Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in Tailfingen,
In 40 Tagen seid ihr tot.
Amen.
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Geliebte Gottes in Tailfingen,
Da steckt eine Einladung drin. Habt ihr die gehört?
Ihr lacht.
Natürlich gab es da eine Einladung. Klar, nicht in diesem einen Satz, "In 40 Tagen seid ihr tot."
Davor.
Im sogenannten "Kanzelgruß". Ich verwende ja immer denselben: "Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!" Und weil man schon weiß, dass Pfarrer:innen nach dem Aufstieg zur Kanzel irgend so eine Formel aufsagen, hört man vielleicht schon gar nicht mehr so genau hin. Dabei steckt da so viel Evangelium drin. Gute Nachricht. Befreiende Nachricht. Ermutigende Zusage Gottes. Er schenkt uns Gnade. Das heißt, er wendet sich uns zu, ob wir es verdient haben, oder nicht. Er will uns Frieden geben. Das ist doch das, wonach wir uns so sehr sehnen in diesen Tagen. Gott begegnet uns als Vater -- nicht als Richter, schon gar nicht als Henker, sondern als Vater. Liebevoll. Voll Gnade. Mit Frieden. Schalom. Wohlergehen. Heil, das "heil macht." Er begegnet uns in Jesus, wird Mensch, einer wie wir. "Für uns und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen." Und dieser Mensch Jesus ist sein Christus, für uns gestorben und auferstanden. Neues Leben. Der Tod überwunden. Das Böse besiegt. Sein Reich kommt mit Friede, Gerechtigkeit und Freude.
Geliebte Gottes in Tailfingen -- auch das ist ein Teil der Einladung. Geliebte Gottes in Tailfingen, hört ihr, was da alles drinsteckt?
Deshalb, noch einmal:
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Bei Jona gibt es keinen Kanzelgruß. Seine Botschaft ist einfach. Und verstörend.
"Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen."
Punkt.
Kein Aufruf zur Umkehr. Kein Verhandlungsspielraum für Reue. Keine zweiten Chancen. Kurz: Keine Einladung.
"Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen."
Punkt.
In vierzig Tagen seid ihr tot.
Jona -- over and out.
Ich will es gleich vorausschicken: Ich glaube nicht, dass es diesen Jona in dieser Form gegeben hat. Die Bibel erwähnt Jona Ben Amittai einmal, außerhalb des Jonabuchs. Das zweite Buch der Könige (2. Könige 14,25) nimmt auf den ansonsten unbekannten Propheten aus Gat-Hefer im Norden Israels in einem einzigen Vers kurz Bezug. Gelebt und gewirkt hat er wohl zur Zeit Jerobeams II., im 8. Jahrhundert vor Christus. Was er genau getan und gesagt hat, das weiß längst niemand mehr. Jedenfalls war seine eine kurze Erwähnung aber genug, dass Jahrhunderte später anonym gebliebene Verfasser aus dem Kreis der Bibelgelehrten Israels mit einem kleinen, aber enorm schlauen Stück Literatur an genau diese Figur aus dem 8. Jahrhundert anknüpfen. Eine Lehrerzählung schreiben sie, verpackt in eine nette Geschichte, die man bis heute auch Kindern erzählen kann, die aber viel mehr zum Nachdenken für erwachsene Gläubige taugt. Wer das weiß, der kann aufhören, sich mit der Frage nach dem Verdauungssystem von Meeressäugetieren und den Überlebenschancen eines im Sturm vom Wal verschluckten zu beschäftigen und sich dem zuwenden, was das kleine Prophetenbuch wirklich sagen will. Ein Stück weit will ich das heute mit euch tun. Ich empfehle euch aber, zu Hause einmal das Ganze zu lesen und weiter darüber nachzudenken.
"Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen."
Bei Jona gibt es keine Einladung.
In vierzig Tagen seid ihr tot.
Und das ist irgendwie verständlich. Nach Ninive schickt Gott den Propheten in der Geschichte.
Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. (Jona 1,1-2)
Nach Ninive.
Ninive. Allein das Wort löst Zittern aus.
Ninive. Im heutigen Irak gelegen, im Gebiet der heutigen Stadt Mossul, war die antike Großstadt einst das Zentrum des mächtigen assyrischen Großreichs. Von dort kamen sie mit ihren Armeen und Streitwagen. Sie plünderten und mordeten, brandschatzten und vergewaltigten. Ein Land nach dem anderen fiel vor ihrem Heer. Eine Stadt nach der anderen legten sie in Trümmern. Selbst große Herrscher kamen ins Zittern, mussten sich ergeben. Ganze Ländern wurden zu Vassallenstaaten, mit Abgaben ausgepresst bis aufs Blut. Wer sich weigerte, oder nicht zahlte, der wurde erobert, besiegt und weggeführt. So ging es dem einst stolzen Nordreich Israel, kaum 100 Jahre nach der Lebzeit des wahren Jona Ben Amittai. 10 Stämme Israels, für immer von der Landkarte verschwunden.
Zur Zeit, als das kleine Buch geschrieben wird, sind die Assyrer längst Geschichte. Andere kamen nach ihnen, die nicht besser waren: Kleine Länder wie das Südreich Juda, der verbleibende Teil Israels, hatten immer unter den Mächtigen zu leiden. Nach den Assyrern kamen die Babylonier. 587 legte deren König Nebukkadnezar Jerusalem in Trümmer, führte große Teile des Volkes mit sich ins Exil -- das große Trauma Israels. Nach den Babyloniern kamen die Perser, dann die Griechen unter Alexander dem Großen. Immer gab es Gewalt. Immer gab es Mächtige, die andere ausbeuteten und bluten ließen. Immer neu gab es furchtbares Leid. Nur die Namen der Feinde wechselten. Das System nie.
Die Assyrer waren zum Symbol geworden, für alles das. Und Ninive: das Zentrum des Bösen.
Es geschah das Wort des HERRN zu Jona, dem Sohn Amittais: Mache dich auf und geh in die große Stadt Ninive und predige wider sie; denn ihre Bosheit ist vor mich gekommen. (Jona 1,1-2)
Nach Ninive. Das kann nicht dein Ernst sein, Herr!
Nach Ninive. Wer Tolkiens "Herr der Ringe" kennt, der sieht jetzt Bilder von Mordor vor seinem geistigen Auge.
Nach Ninive.
Stell dir vor, Gott meldet sich bei dir heute morgen und "sein Wort geschieht zu dir": "Geh nach Moskau, in den Kreml und sag Wladimir Putin die Meinung, weil sein Angriffskrieg in der Ukraine vor mich gekommen ist." Oder: "Geh nach Nordkorea, zu Kim Jong Un, und sag ihm, dass ich unzufrieden damit bin, wie er sein Volk behandelt."
Alles klar? Gute Reise.
Nein: Nach Ninive?
Kein Wunder, dass Jona sofort zum Hafen rennt und eine Passage auf dem nächsten verfügbaren Schiff bucht. Nach Tarsis. In die Gegenrichtung. So weit weg wie nur möglich.
Ich habe den Verdacht, das hätten wir auch gemacht.
Wahrscheinlich kennt jeder, der hier aufgewachsen ist und nur ein wenig Berührung mit biblischen Geschichten hatte, den weiteren Verlauf: Der große Sturm; das Entsetzen der Seeleute; Jona der über Bord geworfen und vom Wal verschluckt wird. Aus der tiefsten Tiefe ruft er zu Gott um Hilfe und wird -- o Wunder -- unversehrt wieder ausgespuckt. An Land.
Und damit sind wir im dritten Kapitel angekommen. Wieder dieselben Worte: "Und es geschah das Wort des Herrn zum zweiten Mal zu Jona: Mach dich auf, geh in die große Stadt Ninive und predige ihr, was ich dir sage!" (Jona 3,1-2).
Diesmal geht der Prophet. Wie, das wissen wir nicht. Wahrscheinlich mit zitternden Knien. Mit dem Herz in der Hose. Irgendwie kratzt er sein letztes bisschen Mut zusammen und geht, Schritt für Schritt, hinein in die Höhle des Löwen. Und predigt. Kürzer als je ein Pfarrer oder eine Pfarrerin gepredigt hat. Einen einzigen Satz bringt er heraus. Ich glaube, mehr war einfach nicht drin. Mehr hat er nicht geschafft. Genau dafür hat seine Courage gereicht: Rein in die riesige Stadt und dann irgendwo in der Mitte einmal laut einen Satz gerufen. Gerade noch so, bevor es ihn einholt, was er da gerade getan hat. Ein Satz, und dann weg. Ein Satz, das ist die ganze Predigt. Das muss reichen für das, was Gott von ihm will.
"Es sind noch vierzig Tage, so wird Ninive untergehen."
In anderen Worten: In vierzig Tagen seid ihr tot.
Jona -- over and out.
Da glaubten die Leute von Ninive an Gott.
Was jetzt geschieht, ist nicht weniger als ein Wunder. Da glaubten die Leute von Ninive an Gott. An Jona lag es sicher nicht. Der hat ja nicht zum Glauben aufgerufen. Der hat zu überhaupt nichts aufgerufen. Nur das Sterben angekündigt. In dem kleinen Prophetenbuch finden die Menschen von selbst zum Glauben. Sie setzen ihre Hoffnung auf Gott -- und auf die Möglichkeit, dass er doch noch einmal Gnade walten lässt. Mit deutlichen Zeichen der Buße verleihen Sie dem Ausdruck: "Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und es ihn reut und er sich abwendet von seinem grimmigen Zorn, dass wir nicht verderben." (Jona 3,9)
"Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat's nicht." (Jona 3,10)
Geliebte Gottes in Tailfingen,
Beim wiederholten Lesen dieses Texts habe ich mich immer mehr an dem Gottesbild hier gerieben. War Gott wirklich am Anfang noch fest entschlossen, eine ganze Großstadt zu vernichten? Menschen und Tiere, Kinder und Alte, Arme und Reiche, Kranke, Menschen mit Behinderung, alte Omas, Teenager voller Hoffnungen für das Leben, ... einfach alle? Ohne mit der Wimper zu zucken, einfach abgemurkst? In 40 Tagen seid ihr tot! Pech gehabt. Ist das der Gott, an den wir glauben?
Ich kann gut verstehen, dass Jona das so erwartet hat. Für ihn war Ninive der Inbegriff des Bösen. So unendlich dunkel, schwarz und zutiefst böse, dass an Gnade gar nicht zu denken ist. Ein gerechter Gott muss hier einfach eine klare Linie ziehen -- meint Jona. Und sicher hätten in Israel viele mit dem Kopf genickt und sich gefreut auf Gottes sichtbares Eingreifen nach all den Jahrhunderten von Unterdrückung und Leiden und Trauma, für die Ninive hier steht. In 40 Tagen seid ihr tot. Gut so.
"Als aber Gott ihr Tun sah, wie sie umkehrten von ihrem bösen Wege, reute ihn das Übel, das er ihnen angekündigt hatte, und tat's nicht." (Jona 3,10)
Ist Ninive wirklich gerade noch knapp an einem göttlichen Völkermord vorbeigeschrammt, weil Gott glücklicherweise in letzter Sekunde eine Gefühlsregung zeigte und impulsiv seinen bisherigen Plan über den Haufen warf?
Selbst Jona hatte ja schon seine Zweifel daran, dass das zum Charakter Gottes passt. Das sagt er natürlich nicht in Ninive. Aber als er im folgenden Kapitel dann mit Gott diskutiert, kommt das klar zum Ausdruck:
"Ach, Herr, das ist's ja, was ich dachte, als ich noch in meinem Lande war. Deshalb wollte ich ja nach Tarsis fliehen; denn ich wusste, dass du gnädig, barmherzig, langmütig und von großer Güte bist und lässt dich des Übels gereuen." (Jona 4,2)
Und ich glaube, da sind wir genau an dem Punkt, auf den das Jonabuch abzielt. Dieses kleine Buch will nämlich, dass seine Leser:innen ihr Gottesbild hinterfragen. Dass sie verstehen -- gerade in Israel, wo man nach all der jahrhundertelangen Unterdrückung nicht über das eigene Leiden hinaussehen kann --, dass Gott größer ist und seine Liebe weiter reicht und tatsächlich alle Menschen einschließt.
"Sollte mich nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?" Mit dieser Frage Gottes endet das Buch. Sie lässt die Leser:innen nachdenklich zurück -- zumindest hoffen das die Autoren. Vielleicht ist Gott viel gnädiger, als wir es dachten.
Viele Jahrhunderte später lesen wir als Christ:innen dieses Buch noch einmal mit einer ganz anderen Perspektive. Es gehört zu den Grundlagen unseres Glaubens, dass man Gott dann am besten sehen und versuchen zu verstehen kann, wenn man auf Jesus Christus schaut. In ihm ist Gott Mensch geworden. Sichtbar, erfassbar für uns Menschen mit unseren beschränkten Möglichkeiten. In Christus ist Gott uns nahe gekommen. Wer ihn sieht, sieht den Vater.
Was ich in Christus zu allererst sehe, ist der einladende Gott. Ich sehe ihn auf die Menschen zugehen -- auf alle, ohne Unterschied. Ich sehe ihn gerade die einladen, von denen keiner gedacht hätte, dass sie bei Gott eine Chance haben könnten. Ausgestoßene. Unbedeutende. Sünder. Viele der Etablierten sind schockiert, wenn sie sehen, mit wem Jesus seine Zeit verbringt.
Wo Jesus auf die Menschen zugeht, da kommt er mit einer Einladung. "Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen." Sicher, auch hier spielt Buße und Umkehr eine große Rolle -- genau wie in der Ninivegeschichte. Aber am Anfang steht die Einladung. "Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!" (Markus 1,15).
Evangelium. Gute Nachricht. Im Gegensatz zum Propheten in unserem kleinen Buch kommt Jesus mit einer guten Botschaft: Gott ist bei euch. Gott liebt euch. Gott kommt euch nahe, weil er will, dass ihr Teil seines Reichs werdet. Gott ist gnädig. Gott vergibt. Gott öffnet neue Türen. Gott macht Hoffnung auf eine Zukunft. Gott bringt Gerechtigkeit, Frieden und Freude. Gott schenkt Leben. Echtes Leben. Ewiges Leben gar. Gott überwindet das Böse. Gott weist selbst den Tod in seine Schranken.
Gott lädt euch ein.
Das ist der Gott, den wir in Jesus sehen.
Das ist der Gott, an den ich glaube.
Und ich -- bin eingeladen. Als guter Kirchenchrist wusste ich das schon lange. Gedanklich habe ich selten hinterfragt, dass die Einladung Gottes mir gelten könnte. Bei anderen war ich mir da nicht immer so sicher. Da kann ich den Jona durchaus gut verstehen. Dabei hat Gott mich doch, genau wie Jona, gerufen, Teil seiner Einladung zu sein. Gott lädt durch uns die Welt ein. Ist euch das bewusst?
Geliebte Gottes in Tailfingen,
In all den Jahren meines Christ-seins habe ich oft genug "Einladungen" gehört, die der des Jona gar nicht so unähnlich waren. Auch wenn niemand "In 40 Tagen seid ihr tot" von der Kanzel ruft, so ging es doch oft vor allem um Sünde und Versagen, um Schuld und Strafe und um einen zornigen Gott, der "weil er gerecht ist" -- so hieß es -- allen Sündern ein schlimmes Ende setzen wird. Zum Glück kam dann meist am Ende irgendwo noch kurz ein Hinweis darauf, dass es auch noch anders enden könnte -- dass Buße und Umkehr und das richtige Gebet, die richtigen Worte, die richtigen Gedanken und Handlungen -- verpackt als "Glaube an Jesus" -- dann dazu führen, dass Gott sein Strafgericht doch noch reut und er mir gnädig wird.
Geliebte Gottes in Tailfingen,
"In 40 Tagen seid ihr tot." Das ist nicht der Gott, an den ich glaube. Der Gott, der sich in Jesus Christus offenbart, sagt: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge." (Johannes 10,10). An dieser Einladung Gottes an mich kann ich mich nur freuen. Und die will ich gerne weitersagen -- mit Herzen, Mund und Händen begeistert erzählen von dem Gott, dessen Liebe für alle Menschen viel größer ist, als alles, was wir kennen.
Seid ihr dabei?
Möge Gottes Gnade durch uns ausstrahlen nach Tailfingen und in die Welt.
Amen.