Eine Krebsdiagnose konfrontiert den pensionierten Drucker und kinderlosen Witwer Anton mit seiner Vergänglichkeit – und an dieser Vergänglichkeit will er etwas ändern, indem er etwas Bleibendes schafft. Davon handelt der Roman „Anton will bleiben“.
Das, was Anton in seinem letzten Lebensjahr hinterlassen hat, bringt ein Ich-Erzähler in einen Zusammenhang. Er stellt sich als bester Freund Antons vor, heißt Emil Böhm und tritt schon auf der ersten Seite prominent aus dem Erzählen heraus:
Aber so ganz ohne Kontext mit den Ängsten eines Menschen herauszuplatzen, scheint mir geschmacklos, deshalb nach einer kurzen Aufklärung mehr zu Antons Furcht, vergessen zu werden.
Quelle: Nelio Biedermann – Anton will bleiben
Mit der Krebsdiagnose trifft eine schwerwiegende Erkenntnis auf Antons routiniertes Dahinleben, nämlich die vom
endlose[n] Meer von Menschen, die nur durch Erzählungen und die Erinnerungen anderer weiterlebten – wenn überhaupt.
Quelle: Nelio Biedermann – Anton will bleiben
In diesem Meer nicht unterzugehen, ist von da an Antons Ziel. Begleitet von treuen Vögeln und Menschen macht er sich auf seine letzte Reise, sowohl metaphorisch als auch wirklich: Im zweiten Romanteil fährt er an die Ostsee, um dort bildender Künstler zu werden.
Alles wird verraten
Der Erzähler von Antons finalem Lebensaufgebehren bekennt gleich zu Beginn, dass er nicht sehr zuverlässig ist, was sein „schwächelndes Gedächtnis“ anbelangt. Er hat Antons Schachteln, Tagebücher und Notizhefte gefunden und offenbart, dass die darin ausgelagerten Erinnerungen mehr als seine eigenen als Grundlage der Erzählung dienen.
Leider wird diese an sich erzähltechnisch reizvolle Bedingung, wie jedes andere potenziell interessante Rätsel im Text, bis ins Letzte ausbuchstabiert:
An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich zwar die Wahrheit erzähle, mir aber durchaus gewisse literarischen Freiheit erlaube. […] Dies soll keine trockene Biografie sein, sondern ein Roman über Anton aus der Sicht seines besten Freundes.
Quelle: Nelio Biedermann – Anton will bleiben
Die repetitive Erklärerei gepaart mit einem bemühten erzählerischen Hinauszögern nehmen auch den folgenden 200 Seiten den literarischen Reiz, den die Geschichte haben könnte.
Die Versuche Antons, als Schriftsteller, Fotograf, Maler, Bildhauer und Philosoph etwas Bleibendes zu hinterlassen, gehen nicht über ein paar nette Episoden eines alten, schrulligen Mannes und seines Umfeldes hinaus.
Talentierter Autor – plattes Debüt
Obwohl der Roman mit Antons „Furcht, vergessen zu werden“ ein existenzielles Thema aufgreift, bleibt er in oberflächlichen Plattitüden über das Altern und Sterben verhaftet, was bei einem 20-jährigen Autor in voller Lebensblüte kaum verwundern kann.
Die vom Erzähler Emil zitierten künstlerischen und vermeintlich philosophischen Überbleibsel Antons sind an Pathos kaum zu übertreffen und scheinen Schreibübungen des Autors Biedermann zu sein, die besser in der Schublade geblieben wären:
Durch das Fotografieren lerne ich, dass das ganze Leben und die Realität eine einzige Frage der Perspektive sind. Jeder Konflikt und jedes Missverständnis beruhen letztendlich auf einer unterschiedlichen Auffassung der Realität durch verschiedene Perspektiven.
Quelle: Nelio Biedermann – Anton will bleiben
Leicht verdauliche Kalenderspruch-Philosophie
Das Ganze ist in kleine Kapitel fein portionierte, leicht verdauliche Kalenderspruch-Philosophie. Gleichzeitig zeugen der durchaus gewandte Stil und einige sehr gelungene Sätze vom Talent Biedermanns. Beinahe lyrisch wird er zum Beispiel, wenn er die Natur belebt, und sich der Himmel vor Antons Augen „sein Abendkleid anzieht“, oder der Abend sich einen ersten Hauch Frühlingsparfum aufträgt.
Nelio Biedermann versteht etwas vom Handwerk des Schreibens – nur leider merkt man dem Debüt das Handwerkliche allzu sehr an und zunehmend findet man sich in filmisch erzählten Szenen wieder, zu denen Til Schweiger Regie führen könnte.
Von großer Literatur sollte nicht die Rede sein: „Anton will bleiben“ ist ein solider Erstlingstext ohne Wucht und ohne herausfordernde Komplexität.
Der Roman wird aber bestimmt seine Leserschaft finden, was nicht zuletzt daran liegt, dass Nelio Biedermann mit 22 Jahren mit „Lázár“ schon etwas geschafft hat, was Anton auf eine letztlich sehr versöhnliche Weise nicht zuteilwird: Ein Kunstwerk zu schaffen, über das die Welt spricht.