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WDR Zeitzeichen episodes

  • Urahn von Robotern und Künstlicher Intelligenz: Der Schachtürke

    Bis er am 05.07.1854 verbrennt, spielt der Schachtürke, eine Holzpuppe mit Turban, besser Schach als menschliche Gegner. Zauberei, heißt es. Bis der Trick auffliegt.



    Heute ist Künstliche Intelligenz in aller Munde. Künstlich geschaffene Objekte, die Dinge tun, die bislang Menschen vorbehalten waren. Die gab es schon im 18. Jahrhundert, und schon damals haben sie für Furore gesorgt – und Debatten über Original und Fälschung entfacht.

    Auch am Hof der österreichischen Kaiserin Maria Theresia ist das Interesse für technische Spielereien groß – der Adel will schließlich unterhalten werden.

    Also kreiert der ambitionierte Hof-Sekretarius Wolfgang von Kempelen 1769 eine Maschine, die mit ihrem Gegenüber Schach spielt. Die menschengroße Puppe trägt passend zum damaligen Zeitgeist ein orientalisches Gewand und Turban.

    Aufgezogen wird der "Schachtürke" mit einem großen Schlüssel. Während des Spiels hebt er seine Hand, greift nach einer Schachfigur auf dem Brett und setzt sie auf ein anderes Feld. Ihrem menschlichen Spielpartner ruft die Puppe im passenden Moment sogar auf Französisch "Échec! Échec!" ("Schach!") zu. Nicht nur der Adel ist entzückt. Mit dem "Schachtürken" könnte die Beziehung Mensch-Maschine in eine neue Ära gehen, so die Optimisten.

    Dass in der Schrankkonstruktion ein Mensch sitzen könnte, darüber wird bereits von Beginn an spekuliert. Auch US-Schriftsteller Edgar Allan Poe besucht während einer US-Tour eine Vorstellung und ist überzeugt, dass hier keine Maschine Schach spielt.

    Die Aura des Geheimnisvollen kann sich der "Schachtürke" dennoch über Jahrzehnte bewahren. Dann steht fest: Die Maschine ist "getürkt" und avanciert zum Namensgeber künftiger Fälschungen.

    In diesem Zeitzeichen erzählt Daniela Wakonigg:

    • wie der "Schachtürke" europaweit bewundert wird und sogar in den USA auf Tour geht,
    • dass Napoleon gegen die Schachmaschine gespielt haben soll,
    • wie das Geheimnis um den "Schachtürken" gelüftet wird,
    • warum alles "Getürkte" wohl seinen Ursprung im "Schachtürken" hat,
    • dass man einen Nachbau des Schachtürken im Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn besichtigen kann.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
    • Stefan Stein, Historiker am Heinz Nixdorf Museumsforum in Paderborn
    • Tom Standage: Der Türke. Die Geschichte des ersten Schachautomaten und seiner abenteuerlichen Reise um die Welt, Frankfurt/M, 2002

    Weiterführende Links:
    • Stichtag über den Schachtürken
    • Poes Text über den Schachspieler
    • Informationen über den Schachtürken und seinen Nachbau im Heinz Nixdorf Museumsforum (HNF)

    Transparenzhinweis:
    "Für dieses Zeitzeichen wurden digitale Sprachassistenten und Künstliche Intelligenz genutzt, um einzelne Textstellen zu generieren und vertonen."

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    Die Macherinnen und Macher hinter diesem Zeitzeichen:
    Autorin: Daniela Wakonigg
    Redaktion: Carolin Rückl/Matti Hesse
    Technik: Jürgen Mönkedieck

    15 min
  • Erste Germanistik-Professorin Deutschlands: Agathe Lasch

    Die am 04.07.1879 geborene Lasch setzt sich für eine freie Wissenschaft ein - gegen alle Hindernisse, die ihr als Frau und Jüdin im frühen 20. Jahrhundert begegnen.



    Agathe Lasch erblickt in Berlin das Licht der Welt, als eines von fünf Kindern einer jüdischen Familie. Agathe wird - wie zwei ihrer Schwestern - Turnlehrerin. Doch schnell stellt sie fest: Das reicht ihr intellektuell nicht. Sie ist hungrig nach Wissen und vor allem nach Produktivität.

    1906 legt sie in Berlin die Abiturprüfung ab, will studieren. Doch das dürfen Frauen in Preußen zu der Zeit nicht. Also immatrikuliert sie sich in Heidelberg. Schon 1909 wird Lasch mit einer Studie über die "Geschichte der Schriftsprache in Berlin bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts" promoviert. Ein Jahr später erscheint die Doktorarbeit in erweiterter Form als Buch. Die Resonanz in Fachkreisen ist überwältigend. Eine Stelle im deutschen Wissenschaftsbetrieb aber bleibt Agathe Lasch verwehrt.

    Anders in den USA. Dort arbeitet sie sechs Jahre am Frauencollege Bryn Mawr in Pennsylvania. 1914 bringt sie die "Mittelniederdeutsche Grammatik" heraus, bis heute ein Grundlagenwerk zur Erforschung des Mittelniederdeutschen.

    1917 zieht sie zurück nach Deutschland, arbeitet zunächst in Hamburg als "wissenschaftliche Hilfsarbeiterin". 1923 wird ihr an der Hamburger Universität als erster Frau der Professorentitel verliehen - eine Ehre ohne Konsequenzen, denn den Ruf auf eine Professorenstelle bekommt sie erst im Dezember 1926.

    Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ändert sich aber auch das Leben Agathe Laschs. 1934 muss sie ihren Posten räumen und darf als Jüdin bald auch die Universität nicht mehr betreten. Im Juli 1942 werden Agathe Lasch und ihre beiden Schwestern nach Riga deportiert und dort am 18. August 1942 ermordet.

    In diesem Zeitzeichen erzählt Heide Soltau:

    • Was Agathe Lasch mit dem "Hamburgischen Wörterbuch" zu tun hat,
    • warum sie als Professorin kaum Zeit für eigene Forschungen findet,
    • dass Lasch für ihre Studierenden zuweilen nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch eine offene Geldbörse hat,
    • dass die Stadt Hamburg seit 1991 den Agathe-Lasch-Preis verleiht.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartnerinnen:
    • Christine M. Kaiser (Publizistin)
    • Ingrid Schröder (Professorin)
    • Christine M. Kaiser: Agathe Lasch. Erste Germanistikprofessorin Deutschlands. Berlin 2007
    • Mirko Nottscheid u.a. (Hrsg.): Die Germanistin Agathe Lasch. Aufsätze zu Leben, Werk und Wirkung. Nordhausen 2009
    • Ingrid Schröder: Agathe Lasch - die erste Professorin der Universität Hamburg. In: Respekt! Frauen verändern Wissenschaft an der Universität Hamburg. Norderstedt 2019
    • Ingrid Schröder: In honorem Agathe Lasch. In: Literatur im niederdeutschen Sprachraum (1200-1600). (im Erscheinen)

    Weiterführende Links:
    • Universität Hamburg: Geschichte des Instituts für Germanistik
    • Informationen zu Agathe Lasch und dem Agathe- Lasch-Preis

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    Die Macherinnen und Macher hinter diesem Zeitzeichen:
    Autorin: Heide Soltau
    Redaktion: Carolin Rückl und Frank Zirpins
    Technik: Nicolas Dohle

    15 min
  • Lieber im Kaffeehaus als in der Synagoge: Zionist Theodor Herzl

    Der junge Herzl wollte alle Wiener Juden taufen lassen, dann ließ ihn der Antisemitismus in Europa umdenken. Am 03.07.1904 starb er als Wegbereiter des jüdischen Staats.



    Ein frommer Jude ist Theodor Herzl in seinen jungen Jahren nicht. Er geht nie in die Synagoge und isst lieber Sachertorte als "gefilte Fisch". Doch in Israel wird er heute noch gefeiert als Wegbereiter eines jüdischen Nationalstaats.

    Herzl hat offenbar ein oder mehrere Erweckungserlebnisse. So wird er während seiner Studentenzeit in Wien mit Antisemitismus konfrontiert und auf der Straße wüst beschimpft. Entscheidend ist aber vermutlich in den 1890er Jahren der Justizskandal um den französischen Hauptmann Alfred Dreyfus. Dabei erkennt Herzl, dass dieser Antisemitismus, den er schon in Budapest und Wien erlebt hat, nun auch in Frankreich – und damit überall – möglich ist. Für ihn ist klar: Die Juden brauchen ihren eigenen Staat, um dem Antisemitismus zu entkommen.

    Zunächst wird er für seine Idee zwar ausgelacht. Doch der erste Zionistenkongress in Basel, in dem er Juden aus aller Welt seinen Plan skizziert, wird ein riesiger Erfolg. Innerhalb weniger Monate ist Herzl ein weltweit bekannter Mann, reist in den nächsten Jahren zu Unterredungen mit den politischen Größen seiner Zeit.

    Obwohl er ein Buch "Der Judenstaat" schreibt, stellt sich Herzl eher ein jüdisches Gemeinwesen als einen Staat vor. Eine Art Kollektiv, in dem das Beste aus Europa übernommen werden soll, zum Beispiel im Bereich der Kultur. Die Araber in Palästina hält Herzl in der Mehrzahl für unzivilisiert – ein rassistischer Blick, der von der in Europa damals üblichen kulturellen Überheblichkeit zeugt. Herzl ist aber überzeugt davon, dass die europäischen Juden im Staate Zion Kulturarbeit leisten würden.

    Zwei Jahre vor seinem Tod mit nur 44 Jahren beschreibt Herzl in seinem Roman "Altneuland" seinen Traum von einem Staat ohne Militär, in dem Juden und Nichtjuden völlige Gleichheit genießen, in dem auch die Araber begeistert sind von einem jüdischen Gemeinwesen. Dabei wird deutlich: Theodor Herzl ist kein Staatsmann. Er ist ein Visionär. Und Vertreter einer Utopie.

    In diesem Zeitzeichen erzählt Almut Finck:

    • Wie Herzl früh aus seinem Traum von der Assimilation erwacht,
    • dass er sein Programm "Der Judenstaat" wie im Rausch schrieb,
    • dass er über seine Vision sogar mit dem Papst sprach,
    • warum er Paris, Rom oder Florenz neu aufbauen wollte,
    • was man Theodor Herzl aus heutiger Sicht vorwerfen kann.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
    • Michael Brenner (Historiker)
    • Avineri, Shlomo: Theodor Herzl und die Gründung des jüdischen Staates. Berlin 2016.
    • Brenner, Michael: Geschichte des Zionismus. München 2019.
    • Penslar, Derek: Theodor Herzl. Staatsmann ohne Staat. Eine Biographie. Göttingen 2022.

    Weiterführende Links:
    • Zeitzeichen 13.01.1898: "J´accuse" - In der Dreyfus-Affäre erscheint der offene Brief von Émile Zola
    • Zeitzeichen 14.05.1948: Der Staat Israel wird gegründet
    • Zeitzeichen 16.10.1886: Der israelische Politiker David Ben Gurion wird geboren

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    Die Macherinnen und Macher hinter diesem Zeitzeichen:
    Autorin: Almut Finck
    Redaktion: Carolin Rückl und Frank Zirpins
    Technik: Dirk Olach und Annette Skrzydlo

    15 min
  • Ein Eigentor mit tödlichen Folgen: Der Fußballer Andrés Escobar

    Kolumbien träumt bei der Fußball-WM 1994 vom Titel. Doch dann kommt das frühe Aus - auch wegen Andrés Escobars Eigentor. Wenige Tage später wird er ermordet.



    Anfang der 1990er Jahre gilt Medellín, die zweitgrößte Stadt Kolumbiens, als die gefährlichste Stadt der Welt. Das berüchtigte Kartell um Drogenboss Pablo Escobar geht mit Gewalt gegen alle vor, die sich ihm in den Weg stellen.

    Im Fußball zeigt sich ein anderes Kolumbien: jung, erfolgreich, voller Hoffnung. 1993 sichert sich das Land seinen Platz bei der WM in den USA im Folgejahr. Dort will Kolumbien der Welt zeigen, dass die Zeit der Negativ-Schlagzeilen vorbei ist.

    Doch es kommt anders. Als das Auftaktspiel verloren geht, kippt die Stimmung in Kolumbien. Vor dem zweiten Gruppenspiel gegen die Gastgeber USA erhält das Team Morddrohungen aus der Heimat. Das Spiel wird zur Tragödie. Andrés Escobar, der Abwehrspieler von Atlético Nacional aus Medellín, leitet mit seinem Eigentor die Niederlage ein. Kolumbien ist am Boden. Und auf der Suche nach einem Schuldigen für das frühe Ausscheiden.

    Drei Tage nach dem Ausscheiden reist Andrés Escobar zurück in seine Heimatstadt Medellín - entgegen allen Warnungen. Was dann in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli 1994 genau geschieht, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Klar ist: Auf dem Parkplatz einer Bar eskaliert ein Streit. Ein Mann zieht eine Waffe, es fallen sechs Schüsse. Sie treffen Andrés Escobar.

    Der Schock im Land über die Tat ist groß. Über 100.000 Menschen begleiten seinen Trauerzug, auch Präsident Gaviria würdigt den ermordeten Fußballspieler. Ein Tatverdächtiger wird später wegen Mordes verteilt.

    In diesem Zeitzeichen erzählt Bastian Kaiser:

    • warum der Mörder Escobars schon nach elf Jahren wieder auf freien Fuß kam,
    • welchen Einfluss die Mafia auf die WM-Mannschaftsaufstellung 1994 hatte,
    • dass der letzte Mord im Fußball-Umfeld in Kolumbien erst wenige Monate her ist,
    • wie Andrés Escobar heute in Kolumbien verehrt wird.

    Das sind unsere wichtigsten Interviewpartner:
    • Alejandro Pino Calad (Sportjournalist)
    • Andrés Dávila (Professor für Politikwissenschaft)

    Weiterführende Links:
    • Stichtag 02.12.1993: Drogenkönig Pablo Escobar wird erschossen
    • Youtube: "Die zwei Escobars - Kolumbien, der Fußball und die Drogen" (Trailer zur Dokumentation aus dem Jahr 2010)

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    Autor: Bastian Kaiser
    Redaktion: Matti Hesse
    Technik: Nicolas Dohle

    15 min
  • Schriftsteller, Liebhaberin, Produktivitätswunder: George Sand

    Die am 01.07.1804 geborene Sand trägt Hosen, männliche Pronomen und Männernamen. Sie verfasst 180 Werke. Als Sozialistin setzt sie sich für ein freieres Frankreich ein.



    George Sand wird am 1. Juli 1804 als Aurore Amantine Lucille Dupin geboren. Väterlicherseits stammt sie aus adligem Hause, aber ihre Mutter ist eine einfache Vogelhändlerin aus dem Volk. Als der Vater stirbt, ist Aurore gerade vier Jahre alt.

    Die adlige Großmutter nimmt das Kind zu sich auf das Landschloss Nohant. Die Mutter bleibt in Paris und bekommt das Kind nur bei gelegentlichen Besuchen zu Gesicht.

    George Sand wird eine der berühmtesten und umstrittensten Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts. In Männerkleidung kämpft sie für die Gleichstellung der Frau und hinterlässt mit 180 Bänden ein vielschichtiges literarisches Werk.

    Auch ihre Liebesbeziehungen tragen zu ihrer Berühmtheit bei. So ist sie viele Jahre mit Frédéric Chopin liiert. In dieser Zeit entsteht mit dem Buch "Ein Winter auf Mallorca" über eine gemeinsame Reise dorthin eines ihrer literarischen Meisterwerke.

    Oft wird ihr Leben vor allem auf diese Beziehungen zu berühmten Männern und auch Frauen verkürzt, doch George Sand ist von Anfang an hochbrisant und politisch. In ihren Büchern erobern Frauen sich verbotene Freiräume, wird freie Liebe gelebt oder es werden Menschen als Frauen geboren, aber als Männer aufgezogen.

    In ihren letzten Jahren pflegt sie ihre tiefe Freundschaft zu Gustave Flaubert. Die Korrespondenz der so unterschiedlichen Freunde ist ein anrührendes Zeitzeugnis sowie ein Dokument der Kunstgeschichte. Als George Sand im Juni 1876 stirbt, heißt es von Victor Hugo: "Ich trauere um eine Tote und grüße eine Unsterbliche!" Ihr enger Freund Flaubert schreibt nur: "Sie fehlt mir."

    In diesem Zeitzeichen erzählt Murat Kayı:

    • Womit der französische Ministerpräsident zu George Sands Lebzeiten die arme Pariser Bevölkerung auf die Barrikaden treibt,
    • warum Sands erster Gatte sich als Flop erweist,
    • wieso George Sand nach dem damaligen Eherecht von ihrem Mann mit Geld unterstützt wird, das ihr sowieso schon gehört,
    • wie George Sand zu ihrem Pseudonym findet
    • warum George Sand von der Landbevölkerung "die Gute Dame von Nohant" genannt wird.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
    • Beate Rygiert, Autorin und Musikwissenschaftlerin
    • Dr. Armin Strohmeyr, Literaturwissenschaftler und Autor
    • Beate Rygiert: Die Sprache der Liebe, 2019
    • Armin Strohmeyr: Glauben sie nicht zu sehr an mein satanisches Wesen, Freiburg 2016
    • George Sand: Histoire de ma vie. Frankreich 1855
    • André Maurois: Lélia ou la vie de George Sand. Frankreich 1952

    Weiterführende Links:
    • Planet Wissen: Geschichte des Frauenwahlrechts
    • Stichtag: 01. März 2010 - Vor 200 Jahren: Frédéric Chopin wird geboren

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    Autor: Murat Kayi
    Redaktion: Carolin Rückl und David Rother

    15 min
  • Das erste Opfer der "Bestie des Gévaudan"

    Am 30.6.1794 wird eine junge Bauerntochter in den dichten Wäldern Südfrankreichs tot aufgefunden, grausam zugerichtet - von einem Riesen-Wolf? Etwa 100 weitere Opfer folgen und ein Schreckensmythos entsteht...



    Mitte des 18. Jahrhunderts versetzt eine mysteriöse Kreatur die Menschen im abgelegenen Gévaudan in Angst und Schrecken. Diese Region im Süden Frankreichs, geprägt von dichten Wäldern und schroffen Felsen, ist Schauplatz einer grausamen Serie von Angriffen. Innerhalb von drei Jahren werden hier mehr als 100 Menschen, vor allem Frauen und Kinder, Opfer einer Bestie, deren wahre Natur bis heute Rätsel aufgibt.

    Augenzeugen berichten von einer Mischung aus Wolf, Leopard und Bär. Der Fantasie – und Angst - scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Regierung und Kirche nutzen die Panik, um ihre Macht zu festigen. Dragoner und Jäger werden entsandt, der Bischof von Mende erklärt, die Bestie sei eine Strafe Gottes.

    Erst drei Jahre später gelingt es dem örtlichen Jäger Jean Chastel schließlich, ein ungewöhnlich großes Tier zu erlegen. Die Angriffe hören auf, doch das Mysterium bleibt: War es ein übergroßer Wolf, ein hybrides Raubtier oder sogar das Ergebnis menschlicher Intrigen?

    In diesem Zeitzeichen erzählt Herwig Kratzer:

    • wie die Presse die Angst der Menschen schürt und die Bestie zum nationalen Gesprächsthema macht
    • warum der Bischof von Mende die Situation weiter anheizt,
    • wie hunderte von Soldaten und Jäger vergeblich versuchen, die Bestie zu erlegen,
    • warum die Rolle des Jägers, der die Bestie schließlich erlegt, Fragen aufwirft,
    • und wie die wahre Natur der Bestie und die Hintergründe der Angriffe bis heute Rätsel bleiben.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen:
    • Utz Anhalt, Serienmörder der Geschichte. Die Bestie vom Gevaudan. In: Karfunkel. Zeitschrift für erlebbare Geschichte. Band 97, 2011, S. 24–31.
    • Jay M. Smith, Monsters of the Gévaudan. The Making of a Beast, London 2011.
    • Richard H. Thompson, Wolf-Hunting in France in the Reign of Louis XV. The beast of the Gevaudan, New York 1992.

    Und sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
    Dr. Utz Anhalt, Historiker und Autor;
    Jean Paul Chabrol, Historiker

    Weiterführende Links:
    • Karl-Hans Taake, Vom „Bauernschreck“ der Lavanttaler Alpen bis zu den französischen „Bestien“, in: Zeitschrift für Anomalistik, Band 22 (2022), S. 136–155.

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    Autor: Herwig Katzer
    Redaktion: David Rother

    14 min
  • Übergabe des römisch-deutschen Königs Otto III. an dessen Mutter

    Heinrich der Zänker hatte ihn zuvor in seiner Hand, es geht um die Macht im Reich. Da ist Otto III. drei Jahre alt. Am 29.6.984 wird er an seine Mutter übergeben.



    Ende des 10. Jahrhunderts sind die Zeiten unruhig. Kaiser Otto II. will wenigstens für die Zukunft etwas Gutes auf den Weg bringen. Deshalb lässt er in Verona seinen kleinen Sohn zum König wählen: Otto III.

    Ohne Vater und Mutter tritt der Kleine in Begleitung zweier Erzbischöfe die Reise gen Norden an. Weihnachten 983 wird der Dreijährige in Aachen zum König gekrönt und gesalbt. Doch dann bringt ein Bote aus Rom die Nachricht vom Tod Ottos II.

    Es ist ein Rätsel, warum die Mutter Theophanu nicht zu ihrem Sohn eilt. Stattdessen geht Heinrich der Zänker als nächster männlicher Verwandter selbstverständlich davon aus, dass der kleine König unter seine Fittiche gehört. Vielleicht hegt er aber auch die Hoffnung, auf diesem Weg irgendwann selbst König zu werden.
    Die Ottonen hingegen wollen die Nachfolge des ältesten Sohnes durchsetzen: Auf Otto den I. folgt sein ältester Sohn Otto II.. Der lässt seinen Sohn Otto III. krönen.

    Monate später kommt es im thüringischen Rara bei Meiningen zum Showdown. Königshof und Kloster sind überfüllt von den Anhängern Theophanus und Adelheids, die alle dem Kind-König die Treue geloben und bereit sind, dafür zu kämpfen. Heinrich der Zänker kommt ebenfalls mit einer großen Zahl Getreuer, muss aber einsehen, dass er einen militärischen Konflikt nicht gewinnen kann und übergibt Otto III. an dessen Mutter.

    In diesem Zeitzeichen erzählt Maren Gottschalk:

    • dass das Ritual von Salbung und Krönung sicherlich nicht kindgerecht war,
    • warum im 10. Jahrhundert das Kindeswohl in Königshäusern keine Priorität hat,
    • wie Heinrich der Zänker den kleinen König als Faustpfand nutzt,
    • warum ein Himmelszeichen zwar einen schönen Effekt hat, Heinrich der Zänker aber durch etwas ganz anderes zum Einlenken gebracht wird.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
    • Prof. Dr. Bernd Schneidmüller, Seniorprofessor an der Universität Heidelberg
    • Bernd Schneidmüller, Stefan Weinfurter (Hrsg.): Otto III. – Heinrich II. Eine Wende? (Mittelalter-Forschungen. Band 1). Thorbecke. Sigmaringen 1997.
    • Ekkehard Eickhoff: Kaiser Otto III. Stuttgart 1999.
    • Gerd Althoff: Otto III. WBG-Bibliothek. Darmstadt 1996.

    Weiterführende Links:
    • Zeitzeichen: 14.04.972 - Otto II. heiratet Prinzessin Theophanu
    • Stichtag: 15. Juni 991 - Kaiserin Theophanu stirbt in Nimwegen

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    Autorin: Maren Gottschalk
    Redaktion: Matti Hesse
    Technik: Sascha Schiemann

    15 min
  • 28.06.1969: Stonewall-Unruhen prägen den Christopher Street Day

    Bei einer Razzia in einer New Yorker Bar widersetzen LGBTQ-Personen sich der Polizei. Es folgen tagelange Straßenkämpfe - und ein jahrzehntelanger Kampf um Anerkennung.



    Wenige Stunden nachdem viele schwule Fans Judy Garland – eine Ikone der queeren Community – zu Grabe getragen haben, treffen sie sich im "Stonewall Inn". Die Bar in der Christopher Street ist eine der wenigen Kneipen für queere Menschen in New York. Dass es überhaupt einen Treffpunkt für queere Menschen gibt, gefällt im konservativen Amerika der 1960er Jahren vielen nicht. Und so kommen auch in der Nacht zum 28. Juni 1969 wieder einmal Polizisten ins "Stonewall Inn", um die Feiernden zu schikanieren. Nichts Neues für die queere Community. Nur diesmal ist die Stimmung in der Bar aufgeheizter.

    Und draußen tobt bereits ein Kampf, von dem nicht klar ist, wer genau ihn begonnen hat. Aber in dieser Nacht entlädt sich eine lange aufgestaute Wut. Steine und Flaschen fliegen auf Polizisten und es gelingt den Demonstrierenden, Gefangene aus den Polizeitransportern zu befreien. Es sind vor allem queere Latinos und Schwarze, die genug haben von den oft rassistischen, schwulenfeindlichen Drangsalierungen der Polizei. 

    Die Unruhen in der Christopher Street ziehen sich über mehrere Tage hin, immer mehr Menschen schließen sich den Protesten an. Es ist die Geburtsstunde für eine weltweite LGBTQ+-Bewegung für Gleichberechtigung und Akzeptanz – ein Kampf, der bis heute anhält.

    In diesem Zeitzeichen erzählt Christiane Kopka:

    • von der Verfolgung der Schwulen im Nationalsozialismus, die nach Kriegsende anhält,
    • über den Paragraf 175 im bundesdeutschen Strafgesetzbuch, der Homosexualität bis 1969 unter Strafe stellt und erst 1994 endgültig abgeschafft wird,
    • vom Versteckspiel und dem damit verbundenen Leid vieler Homosexueller, weil sie sich nicht outen konnten,
    • warum heute weltweit der CSD, der Christopher Street Day, als buntes Protest-Fest begangen wird,
    • dass die Gewalt gegen queere Menschen zuletzt wieder zugenommen hat.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
    • Heiner Schulze (Sozialwissenschaftler, Schwules Museum Berlin)
    • Reinhard Schmidt (Düsseldorf, Aktivist, Mitbegründer der ersten deutschen Schwulengruppe)
    • Reinhard Schmidt (Hrsg.): HAG Homosexuelle Aktionsgruppe Bochum: Beginn der homosexuellen Emanzipation im Jahr 1970. 2021
    • Linus Giese (Hrsg.): Pride! Eine kurze Geschichte der LGBTQ+-Bewegung. München. 2022
    • Erinnerung, Sichtbarkeit und Emanzipation: Christopher Street Days (Regenbogenportal)

    Weiterführende Links:
    • Deutschlands erste Schwulen-Demo in Münster
    • "Schwulen-Paragraph" wird abgeschafft
    • Ehe für alle wird eingeführt
    • Unterzeichnung des Lebenspartnerschaftsgesetz
    • Geburtstag Judy Garland

    Audiothek-Tipp:
    Zeitreise in die Münchner Disco-Ära der 80er Jahre. Plötzlich ist von einem neuen Virus die Rede. Die queere Szene erlebt Angst, Unwissenheit und Ausgrenzung. Der Podcast "I will survive" erzählt den Kampf gegen die AIDS-Krise und was heute daraus geworden ist.

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    Autorin: Christiane Kopka
    Redaktion: Carolin Rückl und Frank Zirpins
    Technik: Theo Kramer

    16 min
  • Ohne ihre Melodie keine Geburtstagsparty: Mildred Hill

    Am 27.6.1859 wird Mildred Hill geboren: die Musiklehrerin, die ein Morgenlied für einen Kindergarten komponiert. Als Geburtstagssong "Happy Birthday" erobert es von Kentucky aus die Welt.



    Die Schwestern Mildred J. Hill und Patty Smith Hill arbeiten im "Louisville Experimental Kindergarten". Was heute weltweit als "Happy Birthday to You" bekannt ist, komponiert Musiklehrerin Mildred ursprünglich als Begrüßungslied für den Kindergarten. Patty schreibt den ursprünglichen Text "Good Morning to All".
    Ein Jahr später ergibt es sich bei einer Geburtstagsfeier, dass Patty das Lied in das heute gesungene Happy Birthday umtextet. Das Lied geht um die Welt, denn es ist betörend einfach - bis auf eine kleine Stelle.
    Es ist der für Selten- oder Hobbysänger gefürchtete Oktavsprung, der Sprung über acht Töne beim dritten "Happy Birthday" im Liedchen. An ihm scheitert das melodische Ständchen oftmals und wird ziemlich schräg.
    Derartige Probleme hat die Schauspielerin Marilyn Monroe 1962 hörbar nicht, als sie dem damaligen US-Präsidenten John F. Kennedy das Ständchen ins Mikrophon haucht.
    Nach dem Tod der Schwestern Hill sichern sich nacheinander zwei Musikverlage die Rechte an dem Stück und verlangen Geld für die öffentliche Nutzung zum Beispiel in Filmen oder Werbung.
    Erst 2015 wird das Lied gerichtlich zum Allgemeingut erklärt, das jeder kostenfrei verwenden darf. Der Musikverlag Warner Chappell willigt in einen Vergleich ein und zahlt 14 Millionen Dollar an diejenigen zurück, die das Lied öffentlich genutzt hatten.

    In diesem Zeitzeichen erzählt Irene Geuer:

    • Warum Morgenlieder für hibbelige Kindergartenkinder ein wichtiges Ritual sind,
    • warum viele Filmemacher lange Zeit lieber "For He’s a Jolly Good Fellow" als "Happy Birthday" nutzen,
    • warum in Deutschland länger für die öffentliche Nutzung des Liedes bezahlt werden muss als in den USA,
    • warum wir überhaupt Geburtstag feiern.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
    • Jürgen Terhag, Professor em. für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Tanz Köln.
    • Jeremy Gartner, Medienanwalt, Köln.
    • Stefan Heidenreich, Kunst- und Medienwissenschaftler, Berlin, Buchautor
    • Stefan Heidenreich: Geburtstag. Wie kommt es, dass wir uns selbst feiern, Carl Hanser Verlag, 2018.

    Weiterführende Links:
    • Stichtag: 01. Juni 2006 - Vor 80 Jahren: Norma Jean Baker in Los Angeles geboren
    • Planet Wissen: John F. Kennedy

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    Autorin: Irene Geuer
    Redaktion: Christoph Tiegel und David Rother

    14 min
  • Am 26.6.1284: Der Rattenfänger entführt die Kinder von Hameln

    Ein Märchen - oder ein Mord? Oder reden wir über junge Auswanderer? Das Zeitzeichen geht der Geschichte um den legendären Rattenfänger von Hameln nach...



    Die Geschichte geht so: Ein Mann kommt nach Hameln, vertreibt auf Wunsch der Bürger mit seiner Flöte Ratten und Mäuse aus der Stadt. Doch statt ihm wie versprochen zu entlohnen, jagen sie den Fremden weg. Der rächt sich und kommt am 26. Juni 1284 zurück in die Stadt. Nur dieses Mal zieht er mit seiner Flöte keine kleine Nager in seinen Bann, sondern verschwindet mit 130 Kindern auf Nimmerwiedersehen durch das Osttor der Stadt.

    Über den Wahrheitsgehalt der Legende wird seit Jahrhunderten spekuliert. Die einen sind Anhänger der Vertuschungs-Theorie: Die Jugend der Stadt habe zu ausschweifend gefeiert und musste gezüchtigt werden. Dabei sei es entweder zu geplanten Morden oder einem ungewollten Unglück gekommen. Andere vermuten eine freiwillige Auswanderung gen Osten, wie sie seinerzeit nicht unüblich war.

    Doch bis heute fehlen klare Beweise, die Indizienlage ist dünn. Steckt hinter dem Rattenfänger ein jahrhundertealter Cold Case oder nur heiße Luft? Wie auch immer, Hameln lebt ganz gut vom Mythos des Rattenfängers.

    In diesem Zeitzeichen erzählt Ralph Erdenberger:

    • welche Hinweise eine Inschrift zum Verbleib der Kinder gibt,
    • warum sie möglicherweise freiwillig einem Fremden gefolgt sein könnten,
    • ob Ratten überhaupt auf Musik reagieren und dem Mann mit der Flöte gefolgt sein können,
    • welche Rolle ein um Sittlichkeit bemühter Graf gespielt haben könnte,
    • was hinter der "Teufelsküche" steckt.

    Das sind unsere wichtigsten Quellen und Interviewpartner:
    • Michael Boyer, spielt den Rattenfänger von Hameln
    • Gernot Hüsam, Heimatforscher
    • Dr. Jürgen Udolph, Institut für Namensforschung, Leipzig
    • Erik Schmolz, Umweltbundesamt

    Weiterführende Links:
    • Stichtag zum Rattenfänger von Hameln

    Unser Audiothek-Tipp:
    The Belles - eine Fantasy-Hörspiel-Serie nach Dhonielle Clayton

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    Die Macherinnen und Macher hinter diesem Zeitzeichen:
    Autor: Ralph Erdenberger
    Redaktion: David Rother

    15 min

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