Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Buch der Offenbarung, aus dem 3. Kapitel, dem sogenannten Sendschreiben an die Gemeinde in Laodizea:
14 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! 20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. 21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. 22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! (Offenbarung 3,14–22)
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Da ist es wieder: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!" Die Sache mit der Tür, die wir öffnen sollen für den, der kommt. Die Hoffnung auf den "Kommenden" begleitet uns schließlich wie in jedem Jahr durch die heute beginnende Adventszeit. Und zwar gleich auf zweierlei Art und Weise: Die Themen des Advents lenken unseren Blick zurück auf die Ankunft des Gottessohns, die Geburt Jesu Christi und mit ihm das Nahekommen des Gottesreichs. Schon Wochen vor dem Christfest tauchen wir ein in die Welt der Hoffenden, der Erwartenden und nehmen die Wünsche und Sehnsüchte war, die sich auf den richten, den Gott versprochen hat. Wir nehmen die Spannung wahr, die immer mehr zunimmt, bis er dann endlich kommt. Wir beten mit Maria im Magnificat von den großen Veränderungen, die Gott mit seinem Kommen in die Welt bringt: "Seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit." Wir schwelgen in den Verheißungen, die sich in ihm erfüllen werden. Das Christfest wird erst so richtig schön und herrlich durch alles das, was sich da in den Wochen vorher aufgebaut hat.
Gleichzeitig schauen wir im Advent auch nach vorne. Auch im neuen Kirchenjahr setzt sich nahtlos fort, was uns in den letzten Wochen des alten Kirchenjahres beschäftigt hat: Der Blick auf die Vergänglichkeit des Lebens und die Hoffnung, dass Gott uns auch über das Sterben hinaus in seiner Hand hat und dass da noch etwas kommt nach dem Tod. Vor allem, dass da noch jemand kommt, dass er wiederkommt, der auferstandene Herr Jesus Christus, um Leben und Frieden und Freude in Ewigkeit zu bringen. Wir bemerken wieder, dass wir uns selbst ja in einer ganz ähnlichen Spannung befinden, wie die, die damals auf das Kommen des Heilsbringers hofften. Mit einem entscheidenden Unterschied natürlich: Wir wissen um sein Kommen damals. Wir können bereits zurückschauen auf seine Geburt, sein Leben, Wirken und Handeln. Wir kennen das Evangelium vom Reich Gottes, das den Menschen nahekommt und vom Gottessohn, der für uns in den Tod gibt und von Gott, der seinen Christus auferweckt zu neuem Leben. Das alles gibt uns Mut und Kraft, die Spannung auszuhalten -- nun schon seit fast 2.000 Jahren -- auch, wenn sie sich manchmal fast unerträglich anfühlt. Wir haben Hoffnung, dass er kommt. Wir haben Hoffnung, bis er kommt.
Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer.
Von diesem Kommen redet die ganze Adventszeit mit ihren Texten und Liedern. (Das "Advent" "Ankunft" bedeutet, muss ich doch dieses Jahr nicht mehr erklären, oder?) In uns wächst nicht nur die Spannung, sondern auch die Vorfreude auf den, der kommen wird und das, was er tut:
Er ist gerecht, ein Helfer wert. Sanftmütigkeit ist sein Gefährt. Sein Königskron ist Heiligkeit. Sein Zepter ist Barmherzigkeit. All unsre Not zum End er bringt, derhalben Jauchzt, mit Freuden singt: Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat.
Er kommt.
"Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer."
"Macht hoch die Tür."
Und jetzt heute: "Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an."
Ich denke an den Geburtstag meiner Mutter, den wir am Freitag feierten. Als wir ankamen, war mein Schwager noch nicht da. Meine kleine Pia, die ihn sehr mag, hat ihn gleich vermisst. Eine Weile später konnten wir dann durchs Fenster sehen, wie er draußen den Hof betrat. Da ist die Pia begeistert gerannt, um ihm die Tür zu öffnen.
"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an."
Bevor wir jetzt auch begeistert rennen, um zu öffnen, sollten wir aber noch einen kurzen Moment innehalten um uns zu erinnern, dass Advent auch eine Zeit des Nachdenkens und der Buße ist. Nicht umsonst hängen jetzt die violetten Paramente hier in der Kirche.
"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an." Diese Worte stammen aus dem Offenbarungsbuch, einem Ermutigungsbuch für die bedrängten Christen der frühen Kirche, das immer wieder die Hoffnung auf sein Kommen als Mutmacher an den Horizont stellt. Durchhalten, bis er kommt ist die Devise. Denn: "Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron." Durchhalten. Es lohnt sich. Er kommt.
Nicht für alle ist das automatisch eine gute Nachricht. Der Brief an die Gemeinde in Laodizea ist der letzte von insgesamt sieben solchen Briefen im vorderen Teil des Offenbarungsbuchs. Er richtet sich an eine Gemeinde in einer Stadt, die uns heute nicht besonders geläufig ist, damals aber von großer Bedeutung war. Die Stadt am Ufer des Lykos in der heutigen Türkei war damals ein Verkehrsknotenpunkt wichtiger Handelsrouten. Als Umschlagplatz für Textilien aus schwarzer Wolle (sogenannter "kolossischer Wolle") und als Sitz eines weitbekannten Zentrums für Heilkunde hatte es die Stadt zu beachtlichem Reichtum gebracht. So sehr, dass, nachdem ein Erdbeben im Jahr 61 die Stadt komplett zerstörte, der Wiederaufbau komplett aus Eigenmitteln gestemmt werden konnte. Eine beachtliche Leistung. Eine beachtliche Stadt. Und mittendrin, im damaligen Kontext, eine beachtliche Gemeinde.
Zumindest augenscheinlich. Denn hinter der Fassade sieht es ganz anders aus. Als einziges der sieben Schreiben enthält der Brief an Laodizea kein einziges Wort des Lobes:
Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß.
Elend. Jämmerlich. Arm, blind und bloß. Das sind harte Worte.
"Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer."
"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an."
Was, wenn der, der da kommt und klopft, gar nicht nett ist?
"Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde."
"Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer."
Gerechtigkeit ist eine gute Nachricht -- für die, die darauf hoffen. Die bisher vielleicht ohnmächtig waren, Opfer des Systems, die keine Gerechtigkeit erhalten konnten. Für die ist es gut, dass endlich ein Gerechter kommt.
Was ist aber mit denen, die sich selbst etwas zuschulden kommen haben lassen?
Der Vorwurf an Laodizea ist ja gar nicht, dass dort die übelsten Verbrecher und die schlimmsten aller Menschen hausen. Hier geht es nicht um Mord und Totschlag, um grassierende Unmoral und einen schrecklichen Sündenpfuhl. Der Vorwurf an Laodizea ist, weder heiß noch kalt zu sein. Sondern lauwarm. Weder das eine noch das andere. Es ist der Vorwurf, nicht klar und konsequent gewesen zu sein in dem, was sie glaubten und lebten. Es ist der Vorwurf, selbstgefällig und selbstgenügsam die eigenen Fehler großzügig ignoriert zu haben. Es wird ja schon reichen.
Am Ende eines Weltkriegs und am Ende des schrecklichen "Tausendjährigen Reichs" haben unsere Großväter und Großmütter ganz ähnliches in der "Stuttgarter Schulderklärung" beschrieben -- wer das ganz nachlesen will, findet den Text hinten im Gesangbuch unter der Nummer 837: "Wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben."
Weder warm noch kalt. Lau.
Steckt in uns nicht allen ein bisschen Laodizea? Mal mehr, mal weniger vielleicht?
Weder warm noch kalt. Lau.
Das merke ich an mir selbst, wenn ich an die großen Fragen unserer Zeit denke. Ich nehme die Sache mit dem Klima, um nur eine herauszugreifen. Da ist mir manches bewusst, was ich tun könnte. Manches tue ich auch -- und versuche, immer mehr von dem zu tun, was ich als Einzelner eben tun kann. Anderes ist mir zu unkomfortabel. Da steht mir meine eigene Bequemlichkeit im Weg. Da bin ich inkonsequent. Ich weiß, aber ich tue nicht.
Weder warm noch kalt. Lau.
Das merke ich auch an mir selbst, wenn ich an ganz konkrete Einzelheiten meines Lebens denke. Da hätte ich etwas tun können. Da hätte ich netter sein können. Da hätte ich helfen können. Da hätte ich anrufen können. Ein gutes Wort, ein Lächeln, eine kleine Aufmerksamkeit hätten vielleicht gereicht. Und das mache ich natürlich auch oft. Aber oft auch nicht. Ich weiß, aber ich tue nicht.
Weder warm noch kalt. Lau.
Ich kann Laodizea schon auch bei mir finden.
"Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer."
"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an."
"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit."
Was wird er sagen, wenn er kommt? Wie wird er mich anschauen, wenn er kommt?
"Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer."
Sieht man nicht im strahlenden Licht seiner Gerechtigkeit alle meine Fehler um so deutlicher? Als krasser Kontrast?
Wie werde ich dastehen, wenn er kommt?
Elend? Jämmerlich? Arm, blind und bloß?
"Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer."
Geliebte Gottes in Bitz/Burladingen,
Es ist so wichtig, dass wir uns diesen Fragen stellen. Und es ist so wichtig, dass wir uns den Texten als ganzes stellen. Dann hören wir auch, wo hier das Evangelium steckt.
"Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer."
Ein Helfer. Das ist es ja vielleicht gerade, was ich brauche. Zu lange habe ich mir auf Laodizea-Art eingeredet, ich könne das alles selbst stemmen. Ich kann es nicht. Elend, jämmerlich, arm, blind und bloß.
Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße!
"Tue Buße". Wir reden nicht gerne über Buße. Das klingt immer so verdammend. Dabei ist Buße -- wie auch schon am Buß- und Bettag -- nie eine furchtbare Pflicht, sondern immer die Einladung zu einer neuen Chance. Zu Umkehr. Zu Veränderung. Es muss nicht bleiben, wie es ist. Nicht, wenn er kommt -- "ein Gerechter und ein Helfer".
"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir."
Abendmahl mit mir halten. Gemeinschaft will er mit mir. Essen. Feiern. Ein Fest. Er kommt nicht, um mich zu verdammen. Er kommt, um mir zu vergeben -- so, wie ich es im Abendmahl immer wieder höre: "Der allmächtige Gott hat sich über dich erbarmt. Durch Jesus Christus schenkt er dir seine Gnade und die Vergebung deiner Schuld."
Er kommt doch gerade zu denen, die ihn brauchen. Nicht zu denen, die selbst schon alles können. Er kommt doch gerade zu denen, die elend sind. Jämmerlich. Arm, blind und bloß. Schaut euch doch an, was er tut: Er wird Mensch. Einer von uns. Und wie, das hören wir bald wieder im Weihnachtslied: "Er liegt dort elend, nackt und bloß in einem Krippelein." Das ist es doch, was er tut: Er nimmt da ganz unseren Platz ein. Einen "fröhlichen Tausch" hat Luther das genannt. Und nicht nur er, sondern andere vor ihm haben davon gesungen, wie wir es bald wieder tun:
Er äußert sich all seiner G'walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.Er wechselt mit uns wunderlich: Fleisch und Blut nimmt er an und gibt uns in seins Vaters Reich die klare Gottheit dran.Er wird ein Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein!
Das ist es doch, was er tut: Er hängt dort, elend, nackt und bloß an diesem Kreuz und gibt sein Leben -- für uns! Damit wir Leben haben! Damit für uns nichts bleibt, wie es ist, sondern dass uns Leben blüht und Gemeinschaft mit Gott. Abendmahl.
Wer würde dem nicht die Tür aufmachen wollen?
"Siehe, dein König kommt zu dir -- ein Gerechter und ein Helfer."
"Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an."
"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit."
Und am Ende ist er es, der mir die Tür auftut. "Der Heil und Leben mit sich bringt."
Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis. Der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis.
O komm, mein Heiland Jesu Christ. Meins Herzens Tür dir offen ist. Ach, zieh mit deiner Gnade ein. Dein Freundlichkeit auch uns erschein. Dein heilger Geist uns führ und leit den Weg zur ew'gen Seligkeit. Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr.
Amen.