatz zum Kraftwerksunfall in Harrisburg sehe es beim Kernkraftunfall in Tschernobyl danach aus, dass der Reaktorkern möglicherweise durchgebrannt und aufgebrochenes Material in die Umgebung entwichen sei.
    Quelle: RIAS: Rundschau am Mittags vom 29.4.1986
    Im Bild: Eine Spezialistin des Warschauer Instituts für Meteorologie und Wasserkontrolle entnimmt am Dienstag, 29. April 1986, in Warschau Luftproben, um die Strahlung einer radioaktiven Wolke zu testen, die nach dem Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl über Polen ging.
    19 min

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Historische Aufnahmen und Radioberichte von den ersten Tonaufzeichnungen bis (fast) heute. Das Archivradio der ARD macht Geschichte hör- und die Stimmung vergangener Jahrzehnte fühlbar. Präsentiert…

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