SWR Kultur lesenswert - Literatur

„Mir hat die Empathie gefehlt“ - Lukas Bärfuss über seine Mutter


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Eine Königin war die Mutter von Lukas Bärfuss immer nur für wenige Stunden. Nachts, wenn sie als Barfrau im Dunstkreis der Prostitution arbeitete und die Würdenträger von Thun im Berner Oberland sie umschwärmten.
Eigentlich sah ihr Leben ganz anders aus. Tagsüber reinigte sie in einem Autohaus die Wagen, die aus der Reparatur kamen. Später, als sie älter wurde, weniger schön und verführerisch wirkte, arbeitete sie als Putzfrau und Wäscherin.
Als das Geld nicht mehr reichte, wanderte sie in die Dominikanische Republik aus. Ihren Sohn hat sie als Ballast angesehen, sie wollte keine Mutter, sondern frei sein.
Sechzig Franken zum Überleben
Der junge Lukas Bärfuss landete mit 15 Jahren auf der Straße und war fortan auf sich allein gestellt. Nach ihrem Tod reist der längst erwachsene Sohn und Schriftsteller, der lange keinen Kontakt zu seiner Mutter hatte, in das ferne Land. 
Der Sohn findet die Nachricht im Schlafzimmer an der Callejón Imbert. Es ist ein rosa Bankauszug. Guthaben am Vorabend ihres Todes: sechzig Franken.

Quelle: Lukas Bärfuss – Königin der Nacht

Er rechnet: Sechzig Franken geteilt durch die dreizehn Tage bis zur nächsten Rente, das ergibt vier Franken und sechzig Rappen. Das entspricht in diesem Land einer kleinen Mahlzeit im Restaurant. Einer Tasse Kaffee in einer schicken Bar. Einem Kinoticket.“
Mit dem Blick auf den Bankauszug und dem Nachdenken darüber, wie sich mit so wenig Geld leben lässt, beginnt das faszinierende kurze Buch von Lukas Bärfuss über seine Mutter.
Nach dem Vater, nun die Mutter
Es ist nach dem Titel „Vaters Kiste“, der von der traurigen Hinterlassenschaft des abwesenden, kriminellen Vaters erzählte, der zweite autobiografische Essay des Autors.
Was hat ihn dazu bewegt, noch einmal zurückzukehren zu schwierigen Familienverhältnissen?
„Nach „Vaters Kiste“ oder eigentlich schon während der Arbeit an „Vaters Kiste“ war mir das klar. Ich wusste, dass ich da nicht mehr ausweichen mochte und konnte“, erzählt der Schweizer.
„Und dann war es auch eine Sache, die ich für unsere Kinder gemacht habe. Es ist eigentlich auch ein Brief an meine Kinder und die hatten keine Gelegenheit, ihre Großmutter kennenzulernen und ein Schriftsteller schreibt dann halt ein Buch.“
Entbehrungsreiche Kindheit
Es ist eine Erkundung, hart und schonungslos, die zurückführt in die entbehrungsreiche Kindheit des Autors. Der Heranwachsende wird von der Mutter an einen Bauern verkauft und muss auf dem Hof wie ein Sklave schuften. Während später die Freunde auf der Straße an Heroin sterben, wird er „von allen guten Engeln behütet“.
Lukas Bärfuss erzählt das knapp, präzise, in geschliffener Prosa. Doch vorrangig geht es um seine Mutter. Der Essay ist eine forschende Auseinandersetzung mit deren Lebensumständen, mit den soziale Bedingungen einer alleinerziehenden, armen, einfachen Frau in der Schweiz der 1970er und 80er Jahre.
Der entscheidende Maßstab für den Stellenwert eines Menschen in diesem Lande war und ist sein Vermögen. Geld. Meine Mutter hatte zu wenig. Ob sie das verstanden hat?

Quelle: Lukas Bärfuss – Königin der Nacht

Sie hat es gefühlt, aber sie hatte keine Bildung, um die Zusammenhänge zu erkennen. Sie trat nach unten, nicht nach oben, und beim Anblick eines Starken, eines Erfolgreichen bekam sie weiche Knie. Nicht Angst, Bewunderung befiel sie.“
Ein Land, das die Armen bekämpft
Für Lukas Bärfuss lässt sich das Verhalten seiner Mutter zwar nicht komplett aus der sozialen Situation erklären, aber zu einem guten Teil. Von den Zufällen, die ihr Leben auch bestimmten, weiß er zu wenig. Die gesellschaftlichen Umstände hingegen hat er penibel recherchiert.
Bärfuss hat sich häufiger schon als scharfer Kritiker der Verhältnisse seines Heimatlands hervorgetan. Jetzt attackiert er die Schweiz als ein Land, dass nicht die Armut bekämpft, sondern die Armen. So der Autor:
„Die schweizerische Gesellschaft ist immer noch sehr hart mit Menschen, die sie als nicht produktiv definiert hat. Und man sieht das, also seit der Gründung des Bundesstaates, ist das wirklich eine ununterbrochene Linie, dass man die Menschen am untersten Ende der Gesellschaft einfach verfolgt und einen sehr großen Druck auf sie ausübt.“
„Und das hat natürlich auch Wirkungen in die oberen Regionen der Gesellschaft, weil man weiß natürlich, was einem droht, wenn man nicht produktiv ist in diesem Land“, fährt Bärfuss fort.  
Schonungslose Selbstbefragung
Fesselnd sind indes weniger die gesellschaftskritischen Einlassungen, als vielmehr der Prozess einer Annäherung des Sohnes an die verstorbene Mutter, den das Buch fast beiläufig nachvollzieht. Parallel dazu unternimmt Lukas Bärfuss eine schonungslose Selbstbefragung.   
„Ich glaube, mir hat am Ende auch die Empathie gefehlt für meine Mutter. Und diese fehlende Empathie hatte etwas zu tun mit der fehlenden Empathie unserer Gesellschaft“, gesteht Bärfuss.
Zu ihren Lebzeiten sieht der Sohn die Mutter nur als Täterin, vor der er sich in Sicherheit bringen muss. Erst nach ihrem Tod steht Lukas Bärfuss auch ihre Bedürftigkeit und Schwäche, ihr Ausgeliefertsein vor Augen.
Auch formal wird dieser Erkenntnisprozess deutlich. Während anfänglich nur von einem Sohn und einer Mutter die Rede ist und so eine große Distanz zum Ausdruck kommt, mündet das Buch schließlich in ein Ich und ganz zuletzt auch in einen Namen: Ursula.
„Königin der Nacht“ ist ein bewegendes Zwiegespräch mit einer Toten, es ist eine Geschichte, die mit dem Sterben erst beginnt.
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