In der fiktiven ostdeutschen Stadt Sanditz
Sanditz, eine fiktive kleine Stadt, nahe der polnischen Grenze im Lausitzer Braunkohlerevier.
Es ist 2021, Weihnachten, mitten in der Coronapandemie. Maria Wenzel wird Heiligabend mit ihrer Mutter Marion und ihrer Großmutter Erika verbringen, aber ohne ihren Zwillingsbruder Tom. Weil er nicht geimpft ist.
„Hast du mit Tom nochmal reden können?“, fragt Mutter. Sie macht den Fernseher leiser.
„Nicht direkt, nein.“
„Ich verstehe nicht, warum er sich nicht einfach impfen lassen kann. Wo ist denn das Problem? Will er uns nicht sehen?“
Quelle: Lukas Rietzschel – Sanditz
Maria ist zu müde, um dieses Gespräch zu führen. Wenn es das erste dieser Art wäre, vielleicht wäre sie dann motiviert.
Ein Schutzraum für freie Gedanken
Die zweite Zeitebene in Lukas Rietzschels Roman „Sanditz“ spielt Ende der 1970er Jahre. Sanditz ist ein wichtiger Industriestandort mit Glasfabrik, Nähereien, einem Matratzenwerk und einer Maschinenfabrik.
Familie Wenzel ist gläubig, aktiv in der örtlichen christlichen Gemeinde. Die ist ein Schutzraum für Oppositionelle, ein kleiner Freiraum für kritische Gedanken. Heimlich werden auch in der Gemeindebibliothek vom Staat verbotene Bücher kopiert. Die bringt Norbert Wenzel, der als Orgelbauer ins Ausland reisen darf, mit nach Sanditz:
„Immer kam er zurück. Er ließ die Fragen bei der Einreise über sich ergehen, das teilweise stundenlange Verhör beim immer gleichen Grenzer (irgendwann duzten sie sich; der Mann hieß Michael, was ihn irrigerweise vermuten ließ, dass er ein Christ war). Die Bücher, die er in einem Einlegeboden versteckte, wurden auch dieses Mal nicht gefunden."
Von der Wendezeit bis zum Ukrainekrieg
Der Roman wechselt zwischen den letzten Jahren der DDR und schließlich der friedlichen Revolution 1989 und unserer Gegenwart bis zum Beginn des Ukrainekriegs. Nach und nach nimmt Lukas Rietzschel die einzelnen Mitglieder der Familie Wenzel und einige Bewohner der Kleinstadt in den Blick und erzählt ihre Geschichten.
Sie hadern mit der Vergangenheit und arbeiten sich an der Gegenwart ab, sie entfremden sich und finden wieder zueinander – und natürlich geht es auch um Liebe:
Tom wird verlassen, Marias Liebesleben ist ziemlich chaotisch und der Vater der beiden verbarg jahrzehntelang, dass er eigentlich Männer liebt.
Ein Panorama der Wendezeit bis heute
So entsteht nach und nach ein Panorama der Wendezeit bis heute. Dabei schreibt Lukas Rietzschel bemerkenswert detailliert. Er lässt sich Zeit für genaue Alltagsbeobachtungen zeichnet Landschaften und Menschen mit viel Präzision, Feingefühl und Respekt:
„Jahre später, 2015 war das, befand Erika Wenzel, dass es Menschen gab, die die Sachen dringender brauchten. Vertriebene, wie sie selbst eine war.
Frau Seiler rief ihr durchs Fenster hinterher: „Erika, die brauchen deine Anzüge nicht! Hast du mal gesehen, dass die alle teure Handys haben? Das sind keine Flüchtlinge, das ist alles ein riesengroßer Beschiss!“ Aber sie ging weiter und drehte sich nicht um.
Ein einziges Argument hatte sie für Frau Seiler übrig: „Christa, das gehört sich so.“
Rietzschels Figuren sprechen für sich
Lukas Rietzschels Roman vertritt keine großen Thesen, es gibt keine moralischen Kommentare. Stattdessen lässt er seine Figuren sprechen, lässt sie auseinanderdriften und wieder zusammenfinden.
Dabei geht es um große gesellschaftliche Fragen – um Heimat und Zugehörigkeit, und darum, wie sich Konflikte durch Familien und Freundschaften ziehen. Wer „Sanditz“ liest, bekommt Ostdeutschland nicht erklärt, aber sehr genau erzählt.
Und merkt dabei schnell: Viele der Konflikte, die hier verhandelt werden, sind längst nicht „nur ostdeutsch“.