Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Immer mehr von dir, immer mehr. Immer mehr sein wie du, immer mehr. Immer mehr deine Worte verstehen, deine Werke tun, o Herr, immer mehr.
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Heute ist Reformationsfest. Und Tauffest. Zwei Personen wurden heute hier getauft. Ganz unterschiedlich:
Finn ist noch ein kleiner Junge. Seine Eltern sind zu uns gekommen und haben darum gebeten, dass er getauft wird. Finn hat dafür nichts getan. Finn ist dafür auch noch viel zu klein. Wünsche und Träume haben viele für sein Leben, aber was daraus wird, liegt noch in einer unbekannten Zukunft. Das macht aber gar nichts. Bei der Taufe gibt Gott Finn ein Versprechen -- völlig ohne dass Finn dazu irgendetwas beitragen möchte. "Fürchte dich nicht", sagt Gott. "Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Finn, du bist mein." Und: "Siehe ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende." Weil Gott Finn dieses Versprechen gibt, nehmen wir ihn mit der Taufe auf in die weltweite Gemeinschaft derer, die zu Jesus Christus gehören. Kirche, nennt man die.
Katharina ist von selbst gekommen. Sie ist viel älter als Finn, schon Anfang 20. Mit dem christlichen Glauben hat sie in der Schule Berührung gehabt, aber nicht lange. Nur ein paar Jahre hat sie den Religionsunterricht besucht, dann war Ethik interessanter. Konfirmiert ist sie nicht. Seit ein paar Jahren arbeitet sie beim Waldheim mit und sie hat sich daraus Gedanken gemacht, was der Glaube eigentlich für sie bedeutet. Ganz bewusst hat sie sich entschlossen, sich am Sonntag taufen zu lassen. Auch Katharina macht Gott ein Versprechen. "Fürchte dich nicht", sagt Gott. "Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Katharina, du bist mein." Und: "Siehe ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende." Weil Gott Katharina dieses Versprechen gibt, nehmen wir sie mit der Taufe auf in die weltweite Gemeinschaft derer, die zu Jesus Christus gehören. Kirche, nennt man die.
Immer mehr von dir, immer mehr. Immer mehr sein wie du, immer mehr. Immer mehr deine Worte verstehen, deine Werke tun, o Herr, immer mehr.
Das ist ein Liedtext. Ein Lied, das die Waldheimmitarbeiter gerne singen. Katharina hat es sich für ihre Taufe gewünscht. Und wir werden es am Sonntag singen.
Immer mehr von dir, immer mehr. Immer mehr sein wie du, immer mehr. Immer mehr deine Worte verstehen, deine Werke tun, o Herr, immer mehr.
Ein Wunsch für die Zukunft. Für den weiteren Weg mit Jesus, für Katharina genauso wie für Finn. Ein Wunsch, dass die Taufe nicht nur ein einmaliges Erlebnis bleibt, von dem man dann auf alten Bildern noch Spuren entdeckt. Dass die Taufe ein Startpunkt ist auf einem Weg, der weitergeht, mit einem wachsenden Glauben, mit einer Begeisterung für Jesus und vielen spannenden, lebensverändernden Begegnungen mit dem, der versprochen hat, in jedem Augenblick dabei zu sein. Bis ans Ende der Welt.
Immer mehr von dir.
Was heißt eigentlich "mehr"? Wie wächst man denn in diesem Glauben und wie kommt man vorwärts auf diesem Weg mit Jesus?
Immer mehr von dir.
Finn ist 2 Jahre alt. In 12 Jahren, so hoffe ich, erscheint er wieder einmal in einem besonderen Gottesdienst in der Pauluskirche. "So frage ich euch", wird dann ein Pfarrer oder eine Pfarrerin zu ihm und den anderen Jugendlichen sagen, "Wollt Ihr im Glauben annehmen, was der Herr in der Taufe Euch geschenkt hat? Der versprochen hat, Euer Licht zu sein, Euch zu halten und zu begleiten, auf allen Euren Wegen? Dann sprecht dazu: Ja, Gott helfe uns. Amen" "Ja, Gott helfe mir. Amen", wir Finn dann, hoffe ich, von ganzen Herzen sprechen können. Konfirmation. Bestätigung. Ein eigener, mündiger Glaube, der auch formuliert werden kann als Antwort auf das Versprechen in der Taufe.
Katharina wird keine Konfirmation mehr feiern. Für sie ist die Taufe bereits der Moment, wo sie ihrem Glauben Ausdruck verleiht. "Willst du auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft werden?", werde ich sie am Sonntag fragen. Ihre Antwort ist gleichzeitig Glaubensbekenntnis. Weil da schon etwas gewachsen ist, in diesen letzten Jahren im Waldheim und drum herum, was den Wunsch zur Taufe überhaupt erst ausgelöst hat.
Immer mehr von dir.
Was heißt den jetzt mehr? Ist bei Katharina mehr als bei Finn? Ist das "besser" so?
Und was kommt nach der Taufe -- für beide, für Katharina, und für Finn? Was ist da "mehr"?
Wenn ich mich hier im Raum umschaue, sind alle hier älter als Katharina und Finn. Wenn man das Leben sozusagen "von hinten her" anschaut, sieht manches ganz anders aus.
Immer mehr von dir.
Was ist denn dieses "mehr"? Zeigt es sich im Leben? War da Wachstum, Vorwärtskommen, mehr von ihm?
Wann hat man denn "mehr"? Und ist "mehr" jemals auch "genug"?
Immer mehr von dir.
Vor fast 2.000 Jahren hat der Apostel Paulus auf seiner ersten Reise durch Kleinasien eine Reihe von neuen christlichen Gemeinden hinterlassen. Begeistert hat er überall von Jesus Christus erzählt, in dem Gott sich uns zuwendet und uns freundlich anschaut. Viele haben sich von seiner Begeisterung anstecken lassen. Auch ihnen hat Gott in der Taufe ein Versprechen gemacht: "Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Und: "Siehe ich bin bei dir alle Tage bis an der Welt Ende." Auch sie sind Teil der großen, weltweiten Gemeinschaft der Kirche geworden, derer, die zu Jesus Christus gehören.
Immer mehr von dir.
Paulus war noch gar nicht lange weg, da bekam dieser Wunsch eine konkrete Antwort. "Mehr von Gott" sei dringend nötig, hörte man da. Das Versprechen Gottes in der Taufe sei ja nur der erste Schritt. Nun sei es an der Zeit, selbst tätig zu werden und den eigenen Glauben mit sichtbarem Inhalt zu füllen. Die Anleitung dafür fand man in den Gesetzestexten der hebräischen Bibel. Konkretes Zeichen dafür war -- zumindest für Männer -- die Beschneidung: seit jeher das Zeichen des Bundes Gottes mit dem Volk Israel. Daran ließ sich ja schon immer festmachen, wer dazugehörte und wer nicht.
Immer mehr von dir, immer mehr.
Die nächsten Schritte lagen doch auf der Hand!
Und seither sind zwar 2.000 Jahre vergangen, aber Christenmenschen auf der ganzen Welt sind nicht müde geworden, diesem "mehr" konkrete Formen zu geben, an denen man es fassen, gar messen wollte, ob und wie viel jemand "mehr von Gott" in seinem Leben hatte. Wer sich ein "echter Christ" nennen könne und wer nur eine Karteileiche sei, der im besten Fall noch sonntags die Kirchenbank warmhalte. Beschneidung ist schon lange kein Thema mehr. Dafür finden sich immer wieder neue Kriterien, wie man "mehr von dir" zu leben habe.
Immer mehr von dir, immer mehr.
Mehr. Mehr.
Das kennen wir ja schon, aus ganz anderen Bereichen. Aus der Schule, aus der Arbeitswelt. Überall in unserer Gesellschaft nehmen Menschen einen zunehmenden Leistungsdruck wahr.
Mehr. Mehr.
Da nehmen dann schon Abiturienten konzentrationsfördernde Drogen und beruhigende Medikamente, um überhaupt mithalten, dem Druck standhalten zu können.
Mehr. Mehr.
Immer mehr von dir.
Ist das das, was Gott will?
Immer mehr von dir?
Mehr. Mehr.
Schon damals kam das relativ bald dem Paulus zu Ohren und gab Anlass, zu einem seiner schärfsten Briefe, die im Neuen Testament erhalten sind. Eindringlich erinnert Paulus die Christ:innen in Kleinasien sechs Kapitel lang an die Grundlagen ihres Glaubens. Auch wir müssen -- nein: dürfen -- das heute wieder neu hören. Aus dem fünten Kapitel des Galaterbriefs:
Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen! Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, so wird euch Christus nichts nützen. Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist. Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, aus der Gnade seid ihr herausgefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die wir hoffen. Denn in Christus Jesus gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist. (Galater 5,1-6)
Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Wer sich Zwänge eines "mehr" aufbinden lässt, "hat Christus verloren."
Aus der Gnade herausgefallen. Gnade, das heißt "unverdiente Zuwendung." Gnade ist genau das, was wir erleben, wenn Gott sein "Ja" schon in der Taufe spricht, ohne dass von unserer Seite dazu eine Leistung nötig wäre.
Sola gratia, heißt das bei Martin Luther. Allein aus Gnade sind wir gerettet, gehören wir zu Gott.
In Christus gilt der Glaube. Glaube ist das Vertrauen auf das Versprechen, auf das "Ja", das Gott uns bereits gegeben hat.
Sola fide, heißt das bei Martin Luther. Allein durch den Glauben sind wir gerettet, gehören wir zu Gott.
Sola. Allein. Ausschließlich. Kein mehr in Sicht.
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Immer mehr von dir, immer mehr. Immer mehr sein wie du, immer mehr. Immer mehr deine Worte verstehen, deine Werke tun, o Herr, immer mehr.
Ich kann dieses Lied heute überzeugt mitsingen. Weil ich es für wahr halte. Weil ich überzeugt bin, dass es "mehr" gibt, dass "mehr" uns gut tut und weil ich mich selbst nach "mehr" sehne.
Immer mehr VON DIR.
Von Dir. Von Christus. Von dem, der "mir meine Schulden verliebt."
Immer mehr VON DIR.
Was heißt das denn? Paulus hat darauf eine Antwort:
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit!" "Immer mehr von dir", heißt, als mündiger Christ im Glauben, also im Vertrauen auf Gottes feste Zusage, täglich mehr hineinzuwachsen in diese Freiheit, die Gott mir gibt. In eine Freiheit, in der es keine Kriterien gibt, an denen ich mich messen lassen muss, um zu wissen, ob ich schon als "wahrer Christ" gelten darf und ob Gott Gefallen an mir findet. Diese Fragen sind längst beantwortet und ihre Antwort liegt einzig und allein in Jesus Christus, der alles dafür getan hat. Gott selbst hat mir diese Antwort in der Taufe zugesprochen und niemand kann daran etwas ändern. Das heißt "sola gratia" und "sola fide". Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Überall, wo diese Freiheit eingeschränkt wird durch ein "mehr", das Menschen einfordern und messen wollen, ist es das Evangelium selbst, das eingeschränkt wird. Überall dort muss Paulus' Warnung neu gelesen werden. Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Gottes Freiheit ist die Freiheit nicht zu müssen. Kein neues, frommes Hamsterrad.
Gottes Freiheit ist die Freiheit, vertrauen zu dürfen. Glaube. "Sola fide", würde Martin Luther sagen. "Allein durch den Glauben." Und nicht einmal dieser Glaube ist etwas, was ich irgendwie "liefern" muss. Glaube ist ein Geschenk Gottes, der aus dem Hören des Evangeliums wächst, dieses wahren Schatzes der Kirche -- dem Evangelium von der Freiheit.
Zur Freiheit hat uns Christus befreit.
Davon möchte ich gerne mehr. Jeden Tag.
Immer mehr von dir, immer mehr.
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Natürlich findet diese Freiheit auch ihre sichtbaren Ausdrucksweisen. "In Christus Jesus gilt ... der Glaube, der durch die Liebe tätig ist". Wo Menschen im Vertrauen auf Gott in Freiheit leben, da zeigt sich das gerade darin, dass sie die erlebte Liebe Gottes an andere Menschen weitergeben. Das Grundvertrauen des Glaubens, die unverdiente Zuwendung Gottes und das Geschenk der Freiheit, dass er mir gibt, verändern mich. Das sieht man dann -- ganz unterschiedlich, wie die Liebe eben ihren Ausdruck findet. Glaube, Gnade und Freiheit bleiben nicht ohne Folgen. Aber genau das ist es eben: Folgen! Nicht Bedingungen! Nicht Voraus-setzungen. Nichts, was Gott oder Menschen messen, um daran zu bestimmen, was "mehr" nun ist und was nicht. Folgen.
Meine Freiheit findet ihren Ausdruck in der Liebe.
Da geht es nicht mehr um müssen, um Bringschuld, um Anspruch. Liebe geschieht da, wo der Glaube, den Gott mir schenkt, sich ganz natürlich bemerkbar macht. Das kommt von innen, von Herzen, und nicht von einer To Do-Liste, wo nun halt auch noch "Liebe zeigen" draufsteht.
Liebe und Freiheit und Glaubensvertrauen sind ganz eng miteinander verbunden.
Meine Freiheit findet ihren Ausdruck in der Liebe.
Davon möchte ich gerne mehr. Jeden Tag.
Möge Gott sie wachsen lassen, wie er mir den Glauben schenkt.
SO will ich singen:
Immer mehr von dir, immer mehr. Immer mehr sein wie du, immer mehr. Immer mehr deine Worte verstehen, deine Werke tun, o Herr, immer mehr.
Und gleich dazu: Allein deine Gnade genügt.
Amen.