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In der zeitgenössischen Gesellschaft werden wir in zahllosen Hinsichten unterschieden: in volljährig oder unmündig, in männlich oder weiblich, in berufstätig oder arbeitslos, in einheimisch oder fremd, in attraktiv oder eben nicht. Dass diese Unterscheidungen selbst das Produkt gesellschaftlicher Herstellungsprozesse sind, wird in den Sozial- und Geisteswissenschaften seit Langem beforscht. Aber wie hängen die Unterscheidungsformen zusammen, die so unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen entspringen und auf so unterschiedliche Register wie Rolle, Position, Zugehörigkeit oder Zuordnung zielen?
Seit 2021 untersucht der Mainzer Sonderforschungsbereich „Humandifferenzierung“ in vergleichender und systematisierender Weise in ganz unterschiedlichen Bereichen, wann Unterscheidungen zählen, wie sie entstehen, sich verfestigen und wieder verblassen. In der Sendung sprechen wir mit zwei Forschenden aus dem Verbund, der Amerikanistin Mita Banerjee und dem Soziologen Stefan Hirschauer.
Mit ihnen diskutieren wir über Leistung als gesellschaftlich legitimierte Form der Unterscheidung, über das Alter als dynamische menschliche Differenz und darüber, warum es sich lohnt, selbst Unvergleichbares noch zu vergleichen. Schließlich fragen wir nach der Zusammenarbeit im Forschungsbereich: Wie können elf Fächer eine gemeinsame Sprache finden? Und kann eine Forschung, die nicht zuletzt politisch aufgeladene Unterscheidungen aneinander relativiert, polarisierte Debatten entspannen?
Das Transkript zur Episode ist hier abrufbar. ACHTUNG: Das Transkript wird automatisch durch wit.ai erstellt und aus zeitlichen Gründen NICHT korrigiert. Fehler bitten wir deshalb zu entschuldigen.
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Über öffentliche Finanzen wird meist in einem sehr bestimmten Ton gesprochen: Es geht um Spielräume, um Restriktionen, um das, was „man sich leisten kann“. Der Leviathan-Sonderband „Politische Theorien öffentlicher Finanzen“, mitherausgegeben von unserem Gast aus Folge 104, Sebastian Huhnholz, dreht die Perspektive um: Welche Begriffe und Problemerzählungen strukturieren eigentlich unser Reden über Staatsfinanzen? Und was folgt daraus – für die Handlungsfähigkeit des Staates wie für dessen demokratische Legitimität?
Am 18. Mai wurde der Band am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung vorgestellt. Wir senden in dieser Sonderfolge die Aufzeichnung des Podiumsgesprächs: Die politische Ökonomin Andrea Binder, der Demokratietheoretiker Philip Manow und die Politiktheoretikerin Jenny Stupka diskutieren über Sondervermögen, die Zwänge des internationalen Finanzsystems und die Frage, wie sich der Staat überhaupt finanzieren könnte. Moderation: Leon Wansleben.
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Seit der Veröffentlichung von ChatGPT Ende 2022 häufen sich Studien, die massenhafte Jobverluste vorhersagen. Das klingt durchaus plausibel, denn wer die Maschine selbst nutzt, erlebt Fähigkeiten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar waren. Gleichzeitig sehen die Realitäten der Arbeitswelt anders aus. Pflegekräfte und Handwerker fehlen, IT-Fachkräfte werden durch KI nicht arbeitslos, sondern sind überarbeitet. In den OECD-Staaten arbeiten heute mehr Menschen als je zuvor. Die Warnung vor Jobverlust und die Klage über Arbeitskräftemangel stehen seltsam nebeneinander.
Florian Butollo ist Arbeitssoziologe und erlebte in seiner Forschung, wie sich Unternehmen durch Digitalisierung große Arbeitseinsparungen erhofften und am Ende doch mehr Personal brauchten. In seinem neuen Buch „Das knappe Gut Arbeit“ vertritt er die These, dass uns die Arbeit gerade nicht ausgeht. Im Gegenteil: Sie wird zum knappen Gut.
Grund dafür sind nach Butollo bestimmte „Rebound-Effekte der Automatisierung“. Der Bedarf an menschlicher Arbeit wächst immer weiter, weil auch die Komplexität einer Ökonomie wächst, die immer vielseitigere, immer kompliziertere Abläufe und Produkte hervorbringt. Das gilt auch für die Digitalisierung selbst, an der Hunderttausende mitwirken. Zuletzt hat auch die moderne Gesellschaft immer mehr Arbeit für die Folgen ihrer eigenen Entwicklung aufzubringen: Eine alternde Bevölkerung braucht immer mehr Pflege, gesteigerte Erwerbsquoten mehr Sorgearbeit und die ökologische Katastrophe immer mehr Transformations- oder Anpassungsarbeit. Während mancher Politiker noch ruft, Deutschland müsse mehr arbeiten und könne sich keine „Lifestyle-Teilzeit“ leisten, kommt der demografische Wandel erst jetzt richtig zum Tragen. Die Gesellschaft wird bewusster entscheiden müssen, wofür sie ihre knapper werdende Arbeit verausgaben will.
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Wer in diesen Tagen die Nachrichten verfolgt, sieht viele Karten: Frontverläufe in der Ukraine, Grönland in der Einflusssphäre der USA, die Straße von Hormus. Solche Karten suggerieren Übersicht und Objektivität – eine Welt natürlicher Einheiten, der Nationalstaaten, in einem großen strategischen Spiel um Macht und Einfluss. Für den Politikwissenschaftler Klaus Schlichte ist diese Sicht eine voraussetzungsreiche Deutung. In seinem neuen Buch beschreibt er „Das Elend der Geopolitik“: ein Denken, das die komplizierte politische Realität der Weltgesellschaft auf Konkurrenz zwischen Großmächten reduziert und in vermeintlich nüchterner Klarsicht die ewigen Regeln internationaler Politik erkennt.
Für Schlichte ist das ein Relikt des 19. Jahrhunderts, ein Echo des europäischen Imperialismus und in der Forschung lange diskreditiert. Stattdessen brauche es soziologische Analyse und ein Bewusstsein für die historische Interpretationsabhängigkeit zwischenstaatlicher Beziehungen. Dann erweist sich die jüngere Geschichte nicht als Wiederholung eherner Gesetze von Dominanzstreben und Machtgleichgewichten, sondern als Abfolge unterschiedlicher Legitimitätsordnungen mit je eigenen kontingenten Regeln. Der machtpolitische Realismus erlebt seine Renaissance demnach nicht wegen seiner unabweislichen Wahrheit, sondern wegen der Einfalt mancher öffentlicher Debatte und der fragwürdigen Expertise seiner erfolgreichsten Fürsprecher.
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Überall in Europa steht der öffentlich-rechtliche Rundfunk unter Druck. Politisch, weil dort gespart werden soll, wo er unbequem wird. Aber auch von jenen, die ihm wohlgesonnen sind, wird die Kritik lauter: Das System sei zu schwerfällig, erreiche junge Menschen kaum noch, und der Übergang in die digitale Welt gehe zu schleppend voran.
Ein solcher wohlgesonnener Kritiker ist Leonhard Dobusch. Er ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck und saß mehrere Jahre im ZDF-Fernsehrat. Im Unterschied zu vielen anderen hat er über die Jahre aber nicht Kritik allein an den Öffentlich-Rechtlichen geübt, sondern immer wieder ganz konkrete Reformvorschläge vorgelegt.
Mit ihm sprechen wir über seine Erfahrungen im Fernsehrat, über die Schwierigkeit journalistischer Unparteilichkeit und warum es wichtig ist, sich mit historischen und rechtlichen Voraussetzungen der Öffentlich-Rechtlichen auseinanderzusetzen. Wie sprechen darüber, warum öffentlich-rechtliche Mediatheken weniger wie TikTok, und mehr wie Wikipedia oder YouTube sein sollen. Und wir bekommen die vielen, weithin unbekannten Reformen in den Blick, seien es senderübergreifende Mediatheken, offene Empfehlungsalgorithmen oder internationale Kooperation für Freie Software. Dobusch betont, wie viel sich tut, gerade in Deutschland. Steht den öffentlich-rechtlichen Medien ihre beste Zeit erst noch bevor?
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Die Hoffnung, die Klimakatastrophe noch vollständig abzuwenden, erscheint angesichts der aktuellen politischen Verhältnisse und der sich beschleunigenden globalen Erwärmung unrealistisch. Große historische Möglichkeitsräume der Prävention sind verspielt. Künftig drohen neben Naturkatastrophen und Mangel brutale Verteilungskämpfe, die Destabilisierung demokratischer Institutionen und sogar der Kollaps ganzer Gesellschaften. Herkömmliche Fortschrittserzählungen und emanzipatorische Hoffnungen werden dadurch radikal infrage gestellt.
Welche gesellschaftlichen Perspektiven ergeben sich unter diesen Bedingungen? Und was können die Sozialwissenschaften dazu beitragen? In der Sendung sprechen wir mit Frank Adloff. In seinem neuen Buch plädiert er dafür, der sozial-ökologischen Lage so realistisch wie möglich ins Auge zu sehen. Anstatt die Rolle des außenstehenden Beobachters einzunehmen, sollten sich die Sozialwissenschaften klar positionieren und das Spannungsfeld von Wirklichem und Möglichem präzise vermessen. Einerseits müsse das Ausmaß möglicher zukünftiger Zerstörung wissenschaftlich bestimmt werden – einschließlich der schlimmsten Szenarien bis hin zum Aussterben der Spezies Mensch. Andererseits gelte es, weiterhin bestehende gesellschaftliche Reformperspektiven innerhalb eines sinnvollen Zeithorizonts zu verorten.
Für Adloff werden weder grüne Modernisierung noch technische Innovationen ausreichen, um die ökologische Verheerung aufzuhalten. Kurzfristig bestehe jedoch keine politische Möglichkeit, einen grundlegenden Systemwandel durchzusetzen. Es gelte daher, unterschiedliche Strategien experimentell und tentativ zu verbinden: kurzfristig, um der rechten Demontage des Klimaschutzes entgegenzuwirken, und langfristig, um in den kommenden Jahrzehnten eine schrittweise Transformation gesellschaftlicher Grundstrukturen einzuleiten. In jedem Fall aber – selbst im Angesicht eines möglichen menschheitsgeschichtlichen Scheiterns – eröffnet sich für Adloff in jeder Katastrophe erneut die Möglichkeit, solidarisch zu handeln, Menschenleben zu schützen und der drohenden Barbarei entgegenzutreten.
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Das Verbrechen bedroht die gesellschaftliche Ordnung. Dass es bestraft werden muss, ist uns ebenso selbstverständlich wie die Existenz von Polizei, Gerichten und Gefängnissen. Zugleich wissen wir: Gesetze sind nicht immer und überall dieselben. Wir schaudern über mittelalterliche Körperstrafen, belächeln kuriose Rechtsvorschriften anderer Länder oder empören uns über die Straffreiheit ruchloser Finanzmarktakteure.
Was also ist Verbrechen, und wie begreifen wir seine Wandelbarkeit? Mit der Kriminologin Daniela Klimke sprechen wir über den Labeling-Ansatz, der Devianz nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als Ergebnis sozialer Zuschreibungen begreift. Strafrecht ist demnach kein neutraler Ausdruck von „richtig“ und „falsch“, sondern eine umkämpfte Setzung. In ihm spiegeln sich Machtverhältnisse, denn Strafverfolgung trifft nur einen Bruchteil tatsächlicher Delinquenz – vorzugsweise jener, die ohnehin benachteiligt sind.
Mit unserem Gast diskutieren wir grundlegende Strafbedürfnisse und Gerechtigkeitsvorstellungen in der Bevölkerung und blicken auf historische Wandlungen moderner Strafkulturen. Für Klimke liegt im Verhältnis zwischen Staat und Delinquenten ein dauerhafter gesellschaftlicher Konflikt. Strafrecht ist für sie ein grundsätzlich fragwürdiges Instrument politischer Steuerung und sozialer Kontrolle. Eine kritische Kriminologie sieht in wachsender Strafbereitschaft stets eine gefährliche Entwicklung, die rechtsstaatlich eingehegt werden muss.
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Betrachtet man die jüngsten politischen Umbrüche hierzulande, zeigt sich ein gemeinsamer Nenner: Sowohl das Ende der letzten Regierung als auch das Zustandekommen der neuen gingen auf Geldfragen zurück. Die ‚Ampel‘ beendete der Kanzler nach einem geplatzten Haushalt. Die Nachfolgeregierung kam nur durch eine in letzter Minute mit alten Mehrheiten beschlossene gewaltige Verschuldung zustande.
Sebastian Huhnholz ist Politikwissenschaftler und forscht seit Jahren zu Staatsfinanzen. Für ihn sind diese politischen Ereignisse keine isolierten Einzelfälle, sondern Teil eines grundlegenden Wandels: Angesichts enormer Ausgabenbedarfe einerseits und zunehmender Schwierigkeiten, Geld und Mehrheiten zu organisieren andererseits, verändert sich, wie der Staat sich finanziert – und wer darüber bestimmt.
Mit Huhnholz sprechen wir darüber, woher der Staat Geld bekommt und welche Rolle Steuern und Wirtschaftswachstum dabei spielen. Besonders widmen wir uns den ‚Sondervermögen‘ als paradigmatischem neuem Finanzierungsinstrument. Wir klären, was sie für die politischen Akteure so attraktiv macht, wie sie paradoxerweise den Druck auf den normalen Staatshaushalt erhöhen, die Finanzmacht zur Judikative verschieben, die steuerpolitische Umverteilung hemmen und einen permanenten Krisenmodus erzeugen. Es entsteht der Eindruck dysfunktionaler öffentlicher Finanzen, befördert durch politische Eliten, die – unfähig, grundlegende Reformen umzusetzen – ihre Ziele zunehmend durch gegenseitige Blockade und Marginalisierung parlamentarischer Willensbildung zu erreichen suchen.
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Ein moderner Induktionsherd mit Touch-Bedienung statt Drehknöpfen: Auf den ersten Blick wirkt das nach Fortschritt, in der Praxis führt es oft zu Frust. Für Gabriel Yoran ist so etwas „Krempel“ – Dinge, die schlechter sind, obwohl sie besser sein könnten. Zahlreiche neue Produkte haben früher einmal besser funktioniert, waren durchdachter und praktischer als sie es heute sind. In der Sendung sprechen wir mit ihm über Die Verkrempelung der Welt.
Wir fragen nach den Ursachen, seien es Verantwortungsdiffusion im Unternehmen, ineffiziente Entscheidungsprozesse in der Produktentwicklung oder die Distanz im Onlinehandel. Wir diskutieren Auswege, etwa den Wert einer Warenkunde, den Werkstolz der Hersteller oder gesetzliche Standards. Und doch bleiben die strukturellen Zwänge bestehen: Auch Krempel verkauft sich schließlich, und das ist oft die Hauptsache. Was ist ein materielles Fortschrittsversprechen noch wert, das immer seltener eingelöst wird?
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Unverständliche Formulare, lebensferne Beamte, komplizierte Regeln: die Verwaltung gilt vielen als Inbegriff anonymer Staatsgewalt, manche sehen in ihr ein Hindernis für Freiheit und Wohlstand. In Argentinien und den USA greifen Politiker bereits zur Kettensäge. Doch was ist Verwaltung eigentlich – als zentrale Institution moderner Gesellschaften und Instrument staatlichen Handelns? Woher rührt das verbreitete Unbehagen? Und welche systematischen Probleme bringt diese Organisationsform mit sich? Zu Gast ist der Verwaltungswissenschaftler Wolfgang Seibel. Mit ihm sprechen wir über strukturelle Dilemmata, demokratische Verfasstheit und deutsche Besonderheiten der Verwaltung.
Anders als das Klischee behauptet, ist Deutschland laut Seibel nicht übermäßig bürokratisch. Vielmehr prägen aus historischen Gründen Dezentralität und starke Interessenbeteiligung die Verwaltung. Viele Probleme wie Überregulierung oder technische Defizite sind primär politische Versäumnisse. So geraten echte Probleme aus dem Blick: etwa Personalmangel, Koordinationslücken bei der Geldwäschebekämpfung oder eine mangelhafte Fehlerkultur und fehlende Haftung bei gravierendem Versagen. Wer Verwaltung pauschal demontieren will, riskiert im Zweifel mehr staatliche Willkür – und im Ernstfall Menschenleben.
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Das Neue Berlin ist ein unabhängiger und werbefreier Podcast, in dem wir versuchen, Gegenwart und Gesellschaft zu verstehen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften in all ihrer thematischen Breite helfen uns dabei.
Wir sprechen mit Leuten, die noch nicht in jeder Talkshow saßen, und diskutieren mit ihnen über das, was uns interessiert: Wie funktioniert Gesellschaft? Was heißt es heute, politisch zu sein? Welches Wissen ordnet unsere Welt? Dafür nehmen wir uns Zeit in der Vorbereitung und im ausführlichen Gespräch — Zeit für die langen geschichtlichen Linien, die Schwierigkeiten der Methode, die Abgründe der Theorie und die ewige Unsicherheit aller echten Wissenschaft.
Auf Bluesky: https://bsky.app/profile/dasneue.berlin

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