Es hat sie tatsächlich gegeben: Den jugendlichen Ausreißer, der früh zum Opiumsüchtigen wurde. Einen zweiten, der als Kind gleichermaßen gern dichtete und sich prügelte. Und einen, der als Kind unter Gehirnfieber litt, in seiner Phantasie mit großen Dichtern sprach und später in die Südsee stach.
Sie alle wurden Dichter, sind in die Literaturgeschichte eingegangen.
Extreme literarische Begabungen
Hier stehen je einer im Zentrum der drei Erzählungen unter dem Titel „Mutmaßliche Leben“. Die Rede ist von Thomas de Quincey, von John Keats und von Marcel Schwob, dem französischen Schriftsteller und Übersetzer. Sie alle waren schräge Vögel mit extremer literarischer Begabung, die sich schon in der Kindheit zeigte:
Das Kind begann zu schreiben: Es diktierte der windstillen Ruhe, der Asche, dem Flüstern des Schicksals, dem düsteren Ausrufezeichen, den Visionen, der Apathie seine Erinnerungen.
Quelle: Fleur Jaeggy – Mutmaßliche Leben
Das bemerkt Fleur Jaeggy über die literarischen Anfänge des 1785 geborenen Thomas de Quincey.
Der Essay „Der Mord als schöne Kunst betrachtet“ des hochproduktiven Drogenabhängigen und achtfachen Kindervaters kann bis heute als eine zentrale Schrift über die Frage gelten, warum Kunst und Moral nichts miteinander zu tun haben.
Zwischen Raufereien und Träumen
So exzentrisch wie de Quincey war auch John Keats, der neben Lord Byron und Percy Bysshe Shelley zu den großen englischen romantischen Dichtern zählt, seine „Ode on a Grecian Urn“ oder „Ode to a Nightingale“ gehören in England zum literarischen Kanon, wie bei uns Balladen von Friedrich Schiller oder „Hälfte des Lebens“ von Friedrich Hölderlin. Jaeggy schreibt:
„John Keats war sieben und besuchte die Schule von Enfield. Ehe er Verse zu schreiben begann, wurde er vom Zeitgeist ergriffen, von einer bizarren Laune und ungestümem Zorn. Jeder Vorwand war ihm recht, um sich mit seinen Kameraden in die Haare zu geraten, Schlägereien anzufangen.“
Auch das Leben des einer jüdischen Familie entstammenden Marcel Schwob, dessen Buch „Gabe an die Unterwelt“ auch in Deutschland über Jahrzehnte populär war, ist von Beginn an bizarr. Über Schwob, der als Kind an Gehirnfieber litt, berichtet Jaeggy:
„Als er im abgedunkelten Zimmer das Bett hüten musste, unternahm Marcel lange Reisen. Er war leicht rachitisch und träumte davon, wie er schwimmend den Ärmelkanal überquerte und bei seiner Ankunft von Jules Verne umarmt wurde. Ein anderer Freund, mit dem er sich gern unterhielt, sobald er seinen deutschen Hauslehrer hinausgeworfen hatte, war Edgar Allan Poe.“
Sachlicher Ton, präzise Wortwahl
Fleur Jaeggys Erzählungen basieren zwar auf lebensgeschichtlichen Fakten dieser drei Männer, doch vieles an ihnen klingt so aberwitzig, als hätte die Autorin es sich ausgedacht.
Anders gesagt: Fleur Jaeggys Ton ist verknappt und stets sachlich, präzise in der Wortwahl. Das schafft Distanz zu den ungeheuerlichen, zwischen Wahn, Sucht und Talent zerrissenen Personen dieser Trias.
Diese Distanz sorgt dafür, dass man über das Exaltierte staunen kann, ohne davon überwältigt zu werden.
Sieben Stunden vergingen, seitdem Keats gesagt hatte, er werde sterben. Das Atmen schwieg. Der Tod belebte sich endlich. Nach der Autopsie sagte Clark, er begreife nicht, wie Keats so lange habe leben können.
Quelle: Fleur Jaeggy – Mutmaßliche Leben
Worte wie poliertes Metall
Wer Fleur Jaeggys Sprache zuvor schon kannte, wird auch in „Mutmaßliche Leben“ in Berührung kommen mit Sätzen, deren Worte glänzen wie einst hoch erhitztes, nun gegossenes, erkaltetes und poliertes Metall: unwirklich schön, auch ein wenig irritierend und äußerst kunstvoll.
Und obwohl der Preis von 22 Euro für ein derart dünnes Bändchen gesalzen ist, könnte man mit diesen drei Erzählungen gut damit beginnen Jaeggy zu lesen, nicht zuletzt, weil einem diese drei Leben nach der Lektüre so plastisch vor Augen stehen.