Tod durch Strangulation in der JVA Stuttgart-Stammheim
Es ist Sonntag, der 09. Mai 1976, 7:34 Uhr. Ein Vollzugsbeamter öffnet die Zelle 719 in der JVA Stuttgart Stammheim. Ulrike Meinhof hängt leblos am Fenstergitter. Sechs Minuten später diagnostiziert ein Gefängnisarzt Tod durch Strangulation.
Traugott Bender, der damalige baden-württembergische Justizminister, wird bereits wenige Stunden später erklären: „Nach unseren bisherigen Feststellungen wurde Ulrike Meinhof gestern Abend gegen 22:00 Uhr zuletzt lebend gesehen und bis gegen 22:30 Uhr hörte man Geräusche aus der Zelle. Noch heute Vormittag wurde die Leiche zur richterlichen Leichenöffnung verbracht. Anhaltspunkte für ein Einwirken dritter Personen sind nicht zu erkennen.“
Selbstmord oder Mord?
Selbstmord also! So die schnelle – für viele zu schnelle – offizielle Version. Oder doch Mord? Davon überzeugt wird die Sympathisanten-Szene noch Jahre später sein.
Schließlich gab es keinen Abschiedsbrief. Ulrike Meinhof soll ihrer Schwester gesagt haben, Selbstmord komme für sie überhaupt nicht in Frage. Sollte es eine solche Nachricht geben, dann sei es in Wirklichkeit Mord. Aber hatte sie nicht auch in einem Zellen-Rundbrief geschrieben, dass Selbstmord der letzte Akt der Rebellion sei?
Ulrike Meinhof war angeblich zunehmend isoliert, es gäbe Konflikte zwischen ihr und Gudrun Ensslin. Sie habe ihren Weg als Irrweg erkannt, so sahen nicht wenige die Situation Ulrike Meinhofs in der Zeit kurz vor ihrem Selbstmord.
Die Todesmeldung sorgt für Jubel, der RAF-Prozess geht weiter
Während manche über den Tod Meinhofs jubelten und Glückwunsch-Anzeigen in Zeitungen anstandslos abgedruckt wurden, ging in Stammheim der RAF-Prozess weiter. Die Angehörigen suchten unterdessen in Westberlin einen Friedhof, was schwierig war.
Reinhard Krol war damals einer der Gerichtsreporter des Süddeutschen Rundfunks. Sein Bericht am ersten Verhandlungstag nach dem Selbstmord von Ulrike Meinhofs: „So ging Carl Jan Raspe noch einmal auf die Gerüchte von Spannungen innerhalb der Gruppe ein. Er sagte wörtlich: ‚Ich kenne die Beziehungen zwischen Ulrike und Andreas seit sieben Jahren. Sie waren bestimmt durch Intensität und Zärtlichkeit. Dass es keine Spannungen gegeben habe, weisen die Aufschriebe von Ulrike Meinhof bis zu ihrem Tode.‘ Auf den Vorwurf, der Tod von Frau Meinhof sei eine kalt geplante Hinrichtung, wurde ihm dann vom Vorsitzenden das Wort entzogen.“
So manches im Leben Ulrike Meinhofs wollte nicht zusammenpassen
Ihr Ende ist bekannt, aber sie begann als christliche Pazifistin. Was hat den Bruch verursacht? Eine nachdenkliche Meinhof sagte: Hätte man gewusst, dass bei der Baader-Befreiung ein Unbeteiligter angeschossen würde, dann hätte diese Aktion nicht stattgefunden. Dem entgegen steht ihr berüchtigter Satz:
„Die Bullen sind Schweine. Und natürlich kann geschossen werden.“
Einst war sie die hoch gelobte „Konkret“ -Kolumnistin, Teil der Hamburger und Sylter Links-Schickeria. Dann kam die Erkenntnis, dass sich das System Kolumnisten leiste, ohnmächtige Einzelne, damit aus der Theorie keine Praxis werde. Folgerichtig war in Meinhofs Logik der Schritt von der Vergeblichkeit des geschriebenen Wortes hin zur befreienden Tat.
Die radikale Linke stilisiert Ulrike Meinhof zur Märtyrerin
Ulrike Meinhof: die Intellektuelle, die Meisterin des Wortes. Ulrike Meinhof: die Aktivistin, die Befürworterin von Gewalt. Sie war Projektionsfläche für viele.
Manche sahen sie in der Nähe von Rosa Luxemburg, anderen galt sie als „Heilige Johanna“. Sie wurde in „der europäischen Gewaltszene“ zur „Märtyrerin“, aber auch zur „Ikone der undogmatischen Linken“. Die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek widmete ihr mit „Ulrike Maria Stuart“ gar ein Theaterstück, was von Kritikern als „heiterer Abgesang auf die radikale Linke“ interpretiert wurde. Wieder andere bedauerten den „gefallenen Engel“.
Mit der nötigen Distanz hat es die Londoner „Times“ vielleicht am besten auf den Punkt gebracht: „Das Ende eines vertanen Lebens ist immer traurig.“