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Die Wissenschaft ist in einer Phase des Experimentierens. Sie sieht sich mit einer digitalen Welt konfrontiert, die ungeahnte Möglichkeiten der Verbreitung von Informationen bietet und zugleich eine handfeste Herausforderung jeder akademischen Autorität darstellt. Podcasts haben innerhalb dieser Phase eine außerordentliche Popularität erlangt. Zugleich ist ihre epistemologische, medienwissenschaftliche und intellektuelle Bestimmung gerade auch für die Sozial- und Geisteswissenschaften noch weitgehend offen.
Um die verschiedenen Zugänge, Ansätze und Erfahrungen für die deutsche Soziologie zu vernetzen, haben wir eine Ad-hoc-Gruppe unter dem Titel „Podcasts in der Soziologie“ auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie beantragt, der vom 14. bis 25. September – wegen der Corona-Krise nun mehr online – stattfindet. Diese wurde glücklicherweise aufgenommen!
In der Ad-hoc-Gruppe wollen wir in Vorträgen und Diskussionen abstecken, was der Podcast für die Soziologie leisten kann: als Verbreitungsweg klassischer Formate, als neue Form von Wissenschaftskommunikation oder gar als Erkenntnismethode.
Fragen sind: Welche Funktionen können Podcasts für die soziologische Wissensproduktion entfalten? Welche disziplinären und praktischen Hürden gibt es dafür? Wie lässt sich ihr Verhältnis zur wissenschaftlichen Publikation, zu anderen digitalen Formaten (Blogs, Social Media) und zu klassischen Massenmedien bestimmen? Wie lässt sich der Podcast im Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Journalismus und PR einordnen?
Zur Beantwortung dieser Fragen möchten wir verschiedene Perspektiven zusammenbringen. Wenn ihr Lust habt, euer Thema vorzustellen, dann reicht also eure Abstracts ein! Die Vorträge sollten eine Länge von ca. 20 Minuten haben.
Schickt euren Vorschlag mit dem Titel des Vortrags sowie einem Abstract (ca. 2400 Zeichen) bitte bis zum 29. Mai 2020 an [email protected]. Im Vorfeld beantworten wir über diese Adresse natürlich auch gerne alle Fragen.
Achtung: Um einen Vortrag in der Ad-hoc-Gruppe zu halten, müsst ihr am Kongress teilnehmen. Wegen der Corona-Krise findet dieser nun online statt. Alle weiteren Informationen findet ihr hier.
Das Transkript zur Episode ist hier abrufbar. ACHTUNG: Das Transkript wird automatisch durch wit.ai erstellt und aus zeitlichen Gründen NICHT korrigiert. Fehler bitten wir deshalb zu entschuldigen.
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Die Zukunft ist ungewiss. Sie ist genuin offen und entzieht sich immer wieder unseren Vorhersagen. Das stellt eine ethische Reflexion des politisch Wünschenswerten vor handfeste Probleme. Welche Rechte haben Menschen, die noch gar nicht existieren? Welche Ansprüche an ein gutes Leben darf man zukünftigen Lebensformen unterstellen? Gibt es einen moralischen Generationenvertrag, der jeder Generation verbietet, die kommende schlechterzustellen? Ist das Überleben der Spezies überhaupt intrinsisch wertvoll und moralisch geboten?
„Was schulden wir künftigen Generationen?“, fragt die Philosophin Kirsten Meyer in ihrem gleichnamigen Buch. Darin versucht sie, die Ansprüche der Milliarden Ungeborenen präziser zu bestimmen und philosophisch zu rechtfertigen. Für sie widerspricht unser Ressourcenverbauch nicht nur intergenarationeller Gerecktigkeit, sondern auch Prinzipien fundamentaler Menschlichkeit.
Wir diskutieren mit ihr darüber, in welchen Kategorien sich über Zukunftsethik nachdenken lässt und ob ethische Überlegungen überhaupt eine politische Relevanz besitzen. Sind sie gegenüber globalen Dynamiken mehr als fromme Wünsche?
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Ein Ereignis sprengt bisherige Begriffe. Man muss sich vorbehaltlos darauf einlassen, wenn man etwas lernen will. Für unseren Gast Guillaume Paoli sind die französischen Gelbwesten genau so ein Ereignis. In seinem Buch Soziale Gelbsucht versucht er, der Bewegung in all ihrer Mehrdeutigkeit gerecht zu werden.
Seit November 2018 sind die Gilets Jaunes auf der Straße. Ohne Parteibuch, ohne Gewerkschaftsaufruf: Es sind überwiegend politische Anfänger auf den ersten Demonstrationen ihres Lebens. Sie kommen aus der unteren Mittelschicht, kleine Angestellte, prekäre Selbstständige. An den gesellschaftlichen Nicht-Orten versammeln sie sich, an den großen Kreisverkehren und verlangsamen die Zirkulation der Dinge.
Wir diskutieren mit Paoli darüber, wie sich die spontane Entstehung der Bewegung erklären lässt und analysieren ihr hierachiefreies und unprogrammatisches Aufbegehren. Wir lassen uns die gesellschaftlichen Bedingungen vom „perfekten Elitensystem in Frankreich“ (Michael Hartmann) über die Polizeigewalt bis hin zum Präsidialsystem der Fünften Republik erklären. Und landen schließlich doch wieder bei der Frage: Was lässt sich von den Gelbwesten lernen?
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Die Forderung des tansanischen Botschafters nach Wiedergutmachung für deutsche Kolonialverbrechen hat zuletzt einmal mehr daran erinnert, dass die deutsche Kolonialgeschichte nicht als historisch „abgeschlossen“ gelten kann. Die koloniale Phase von 1884 bis 1919 war lange Zeit ein blinder Fleck im kulturellen Gedächtnis. Wo lag nochmal Deutsch-Ostafrika?
Die wichtigste intellektuelle Strömung in der Auseinandersetzung mit der europäischen Expansionspolitik ist nach wie vor der Postkolonialismus, der sich seit den 1980ern in den angelsächsischen Literatur- und Kulturwissenschaften entwickelt hat. Prägend waren unter anderen Edward Said, Homi Bhabha oder Gayatri Chakravorty Spivak. Wie sich diese Ansätze für die deutsche Geschichtsschreibung anwenden lassen, darüber hat Ulrike Schaper einen Beitrag für Aus Politik und Zeitgeschichte geschrieben.
Wir sprechen mit ihr über die Besonderheiten des deutschen Kolonialismus, über dessen Bedeutung für das Verständnis des 20. Jahrhunderts, über die postkoloniale „Methode“ und ihre historiographische Reichweite sowie über postkoloniale Perspektiven für die Erinnerungskultur.
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Der moderne Staat hatte immer ein wachsames Auge auf der Familie. Sowohl im Kaiserreich und der Weimarer Republik als auch in Nazideutschland, der DDR und der BRD galt die Familie als Stabilisator der Gesellschaft. Was eine »richtige« Familie ausmacht, blieb allerdings kontrovers. Von der bürgerlich-christlichen Idealfamilie über die »respektable Arbeiterfamilie« und die »erbgesunde« deutsche Familie bis hin zur familialen Lebensform der Unverheirateten waren die Erscheinungsformen so divers wie umkämpft.
Unser Gast Christopher Neumaier (ZZF, HSU) hat eine Studie zur Familie im 20. Jahrhundert publiziert. Darin zeichnet er den Wandlungsprozess der kulturellen Ideale, juristischen Regulierungen und alltäglichen Praktiken nach, in deren Spannungsfeld die Institution der Familie in den letzten 150 Jahren stand.
Wir sprechen mit ihm über die Dominanz des bürgerlichen Familienideals, die juristischen Wandlungen im Familienrecht, den Kampf um die geschlechtliche Arbeitsteilung, aber auch über Einbauküchen und die Pille.
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Es hat sich herumgesprochen: Nicht alle wissenschaftlichen Arbeiten sind einwandfrei. Die Jagd auf Plagiatoren läuft seit Jahren und hat inzwischen manche Karriere beendet. Zuletzt beschäftigte die Soziologie die Diskussion um Cornelia Koppetsch. Anlass für uns, das Plagiieren nicht als moralische Verfehlung Einzelner zu geißeln, sondern über seinen sozialen Sinn zu spekulieren. Welches Problem löst das Plagiat, und geht es auch ohne?
Wir nähern uns dem Problem step by step an, sprechen über Skandale und über Gründe für das Plagiieren. Das wissenschaftliche Zitat, so stellen wir fest, hat viele Funktionen. Neben dem, was beim Plagiat fehlt, nämlich dem Quellenverweis, kann es auch mehr sein. Eine Einladung zum Weiterlesen. Leider sind Texte oft eher Produkte auf akademischen Wissensmärkten. Und als solche müssen sie vor unlauterem Wettbewerb, vor Zitationskartellen und eben Plagiaten geschützt werden. Auch im Fall Koppetsch geht es um den Markenschutz von Gesellschaftsdiagnosen, nicht um deren Erkenntnisgehalt.
Dank Hinweisen von Peter Fuchs stellen wir fest: Digitalisierung vermehrt nicht nur Wissen, sondern auch Anomie auf Wissensmärkten (siehe auch Episode 5). Plagiieren ist in diesem Sinne eine Innovation; wer sich dabei erwischen lässt, ist einfach nicht innovativ genug. Fortschritt ließe sich dadurch erzielen, Plagiatssoftware einfach in die wissenschaftliche Methodenlehre zu übernehmen. Ist ein Plagiat, das man auf Vorschlag der Software bis zur objektiven Unerkennbarkeit abändert, überhaupt noch eines?
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Rechtspopulismus bedeutet landläufig: Autoritäre Politik, die sich gleichermaßen von Menschenrechten und Demokratie verabschiedet. Unserem Gast Victor Kempf ist das zu einfach. In einem Beitrag für den Leviathan hat er zuletzt darauf hingewiesen, dass im rechten Diskurs durchaus eine Vorstellung von Demokratie entwickelt wird: ein Kommunitarismus, der Menschenrechte akzeptiert, diese aber der Souveränität des Volkes unterordnet. Dem Rechtspopulismus ist also zunächst keine antidemokratische Haltung, sondern ein zweifelhaftes Verständnis von Demokratie vorzuwerfen. Gleiches gilt für das, was man neuerdings „linken Realismus“ nennt.
Im Anschluss an Jacques Rancière und Étienne Balibar plädiert Kempf dafür, Demokratie stattdessen als eine Praxis zu verstehen, in der die politisch Entrechteten ihre Stimme erheben. Der ohnmächtige Anspruch der Menschenrechte zum Schutz der Geflüchteten würde ersetzt durch deren eigene Forderung, als Gleiche im politischen Gemeinwesen teilzuhaben. „Das Volk“ ist eben nicht schon da, sondern stellt sich immer wieder neu her. So konnten in den letzten Jahrhunderten auch „Pöbel“, Frauen oder Migranten Teil des Demos werden.
Wo aber ist das politische Potential für eine solche „radikale Demokratie“ zu suchen, die ihren Fluchtpunkt jenseits des Nationalen hat? Kann das demokratische Aufbegehren tatsächlich von den Ausgeschlossenen ausgehen oder entlastet uns das als „Privilegierte“ nicht einfach von politischer Verantwortung? Warum haben sich linke Parteien – von der Burgfriedenspolitik bis hin zur Agenda 2010 – immer wieder vom Nationalismus breitschlagen lassen?
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„Wir leben in einer Gesellschaft“, darauf weist derzeit ein Meme hin. Ironisch und doch ernst ist der Hinweis, galt doch in den letzten Jahrzehnten nicht nur politisch, sondern auch sozialwissenschaftlich oft genug das Diktum Margaret Thatchers: „There is no such thing as society.“ Von gesellschaftlicher Totalität gar, mit der Intellektuelle wie Louis Althusser oder Theodor W. Adorno über Jahrzehnte gerungen hatten, ganz zu schweigen.
Unser Gast Alexander Struwe plädiert in seinem Beitrag in der Solidaritäts!?-Debatte im Theorieblog, die Frage nach der gesellschaftlichen Totalität wissenschaftlich zu rehabilitieren. Mit der Moderne, so Struwe, stehen die Menschen erstmals vor der Möglichkeit und Aufgabe, die Verhältnisse ihren eigenen Ansprüchen gemäß zu gestalten. Sie wissen, dass sie in einer Gesellschaft leben, die auch anders sein kann – was aber nicht heißt, dass sie dem eigenen Willen unterworfen ist. Aufklärung setzt also voraus, die Unhintergehbarkeit von Gesellschaft zu verstehen, die gesellschaftliche Determiniertheit des eigenen Denkens mitdenken zu können.
Wir diskutieren darüber, welche Aussichten ein solcher Erkenntnisanspruch heute hat. Kann man Gesellschaft noch auf den Begriff bringen? Was soll gesellschaftliche Bestimmung des Denkens überhaupt konkret bedeuten? Und wie lassen sich der weltanschauliche Dogmatismus und die entpolitisierte Altklugheit des Betonmarxismus vermeiden? Für Struwe steht fest: wer Totalität nicht zum Problem macht, kann dem Hamsterrad der Theorie nicht entkommen.
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Der demokratische Staat repräsentiert die Allgemeinheit,
Unser Gast Marina Martinez Mateo fragt in einem Aufsatz im Leviathan danach, was unter Repräsentation eigentlich genau zu verstehen ist. Was wird eigentlich „repräsentiert“? Identitäten, Interessen, Individuen? Können sie eins zu eins abgebildet werden? Und wenn nicht, was sind dann Gütekritierien für demokratische Repräsentation? Für Martinez Mateo liegt die demokratische Freiheit darin, dass Repräsentation Identitäten produzieren kann, die vorher noch nicht da waren. Der Staat wird die Gesellschaft niemals abbilden, sondern bleibt immer in einer unabgeschlossenen und produktiven Spannung mit ihr.
So entsteht eine neue Perspektive auf politische
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Die deutschen Talkshows haben keinen guten Ruf. Oberflächlich, krawallsüchtig, populistisch. Ja sogar die AfD sollen sie mit groß gemacht haben. All das stimmt, sagt Oliver Weber, aber das festzustellen, hilft nicht mehr weiter. In seinem Buch Talkshows hassen macht er deswegen den Versuch, etwas Intelligenz in die Diskussion über die deutsche Talkshow zu bringen – mit der Aussicht, dass sie als Format politischer Selbstverständigung vielleicht noch zu retten ist.
Während die repräsentative Demokratie in ihrer Bevölkerung und in ihren Institutionen diverser, europäischer und globaler geworden ist, verharrt die Talkshow nach Weber im Kokon des Nationalstaats und verkleinert die Weltkarte auf wenige Länder. Inhaltlich und personell drehen sich die Sendungen im Kreis, verbeißen sich in Dauerthemen, beschwören wöchentlich die Krise und lassen die immer gleichen Diskutanten aneinander vorbeireden.
Am Beispiel der AfD besprechen wir, wie schief es gehen kann, wenn Talkshows kein eigenes thematisches Sendungsbewusstsein haben und behaupten, sie würden den öffentlichen Diskurs nur abbilden: Sie bleiben auf Stammtischniveau und damit dem Populismus artverwandt. Für die Zukunft gibt es so kaum fertige Rezepte. Es braucht ein neues publizistisches Selbstverständnis.
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Das Neue Berlin ist ein unabhängiger und werbefreier Podcast, in dem wir versuchen, Gegenwart und Gesellschaft zu verstehen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften in all ihrer thematischen Breite helfen uns dabei.
Wir sprechen mit Leuten, die noch nicht in jeder Talkshow saßen, und diskutieren mit ihnen über das, was uns interessiert: Wie funktioniert Gesellschaft? Was heißt es heute, politisch zu sein? Welches Wissen ordnet unsere Welt? Dafür nehmen wir uns Zeit in der Vorbereitung und im ausführlichen Gespräch — Zeit für die langen geschichtlichen Linien, die Schwierigkeiten der Methode, die Abgründe der Theorie und die ewige Unsicherheit aller echten Wissenschaft.
Auf Bluesky: https://bsky.app/profile/dasneue.berlin

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